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Hidden Champions: Deutschland ist digitaler als sein Ruf

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Tech-Industrie Hidden Champions - Deutschland ist digitaler als sein Ruf

Der Mittelstand bekommt Zuwachs. Reihenweise entstehen Unternehmen mit digitalem Geschäftsmodell. manager magazin hat die rasant wachsende Gemeinde untersucht - und bringt 50 Hidden Champions ans Licht.
Von Eva Müller

Im Lichthof plätschert ein Bächlein, tropisches Grün wuchert. Rund um die Kaffeebar gruppieren sich bei Gratiscappuccino und frischem Obst Nerds in tief sitzender Hose und Hoodie, Dutt- und Mützenträger in Schlabbershirts.

Über ihren Köpfen leuchtet auf einem Laufband eine zehnstellige Zahl, die rasend schnell wächst: Mehr als eine Milliarde Mal wurde die Teamviewer-Software bereits heruntergeladen. Mit der App können die Nutzer Smartphones, Tablets und Laptops fernwarten oder gemeinsam an Dokumenten arbeiten.

"Unser Produkt ist der globale Standard", sagt der CEO stolz, ein drahtiger 50-Jähriger in Jeans und eng geschnittenem Jackett. Sein Unternehmen zählt zu den sogenannten Unicorns - diese "Einhörner" sind mindestens eine Milliarde Dollar wert.

Eine Szene aus dem Silicon Valley? Nein, Teamviewer sitzt in Göppingen, einem schwäbischen Städtchen, in dem alle zwei Stunden der IC zwischen Karlsruhe und München stoppt. Auch der Chef hört auf einen sehr deutschen Namen: Andreas König. Er war einmal Vorstand bei Swisscom  .

Teamviewer beschäftigt 600 Mitarbeiter, erwirtschaftet 160 Millionen Euro Umsatz und 100 Millionen Euro Gewinn. Macht eine Marge von satten 62 Prozent. 2014 hat die Beteiligungsgesellschaft Permira die Tech-Firma für umgerechnet rund eine Milliarde Dollar gekauft.

Hohes Wachstum, hohe Gewinne

Es gibt sie also sehr wohl: deutsche Digitalunternehmen, die ihre Marktnischen dominieren, weltweit aktiv sind, dynamisch wachsen und noch dazu hochprofitabel sind. Viele dieser Hightech-Perlen gelten selbst globalen Playern mittlerweile als attraktive Übernahmeziele. Allein 2015 wurden mehr als ein Dutzend von ihnen geschluckt, oft für dreistellige Millionenbeträge.

Der deutschen Wirtschaft, gefeiert für ihre mittelständisch geprägten Traditionsunternehmen, gelingt es ganz offensichtlich besser als landauf, landab vermutet, ihre Stärken auch in der digitalen Ära auszuspielen. Die Hidden Champions der Tech-Szene sind zumeist deutlich jünger und agiler als ihre Vorgänger aus der Old Economy. Sie funktionieren jedoch nach dem gleichen Erfolgsmodell: technologisch und qualitativ top, extrem stark in der Nische, gewinnorientiert, mit einem internationalen Fokus. Und häufig natürlich: B2B.

Anders als viele der berühmten US-Start-ups, die das Endkundengeschäft aufmischen, konzentriert sich die heimische Tech-Branche aufs Business mit Firmenkunden. Von Ausnahmen wie Zalando  , Hellofresh oder Delivery Hero mal abgesehen. Für die breitere Öffentlichkeit waren selbst die Champions daher Terra incognita.

Bis jetzt.

50 Unternehmen aus der Digitalwirtschaft im Check

Nun hat manager magazin in einer breit angelegten Untersuchung 50 Unternehmen ermittelt, die das Zeug dazu haben, die Digitalwirtschaft hierzulande in den kommenden Jahren entscheidend mitzuprägen. Das Spektrum reicht von Elektronikfirmen, die sich zu Digitalexperten gewandelt haben, über Pioniere der Datenverarbeitung, die den Dotcom-Absturz überlebten, bis hinein in die Start-up-Szene.

