Donnerstag, 27. Juni 2019

Crowdinvesting Die Macht des Schwarms

Crowdfunding: Finanzspritze vom Schwarm
Corbis

3. Teil: Vom Schwarm profitieren

In solchen Konstruktionen kann das Crowdinvesting seine zweite große Stärke ausspielen: Die schiere Masse der Investoren funktioniert als Erfolgsindikator und Multiplikator. "Wenn sich alle begeistert auf ein Projekt stürzen, dann zeigt das schon, dass die Chancen am Markt nicht ganz schlecht sein können", sagt Thomas Herzog von Innovestment. Zudem werben die Bonsai-Investoren in sozialen Netzwerken und bei Freunden fleißig für "ihre" Firma - und steuern vielleicht die eine oder andere kluge Idee bei.

"Wir profitieren enorm vom Austausch mit den Investoren", sagt Thorsten Raffelberg (36), der gemeinsam mit Daniel Berndt (31) "Guiders" gegründet hat, ein Vermittlungsportal für Outdoor-Touren, Reisen und Guides in aller Welt, von der Stadtführung durch Singapur bis zur Alpenquerung auf dem Drahtesel. "Wer uns als Crowdinvestor unterstützt, hat meist auch eine Affinität zu unserem Produkt und gibt uns Tipps, wie wir besser werden können", sagt Raffelberg.

Deshalb haben sich die Guiders-Chefs allerdings auch bewusst für Innovestment entschieden, weil das Auktionsverfahren die Zahl der Investoren niedriger hält. Bei Guiders, das im März 2012 knapp 90.000 Euro einsammelte, pendelte sich das Mindestgebot bei 1124 Euro ein. "So sind vor allem Leute dabei, die sich wirklich engagieren und nicht aus Spaß irgendwo 50 Euro reinstecken wollen." Und: Der Aufwand, mit ihnen Kontakt zu halten, bleibt überschaubar. Andere Start-ups klagen bereits, dass die Kommunikation mit den Schwarmunterstützern äußerst zeitintensiv sei: Alle machen mit, jeder redet hinein. Ignorieren geht aber nicht: Eine vor den Kopf gestoßene Crowd wäre gar nicht gut.

Wenn der virale Effekt zum Bumerang wird

Denn gerade die Unterstützung der vielen kann schnell zum Bumerang werden. Etwa im Fall der Pleite, die laut KfW-Gründungsmonitor statistisch jedem dritten Start-up innerhalb der ersten drei Jahre droht. Dann könnte der eigentlich positive virale Effekt in Enttäuschung umschlagen und die Attraktivität des ganzen Finanzierungsmodells gefährden. Auch die Abgrenzung vom Wettbewerb ist schwierig: "Die Plattformen sind für alle offen", sagt Wellington-Partner Thaler-Wolski, "jeder potenzielle Konkurrent kann eine kleine Summe investieren und ist ständig über die Geschäfte der Firma auf dem Laufenden."

Die Situation dürfte sich noch verschärfen. Anfangs nutzten die Plattformen eine Lücke im Vermögensanlagegesetz, wonach erst ab 100.000 Euro das umständliche und teure Erstellen eines Wertpapierprospekts notwendig ist. Die ersten Crowdinvesting-Runden überstiegen den Betrag nicht. Mittlerweile haben einige Plattformen Modelle gefunden, auch höhere Finanzierungen ohne Prospektpflicht durchzuziehen - was den Investorenkreis deutlich erweitern wird. Seedmatch etwa erhöhte das Limit für Erstfundings auf 250.000 Euro - das Ende ist damit wohl noch nicht erreicht.

Seedmatch-Chef Sauer wickelt mittlerweile auch die Folgefinanzierungen über seine Plattform ab. AoTerra - ein Unternehmen, dessen Technik Wärme von Servern zum Beheizen von Gebäuden nutzt - sammelte beispielsweise im Juni eine Million Euro ein. "Die Kultur muss sich ändern, weg von den nüchternen Venture Capitalists hin zur Leidenschaft der Crowd. Aber die Crowd muss langfristig profitieren, und dazu müssen wir auch in großen Kapitalrunden ein ernsthafter Player sein."

Rechtliche Probleme

Bei der Dresdner Plattform, die seit dem Launch im August 2011 rund 38 Start-ups finanziert hat, bekommen Investoren nun keine stille Beteiligung mehr, sondern ein "partiarisches Nachrangdarlehen" mit fester Mindestverzinsung und Beteiligung an eventuellen Gewinnen und Exit-Erlösen. Das bedeutet auch: Die Investoren dürfen weniger reinreden. Gerade für Gründer, die auf weitere Finanzierungsrunden, etwa durch einen Venture Capitalist, angewiesen sind, konnte dies vorher zum Problem werden: Angesichts Dutzender Mitinvestoren mit oft nicht ausdefinierten Mitspracherechten befällt Wagniskapitalgeber meist eine gewisse Nervosität.

In den neuen Seedmatch-Verträgen heißt es nun über Anschlussfinanzierungen: "Das Start-up bedarf für diese Maßnahmen nicht der Zustimmung des Investors." Konkurrent Companisto sammelt traditionell alle Investoren in einem Pool, sodass Wagniskapitalgeber nur einen Ansprechpartner haben. Beide bewerben ihr Modell als VC-orientiert.

Alles noch zu wenig, zu viel Klein-Klein, findet Guido Sandler. Der Gründer der Berliner Effektenbank hat gemeinsam mit Dennis Bemmann, der StudiVZ mitentwickelte, die Bergfürst-Plattform aus der Taufe gehoben. Crowdinvestoren sollen dort keine stillen Beteiligungen oder Darlehen erwerben, sondern Aktien der jungen Firmen, die auf der Plattform handelbar sind. "Damit bieten wir Investoren nicht nur echte Teilhabe, sondern lösen auch die Frage, was passiert, wenn ein Investor früher wieder aussteigen will", verspricht Sandler.

Ein Sekundärmarkt soll entstehen, zwischen zwei und fünf Millionen Euro will Sandler pro Emission einsammeln. "Wir zielen nicht auf die Startphase, sondern auf Unternehmen, die sich am Markt bewährt haben und Geld für Wachstum brauchen." Bergfürst hat die nötige Bafin-Lizenz. Auch ein Unternehmen, in das sie investieren können, ist inzwischen gefunden: Urbanara. Vergangenen Herbst wollte der smarte Verkäufer Sandler ursprünglich starten - jetzt verspricht er die erste Emission bis Ende September; mindestens drei Millionen Euro sollen gesammelt werden. Es wäre eines der größten Crowdinvestings in Europa.

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