Montag, 22. April 2019

Bankchef Jean Pierre Mustier über die Krise bei Unicredit "Machen Sie sich keine Sorgen"

Unicredit: "Machen Sie sich keine Sorgen"
Nicoló Lanfranchi für manager magazin

2. Teil: "Künstliche Intelligenz wertet Kreditanträge aus"

mm: 20 Jahre?

Mustier: Ja, sicher. Momentan sind wir dabei, uns auf Politik und Investoren einzustellen. Die verlangen ein sehr einfaches Geschäftsmodell. Andererseits sind wir inmitten einer technologischen Revolution. Vieles von dem, was heute noch Menschen machen, wird in den kommenden Jahrzehnten von Computerprogrammen erledigt.

mm: Sind Sie denn überhaupt in der Lage, in solch langen Zeiträumen zu planen - angesichts der Regulierungswut der Politik?

Mustier: Eine stärkere Regulierung nach der Finanzkrise war notwendig. Nach Aussage der Regulierer sind die Rahmenbedingungen inzwischen aber angemessen, und wir müssen aufpassen, kein Umfeld zu schaffen, in dem europäische gegenüber US-Banken benachteiligt wären. Das könnte sich negativ auf die Fähigkeit auswirken, Kredite zu vergeben und die Wirtschaft zu unterstützen.

mm: Ihre US-Rivalen sind Ihnen längst enteilt. J. P. Morgan etwa setzt auf künstliche Intelligenz, wenn es darum geht, Kreditanträge auszuwerten. Die gleiche Arbeit hat früher jährlich 360.000 Arbeitsstunden verschlungen.

Mustier: Im Rahmen unserer Strategie passen auch wir unsere Prozesse an, was zum Abbau von Arbeitsplätzen führt, allein in Westeuropa etwa 20 Prozent. Denn alles, was prozessbasiert ist, wird in Zukunft wahrscheinlich automatisiert werden. Das gilt für alle Branchen, auch die Banken. Uns erlaubt das, die Mitarbeiter andere Aufgaben erledigen zu lassen, etwa in der Betreuung unserer Kunden. Durch effizientere interne Prozesse spielen wir Arbeitskraft frei. Diese Entwicklung beginnt erst.

mm: Sie sprechen fast ausnahmslos von Vereinfachung, Streichungen. Wo bleibt da das Wachstum?

Mustier: Die Wachstumsraten in Westeuropa werden wohl niedrig bleiben. Um profitabler zu werden und unsere Kapitalkosten zu verdienen, müssen wir uns also auf das verlassen, was wir kontrollieren können. Durch die Transformation, die geringere Kosten ermöglicht, und durch sehr diszipliniertes Risikomanagement können wir unser Ziel von 9 Prozent Kapitalrendite bis Ende 2019 erreichen. Das machen skandinavische Banken seit mindestens zehn Jahren. Wir fangen jetzt damit an und müssen viel aufholen.

mm: Sie sitzen auf 55,3 Milliarden Euro an faulen Krediten. Unterstützen Sie die Idee von Andrea Enria, dem Chef der Aufsichtsbehörde EBA, eine europäische Bad Bank aufzubauen?

Mustier: Machen Sie sich um Unicredit keine Sorgen. Wir haben gerade erst 17,7 Milliarden Euro an ausfallgefährdeten Krediten zu einem guten Preis verkauft. Wir können das. Aber das ist ein sehr komplexer Prozess. Daher könnte der Enria-Vorschlag kleineren Banken helfen, ihre zum Verkauf stehenden Kreditportfolios zu strukturieren - vorausgesetzt, dass private Investoren die Mittel bereitstellen, um Marktpreise zu garantieren. Wir glauben: Leistungsgestörte Kredite sind die Folge davon, dass Mittelständlern in Europa strukturell der Zugang zu Kapital fehlt.

mm: Was meinen Sie genau damit?

Mustier: Im Vergleich zu den USA sind Europas Eigenkapitalmärkte unterentwickelt. Hoch ist dagegen die Bereitschaft der Banken, Kredite zu vergeben. Die Initiative der EU-Kommission zur Kapitalmarktunion ist ein sehr gutes Projekt. Doch muss auch die Beteiligung langfristiger Investoren an mittelständischen Unternehmen gefördert werden. Politik und Aufsicht sollten die sehr strengen Liquiditätsregeln für Pensionsfonds und Versicherer lockern und ihnen erlauben, über Eigenkapital oder nachrangige Anleihen stärker direkt in Unternehmen zu investieren. Das würde enorm helfen.

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