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Neue Geschäftsmodelle: Ein Blick in die Zukunft des Finanzgewerbes

Foto: ? Kai Pfaffenbach / Reuters/ REUTERS

Neue Geschäftsmodelle Die Bankenstürmer

Immer mehr Start-ups greifen die großen Geldhäuser an. Der Vorteil der Newcomer: Sie verstehen, was Kunden in digitalen Zeiten wünschen.

Die Datenleitungen liegen auf den Fußleisten, acht Mitarbeiter kleben auf 20 Quadratmetern aneinander, und mit den verwinkelten Treppchen, die die Firmenbüros verbinden, sieht Anil Stockers Hauptquartier in London aus wie eine Zwergenhöhle aus "Der Herr der Ringe". Mehr braucht der Gründer von Marketinvoice nicht, um Riesen wie der Deutschen Bank, HSBC oder Barclays vorzumachen, wie Banking im 21. Jahrhundert funktioniert.

Stocker (29) vermittelt Kredite an Mittelständler. Als Sicherheiten akzeptiert er Rechnungen, die die Kreditnehmer großen Kunden wie BP, Deutsche Bahn oder Microsoft  ausgestellt haben, die aber noch nicht beglichen sind. Bei Marketinvoice läuft alles übers Internet: Anmeldung, Bonitätsprüfung, Auktion, Überweisung, Rückzahlung. Einfach, schnell, elegant. So kann Banking auch sein.

Die Kreditgeber, deren Geld Stockers Plattform vermittelt, sind vermögende Privatanleger, Family Offices und Hedgefonds. 18 Monate ist Marketinvoice online, und Stocker kann sich vor Investoren kaum retten, sagt er. Kein Wunder: 10 bis 15 Prozent Rendite verspricht er pro Jahr. Selbst in Zeiten normaler Marktzinsen wäre das stattlich. In einer Zeit, in der Zentralbanken ihr Geld fast umsonst verteilen, ist das fast astronomisch.

Acht Millionen Pfund hat Marketinvoice im September verliehen. Wachstum pro Monat: 20 Prozent. Für 2013 rechnet Gründer Stocker mit einem Volumen von insgesamt 50 Millionen Pfund. Jede Bank könnte das gleiche Geschäft machen. "Aber Banken sind dafür viel zu langsam", sagt Stocker. "Die brauchen ja schon für eine Kreditprüfung drei, vier Monate."

Minifirmen trotzen Megabanken Marktanteile ab

Stocker hat keine hohe Meinung von seinem eigenen Stand, er hat das Bankfach einst bei Lehman Brothers  gelernt. Nun will er es den Ex-Kollegen zeigen: "Fintech-Firmen wie Marketinvoice werden die Bankbranche aufmischen wie Ryanair  die Airlines."

Eine Horde von Minifirmen macht sich auf, den Megabanken Marktanteile abzuluchsen. Weil das Internet ihr Zuhause ist, nennen sie sich selbst "Fintech". Die Bankenstürmer sind keine Kapuzenpullis tragenden College-Kids. Viele sind Ex-Banker, die die Schwächen ihrer Gegner genau kennen. Und als Geldgeber haben sie einige der erfolgreichsten Internetunternehmer der jüngeren Vergangenheit gewinnen können.

Im Buchhandel, in der Musikindustrie oder den Medien verteilt die Digitalisierung längst große Teile der Erträge um. Neue Anbieter wachsen, etablierte kämpfen ums Überleben. Nun geraten auch die Banken in den digitalen Sturm.

"Das Bankgeschäft könnte am Scheitelpunkt zu einer neuen industriellen Revolution stehen", sagt Andy Haldane, Exekutivdirektor der Bank of England. Noch seien Fintech-Firmen klein, "aber das war Google  vor zehn Jahren auch".

Der Kuchen hat allein in Deutschland einen Umfang von fast 59 Milliarden Euro pro Jahr. So hoch sind die Erträge deutscher Geldhäuser im Privatkundengeschäft jährlich. In kaum einer Branche ist mehr zu holen (siehe Grafik "Mitesser") .

Und nirgendwo sind die Verteidiger schwächer. Die Finanzkrise hat das Image der Banken ruiniert, Regulierung bindet einen Gutteil der Managementkapazitäten. Während neue Vorschriften die Gewinne im Investmentbanking drücken, nagen die Niedrigzinsen an den Erträgen mit Privatkunden.

Die Berater von Boston Consulting haben errechnet, dass sich die Eigenkapitalrendite der Banken im Schnitt von 20 auf 10 Prozent halbiert hat.

Schlechte Zeiten für Banken sind gute Zeiten für Bankenstürmer.

Der Kunde ergreift die Macht

Nick Hungerford (33) trägt das Hemd über der Jeans und holt sich ein Wasser an der Bar. Dann stiehlt der CEO von Nutmeg dem Gegenüber den Kuli, zeichnet einen dicken Balken, "das ist eine Bank", und zerteilt ihn mit kleinen Strichen in lauter Schichten - "und das sind ihre Geschäfte". Jede Schicht versieht er mit einem Pfeil: "Und in fast jedem Geschäft machen Fintech-Firmen nun der Bank Konkurrenz." Firmen wie Nutmeg.

Ziel vieler Finanz-Start-ups ist das Privatkundengeschäft; aber auch vor dem Kapitalmarkt- oder Businesskunden-Geschäft machen sie nicht halt. Sie bieten coole Apps fürs Kontenmanagement oder Währungstausch, sie vermitteln Kredite für Konsumenten oder Unternehmer, sie sammeln Kapital für Start-ups, sie geben Prepaid-Kreditkarten aus, wickeln Zahlungen per Smartphone ab, oder sie managen wie Hungerfords Londoner Firma Nutmeg gleich das ganze Investmentdepot.

Jeder der Patchwork-Banker hat es auf eine andere Nische abgesehen, in der er den Banken eine Nase drehen will - weil sein Service billiger und smarter ist als der der Konkurrenten mit ihren Jahrzehnten an Erfahrung, Zehntausenden Mitarbeitern und Milliardenbilanzen.

Die Digitalisierung krempelt den Finanzsektor um, weil sie Macht vom Geldhaus zum Kunden verschiebt: "Zum ersten Mal können sich Kunden ihre Bank selbst zusammensetzen", sagt Hungerford. Daueraufträge lasse er von Firma A organisieren, Kredit hole er sich bei Anbieter B, internationale Transfers mache Firma C für ihn - und sein Depot könne er eben Nutmeg anvertrauen.

Backoffices mit Banklizenz

Banken? Sind in diesem Geschäftsmodell nur noch Backoffices mit Banklizenz. Denn die meisten Fintechs brauchen zwar eine Bank, pirschen aber unbehelligt durch die Regelwälder der Aufseher, weil sie ihre Modelle clever gestalten.

Sechs Jahre arbeitete Hungerford als Broker bei der britischen Großbank Barclays . Dann, sagt er, hatte er "Intransparenz und Überheblichkeit" der Geldmanager satt, die einfache Dinge mit komplizierten Namen versähen, um vom Kunden Gebühren für die Rückübersetzung zu kassieren. Seit Anfang des Jahres ist Nutmeg - englisch für Muskatnuss - online. Die Anleger legen online Sparziele und Strategie fest, den Rest macht Nutmeg - gegen eine Gebühr von maximal einem Prozent des investierten Kapitals pro Jahr. 17.000 Nutzer hat die Plattform schon.

Gründer wie Hungerford oder Stocker setzen darauf, dass sie die Bankkunden des 21. Jahrhunderts besser verstehen als die Banker in ihren Eckbüros. Drei Trends machen sie sich zunutze:

  • Immer vernetzt: Die allgemeine Mobilmachung durch Smartphones und Tablets revolutioniert den Vertrieb in fast allen Branchen. In Deutschland hat sich die Zahl der Klienten, die Bankgeschäfte per Smartphone tätigen, von 2011 bis 2013 auf 35 Prozent fast vervierfacht, haben die Berater von Bain & Company ermittelt.
  • Einfach ist schöner: Die Kunden wollen simple Lösungen, wie sie Apple-Guru Steve Jobs in die Netzindustrie brachte. Die Fintechs bieten intuitive Steuerungen mit wenigen Buttons und eleganten Oberflächen, ob für den PC oder als App. Die Bankenstürmer inszenieren den Umgang mit Geld so spielerisch, dass selbst Unangenehmes wie das Bezahlen einer Rechnung (fast) Spaß macht.
  • Individualität ist alles: Bei Marketinvoice legt der Kunde selbst fest, wann er seinen kurzfristigen Kredit zurückzahlen will. Bei Nutmeg kann jeder Sparer so viel ins Depot einzahlen oder herausnehmen, wie er gerade kann oder braucht. Traditionskonzerne wie die Autobauer nutzen diese Sehnsucht nach dem Persönlichen: Längst kann sich jeder Kunde seinen Traumwagen im Internet virtuell zusammensetzen. Bei vielen Banken herrscht hingegen noch das Denken in Produktlinien: Das hier oder keins, lautet die Parole für den Kunden.

