Fotostrecke

Telekom: Tims Team - auf welche Manager Höttges setzt

Foto: DPA

Telekombranche Gier nach Größe - die Pläne der Deutschen Telekom

Das Endspiel in der Telekombranche läuft, die Deutsche Telekom wird von Riesen bedroht. Hier ist der Plan, wie der künftige Chef in Bonn, Tim Höttges, zurückschlagen will.
Von Astrid Maier

Hamburg - Das Ambiente ist trostlos, doch für Erbauung ist gesorgt. Die Mitglieder des Aufsichtsrats der Deutschen Telekom sitzen in einem Konferenzraum des "T-Mobile Office Park", zehn Autominuten vom Warschauer Flughafen entfernt, und Timotheus Höttges (51) hat ein dickes Paket Zukunft austeilen lassen.

Gut zehn Monate ist es her, dass sich die 19 Frauen und Männer unter der Führung Ulrich Lehners (67) für den Finanzchef Höttges als künftigen Telekom-Primus entschieden haben. Jetzt, auf der Strategie- und Klausurtagung, geht es um die alles entscheidende Frage: Wohin wird er die Telekom führen? Bis zur letzten Minute hatte sein Team in Bonn noch Charts und Analysen für das Treffen Anfang September zusammengestellt, jetzt liegt das Konvolut vor, manche haben es ausgedruckt vor sich liegen, ein 90 Seiten dickes Bündel.

Lamellen an den Fenstern dunkeln den Raum ab, während Höttges zu seiner Präsentation ansetzt. Vor allem zwei Schaubilder sollen sich möglichst tief ins Bewusstsein brennen. Nummer eins: Auf dem Chart ballen sich dicke Balken. Der Turm ganz rechts außen steht für die Marktkapitalisierung von Apple, "309 Milliarden" Euro ist darüber vermerkt. Daneben folgen Google, "222 Milliarden", Microsoft mit "204", Samsung "108".

Am linken Rand des Schaubilds prangen ebenfalls hohe Balken, für China Mobile mit "160 Milliarden" Euro, ein anderer für den Telekom-Konzern AT&T aus den USA, Marktwert "139 Milliarden". Irgendwo in der Mitte eingequetscht können die Kontrolleure auch ein magentafarbenes Häufchen sehen. Es ist die Telekom, Börsenwert "43 Milliarden". Die Aufsichtsräte sehen auf ihren Monitoren einen neuen Chart: Wieder Türme, sie symbolisieren, wie sich die europäischen Telekommunikationsanbieter zwischen August 2009 und August 2013 an der Börse geschlagen haben.

Mächtige Wettbewerber aus Übersee drängen nach Europa

Der Telefónica-Balken schrumpfte über die vier Jahre um 38 Prozent, das Orange-Türmchen (früher France Télécom) gar um 58. Nur der Magentabalken hat in dem Zeitraum knapp 9 Prozent zugelegt. "Die Deutsche Telekom kann die Führungsrolle bei der Konsolidierung übernehmen" hat Höttges dieses Papier betitelt.

Größe, das passt zu dem 1,93 Meter langen Manager, den in Bonn alle nur Tim nennen. Und Gier nach Größe, das wissen die Aufsichtsräte jetzt, soll die Telekom und ihre 230.000 Mitarbeiter in den nächsten Jahren antreiben. Neben dem personellen Neustart - René Obermann (50) gibt zum Jahreswechsel ab - steht ein strategischer Richtungswechsel an. In Warschau hat Höttges allen klargemacht: Die Zeiten des Kittens und Klebens, des Schrumpfens und Gesundens, für die sein Vorgänger stand, sind Tempi passati.

Mächtige Wettbewerber aus Übersee drängen nach Europa, die Preise für Europas Telekomkonzerne sind günstig wie lange nicht. Höttges glaubt, dass nur zwei europäische Großplayer überleben können, wenn die von den Eindringlingen ins Rollen gebrachte Übernahmewelle erst einmal über den Kontinent schwappt.

