Susanne Klatten Das Coming-out

Die scheue BMW-Erbin und reichste Frau Deutschlands ist zur erfolgreichen Unternehmerin gereift. Auch Konflikte mit Alphamännern scheut sie nicht mehr. Die Geschichte einer Entwicklung.
Quandt-Erbin Susanne Klatten: Wohlinformiert und machtbewusst

Quandt-Erbin Susanne Klatten: Wohlinformiert und machtbewusst

Foto: Michael Probst/ ASSOCIATED PRESS

Susanne Klatten (51), eine eher zurückhaltende Frau, spricht gegenüber Vertrauten aufgebracht von "Männerwelt"; Kontrahenten wollen ihr zeigen, "wo der Hammer hängt"; Mitarbeiter reden von "Schmierenkomödie", von "Krieg" und sorgen sich, dass ihr Unternehmen "vor die Hunde" gehe. Wenn solche Begriffe in Serie fallen, dann weiß der Zuhörer, dass er sich dem Phänomen SGL Carbon nähert, respektive schon ziemlich tief darin versunken ist.

Seit Monaten verbeißen sich Aktionäre, Aufsichtsräte und Vorstand des Wiesbadener Kohlefaserherstellers in einen Machtkampf, der seinesgleichen so schnell nicht findet. Das liegt vor allem daran, dass zwei Lebensentwürfe aufeinanderprallen. Hier der selbstherrliche Manager Robert J. Koehler (kurz: RJK), 64 Jahre alt und seit zwei Jahrzehnten an der Spitze der Firma, die er längst als seine eigene betrachtet. Und dort die introvertierte SGL-Aktionärin Susanne Klatten, geborene Quandt, die objektiv über den größten Anteil (knapp 28 Prozent) an der Firma verfügt.

Jetzt ist sie vorgerückt, hat den Aufsichtsratsvorsitz übernommen - vorbei die Zeit der stillen Teilhabe. Bislang begnügten sich die diskreten Quandts bei ihren Unternehmen mit dem Vizeposten. Nun hat sich eine aus der Sippe an die Spitze eines Kontrollgremiums gedrängt, und dann auch noch bei einer börsennotierten Gesellschaft. Susanne Klatten wagt ihr aktienrechtliches Coming-out.

Beteiligungen im Wert von acht Milliarden Euro

SGL  ist persönlich wichtig für sie. Denn was sie stets verachtete, Intrigen und Ignoranz, das brutale Durchdrücken von Machtinteressen - all das findet sich in Wiesbaden zuhauf. Wenn sie es hier laufen lässt, dann ist das, was sie in ihren bisherigen Lebensweg an Moral und Fairness investiert hat, verloren.

Mit ihren Beteiligungen an BMW , Altana , SGL  und diversen anderen Unternehmen (siehe Fotostrecke), die aktuell gut acht Milliarden Euro wert sind, ist sie die reichste Frau Deutschlands, die "Dividendenkönigin" ("Die Zeit"), die allein bei BMW für 2012 etwa 190 Millionen Euro Ausschüttung kassieren wird.

Die SGL-Offensive markiert die nächste Stufe in ihrer Entwicklung: erst Erbin, dann Investorin, nun aktive Unternehmerin und Aktionärin mit dem Hang zur Durchsetzungsstärke.

"Sie lässt sich nichts mehr gefallen", sagt ein Wegbegleiter. Erst recht nicht seit Ende 2008. Als sie Opfer einer Erpressung durch einen Liebhaber wird, geht sie an die Öffentlichkeit und durch die publizistische Hölle. Heute sitzt der Mann ein, und ihr Rückgrat ist stabiler denn je. So schlicht ist manchmal die Wahrheit.