"Die Banken laufen durch die neuen Fintech-Firmen Gefahr, die Schnittstelle zu ihren Kunden zu verlieren", sagt Claus-Peter Praeg vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart, der das Banking der Zukunft erforscht. Am Ende erziele der die besten Erträge, der den Kunden am besten kenne. Als reines Backoffice für die Fintech-Ausschwärmer dürfte manche Bank kaum überleben.

Bislang, sagt Praeg, machten es die Geldhäuser ihren neuen Konkurrenten viel zu einfach, "weil viele noch mit den Chancen der digitalen und mobilen Welt fremdeln." Praeg sieht die Geldkonzerne "am Scheideweg zwischen Renaissance und Bedeutungslosigkeit".

Wie rasant die Herausforderer aus dem Netz heranwachsen können, lässt sich in den USA studieren. Mint, ein Portal für privates Geldmanagement, das sämtliche Finanzströme seiner Nutzer peppig aufbereitet und die Hausbank vergessen macht, rühmt sich zehn Millionen Nutzer. Die Firma Square, die aus Tablets und Smartphones Kassen für den Einzelhandel macht, die Kreditkarten akzeptieren, verkauft ihr System seit Juni sogar in Apple-Stores.

Und seit Februar ist der Geldversender Xoom, großes Vorbild so manches Finanztechnologen, an der Nasdaq notiert. Die Firma aus San Francisco hat 900.000 Kunden und für diese schon 4,3 Milliarden Dollar um den Globus geschickt. Firmenwert: eine Milliarde Dollar.

"Bye, bye Banks"

Die Fintechs haben starke Verbündete. Ihnen stehen einige der erfolgreichsten Internetunternehmer als Investoren zur Seite. Hungerford gewann Tim Draper als Geldgeber, der schon früh in den E-Mail-Dienst Hotmail und den Internettelefondienst Skype investierte. Kürzlich ist auch noch Klaus Hommels bei Nutmeg eingestiegen, der mit Facebook  und Xing  viel Geld verdiente. Bei Square hat Twitter-Gründer Jack Dorsey investiert.

Sie alle glauben an das, was Microsoft-Milliardär Bill Gates 1994 sagte: "Banking ist notwendig, Banken sind es nicht."

Wer einmal aus der Nähe erlebt hat, wie eine kleine Internetfirma den Markt aufrollt, der denkt lieber groß als klein. Und so nimmt Taavet Hinrikus (32) den Mund auch ganz schön voll.

Hinrikus, Fünftagebart und urbaner Schlabberlook, empfängt in einem loftartigen Riesenbüro, in dem neben seiner Firma Transferwise noch drei andere Jungunternehmen werkeln. Wände gibt es keine. Aber große Pläne.

Transferwise tauscht für seine Kunden Währungen. "Banken verlangen für so was bis zu 5 Prozent Gebühren, wir sind zehnmal günstiger", sagt Hinrikus. Als Investor gewann er Peter Thiel, einen der ersten Finanziers von Facebook .

Welchen Marktanteil er den Fintech-Firmen im Banking in zehn Jahren zutraue? "30 Prozent", antwortet Hinrikus prompt. Das wären allein in Deutschland Erträge von 18 Milliarden Euro.

Klingt übergeschnappt. Aber Hinrikus war einst der erste Angestellte von Skype und trat gegen Telefonkonzerne auf allen fünf Kontinenten an. "Seit seiner Gründung 2003 hat Skype rund 30 Prozent vom Weltmarkt für Ferngespräche an sich gebracht", sagt Hinrikus. Nun seien eben die Banken dran. Das Firmenmotto von Transferwise? "Bye, bye banks".

Europas Fintech-Kapitale ist London, aber auch in Deutschland bläst eine Horde Jungunternehmer zum Angriff auf die Bankentürme. Smava tummelt sich im Kreditgeschäft. Seedmatch hat sich als Finanzierer von Start-ups etabliert. Avuba bietet eine Plattform zum persönlichen Finanzmanagement nach dem Modell von Mint. Und, und, und.