Unter die Top-50-Unternehmen schafften es nur jene, die entweder zu den weltgrößten Anbietern in ihren Marktsegmenten zählen oder mit einer einmaligen Innovation eine neue Nische kreiert haben.

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Die Mischung ist bunter, als man vermuten würde. Phoenix Contact etwa stammt aus der ostwestfälischen Provinz, ist aber bereits Weltmarktführer für die sogenannten Feldbusse, Hard- und Software zur Vernetzung von Industrieanlagen. Das Start-up Blacklane wiederum sitzt in der Hauptstadt und vermittelt über seine schnell wachsende Onlineplattform in mehr als 180 Städten in 50 Ländern Chauffeurdienste. Die Berliner bedienen damit schon mehr Orte als der US-Rivale Lyft.

Viele bekanntere Namen tauchen indes nicht auf. Steuerberaters Liebling Datev, das Vergleichsportal Check24, der Provider United Internet oder Systemhäuser wie Bechtle  und GFT  bleiben außen vor, weil sie sich weitgehend auf Deutschland beschränken. Erfolgreich sind sie trotzdem.

Der Chef von GFT, Ulrich Dietz, beurteilt die mangelnde Auslandspräsenz indes durchaus selbstkritisch. Dietz, der für den Branchenverband Bitkom spricht, moniert, dass viele Unternehmen sich nicht ins internationale Geschäft wagen: "Darum besitzt die deutsche IT nicht die globale Relevanz, die wir gern hätten." Eine Firma, die sich über zu wenig Relevanz nicht beklagen kann, ist die PTV Group. Der 1979 aus der Universität Karlsruhe ausgegründete Anbieter von Software für die Planung von Verkehrsströmen dominiert sein Fachgebiet weltweit. In 120 Ländern werden Straßen und Schienen mit dem Programm Vissim "erst simuliert, dann betoniert", wie CEO Vincent Kobesen fröhlich reimt. Zudem erspart die ausgefeilte Technologie rund 20.000 Logistikkunden täglich 33 Millionen Kilometer unnötiger Fahrten.

"Das sind halt keine simplen Apps", kommentiert Sascha Pfeiffer trocken. "Solche hochkomplexen Lösungen kann nur bauen, wer tief greifende Industriekenntnisse besitzt", sagt der Geschäftsführer von Altium Capital. Dieses im B2B-Geschäft unverzichtbare Know-how fehle den Programmierern aus dem Silicon Valley. Daher würden sie sich bevorzugt auf das technisch zumeist weniger anspruchsvolle Consumerbusiness stürzen - mit riesigen Werbebudgets.

"Das Valley ist deindustrialisierte Zone"

Die industrielle Sphäre überlassen die Amerikaner oft den Deutschen. Felix Reinshagen hat für sich daraus die Konsequenz gezogen, die USA zu verlassen. Der promovierte Ökonom und Informatiker arbeitete bis vor vier Jahren im McKinsey-Büro in Palo Alto. "Das Valley ist deindustrialisierte Zone", sagt er. Sein Unternehmen Navvis gründete er, trotz verführerischer Angebote der geldstrotzenden US-Investoren, daher lieber in München, gemeinsam mit drei Freunden. Die Bayern-Metropole ist aus seiner Sicht "das weltbeste Cluster für das Internet der Dinge".

Gemeinsam mit den Roboterforschern will er den ultimativen Anbieter von Gebäudenavigation aufbauen. Navvis soll digitale Kopien von all den Innenräumen erstellen, in denen der "größte Teil der globalen Wertschöpfung stattfindet". Ein gigantischer Markt, der Platz biete für einen internationalen Player, schwärmt der Ex-Consultant.

