Donnerstag, 5. Dezember 2019

Energiewende Das Tagesprogramm des EnBW-Heilers Mastiaux

EnBW: Frank Mastiaux will den Energiekonzern retten
Boris Schmalenberger für manager magazin

Die Energiewende macht den Versorgern zu schaffen. Von einem, der auszieht, den Konzern EnBW zu retten: ein Tag im Leben des Frank Mastiaux.

Um 6.30 Uhr ist die Welt für Frank Mastiaux noch in allerbester Ordnung. Der 49-Jährige hat eine blaue Trainingsjacke an, kurze Sporthose, Turnschuhe (sockenfrei). Eine leichtfüßige, sehnige Gestalt, die sich von Ettlingen in Richtung Bad Herrenalb bewegt.

Der unschuldige Morgen ist noch bar von Mindmaps, Masterplänen und derlei Dingen, die ein Unternehmen vorwärtstreiben sollen. Die frische Luft noch nicht verbraucht vom Grübeln und Anspornen. Tief in seinem Unterbewusstsein ahnt der Schalke-Fan vielleicht, dass man ihm später einen Bundesliga-Spielplan mit der Mannschaft der Saison 1973/74 überreichen wird. Was er ziemlich verzückt ("Supertruppe") kommentieren wird. Aber - wie gesagt - das spielt sich im Unterbewusstsein ab. Kann er also noch nicht wissen, der Herr Mastiaux, als er mit Ruhepuls um die 60 antrabt, über die Albbrücke, an der Bahnlinie lang, den Schotterweg durch den Wald hinan und nach einer Kehre wieder hinab.

50 Minuten joggt er dieses Auf und Ab, wenn es irgend geht, jeden Morgen. Einerseits aus Lust an der Bewegung, als früherer Leistungssportler (Tennis). Andererseits möchte er das Gehirn freiatmen für einen der aktuell härtesten Jobs der deutschen Wirtschaft, den er seit knapp einem Jahr bekleidet. Er muss beim taumelnden Energiekonzern EnBW Börsen-Chart zeigen den Turnaround schaffen: massive Rückgänge im Kraftwerksbusiness ausgleichen durch neue Geschäfte (siehe Grafiken links) , das Unternehmen vom Kopf auf die Füße stellen und - wahrscheinlich der schwierigste Teil - die Denkweise der Mitarbeiter ändern, vulgo: einen Kulturwandel herbeiführen.

Letzteres erweist sich für den Ruhrgebietler (in Essen geboren, in Gladbeck Abitur, in Bochum studiert), der so geradlinig ist wie eine Hochspannungsleitung durch die norddeutsche Tiefebene, als doppelt knifflig: in einer Branche, die für ihre mangelnde Dynamik bekannt ist, in einer Firma, die für ihr Beharrungsvermögen berühmt ist - die Effekte potenzieren sich.

Das Kunstprodukt EnBW

Hinzu kommt: EnBW (Umsatz: 19 Milliarden Euro) ist ein Kunstprodukt, das Ergebnis einer Fusion eines badischen (Sitz: Karlsruhe) mit einem schwäbischen Energieversorger aus Stuttgart. Der Separatismus ist hartnäckig. Ein Außenstehender habe es da in gewisser Hinsicht leichter, findet Mastiaux: "Ich bin neutral und versuche, beiden kulturellen Wurzeln gerecht zu werden." Er nehme das allerdings nicht als "tiefe, bierernste Rivalität" wahr.

Er weiß, es wird ein langer Marsch durch die Institution. Zum ersten Mal in seiner CEO-Karriere, die ihn zu Veba Oel, BP und Eon geführt hat, muss er die Langstrecke laufen: Der Zeithorizont für "New EnBW" reicht bis 2020.

Manche fragen sich, ob die Sanierung überhaupt zu schaffen ist, und antworten dann gleich selbst: Wenn es einer packt, dann wohl dieser Mastiaux, dessen hugenottische Vorfahren im 16. Jahrhundert aus Nantes in die Eifel einwanderten - deshalb der französisch klingende Familienname.

Nils Schmid, baden-württembergischer Minister für Finanzen und Wirtschaft, sitzt im EnBW-Aufsichtsrat, weil das grün-rot regierte Land eine knappe Hälfte der Anteile hält; der zweite Großaktionär sind oberschwäbische Kommunen. Natürlich erfordere die Umsetzung der neuen Strategie einen "langen Atem", sagt der Sozialdemokrat, aber nach der bisherigen Wegstrecke müsse man festhalten: "Das Unternehmen ist bei ihm in guten Händen."

Was erwartet Mastiaux heute, an diesem Spätsommertag, der mit Terminen durchgetaktet ist bis 22 Uhr? "Ein Teil ist sicher Routine", schnauft er im Schotter herüber, vor allem aber hofft er auf " neue Erkenntnisse und Fortschritte", die das Unternehmen "ein Stück weiterbringen".

Der Puls liegt jetzt bei 135, man kann von Betriebstemperatur sprechen.

© manager magazin 10/2013
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