Surminski, der das Bankfach bei der Royal Bank of Scotland (RBS)  lernte, ist einer der Gründer von Ayondo, einem Anbieter von "Social Trading". Kleinanleger, Daytrader und sogar Fondsprofis legen auf der Plattform ihre Deals offen, sodass andere ihren Strategien in Echtzeit folgen können. So will Ayondo den Bankberater abschaffen. 60.000 Anleger, sagt Surminski, nutzten den Service schon.

Grundsätzlich würde er auch gern mit Banken kooperieren: "Aber deren Innovationszyklen laufen oft über Jahre, so viel Zeit haben wir nicht."

Schwarze Flaggen für die Banken

Langsam dahintrottende Dinosaurier, denen ein paar kleine Hüpfer schon bald ein Drittel ihres Futters streitig machen? Das ist natürlich nicht das Bild, das Frank Strauß (43) von seiner Postbank  malt. Seit Sommer 2012 führt er die Tochter der Deutschen Bank . Mit 14 Millionen Kunden ist sie die größte Privatkundenbank im Land, also ein Primärziel für so manchen Fintech-Gründer.

Der Bankchef fühlt sich gut gerüstet für die neuen Wettbewerber. Bei Girokonten oder Konsumentenkrediten peilt Strauß an, bald die Hälfte des Neugeschäfts im Internet zu machen.

Das könnte bitter nötig werden, denn noch eine ganz andere Klasse neuer Wettbewerber steht längst vor Strauß' Tür: die Internetkonzerne.

Apple , Google , Facebook , Amazon  und Ebay  kennen dank ihrer Datenfarmen die Kunden der Banken besser als die Banken selbst. Und sie haben das Geldgeschäft längst im Visier. Dass Apples neuestes iPhone einen Fingerabdruckscanner hat, gilt als Vorbereitung für seine Nutzung als Kreditkarte. Google hält eine Lizenz für elektronisches Banking und hat mit Google Wallet 2011 in den USA ein eigenes Zahlungssystem gestartet.

Argwöhnisch beäugen die binären Bankiers aus ihren Filialen und Zentralen diese Aktivitäten der "Digital Natives".

Die Banker ahnen, was ihnen blühen könnte. Schon beim Aufstieg des Internetbezahldienstes Paypal fiel ihnen keine Gegenwehr ein. Nun wickelt Paypal allein in Deutschland ein Viertel aller Online-Käufe ab und ist zur Cashcow seiner Mutter Ebay mutiert.

Auch andere Traditionskonzerne machen in Geldsachen mobil. Der Einzelhändler Otto hat eine eigene Payment-Tochter namens Yapital gegründet. Die besiegelte kürzlich eine Partnerschaft mit dem Handelsriesen Rewe.

Die Banken? Sind raus.

Einer, der seit 20 Jahren Banken erschreckt, sieht den Bankenstürmern wohlwollend zu. Schließlich seien die ja so etwas wie seine Erben, sagt Karl Matthäus Schmidt, selbst erst 44 Jahre alt.

Mitte der 90er startete der Spross einer fränkischen Bankiersdynastie seinen Bankensturm und gründete den Online-Broker Consors. Beim Börsengang anno 1999 ließ Schmidt schwarz flaggen - um die alten Banken zu betrauern.

Das war vielleicht ein bisschen früh, aber der Revoluzzer gibt keine Ruhe. Heute führt Schmidt die Quirin Bank, die als Vermögensverwalter nur gegen Honorar arbeitet und nicht auf Provisionsbasis wie die meisten anderen Geldhäuser. Nach einigen Verlustjahren sind die Zahlen heute schwarz.

Natürlich, sagt Schmidt, müssten die Fintechs noch beweisen, dass sie auch profitabel sein können. "Aber mir gefällt unheimlich gut, wie viele kreative Köpfe jetzt ins Finanzgeschäft drängen." Denn: "Kaum eine Branche kann frisches Blut besser gebrauchen."

Und weil Schmidt nicht abseits stehen mag, wenn die Zukunft seiner Branche neu definiert wird, hat er gerade Quirion gegründet, seine eigene Fintech-Firma. Die bietet seit November standardisierte Vermögensberatung auf Honorarbasis an - alles online, einfach und total cool gestaltet, sagt Bankier Schmidt.

Modernes Banking eben.

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