Das Herzstück dieser Vision steht in einem nüchtern-weißen Flur in einem unscheinbaren Bürohaus im Stadtteil Neuhausen: Ein Wägelchen, das wie das Arbeitsgerät einer Reinigungsfirma aussieht, tatsächlich aber einzigartig ist. Vollgestopft mit Kameras, Laserscannern und unzähligen Sensoren, erzeugt der Trolley aus Hunderten Millionen Messpunkten selbsttätig fotorealistische 3-D-Karten von Innenräumen. Um die 150.000 Quadratmeter große BMW-Fertigung im Stammwerk München bis zum letzten Stecker zu erfassen, benötigte der Trolley gerade mal ein Wochenende.

Der 3-D-Druck gehört den Deutschen

"Je anlagennäher und industrieorientierter, desto stärker ist die deutsche IT", erklärt Bernhard Langefeld, Maschinenbauexperte bei Roland Berger. Die 3-D-Sensortechnologie der Siegener PMD Technologies etwa, eine Tochter von IFM Electronic, steuert den Valkyrie-Roboter der Nasa. Weltweit nutzen Polizisten für Geschwindigkeitsmessungen die Poliscan-Technologie von Vitronic aus Wiesbaden.

Was Robotik, Sensortechnik und maschinelle Bildverarbeitung betrifft, macht den Deutschen keiner was vor. Im industriellen 3-D-Druck sind gleich alle drei Topunternehmen deutscher Herkunft, allen voran Eos aus Krailling bei München.

Ähnlich stark sind heimische Hersteller bei der Vernetzung von Maschinenparks und bei Software für die Logistik. All diese Produkte setzen neben Branchenwissen auch ausgeprägte Fähigkeiten in der Big-Data-Analyse voraus - sowie bei künstlicher Intelligenz und lernenden Maschinen.

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Alles Spezialitäten made and adopted in Germany. Und diese Kompetenzen bilden die Basis der nächsten großen Tech-Welle - die Verknüpfung der analogen Maschinenwelt mit der digitalen Sphäre. Kein Wunder also, dass die Hidden-Tech-Champions immer häufiger von globalen Konzernen entdeckt und auch geschluckt werden.

Im Mai 2015 beispielsweise schnappte sich Apple  die Münchener Firma Metaio - für einen dreistelligen Millionenbetrag, heißt es. Metaio ist ein Spezialist für Augmented Reality. Intel  kaufte im Januar den Drohnenexperten Ascending Technologies aus Krailling. Anfang Februar griff IBM  bei der Berliner Digitalagentur Aperto sowie deren Düsseldorfer Kollegen Ecxio zu.

Vorboten des Ausverkaufs?

Nicht nur US-Riesen haben das Potenzial deutscher IT-Expertise erkannt. Peiker, ein Softwarehaus mit Kernkompetenz für autonomes Fahren, ging an den französischen Autozulieferer Valeo. Continental  erwarb Elektrobit Automotive, einen Spezialisten für Embedded Software aus Erlangen, für 600 Millionen Euro. Der Industrie-4.0-Experte Itac aus Montabaur gehört seit vergangenem Dezember zu Dürr  und die Frankenthaler Axit, die Cloud-basierte Steuerungssysteme für die Logistik programmiert, seit März 2015 zu Siemens  .

Sind das alles Vorboten eines Ausverkaufs der deutschen IT-Industrie? Nicht unbedingt. Gerade kleinen Unternehmen verleiht die Übernahme durch einen Weltkonzern erst den nötigen Schwung, um weiter zu expandieren, beobachtet Mittelstandsexperte Bernd Venohr. Die Finanzkraft und das Vertriebsnetz der Mutterkonzerne helfe, international durchzustarten. So wie das 65-Leute-Start-up Gate5, die Keimzelle des Kartendienst-Weltmarktführers Here. Inzwischen im Besitz der Automobilkonzerne Audi, BMW und Daimler, arbeiten heute am Stammsitz in Berlin-Mitte mehr als 1000 Menschen für das Zukunftsprodukt.