Die Erbin

Ihre Initiation als künftige Unternehmerin datiert aus dem Jahr 1982. Vater Herbert Quandt starb; und er verteilte sein Vermögen zu etwa gleichen Teilen an Ehefrau Johanna (heute 86) und seine beiden Kinder aus dritter Ehe. Aus dem Lehrling Susanne, 20 Jahre alt und in der Ausbildung zur Werbekauffrau, wurde plötzlich die schwerreiche Frau Quandt. BMW, Altana, dazu ein paar kleinere Beteiligungen; schon damals wurde das heutige Klatten-Imperium auf fast eine Milliarde Mark geschätzt.

Die Entscheidungsgewalt hatte Vater Herbert seinem Testamentsvollstrecker Hans Graf von der Goltz (86) übertragen, der auch den BMW-Aufsichtsrat anführen sollte. Von der Goltz erwies sich den Kindern gegenüber als väterlicher Freund, manchmal auch als Lehrmeister. Susanne, so sah es die Erbregelung vor, war bis zu ihrem 30. Geburtstag aufs Zuschauen reduziert.

Als sie dann aber 1997, 35 Jahre alt, gemeinsam mit Bruder Stefan (heute 47) für Mutter Johanna und von der Goltz in den BMW-Aufsichtsrat einrückte, schien sie wohlvorbereitet. Betriebswirtschaftsstudium in Buckingham, MBA in Lausanne, Praktika bei der Dresdner Bank, bei McKinsey und - unter falschem Namen - im BMW-Werk Regensburg, wo sie auch ihren späteren Ehemann Jan (58) kennenlernte; dazu die ersten Jahre als Aufsichtsrätin bei Altana.

Sie steuert aus dem Hintergrund - wohlinformiert und machtbewusst

BMW, das war schon damals ein Gigant: 31 Milliarden Euro Umsatz, 118.000 Mitarbeiter, groß gemacht vom langjährigen Vorstandschef Eberhard von Kuenheim (84), einer preußisch-autoritären Führernatur. Der Autohersteller - 1997 gerade mit beträchtlichen Ambitionen bei Rover in Großbritannien unterwegs - war jedenfalls zu wichtig, um sich auszuprobieren. Hier galt es, den Kern eines der größten Industrieimperien der Nachkriegszeit zu pflegen.

Susanne Klatten machte dem Kontrolleurskreis schnell klar: Sie wollte mitreden. Nicht jedes Modell absegnen wie einst ihr Vater, aber doch ein wenig an den Stellhebeln drehen. Wer in den Vorstand aufsteigen wollte, musste vorher zum "Schaulaufen", so nannten die Aspiranten die Bewerbungsgespräche bei der Familie: mal in der Quandt-Zentrale in Bad Homburg, mal verabredete man sich in München.

Alle Topmanager traten an. Auch der heutige Vorstandsvorsitzende Norbert Reithofer (57) legte dort das Fundament für seinen Aufstieg. Viele Führungskräfte berichteten anschließend, die punktgenaueren und sachkundigeren Fragen habe Susanne gestellt, nicht ihr Bruder Stefan.

Formal hat dieser zwar den wichtigeren Part bei BMW. Er hält mehr Anteile und vertritt die Familie im Aufsichtsratspräsidium. Sie aber steuert aus dem Hintergrund, nie an den Gremien vorbei, selten im direkten Kontakt mit dem Vorstandschef; aber stets wohlinformiert und sich ihrer Macht bewusst.

Die Investorin

Zum Schlüsselerlebnis wird für Susanne Klatten das Schicksal der Altana AG . Den Pharma- und Chemiekonzern hatte Vater Herbert ihr einst als persönliche Erbmasse anvertraut.

Das Arzneigeschäft entwickelte sich unter Firmenchef Nikolaus Schweickart (69) zunächst rasant; das Magenmittel Pantoprazol pushte Umsatz und Gewinn in schwindelerregende Höhen. Doch es kam nichts nach. Zu spät erkannte Schweickart, dass das Geschäftsmodell Big Pharma für einen Branchenzwerg wie Altana nicht mehr trug.

