Donnerstag, 19. September 2019

Nahrungsmittel Fettes Brot

Steuern auf Kalorien: Welche Staaten jetzt schon abkassieren
JEAN-PIERRE KUNKEL FÜR MANAGER MAGAZIN

Das Vorhaben, den Verkauf von Softdrinks im Zwei-Liter-Becher zu verbieten, ist zwar gekippt. Doch für Lebensmittelkonzerne besteht kein Grund zur Entwarnung: Gesundheitspolitik und neue Steuern auf Zucker, Salz und Fett bedrohen weltweit die Geschäftsmodelle von Coca-Cola, Nestlé & Co.

Eliot Hoff ist ein elegant gekleideter Herr um die 40 mit sanfter Stimme, grau meliertem Haar und einem scheinbar ehrenhaften Anliegen: Als Oberhaupt der Aktionsgemeinschaft "New Yorkers for Beverage Choices" gab er vor, die Freiheit der Amerikaner zu verteidigen - zumindest am Tresen.

Hoff reagierte mit seiner Aktionsgruppe auf ein Gesetzesvorhaben des New Yorker Bürgermeisters Michael Bloomberg: Es sah vor, dass Gastronomen in New York City Limonaden und Colas nicht mehr in mächtigen Zwei- bis Drei-Liter-Gefäßen verkaufen dürfen, sondern maximal in 500-Milliliter-Bechern.

Dieses Gesetzesvorhaben, empört sich Hoff, diene nicht der Gesundheit, sondern bevormunde die Bürger: "Wir wollen selbst entscheiden, was und wie viel wir trinken." Inzwischen hat ein New Yorker Richter die Gesetzvorlage wieder einkassiert: Der "Soda Ban" tritt nicht in Kraft.

Was Hoff nicht sagt: Die vermeintliche Bürgerinitiative war selbst ein Etikettenschwindel. In Wahrheit steht hinter dem Aktivisten Hoff die amerikanische Softdrinkindustrie von Coca-Cola Börsen-Chart zeigen bis PepsiCo Börsen-Chart zeigen.

Hoff ist im Hauptberuf Lobbyist bei der weltweit operierenden Agentur Apco, einer Expertin für politische Schlammschlachten: Apco hat in den 90er Jahren für den Zigarettenkonzern Philip Morris die sogenannten Tabakkriege mit dem US-Staat ausgefochten, hat fragwürdige Analysen lanciert und eine Bürgerinitiative gegen "Gesetzesmissbrauch" gegründet.

Ähnlich wie einst die Tabaklobby, demonstrierte nun auch die Softdrinkindustrie im Fall des drohenden "Soda Ban" Härte. Sie klagte gegen das Vorhaben - und schickte einflussreiche Zeugen vor: Die Bürgerrechtsgruppe NAACP behauptete ernsthaft, der Zwang zu kleineren Bechern benachteilige afro- und lateinamerikanische Imbissbudenbesitzer.

Erfolgreiche Kampagne gegen Bloombergs Cola-Gesetz

Mit der letztlich erfolgreichen Kampagne will die Industrie andere Regierungen abschrecken, ihr ins Geschäft zu pfuschen. Denn Bloombergs Cola-Gesetz galt als Präzedenzfall für den gesamten Lebensmittelsektor, als möglicher Startpunkt für eine weltweite Regulierungswelle.

Die Nahrungsmittelkonzerne, jahrelang wohlgelitten als Ernährer der Weltbevölkerung, sind in Ungnade gefallen, nicht nur in den USA. Schon heute erhebt Frankreich Steuern auf Softdrinks, Finnland auf Süßwaren. Vergleichbare Gesetzesinitiativen werden unter anderem in Russland diskutiert. Selbst in China gilt Fettleibigkeit als politisches Problem, seit westliche Schnellimbissketten in rauen Mengen Junk Food verkaufen.

"Dass Fettsteuern flächendeckend eingeführt werden, ist nur eine Frage der Zeit", prognostiziert Jon Cox vom Analysehaus Kepler Capital Markets, "insbesondere Süßigkeiten- und Snackproduzenten werden davon betroffen sein."

© manager magazin 4/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung