Dienstag, 23. Juli 2019

Tech-Industrie Hidden Champions - Deutschland ist digitaler als sein Ruf

Hidden Champions: Deutschland ist digitaler als sein Ruf
Corbis

4. Teil: Vorboten des Ausverkaufs?

Nicht nur US-Riesen haben das Potenzial deutscher IT-Expertise erkannt. Peiker, ein Softwarehaus mit Kernkompetenz für autonomes Fahren, ging an den französischen Autozulieferer Valeo. Continental Börsen-Chart zeigen erwarb Elektrobit Automotive, einen Spezialisten für Embedded Software aus Erlangen, für 600 Millionen Euro. Der Industrie-4.0-Experte Itac aus Montabaur gehört seit vergangenem Dezember zu Dürr Börsen-Chart zeigen und die Frankenthaler Axit, die Cloud-basierte Steuerungssysteme für die Logistik programmiert, seit März 2015 zu Siemens Börsen-Chart zeigen .

Sind das alles Vorboten eines Ausverkaufs der deutschen IT-Industrie? Nicht unbedingt. Gerade kleinen Unternehmen verleiht die Übernahme durch einen Weltkonzern erst den nötigen Schwung, um weiter zu expandieren, beobachtet Mittelstandsexperte Bernd Venohr. Die Finanzkraft und das Vertriebsnetz der Mutterkonzerne helfe, international durchzustarten. So wie das 65-Leute-Start-up Gate5, die Keimzelle des Kartendienst-Weltmarktführers Here. Inzwischen im Besitz der Automobilkonzerne Audi, BMW und Daimler, arbeiten heute am Stammsitz in Berlin-Mitte mehr als 1000 Menschen für das Zukunftsprodukt.

Raketenstart in Frankfurt

Auch Arago aus Frankfurt hat von seinem neuen Besitzer bisher nur profitiert. Der 20 Jahre alte Pionier für künstliche Intelligenz automatisiert den gesamten IT-Betrieb von Unternehmen. Im Oktober 2014 stieg der Private-Equity-Investor KKR Börsen-Chart zeigen ein, um das Wachstum zu beschleunigen. Mehr als 50 Millionen Euro, so berichten Branchendienste, soll Gründer Hans-Christian Boos für 36 Prozent an seinem Unternehmen erhalten haben.

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Der unkonventionelle Typ, der mit seiner weißen Mähne und schwarzen Lederkluft aussieht wie ein moderner Albert Einstein, gibt sich zuversichtlich: "Wir haben 19 Jahre geforscht. Jetzt ist der Bedarf da, und wir starten die Rakete." Der Datendienst Gartner schätzt, dass der Markt für künstliche Intelligenz in Unternehmen bis 2020 auf 30 Milliarden Dollar anschwillt. Da will der Arago-Chef nicht hintanstehen.

So große Töne wie Boos spucken sie sonst nur in Berlin. Dort rühmen sich konsumnahe Start-ups wie die Auto1 Group oder Delivery Hero ihrer Welteroberungsstrategien und Unicorn-Bewertungen. 320 Kilometer weiter in Richtung Nordwesten verbindet sich der Ehrgeiz schon wieder mit mehr Bodenständigkeit.

In der alten Margarinefabrik in Hamburg-Bahrenfeld breitet sich Jimdo, ein Werkzeugkasten für die Gestaltung von Websites, immer weiter aus. Gründer Fridtjof Detzner, ein jungenhafter Blondschopf, den alle Fridel nennen, führt durch die mit Europaletten und Vintagesofas möblierten Räume. Rund 230 Mitarbeiter entwickeln dort die Cloud-basierte Software, mit der Kleinunternehmen und Selbstständige bereits mehr als 15 Millionen Sites und Onlineshops gestaltet haben.

Stolz erzählt Detzner, wie Jimdo in den vergangenen neun Jahren profitabel aus dem selbst verdienten Umsatz gewachsen ist: "Wir sind grundsolide Jungs." Im Juni 2015 allerdings hat der Hanseat 25 Millionen Euro beim US-Risikokapitalgeber Spectrum Equity eingeworben. Der Grund: Jimdo will noch schneller, auch mithilfe teurer TV-Werbung, wachsen.

© manager magazin 3/2016
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