Hauptaktionärin Klatten sah die Malaise sehr wohl. 2006 trennte sie sich mit einem radikalen Schnitt von der Pharmasparte. Entgegen früheren Zusagen wurde das Business an einen Finanzinvestor verkauft; sie strich 2,4 Milliarden Euro ein. Ertragreich zwar, aber "schmerzvoll" sei das damals für sie gewesen, berichtet ein Vertrauter. Schließlich handelte es sich um einen Tabubruch. Die Quandts bleiben in der Regel langfristig investiert. Umso größer war der Schock für die Altana-Mitarbeiter.

Für Klatten bedeutete der Deal auch die Emanzipation vom Patriarchen Schweickart. Der hatte sie stets bevormundet und gern selbst den Unternehmer gegeben. Am Ende lernte Klatten jedoch, wie frau umzugehen hat mit majestätischen, selbstgefälligen Anführern.

2010 kaufte sie die verbliebene Altana-Chemie komplett und nahm sie von der Börse. Ein "genialer Schachzug", wie ein Aufseher in der Rückschau findet. Denn seit der Aktion hat sich der Wert der Firma aus dem niederrheinischen Wesel kräftig erhöht.

Dominieren auf die stille Art

Mittlerweile ist die Alleinaktionärin stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende. Das reicht aus, um Einfluss zu nehmen, vor allem auf die Personalpolitik und die Zukunftsstrategie. Wenn Chef Matthias Wolfgruber (59), den sie protegierte, am Wochenende in seiner bayerischen Heimat weilt, trifft sie sich mit ihm an ihrem Wohnort München. Ein Revirement des Managements hat sie durchgesetzt: Jeder Geschäftsführer wechselt in einen anderen Bereich. Die Maßnahme löst Verkrustungen und kappt Seilschaften - solche innovativen Ideen mag sie.

Den Aufsichtsrat dominiert sie auf die stille Art. Die Kontrolleure diskutieren auch mal kontrovers; sie lässt es sich nicht anmerken, dass ihr die Firma gehört. Sie will, dass alle zufrieden sind, legt Wert auf Harmonie, auch mit den Arbeitnehmervertretern.

Klatten wirkt immer dann souverän, wenn sie sich geborgen fühlt. Wie beim Forum Unternehmertum am 7. März in der BMW-Welt am Münchener Olympiapark, als 600 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Start-up-Szene zusammenkommen, um über die hiesige Gründermetropole zu diskutieren. Als BMW-Aktionärin ist Klatten Gastgeberin, und als Gesellschafterin der gemeinnützigen Unternehmertum GmbH, die Talente fördert, ist sie Mitveranstalterin des Events. Seit Jahren engagiert sie sich für junge Unternehmen, mit Geld und Elan (siehe Interview "Wir müssen ständig vorn dran sein").

Sie, die hier mit größter Wahrscheinlichkeit so gut wie alles finanziert, hält sich bescheiden im Hintergrund. Die Milliardärin trägt ein Kostüm, für das der Ausdruck schlicht einmal erfunden wurde. Kurzhaarfrisur, eine schmale Halskette, die Krähenfüße unretouchiert. Die schwarze Handtasche wechselt beim anschließenden Stehempfang von einer Schulter auf die andere. Die Hände hat sie hinter dem Rücken verschränkt, das Kreuz durchgedrückt. Eine aufrechte (Rand-)Erscheinung mit tiefer Stimme, die manchmal etwas spröde klingt. Mrs. Unscheinbar.

Einen kleinen Teller mit Fisch, Reis und Gemüse lässt sie sich bringen. Wein dazu? Nicht dran zu denken. "Haben Sie Kamillentee?", fragt sie freundlich.

Die Wiege der Quandt-Dynastie

Sie ist zuvorkommend ("Freut mich, dass Sie sich mal zeigen"), versucht aber sofort, in einem zu lesen. Menschen, bei denen ihr das nicht auf Anhieb gelingt, erregen ihren Argwohn, lassen sie vorsichtig werden.

Wenn sie über die Erfolge der Gründer erzählt, kann sie sich, für ihre Verhältnisse, in geschwätzige Euphorie hineinreden; dann leuchten ihre hellgrünen Augen. Will sie über ein Thema nicht sprechen, wird es sehr schnell still: zum Beispiel bei SGL .

Kein Geheimnis ist: Mit dem Geld aus dem Pharmaverkauf hat sie ihre Beteiligungsfirma Skion GmbH ausgestattet, die ersten Buchstaben stehen für ihre Initialen. Vom Taunusstädtchen Bad Homburg aus, eine halbe S-Bahn-Stunde von Frankfurt entfernt, wird das Vehikel gesteuert, das alte Investments bündeln und neue hinzukaufen soll.

Dort wo die Wiege der Quandt-Dynastie steht, im Günther-Quandt-Haus am Seedammweg. Ein Flachbau, etwas zurückgesetzt hinter einem großen Parkplatz, auf dem nur wenige Autos abgestellt sind.

Drinnen, hinter dem Empfangstresen, ein Ölgemälde des Namensgebers; eine dreiteilige Holzkohleskulptur dominiert den Raum. Kein hektischer Telefonverkehr. Es herrscht eine kontemplative Ruhe, wie man sie sonst nur aus Bundesbehörden kennt, freitags nach 15 Uhr.

Skion ist schlank aufgestellt

Skion ist, wie Betriebswirte sagen, schlank aufgestellt: Es gibt zwei Geschäftsführer (Klatten und ihr langjähriger Vertrauter Johannes Fritz), einen Investmentmanager, einen Portfoliomann mit Prokura, eine Assistentin - that's it. Sonst beherbergt das Haus noch das Family Office, welches das Vermögen des Clans betreut. Juristen, Buchhalter, Branchenanalysten - alles in allem 110 Leute, Gärtner und Catering inklusive; der Geschäftsführer heißt synergiefördernderweise ebenfalls Johannes Fritz.

Die Skion-Leute bereiten Aufsichtsratssitzungen vor und prüfen neue Engagements. Die müssen zu Klattens Investmentphilosophie passen. Sie setzt auf Zukunftstechnologien und Nachhaltigkeit, will, wie sie es selbst formuliert, "innovative Rohstoffkreisläufe und deren industrielle Anwendung unternehmerisch aufnehmen".

Ihr Mann Jan fungiert bisweilen als Co-Investor. Bei SGL und dem Windkrafthersteller Nordex  (dort sitzt er im Aufsichtsrat) stieg er mit seiner Firma Momentum jeweils zuerst ein, mit wenigen Anteilen. Später kam sie, mit den großen Aktienpaketen.

Fallweise holt sie sich externen Rat. Der UBS-Investmentbanker Carsten Dentler (48) gehört zu ihren bevorzugten Counterparts. Mit Henkel-Aufsichtsratschefin Simone Bagel-Trah (44) trifft sie sich. Enge Kontakte bestehen auch zur Trumpf-Dynastie, die heute von Nicola Leibinger-Kammüller (53) geführt wird; deren Vater Berthold (82) saß lange Jahre im Aufsichtsrat von BMW .

Das Fenster zum Garten legt den Blick frei auf eine Skulptur des schottischen Künstlers Kenny Hunter, Titel: Grey versus Red. Die Arbeit stellt den Überlebenskampf des roten Eichhörnchens gegen das aggressive Grauhörnchen dar. Der tiefere Sinn: Überall in der Gesellschaft gibt es Konflikte.

Tatsächlich herrscht draußen, in der rauen Wirtschaftswelt, bisweilen Krieg. Grau gegen Rot, Koehler gegen Klatten - das Werk könnte auch in Wiesbaden stehen, in der SGL-Zentrale.