Sehr viel Geld ist unterwegs nach Europa

Einen dieser beiden Konzerne möchte er führen: eine Art EADS der Telekommunikation, wenn möglich mit sehr viel weniger Staatseinfluss als beim Flugzeugbauer, aber mehreren Hunderttausend Beschäftigten, Hauptsitz Friedrich-Ebert-Allee 140, Bonn.

Höttges hat seine Version der Zukunft erzählt, sie trägt den Namen "Telco 2020". Aber natürlich, das weiß er, kann die Telekom auch untergepflügt werden. Das Endspiel hat begonnen in einer Industrie, in der das Skalengeschäft wichtiger ist als kaum irgendwo. Umsätze werden nach Dutzenden von Milliarden Euro, Kunden nach Dutzenden von Millionen berechnet.

Viel Geld, sehr viel Geld ist unterwegs nach Europa. Der Mexikaner Carlos Slim (73), zweitreichster Erdenbürger, hat sich im vergangenen Jahr mit seinem Konzern América Móvil bei der E-Plus-Mutter KPN  in den Niederlanden und bei der Telekom Austria eingekauft, jetzt soll E-Plus mit den Mobilfunkern von O2 in Deutschland fusioniert werden.

Vodafone, in Deutschland Höttges' ärgster Konkurrent, wird sich voraussichtlich 2014 Kabel Deutschland einverleiben. Gerade erst haben sich die Briten zudem aus den USA verabschiedet; mit einem Teil des Milliardensegens aus dem Verkauf ihres Verizon-Anteils wollen sie nun in Deutschland und Europa angreifen - wenn Vodafone , bald deutlich an Wert geschrumpft, nicht selbst noch zur Beute wird. Als Interessenten gelten bereits AT&T, América Móvil sowie Softbank  aus Japan.

Die Gefahr, dass ein unliebsamer Eindringling die Telekom selbst kapert, ist durch den Großaktionär Bund (32 Prozent) weitestgehend gebannt. Doch Höttges will vorn mitspielen, statt überrannt zu werden. Das Wichtigste sei ihm, "keine Zeit zu verlieren".

Wie Höttges den Aktienkurs nach oben treiben will

Auch Obermann startete mit großen Ambitionen, als er 2006 seinen Job an der Vorstandsspitze antrat. Er gliederte 50.000 Beschäftigte aus, bekam den Spitznamen Dobermann verpasst. Er legte die zerstrittenen Fürstentümer "Mobil" und "Festnetz" zusammen, führte eine Billigmarke, Congstar, ein und öffnete die Telekom für Partnerschaften wie zuletzt mit dem Musikstreaming-Dienst Spotify. Die ehemalige Behörde wirkt heute jünger, weniger grau und ängstlich als zu Beginn seiner Amtszeit.

Doch an entscheidenden Stellen biss Obermann nicht richtig zu. In Bonn bremsen immer noch Heerscharen von Bedenkenträgern die Umsetzung neuer Ideen. Sein einziger Großeinkauf, die griechische OTE, stellte sich als überteuerter Fehlgriff heraus. Zu lange fand Obermann zudem keine Antwort auf die Probleme in den USA - und darauf, was eigentlich genau die Telekom sein sollte. Mal schwebte ihm vor, aus ihr einen IT- und Software-Kraftprotz zu formen, zwischenzeitlich wollte er gar einen Medienkonzern voller Inhalte bauen.

Tims Telekom soll anders aussehen: Sie soll zu einem hocheffizienten, technologisch aufgemotzten Infrastrukturanbieter zusammenwachsen, der in den kommenden Jahren die Konkurrenz von Orange , Telefónica & Co. abhängt. So stark soll die Telekom sein, dass niemand, der in Europa Geschäft im Internet machen will, an ihr vorbeikommt. Seine härteste Munition in den sich ankündigenden Übernahmeschlachten soll der Aktienkurs sein

Das ist der Plan, wie Höttges ihn nach oben treiben will:

  • Alles verkaufen, was nicht Kerngeschäft ist;
  • Milliarden Euro in den Ausbau einer einheitlichen IT- und Netzinfrastruktur in ganz Europa investieren;
  • in Deutschland den Status als Qualitätsführer für Privat- wie Geschäftskunden ausbauen;
  • der beste Partner in Europa für Firmen aus dem Silicon Valley werden;
  • Netzwerk- und Einkaufskooperationen erweitern, auch auf globaler Ebene.