Raketenstart in Frankfurt

Auch Arago aus Frankfurt hat von seinem neuen Besitzer bisher nur profitiert. Der 20 Jahre alte Pionier für künstliche Intelligenz automatisiert den gesamten IT-Betrieb von Unternehmen. Im Oktober 2014 stieg der Private-Equity-Investor KKR  ein, um das Wachstum zu beschleunigen. Mehr als 50 Millionen Euro, so berichten Branchendienste, soll Gründer Hans-Christian Boos für 36 Prozent an seinem Unternehmen erhalten haben.

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Der unkonventionelle Typ, der mit seiner weißen Mähne und schwarzen Lederkluft aussieht wie ein moderner Albert Einstein, gibt sich zuversichtlich: "Wir haben 19 Jahre geforscht. Jetzt ist der Bedarf da, und wir starten die Rakete." Der Datendienst Gartner schätzt, dass der Markt für künstliche Intelligenz in Unternehmen bis 2020 auf 30 Milliarden Dollar anschwillt. Da will der Arago-Chef nicht hintanstehen.

So große Töne wie Boos spucken sie sonst nur in Berlin. Dort rühmen sich konsumnahe Start-ups wie die Auto1 Group oder Delivery Hero ihrer Welteroberungsstrategien und Unicorn-Bewertungen. 320 Kilometer weiter in Richtung Nordwesten verbindet sich der Ehrgeiz schon wieder mit mehr Bodenständigkeit.

In der alten Margarinefabrik in Hamburg-Bahrenfeld breitet sich Jimdo, ein Werkzeugkasten für die Gestaltung von Websites, immer weiter aus. Gründer Fridtjof Detzner, ein jungenhafter Blondschopf, den alle Fridel nennen, führt durch die mit Europaletten und Vintagesofas möblierten Räume. Rund 230 Mitarbeiter entwickeln dort die Cloud-basierte Software, mit der Kleinunternehmen und Selbstständige bereits mehr als 15 Millionen Sites und Onlineshops gestaltet haben.

Stolz erzählt Detzner, wie Jimdo in den vergangenen neun Jahren profitabel aus dem selbst verdienten Umsatz gewachsen ist: "Wir sind grundsolide Jungs." Im Juni 2015 allerdings hat der Hanseat 25 Millionen Euro beim US-Risikokapitalgeber Spectrum Equity eingeworben. Der Grund: Jimdo will noch schneller, auch mithilfe teurer TV-Werbung, wachsen.

Der Konezept geht auf - Investitionen steigen

Das Muster der deutschen Digital-Champions ist klar erkennbar: erst einmal mit spürbaren Umsätzen und echten Gewinnen beweisen, dass ein Geschäftsmodell trägt. Dann mit Risikokapital (VC) weltweit expandieren. Diese Mixtur aus deutscher Solidität und amerikanischem Wagemut schlägt sich auch im Engagement der Venture-Capitalisten nieder: 2015 investierten sie hierzulande 3,1 Milliarden Euro, fast doppelt so viel wie im Jahr zuvor.

Elf Millionen Euro davon gingen 2014 an Philip Rösch-Schlanderer. Der Gründer von E-Gym will mit dem Geld das "Beste aus beiden Welten" vereinen. Seine vernetzten Fitnessgeräte produziert er im schwäbischen Hettingen. Die zugehörigen Apps der E-Gym-Cloud stammen aus einem Office in Berlin. Mit dem Verkauf der Maschinen an rund 1000 Studios erwirtschaftete er 2015 etwa 25 Millionen Euro Umsatz. Mit dem Geld von Highland Capital Partners treibt er nun den internationalen Roll-out voran.

Egal wo man hinschaut, der Ehrgeiz der deutschen Digitalentrepreneure wächst exponentiell. Mario Kohle, Chef der Onlineplattform Käuferportal, die beratungsintensive Investitionsgüter an Privatleute vermittelt, hat sein Ziel stets vor Augen. Auf dem Schreibtisch in seinem Berliner Büro liegt die Biografie seines großen Vorbilds. Nein, es ist nicht die Lebensgeschichte von Steve Jobs. Das Buch heißt "Ein Unternehmer und sein Unternehmen". Es handelt von einem Herrn namens Reinhold Würth, auch bekannt als "der Schraubenkönig".

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