Die Aktivistin

Im März 2009 stieg Susanne Klatten bei dem Hightech-Unternehmen SGL ein. Das ruht auf zwei Säulen, der Produktion von Grafitelektroden (für die Stahlindustrie) und des Zukunftswerkstoffs Karbon (Auto, Flugzeugbau, Windanlagen), eine kapitalintensive und riskante Kombination (siehe Kasten "Kapitale Nöte" links) .

Skion kam nicht über die Börse, sondern durch die Hintertür, kaufte sogenannte Cash-settled Swaps. Ähnliche Optionen nutzten auch Porsche  und Schaeffler bei ihren Überfallattacken auf Volkswagen  und Continental . Sie sichern einem Investor bei einem späteren Aktienerwerb einen festen Preis. So kann er sich heimlich Aktien zulegen, ohne dass der Kapitalmarkt oder die betroffene Firma es merkt.

Als Klatten 8 Prozent zusammenhatte, meldete sie sich bei Vorstandschef Koehler und kündigte an, aufzustocken; sie wolle aber unterhalb der Sperrminorität von 25 Prozent bleiben, mit der man Hauptversammlungsbeschlüsse blockieren kann.

Koehler, ein kleiner Kompakt-Bayer mit Allrad-Temperament, jauchzte, suchte er doch permanent nach Ankerinvestoren, auch um Übernahmegefahren abzuwenden - und kurstreibend ist ein neuer Investor eh. Ihm war im Grunde fast jeder recht, warum also nicht eine Frau namens Klatten?

Er gab sich allerdings der irrigen Vorstellung hin: Da kommt eine Milliardärin mit tiefen Taschen, der gebe ich mal einen Aufsichtsratsposten - und gut ist. Was er nicht bedachte: Klatten interessierte sich für das Unternehmen, wollte sich einmischen, besuchte SGL-Werke in Polen. Und wenn es etwas gibt, das ein Potentat wie Koehler nicht abkann, dann: Wenn ihm einer hineinredet.

Nun muss man wissen: SGL  ist Koehler und vice versa. Er tut alles für die Firma, ist keiner der Mal-hier-mal-dort-Manager. Er hat das Unternehmen 1992 aus dem Hoechst-Konzern herausgelöst, gedeihen lassen, durch Kartelltricksereien (sein Spitzname damals: "Der Kaiser") beinahe ruiniert und wieder aufgerichtet. Die Firma und ihr Führer - das ließ sich manchmal schwer auseinanderhalten. So fand auch kaum einer etwas dabei, dass SGL die persönliche Kartellstrafe, die gegen Koehler im Jahr 1999 in den USA verhängt worden war, gleich mit übernahm: immerhin zehn Millionen Dollar.

Klattens kühler Konter

So begeistert er anfangs von der Investorin Klatten schien, es dauerte nicht lange, da ließ er intern wissen: Er wolle sie loswerden, sie solle bloß wieder verkaufen. In aufgeräumter Stimmung, so berichten es SGL-Manager, habe Koehler beschlossen, Klatten "einen reinzuwürgen". So kam ihm das Interesse eines weiteren Investors sehr gelegen.

Koehler und sein Bündnisgenosse, Voith-Chef und SGL-Aufseher Hubert Lienhard (62), hätten Volkswagen nahegelegt, erzählt man sich in Wolfsburg und Wiesbaden, der Konzern möge doch SGL-Aktionär werden. Koehler bestreitet das. Er habe "zu keinem Zeitpunkt" entsprechende Gespräche geführt. Er räumt allerdings ein, dass "seit vielen Jahren ein guter Kontakt" zu VW bestehe, auch "auf Vorstandsebene".

VW-Chef Martin Winterkorn (66) kaufte 8 Prozent Aktien. Der Premiumanbieter und VW-Ableger Audi  bezog damals schon, wenn auch nur in homöopathischen Dosen, Karbonbremsteile von SGL. Die Lieferung wollte Winterkorn absichern. Zudem, so sein Kalkül, könnte aus dem Leichtbauwerkstoff ja noch einiges werden.

