Donnerstag, 14. November 2019

Neue Geschäftsmodelle Die Bankenstürmer

Neue Geschäftsmodelle: Ein Blick in die Zukunft des Finanzgewerbes
REUTERS

Immer mehr Start-ups greifen die großen Geldhäuser an. Der Vorteil der Newcomer: Sie verstehen, was Kunden in digitalen Zeiten wünschen.

Die Datenleitungen liegen auf den Fußleisten, acht Mitarbeiter kleben auf 20 Quadratmetern aneinander, und mit den verwinkelten Treppchen, die die Firmenbüros verbinden, sieht Anil Stockers Hauptquartier in London aus wie eine Zwergenhöhle aus "Der Herr der Ringe". Mehr braucht der Gründer von Marketinvoice nicht, um Riesen wie der Deutschen Bank, HSBC oder Barclays vorzumachen, wie Banking im 21. Jahrhundert funktioniert.

Stocker (29) vermittelt Kredite an Mittelständler. Als Sicherheiten akzeptiert er Rechnungen, die die Kreditnehmer großen Kunden wie BP, Deutsche Bahn oder Microsoft Börsen-Chart zeigen ausgestellt haben, die aber noch nicht beglichen sind. Bei Marketinvoice läuft alles übers Internet: Anmeldung, Bonitätsprüfung, Auktion, Überweisung, Rückzahlung. Einfach, schnell, elegant. So kann Banking auch sein.

Die Kreditgeber, deren Geld Stockers Plattform vermittelt, sind vermögende Privatanleger, Family Offices und Hedgefonds. 18 Monate ist Marketinvoice online, und Stocker kann sich vor Investoren kaum retten, sagt er. Kein Wunder: 10 bis 15 Prozent Rendite verspricht er pro Jahr. Selbst in Zeiten normaler Marktzinsen wäre das stattlich. In einer Zeit, in der Zentralbanken ihr Geld fast umsonst verteilen, ist das fast astronomisch.

Acht Millionen Pfund hat Marketinvoice im September verliehen. Wachstum pro Monat: 20 Prozent. Für 2013 rechnet Gründer Stocker mit einem Volumen von insgesamt 50 Millionen Pfund. Jede Bank könnte das gleiche Geschäft machen. "Aber Banken sind dafür viel zu langsam", sagt Stocker. "Die brauchen ja schon für eine Kreditprüfung drei, vier Monate."

Minifirmen trotzen Megabanken Marktanteile ab

Stocker hat keine hohe Meinung von seinem eigenen Stand, er hat das Bankfach einst bei Lehman Brothers Börsen-Chart zeigen gelernt. Nun will er es den Ex-Kollegen zeigen: "Fintech-Firmen wie Marketinvoice werden die Bankbranche aufmischen wie Ryanair Börsen-Chart zeigen die Airlines."

Eine Horde von Minifirmen macht sich auf, den Megabanken Marktanteile abzuluchsen. Weil das Internet ihr Zuhause ist, nennen sie sich selbst "Fintech". Die Bankenstürmer sind keine Kapuzenpullis tragenden College-Kids. Viele sind Ex-Banker, die die Schwächen ihrer Gegner genau kennen. Und als Geldgeber haben sie einige der erfolgreichsten Internetunternehmer der jüngeren Vergangenheit gewinnen können.

Im Buchhandel, in der Musikindustrie oder den Medien verteilt die Digitalisierung längst große Teile der Erträge um. Neue Anbieter wachsen, etablierte kämpfen ums Überleben. Nun geraten auch die Banken in den digitalen Sturm.

"Das Bankgeschäft könnte am Scheitelpunkt zu einer neuen industriellen Revolution stehen", sagt Andy Haldane, Exekutivdirektor der Bank of England. Noch seien Fintech-Firmen klein, "aber das war Google Börsen-Chart zeigen vor zehn Jahren auch".

Der Kuchen hat allein in Deutschland einen Umfang von fast 59 Milliarden Euro pro Jahr. So hoch sind die Erträge deutscher Geldhäuser im Privatkundengeschäft jährlich. In kaum einer Branche ist mehr zu holen (siehe Grafik "Mitesser") .

Und nirgendwo sind die Verteidiger schwächer. Die Finanzkrise hat das Image der Banken ruiniert, Regulierung bindet einen Gutteil der Managementkapazitäten. Während neue Vorschriften die Gewinne im Investmentbanking drücken, nagen die Niedrigzinsen an den Erträgen mit Privatkunden.

Die Berater von Boston Consulting haben errechnet, dass sich die Eigenkapitalrendite der Banken im Schnitt von 20 auf 10 Prozent halbiert hat.

Schlechte Zeiten für Banken sind gute Zeiten für Bankenstürmer.

© manager magazin 11/2013
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