Kostspieliges Großprojekt: "One Deutsche Telekom Europe"

Die Strategie wird Opfer fordern, das größte in den USA. US-Statthalter John Legere (55) wurde neulich eine besondere Ehrung zuteil. Die "New York Times" zählte den T-Mobile-US-Chef als potenziellen Nachfolger für den scheidenden Microsoft-CEO Steve Ballmer auf. Höttges ist darauf mächtig stolz; es läuft gut in Amerika, seit der selbstbewusste, Turnaround-erprobte Legere an Bord ist.

688.000 neue Kunden gewann T-Mobile im zweiten Quartal hinzu, dank des iPhones, das erstmals im Programm ist, und einer aggressiven Billigstrategie. Davor waren die Kunden 16 Quartale in Folge nur davongelaufen. Auch der im April vollzogene Zusammenschluss mit MetroPCS verlief fast ruckelfrei.

Höttges will dennoch raus aus dem Geschäft, sieht keine Chance, sich als viertgrößter Anbieter langfristig zu behaupten. Seine Truppe reist regelmäßig über den Atlantik, um die Lage zu sondieren, Legere ist Höttges' Interimsmanager.

Am einfachsten wäre es, einen Käufer für das derzeit aufblühende Geschäft zu finden; Interesse hat schon der TV-Konzern Dish angekündigt. Auch über einen Zusammenschluss mit dem drittgrößten Anbieter Sprint wird in Bonn weiter nachgedacht, obwohl die Behörden in den USA ein großes Bündnis mit dem Branchenzweiten AT&T erst 2011 verhinderten. Die Telekom kann das Geschäft zudem ab November 2014 ganz über die Börse abstoßen. Mitte September war es 18 Milliarden US-Dollar wert.

"One Deutsche Telekom Europe"

Es soll nicht die einzige Milliardenspritze bleiben. Der Verkauf eines Minderheitsanteils an der Scout24-Gruppe soll möglichst noch in diesem Jahr erfolgen. Gut möglich, dass Höttges mittelfristig versuchen wird, sogar das Großkundengeschäft der T-Systems loszuwerden. Es bringt wenig ein und ist nicht wettbewerbsfähig gegen internationale IT-Outsourcer mit Büros in Bangalore.

Schon jetzt verwies Höttges seine Aufseher in Warschau auf eine große Summe, die er einsetzen kann. 10,4 Milliarden Euro hat er zuletzt aufgetan, etwa durch Funkturmverkäufe, aber auch dank der Vertragsstrafe, die AT&T zahlen musste, nachdem der Deal in den USA geplatzt war.

Höttges braucht viel Geld für ein neues Großprojekt: Es heißt "One Deutsche Telekom Europe".

Claudia Nemat, im Vorstand für das Europa-Geschäft verantwortlich, soll bis 2018 die Netze schneller machen. "Wir werden die ersten sein, die in Europa in allen ihren Märkten den schnellen Mobilfunkstandard LTE anbieten", sagt sie. Doch das ist nur ein Teil des Programms. Alle über die Jahrzehnte herangewachsenen unterschiedlichen Fest- wie Mobilfunknetze und IT-Infrastrukturen sollen zusammengelegt und auf den Internetprotokoll-Standard vereinheitlicht werden. "Diese Umstellung wird so bedeutend sein wie einst der Wechsel von der Kutsche auf das Automobil", so Nemat.