Klatten, die es plötzlich mit dem mächtigen Piëch/Porsche-Clan zu tun bekam, konterte kühl. Sie fühlte sich nicht länger an ihre Zusage gebunden, unter 25 Prozent zu bleiben, erwarb weitere Aktien. Und: BMW, seit Herbst 2009 mit SGL in einer exklusiven strategischen Kooperation verbunden, kaufte ebenfalls Anteile.

Von da an standen sich zwei Fronten gegenüber. VW und Voith (das mit Audi bei der Pkw-Entwicklung zusammenarbeitet) bilden die eine Fraktion; sie halten 17 Prozent. Der Verbund Skion / BMW (44 Prozent) nimmt die andere Seite ein. Und mittendrin Boss Koehler, der fortan nichts unversucht ließ, Klatten zu mobben. Das ging so weit, dass er bei einer auf Englisch abgehaltenen Aufsichtsratssitzung ihre Wortwahl wie bei einem Schulkind korrigierte.

Der Macho-Clique überdrüssig

Die Auseinandersetzung eskalierte, als ein Nachfolger für den scheidenden Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley (73) gesucht wurde. Dem war es nie gelungen, Koehler zu bändigen, geschweige denn zu kontrollieren; ein glühender Klatten-Fan war er nie.

Die Kandidatenkür avancierte zur Posse. Klatten präferierte Hariolf Kottmann (57), Chef des Schweizer Chemiekonzerns Clariant und früherer SGL-Vorstand. Kley, als Oberaufseher offiziell zuständig, nahm die Gespräche auf. Doch schnell wurde klar. Koehler und Lienhard wollten Kottmann verhindern; sie fürchteten offenbar dessen Insiderwissen.

Lienhard schob den früheren Audi-Manager Franz-Josef Kortüm (62) nach vorn, der zuletzt den Kfz-Zulieferer Webasto führte. Doch Kortüm sprang ab; das Engagement passte dann doch nicht zu seiner Lebensplanung. Zuletzt war der ehemalige Conti-Chef Manfred Wennemer (65) im Gespräch. Auch daraus wurde nichts.

So kam es zum Showdown im Umfeld der außerordentlichen Aufsichtsratssitzung am 5. Februar. Koehler, ob seines kumpeligen Charmes bei Werksangehörigen beliebt, hatte schon seit Längerem versucht, die Arbeitnehmervertreter gegen Klatten zu instrumentalisieren.

Klatten war mittlerweile der Intrigen der Machoclique überdrüssig. Und so reifte in ihr der Entschluss, selbst als Aufsichtsratschefin anzutreten. Motto: Was diese Herrschaften können, kann ich schon lange.

Sie stellte sich bei der Arbeitnehmerfraktion vor, warb dort mit dem Versprechen, für mehr Transparenz zu sorgen. Doch die Belegschaftler blieben skeptisch. Sie fürchteten, unter Klatten werde SGL zu einem bloßen BMW-Anhängsel.

Erst Wochen später einigten sie sich in letzter Minute auf einen Kompromiss: Wir folgen dem Vorschlag der Anteilseigner. Kley und Koehler hatten vergeblich versucht, die Arbeitnehmer auf ein Nein einzuschwören.

Barocker Lebenswandel und rüde Umgangsformen

Beim Treffen der Kapitalseite stand Klatten zur Abstimmung. Sechs Kapitalvertreter sitzen im Aufsichtsrat der als SE firmierenden SGL. Sie brauchte mindestens drei Unterstützer. Nur zwei votierten gegen sie.

Das war knapp, aber immerhin ein Sieg. Koehlers Lebenstraum hingegen, nach seinem Vorstandsdasein (bis maximal 2014) so lange wie möglich Aufsichtsratsvorsitzender dieser seiner Firma zu werden, war definitiv zerplatzt. Einen SGL-Aufseher Koehler wollte Klatten auf jeden Fall verhindern, auch deshalb preschte sie vor. Er sagt: "Aus heutiger Sicht" sei ein Aufsichtsratsmandat für ihn "kein Thema".

