Mittwoch, 20. November 2019

Minutenrepetitionen Ding-Ding-Dong für 415.000 Euro

Uhren-Trend: Minutenrepetitionen
Breguet

Die sündhaft teuren Komplikationen gelten derzeit als das ultimative Statussymbol. Was macht diese Uhren so besonders?

Er ist eigentlich ein wuchtiges Mannsbild, dieser Anthony de Haas, breitschultrig, kräftige Züge, der dunkle Haarschopf in wallenden Strähnen, sonore Stimme.

Doch wenn er sich in dem stillen, holzgetäfelten Salon imsächsischen Glashütte über sein Kaliber L 043.5 beugt, um dessen Funktionsweise zu erläutern, dann klingt der holländische Uhrmacher, Werkzeugmacher und Freizeitdrummer wie ein kleiner Junge. "Ding, ding, ding, ding", ahmt er den hohen Ton der Uhr nach, "dong, dong, dong", den tiefen. "Klack", "chrrrt", "tktktktk" - de Haas ist völlig vernarrt in diese Uhr mit ihrem komplizierten Inneren. Und nicht nur er. Bei ihrer Vorstellung im Frühjahr in Genf wurde sie allseits bestaunt: die Minutenrepetition von A. Lange & Söhne in einem Gehäuse aus Platin.

Die Erklärung für seine Faszination gibt der Entwickler nur zu gern: Erstmals sei es gelungen, in einer mechanischen Uhr die springenden Ziffern mit einer dezimalen Minutenrepetition zu verbinden. Für Nichtuhrenfachleute: Man hört, was man auf dem Zifferblatt digital abliest. Wird bei 7 Uhr 52 etwa das Schlagwerk ausgelöst, schlägt der linke Hammer siebenmal dong, dann beide Hämmer fünfmal ding-dong, schließlich der rechte zweimal ding.

Um so etwas hinzukriegen, braucht das Werk exakt 771 Teile mitsamt zwei wohlklingenden Tonfedern und einen von wenigen Uhrmachern weltweit, die so etwas in mehreren Monaten Arbeitszeit zusammenbauen können. Preis: 440.000 Euro.

Uhren mit akustischer Zeitanzeige kraft Minutenrepetition erleben derzeit einen wahren Hype. Die Manufakturen der Haute Horlogerie überbieten sich gegenseitig im Kampf um immer ausgefallenere Konstruktionen. Für die Hersteller ist er als aufwendigste Komplikation der Uhrmacherei der Ausweis von High-End-Fertigkeit und zugleich Verhaftung mit der Tradition. Für die Käufer ist es das ultimative Statussymbol. Wenn im Restaurant die Uhr bimmelt, wissen Kenner am Nebentisch, aha, der hat gut und gern 300.000 Euro am Handgelenk. Mehr geht nicht.

Neben A. Lange & Söhne traten allein in diesem Frühjahr Audemars Piguet und Breguet, Cartier, IWC, Jaquet Droz und Jaeger-LeCoultre auf den Messen in Basel und Genf mit neuen Modellen aus dem Akustikbaukasten an. Selbst der hierin wenig geübte Hersteller Chronoswiss zeigte den Prototypen einer Repetitionsuhr, die "Sirius Répétition à Quarts", die allerdings nur die Viertelstunden schlägt und für relativ wenig Geld zu haben sein soll.

Auch Blancpain, Piaget, Roger Dubuis, Ulysse Nardin, Vacheron Constantin, Zenith und Seiko haben Repetitionen im Angebot, der deutsche Uhrenbauer Tutima feierte die Rückkehr an seinen Stammsitz Glashütte mit einem eigens konstruierten Modell. Und ganz oben am Firmament erstrahlt der Planet Patek Philippe, mit einem guten Dutzend verschiedener Klangchronometer der vielseitigste Anbieter.

Die Minutenrepetition ist eine Uhr mit Tradition. Erfunden wurde sie bereits um das Jahr 1750, konzipiert für die buchstäblich finstere frühe Neuzeit, damit man auch in der Nacht, ohne umständlich Licht machen zu müssen, die Zeit erfahren konnte. Damit ist sie heute, strikt funktionell betrachtet, ein Anachronismus - allerdings einer, für dessen Perfektionierung die Manufakturen modernste Akustiktechnik einsetzen.

Das abgeschiedene Vallée de Joux, ein 6500-Einwohner-Tal hoch über Genf im Schweizer Jura, wo auch Tony de Haas lange gearbeitet hat, gilt als Wiege der Minutenrepetition. Am Sitz der Manufakturen Audemars Piguet und Breguet, die beide in Basel mit ganz besonderen Exemplaren der Repetieruhr aufwarteten, trifft man auf Virtuosen der Zeitklangkunst.

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