Die Telekom-Infrastruktur von Bonn über Warschau bis Zagreb ließe sich so nicht nur aufmotzen, sondern auch effizienter steuern. Nemat hofft, in Zukunft nur noch ein einziges Datenzentrum für alle Ländergesellschaften zu benötigen, Kundenrechnungen mit ein und demselben IT-System zu erstellen. Klar, das ließe sich mit deutlich weniger Personal erledigen. Nemats maladem Geschäft - Erlöse und Erträge in ihrem Verantwortungsbereich sinken - täte die Verjüngungskur gut.

Die Telekom sieht gute Chancen, die erste Netzadresse in Europa zu werden, weil Konkurrenten wie Orange aufgrund schwacher Geschäftslage das Infrastruktur-Upgrade verschleppen dürften. Die Deutschen träumen davon, zum Wunschpartner aller nach Europa drängenden jungen Internetfirmen aus dem Silicon Valley emporzusteigen, für die das Netz die wichtigste Lebensader ist.

Die Deutschen Telekom  könnte mit knapp 100 Millionen Mobilfunknutzern in Europa wuchern. "Das soll wie eine Steckdosenleiste funktionieren", sagt Höttges.

Deutschland bleibt das Zentrum

Schon schwärmen sie in Bonn von üppigen Umsatzbeteiligungen und der Chance, sich an solchen jungen Überfliegerfirmen zu beteiligen. Die eigene Produkt- und Innovationsabteilung wird unter Höttges indes geschrumpft werden.

Zentrum des Geschehens wird natürlich der Heimatmarkt bleiben. Deutschland-Chef Niek Jan van Damme (52) hat angekündigt, allein von 2013 bis 2015 knapp zwölf Milliarden Euro in den Netzausbau zu investieren. Bis 2016 sollen 24 Millionen Haushalte mit besonders schnellen Festnetzanschlüssen versorgt werden, 60 Prozent der Bevölkerung sollen dann mit 150 Megabit pro Sekunde vom Smartphone aus durchs Internet rasen können.

Als erster Konzern in Deutschland macht die Telekom zudem seit November ein einheitliches Angebot aus Internet, Festnetz- und Mobilfunktelefonie sowie TV. Mit einem solchen Vierfachdienst punkten bereits Anbieter in Südeuropa gegenüber der Kabelkonkurrenz. Und die Telekom hat gemerkt, dass sie etwas tun muss, um gegen die hiesigen Kabelgesellschaften und ein voraussichtlich erstarktes Vodafone-Unternehmen zu bestehen.

Es darf nicht viel schiefgehen

Geschäft in den USA abstoßen, die Infrastruktur in Deutschland und Europa aufmotzen, Kosten reduzieren, das Heimatland zur Festung ausbauen: So glaubt Höttges, gut gerüstet zu sein, wenn eines Tages der Flirt mit den Nachbarn in Madrid oder Paris beginnen sollte - oder sich kleinere nordische Anbieter wie die dänische TDC oder TeliaSonera  aus Schweden an einen großen Partner anlehnen wollen.

Höttges' größter Verbündeter ist die brummende Konjunktur in Deutschland, der größten Marktwirtschaft in Europa. 50 Prozent seiner Erträge erwirtschaftet Höttges hier. "Wenn jemand in Form ist, um von der Konsolidierung in Europa zu profitieren, dann ist es die Deutsche Telekom", sagt Robin Bienenstock, Analystin bei Sanford C. Bernstein.

Die Heimatgeschäfte des Konkurrenten Telefónica in Spanien siechen wegen der Wirtschaftskrise, hohe Schulden erdrücken die Bilanzen. Telecom Italia ist gerade im Begriff, ihre Eigenständigkeit komplett zu verlieren. Großaktionär Telefónica erwägt trotz klammer Kasse, seinen Anteil aufzustocken. Auch die Amerikaner von AT&T sollen in Rom wegen eines Einstiegs angeklopft haben, der ägyptische Konzern Orascom hat ebenfalls Interesse signalisiert.

Doch kaum eine Branche wechselt ihre Moden so launenhaft wie die Telekommunikation. Vor wenigen Jahren noch konzentrierte sich die Hoffnung der Anleger vor allem auf jene Firmen, die sich wie Telefónica teuer in Schwellenländer eingekauft hatten.