Sein barocker Lebenswandel und seine rüden Umgangsformen, daran ließ Klatten intern keinen Zweifel, gehören mittenmang ins 18. Jahrhundert. Selbst Anhänger attestieren Koehler einen "nicht besonders diversityorientierten" Führungsstil. Fraglich ist, ob Klatten sämtliche Schrullen kennt. Sonst würde sie vielleicht noch härter urteilen.

So hat Koehler offenbar einen ausgeprägten Spesentrieb. Der Mann arbeitet schließlich hart und ist für den Konzern rund um den Globus unterwegs, sein Chauffeur ist jedenfalls gut ausgelastet. Da fällt die Unterscheidung zwischen privat und dienstlich womöglich schwer. "Private Kosten wurden nicht über SGL abgerechnet", so Koehler.

Gern lud er zu Besprechungen in seine Privathäuser nach Sotogrande (Andalusien) und Mondsee (Österreich), "in Ausnahmefällen", wie er betont, "mit dienstlichem Bezug". Die Spesen zeichnen sich die Vorstände nach dem Vier-Augen-Prinzip gegenseitig ab. Wer wagt es da schon, gegen den Chef aufzumucken? Nie habe es Beanstandungen bei seinen Abrechnungen gegeben, sagt Koehler, weder von den Wirtschaftsprüfern noch vom Aufsichtsratsvorsitzenden.

Nichts schien verwegen, nichts kostspielig genug. Sogar einen Umzug der Firmenzentrale nach Österreich ließ er einst prüfen. Im Zusammenhang mit einer M&A-Transaktion, wie er sagt. Die habe dann aber nicht stattgefunden.

Die Sache mit dem Segelschiff "Mephisto"

Jede annähernd wichtige Entscheidung trifft er selbst. Vordergründig ein prima Plauderer und guter Gastgeber, tut er alles, um Untergebene deren Abhängigkeit spüren zu lassen. Manager zitiert er schon mal morgens gegen vier ins Büro: "Jawohl, Robert, ich komme."

Und dann ist da noch die Sache mit dem Segelschiff "Mephisto". An dem war einst der schillernde Ex-PR-Berater Moritz Hunzinger (54) beteiligt. Im Mai 2006 wurde SGL Miteigner der 40-Meter-Jacht, mit einer laut Handelsregister später auf 361.550 Euro aufgestockten Gesamteinlage. Was nur will der Konzern mit einem Schiff? Zu Marketing- und PR-Zwecken sollte es dienen, als "Showcase", heißt es aus Wiesbaden. Man wollte für den Einsatz von Karbon im Schiffbau trommeln. Das Projekt hat sich zerschlagen, "Mephisto" wurde vorher verkauft.

Zu Hunzinger pflegt SGL schon länger Geschäftsbeziehungen. Beim Börsengang 1995 hat der Kommunikator beraten. Und im vergangenen Jahr bahnte er Kontakte an, um ein neues SGL-Produkt für ein wohligeres Gebäudeklima zu vermarkten, bei Bauunternehmen und Architekten. Auch künftig wolle man ihn "projektbezogen" einsetzen.

So fügen sich eine Menge Details in das Gemälde eines Ancien Régime, das so gar nicht zum Unternehmensleitbild von Susanne Klatten passt. "Zu führen bedeutet mehr denn je, die Rolle eines Moderators einzunehmen", hat sie Anfang des Jahres in einem Vortrag vor der Evangelischen Akademie Tutzing gesagt. Auch von "Haltung als entscheidender Brückenkompetenz" war die Rede, von "Maßhaltung" ebenfalls.

Kann Klatten das Unternehmen befrieden?

