Montag, 22. April 2019

Interview mit wichtigstem Uhren-Unternehmer der Welt Nick Hayek: "Sie wollen fragen, wann ich sterbe?"

Swatch-Group-Chef Nick Hayek leibt, lebt und raucht.

3. Teil: Uhren für die Smartphone-Generation

Holen wir hiermit nach. Ein Analyst schrieb, Sie hätten einiges an Glaubwürdigkeit bei den Investoren eingebüßt, weil ihre Vorhersagen nicht immer eingetroffen seien. Wenn Sie zehn sagten, könnten es auch fünf sein. Stört sie so etwas?

Was Analysten sagen, ist für mich total irrelevant. Wir verkaufen Uhren und keine Aktien. Mein Vater hat immer gesagt, dank der Analysten sei er reich geworden, weil die alle empfohlen hätten, nicht in die Schweizer Uhrenindustrie zu investieren. Ich mache keine Roadshows, wir sind zum Glück von der Börse und den Banken unabhängig. Die Swatch Gruppe hat eine Eigenkapitalquote von 83 Prozent und keine Schulden.

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Allerdings ist 2016 der Umsatz eingebrochen, der Gewinn hat sich halbiert. Die Branchenkrise hat Sie voll erwischt, so scheint es.

Der Abschwung ist schon wieder vorbei. Letztes Jahr haben wir statt einer Gewinnmarge von 20 Prozent halt nur 10 oder 9 Prozent gemacht. So what? Im vergangenen August konnten wir den Umsatz nun wieder um 10 Prozent steigern, ebenso im September. Wir wollen für dieses Jahr wieder auf ein Wachstum bei den Uhren und Schmuckstücken von 7 bis 10 Prozent kommen. Dies ist aber kein Forecast, sondern unsere interne Zielsetzung.

Hat die Schweizer Uhrenindustrie den Franken- und China-Schock schon verdaut?

Die Swatch Group ist jedenfalls auf dem besten Weg dazu. Wir konnten die Produktion in unseren über hundert Fabriken in der Schweiz schnell wieder steigern, weil wir alle unsere Mitarbeiter behalten haben, statt sie zu entlassen. Übrigens sehr zum Ärger gewisser Analysten.

Vielleicht profitieren Sie auch nur von einem kurzen Zwischenhoch. An den Krisenfaktoren hat sich schließlich nichts geändert: Die Terrorgefahr, wegen der viele Chinesen Europa gemieden haben, ist nach wie vor latent.

Ich bin kein Pessimist. Ich sehe unglaublich viele Chancen in der Welt für unsere Industrie. Unser Geschäft in China floriert wieder. Vergangenes Jahr war schwierig, stimmt. Vergessen wir aber nicht, dass wir seit 2009 teilweise stürmisches Wachstum hatten.

Kritiker behaupten, die Krise sei mindestens zur Hälfte hausgemacht, manche Hersteller würden mittlerweile völlig überzogene Preise nehmen.

Uns gehören auch günstige Marken, wie Swatch und Tissot. Viele andere Uhrenhersteller aus der Schweiz konzentrieren sich leider nur auf das Luxussegment, und da ist tatsächlich das Gefühl für den Kunden verloren gegangen. Manche Hersteller haben auf den starken Schweizer Franken und den Umsatzrückgang sofort mit Preiserhöhungen reagiert und sich damit aus dem Markt katapultiert. Daraufhin haben sie die Preise wieder gesenkt, was die Händler total verunsicherte und auch die Kunden. Die ärgert es natürlich, wenn sie ihre Uhr zwei Wochen später 10 Prozent billiger im Schaufenster sehen.

Nun wächst eine Generation heran, die angeblich weder eine Uhr braucht noch Lust auf Luxus verspürt. Macht Ihnen das keine Sorgen?

Nein, denn es stimmt überhaupt nicht. Das wurde schon behauptet, als das Mobiltelefon aufkam und darauf jeder die Zeit ablesen konnte. Wir haben trotzdem mehr mechanische Uhren verkauft. Eine Schweizer Uhr ist ein Schmuckstück. Für Frauen sowieso, aber auch für Männer. Die tragen ja selten Colliers. Zudem sind die Leute fasziniert von mechanischen Uhren. Gerade auch die Millennials.

Smartwatches wie die von Apple verkaufen sich inzwischen auch ganz gut.

Ja, kann sein. Aber gerade Asiaten wollen bei der Uhr keine digitale Anzeige und auch nicht die Batterie aufladen müssen, das wirkt auf die billig. Die Swatch Group hat ja ebenfalls smarte Uhren im Sortiment, aber das sind in erster Linie Uhren und keine schnelllebigen Consumer-Electronics-Produkte.

Herr Hayek, lassen Sie uns auf Ihre innere Uhr kommen. Ihr Vater ist im Alter von 82 gestorben, am Schreibtisch im Büro. Sie sind jetzt 62. Wie sieht Ihre Nachfolgeplanung aus?

Sie wollen fragen, wann ich sterbe?

Nein, wir wollen wissen, ob Sie Ihre Nachfolge schon geregelt haben.

Nein, das haben wir nicht, denn es kommt meist anders, als man denkt. Bei uns gibt es kein Alterslimit, weder für die Familie noch für unsere Angestellten. Longines-Chef Walter von Känel ist gerade 76 geworden. Solange er gesund ist und Spaß hat und dabei so gute Resultate bringt, soll er weiterarbeiten

Ein Manager ist leichter zu ersetzen als der Clanchef. An der Nachfolge sind schon viele Unternehmen zerschellt. Marc, der Sohn Ihrer Schwester Nayla, die den Verwaltungsrat führt, arbeitet schon im Unternehmen. Wäre er der Richtige?

Warum nicht? Er leistet eine super Arbeit. Sowohl meine Schwester als auch ich sind total ersetzbar durch Leute in der Firma. Wir haben einen Verwaltungsrat, eine Konzernleitung und eine erweiterte Konzernleitung, da gibt es viele fähige Leute. Wenn einem von uns was passiert, wird sofort reagiert. Als mein Vater bei der Arbeit starb, hatte der Verwaltungsrat Tage später bereits die Nachfolge organisiert.

Sie sagen, "Keep the Fantasy of Your Childhood". Warum arbeiten Sie dann nicht wieder als Filmregisseur, Ihrem Traumjob, und drehen einen Film mit George Clooney?

Das würde mich tatsächlich reizen, ich habe ja alle Metiers gelernt beim Film. Bevor man Regie führt, muss man erst einmal eine Idee haben, ein Drehbuch muss geschrieben werden, man braucht Leute, die das finanzieren, Techniker, Schauspieler und einen genauen Plan, denn jeder Drehtag kostet viel Geld. Und am Ende muss der Film geschnitten und vermarktet werden.

Stimmt. Aber was wollen Sie uns damit sagen?

Wenn Sie genau hingucken, was der Herr Hayek in einem Konzern wie der Swatch Group macht, der emotionale Konsumgüter herstellt, dann ist das genau der gleiche Prozess. Wir beginnen mit einer Idee, müssen die finanzieren, umsetzen, das Produkt herstellen und am Ende verkaufen. Das ist mein Leben.

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