Zukauf oder Partnerschaft

Höttges' Stärke ist derzeit vor allem die Schwäche der anderen. Die Telekom selbst ist nur mittelprächtig in Form. In den Büchern standen im zweiten Quartal noch 41 Milliarden Euro Verbindlichkeiten; der Free Cashflow, also die zur Verfügung stehenden Mittel aus dem Geschäft des ersten Halbjahres, verringerten sich um 23 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. Höttges hat angekündigt, diese würden auf Jahressicht weiter schrumpfen, da Investitionen in den USA anstehen. Und selbst die optimistischsten Aktienprognosen der Analysten gehen nicht über 12,50 Euro hinaus.

Es darf nicht viel schiefgehen, sonst stürzt das Höttges-Programm ab wie Smartphones bei überlasteten Netzen.

Höttges darf den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg in den USA nicht verpassen. Jeder Dollar weniger, den er dort einnimmt, fehlt für sein europäisches Infrastrukturprojekt und für Investitionen in Deutschland. Allein in der Heimat verschlingt die Umstellung auf den IP-Standard schon heute eine mittlere dreistellige Millionensumme im Jahr.

Die Netzoffensive in Europa kann zudem schnell ins Stocken geraten. So besitzt die Telekom in manchen Gesellschaften wie Polen oder Österreich nur Mobilfunknetze, kann die Regionen also in das geplante einheitliche Netz- und IT-Geflecht gar nicht integrieren (siehe Grafik Seite 40). Höttges' Finanztruppe muss also, wie derzeit in Polen mit GTS, Festnetzkonkurrenten aufkaufen oder Partnerschaften mit ihnen eingehen.

Gelingt weder ein Zukauf noch eine Partnerschaft, werden sich die Deutschen aus den entsprechenden Ländern zurückziehen. Die Niederlande könnte dieses Schicksal bald ereilen.

Mehr Leistungskontrolle, mehr Transparenz

Und selbst die Trutzburg Deutschland muss erst beweisen, wie wehrerprobt sie wirklich ist. Vodafone-Deutschland-Chef Jens Schulte-Bockum (46) erwirbt mit Kabel Deutschland  schließlich ein weit leistungsstärkeres Festnetz, als es die Telekom anbieten kann. Nicht zuletzt für die zügige Integration hofft der Vodafone-Lenker aus der Zentrale in England 1,5 Milliarden Euro extra in den kommenden drei Jahren zu erhalten. Der Netzqualitätsbonus, den alle gängigen Branchentests der Telekom noch attestieren, könnte schnell wieder verspielt sein.

Jetzt kommt es auf Tims Team an. Schon bevor er die Nummer eins wird, hat Höttges etliche Vertraute um sich geschart. Als neuer Finanzchef folgt sein alter Weggefährte Thomas Dannenfeldt (47). Dannenfeldt gilt als stiller, besonders nüchterner Zahlenversteher und als extrem loyal. Im Sommer machte Höttges Raphael Kübler (50), bis vor Kurzem Chefcontroller, zum Leiter des neu gegründeten "Corporate Operating Office".

In Bonn haben sie Kübler bereits den Spitznamen COO verpasst, auch wenn Höttges beteuert, keinen echten Chief Operating Officer zu benötigen. Kübler soll Höttges den Rücken freihalten - und nachfassen, wenn es in einzelnen Geschäftsbereichen hakt. Kübler war schon unter Ron Sommer Stabsleiter. Höttges witzelt gern, Kübler gehöre länger zum Kreis der Topleader als er selbst, sie verhielten sich zueinander wie Yin und Yang. Er hat noch viel mit ihm vor.