Susanne Klatten hat den Umgang mit dominanten Männern gelernt. Ist gereift, als Person und als Unternehmerin. Aber packt sie den Job der Aufsichtsratsvorsitzenden, besteht sie die Abschlussprüfung in Sachen Corporate Governance? Und: Kann sie das Unternehmen befrieden?

Sie weiß zumindest, was sie tut. Und was sie zuerst tun muss, weiß sie auch.

Koehler soll weg, je eher umso besser. Er selbst spricht von einer "überschaubaren Zielgeraden, die noch zu laufen ist". Der Frankfurter Personalberater Heiner Thorborg, der sich schon früher an der Nachfolge versucht hat, ist erneut in dieser Sache unterwegs. Präsentiert er diesmal keinen akzeptablen Kandidaten, kommen Konkurrenten zum Zuge.

Als Nächstes will sie eine geeignete Personalentwicklung aufbauen, gute Leute vorstandstauglich machen. So wie sie es vom Talentschuppen BMW kennt. Unter der Koehler-Herrschaft sind viele Manager demotiviert worden. "Das Selbstbewusstsein ist weg", sagt ein früherer SGL-Mann, "es fehlt die Aggressivität, um neue Märkte zu erobern."

Sie will die Arbeitnehmer eng einbinden, so wie sie es bei Altana praktiziert. "Sie kommt im Unternehmen gut an", sagt ein SGL-Belegschaftsvertreter. Geradlinig sei sie, ehrlich, ohne versteckte Agenda. Ein wenig naiv schon auch.

Eine Aufspaltung wie einst bei Altana ist auf jeden Fall nicht vorgesehen, SGL soll als Ganzes erhalten bleiben. "Gerade wegen dieser Vielfalt", sagt sie in einem Interview mit der Mitarbeiterzeitschrift, sei sie 2008 "neugierig" geworden. Sie betrachte ihr Investment als "langfristige Partnerschaft". Mit Altruismus hat das wenig zu tun. Auch die Großaktionärin hat für 2012 auf eine Dividende gedrängt; die musste zur Hälfte aus der Substanz gezahlt werden.

Der schmale Grat zum Interessenkonflikt

Die anderen Eigner geben ihr Kredit, es herrscht eine Art Stillhalteabkommen. Frühzeitig hat sie VW über ihre Kandidatur informiert; der Konzern will vorerst keine weiteren Anteile kaufen. Wettbewerber BMW verzichtet dafür auf ein Aufsichtsratsmandat, das er angesichts seines 16-Prozent-Pakets durchaus beanspruchen könnte.

Nach der Hauptversammlung am 30. April hat Klatten ihr neues Amt angetreten.

Sie kennt die Brisanz ihres neuen Jobs und den schmalen Grat zum Interessenkonflikt, auf dem sie als SGL-Großaktionärin und BMW-Anteilseignerin balanciert. Klar ist: Sie muss eigenverantwortlich handeln, es darf keinerlei Verschränkungen mit dem Autokonzern geben.

Das erste Signal hat sie gesetzt. Der Corporate-Governance-Experte Christian Strenger (70) hatte vor der Hauptversammlung beantragt, den Aufsichtsrat nicht zu entlasten. Das Gremium habe nicht auf den drohenden Interessenkonflikt für eine Chefkontrolleurin Susanne Klatten hingewiesen. Strenger schlug vor, einen Ausschuss aus von den Großaktionären unabhängigen Aufsichtsräten zu bilden. Die Gruppe solle SGL gemeinsam mit einem Wirtschaftsprüfer vor negativen Folgen möglicher Interessenkonflikte schützen.

Klatten zeigte sich souverän. Sie rief Strenger in der Hauptversammlung zu sich, diskutierte das Thema mit ihm - und stimmte dem Ausschuss dann zu.

Sie weiß genau: Ihre Widersacher warten nur auf eine Chance. Von Koehler ist bekannt: Er gibt nie auf. Macht sie einen Fehler, steht er bereit.

Der Kampf, so scheint es, ist noch nicht vorbei.