Sollte eines der Vorstandsmitglieder Höttges' Leistungskontrolle im Laufe seiner ersten Amtszeit nicht standhalten, Kübler wäre wohl ein Kandidat für die Nachfolge. Europa-Vorstand Nemat, eine ehemalige McKinsey-Beraterin, gilt zwar als ambitioniert, aber ihr fehlen Erfolge. Ihr Ressort wirft zu wenig Gewinn ab - und könnte sich noch als größter Bremsklotz auf dem Weg nach vorn erweisen. Auch Arbeitsdirektorin Marion Schick (55) muss nach einem Fehlstart in Bonn kräftig nacharbeiten.

Speed, Speed, Speed

Höttges umgibt sich ohnehin gern mit Gleichgesinnten: Viele Schaltstellen hat er mit Finanzern oder langjährigen Weggefährten aus seiner Zeit bei T-Mobile Deutschland besetzt. Auf der Position Dannenfeldts als Geschäftsführer der Deutschland-Gesellschaft folgt Klaus Werner, der zuletzt die Finanzen bei T-Systems führte. Werner hat gleich nach dem Studium bei T-Mobile angefangen. Neuer Chefcontroller wird Michael Wilkens, ehemals zuständig für das internationale Großhandelsgeschäft und bei T-Mobile im Controlling.

Auch Höttges' Strategieentwicklung (Business & Development) leitet seit ein paar Monaten ein Finanzprofi, der Merger & Acquisitions-Chef Thorsten Langheim. Ein neuer Stratege, der Bain & Company-Berater Matthias Budde, wird demnächst Langheim zuarbeiten.

Für alle Mitglieder von Tims Team gilt ein Diktum: Speed, Speed, Speed.

Die Konsequenzen wird der gesamte Vorstand zu spüren bekommen. Die Aufgaben werden wie Projekte verteilt, alle Topmanager müssen offen berichten, die Leistungen sollen gut vergleichbar sein. "Transparenz der Umsetzung ist mir enorm wichtig", sagt Höttges.

Der künftige Chef will seine Mannschaft vor allem auf den Vormarsch der vor Kraft strotzenden Ausländer gut vorbereitet wissen. Insbesondere AT&T und Softbank sind Höttges aus Verkaufsverhandlungen in den USA bestens vertraut. Das Team um AT&T-CEO Randall Stephenson nennt Höttges "die Texaner". Mit ihnen kann er sich gut Einkaufs- oder Netzkooperationen vorstellen. Im Verbund mit derart starken Partnern, so die Hoffnung in Bonn, werde man den Apples und Googles dieser Welt endlich die Stirn bieten können.

Doch mit wem wird Höttges die Telekom am Ende zusammenführen?

Kooperieren, abtasten und kennenlernen

Noch heißt es in Europa: kooperieren, abtasten und kennenlernen. Eine Einkaufspartnerschaft und Netzbündnisse mit Orange gelten hier als stilbildend. Die Franzosen sind auch der naheliegendste Kandidat für ein Zusammengehen. Der für 2014 geplante Börsen-gang des Joint Ventures mit Orange in Großbritannien, Everything Everywhere, wurde vorerst sogar auf Halde gelegt. Höttges will erst einmal die Kontrolle über das Geschäft behalten.

Der künftige erste Mann in Bonn hat intern schon wissen lassen, dass er in seiner Zeit als Chefcontroller bei Viag an einer Großfusion tatkräftig mitgewirkt habe. Der Energieversorger verschmolz gegen viel internen Widerstand mit der Veba zu Eon . Die alte Viag-Mannschaft ging damals faktisch unter im Fusionsstrudel. Nach mir die Sintflut, das werde es im Fall der Telekom mit ihm nicht geben, beruhigt Höttges interne Skeptiker.

Darauf vertraut auch der Aufsichtsrat. "Wer der Stärkere ist, soll die Konsolidierung anführen", sagt ein Kontrolleur der Kapitalseite. Am Abend der Strategiesitzung sind die Vorstände und Aufsichtsräte zum Essen auf dem Warschauer Königsschloss eingeladen. Man sitzt da ganz leicht erhöht über dem Rest der Umgebung. Ein Gefühl, ganz ähnlich wie dieser Tage bei der Telekom.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.