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Im Sog der Märkte: Manager, die den Kick suchen

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Spielsucht bei Managern Das Hoeneß-Syndrom

Uli Hoeneß ist kein Einzelfall: Viele Unternehmer und Manager suchen am Finanzmarkt den Nervenkitzel. Nicht wenige verlieren die Kontrolle - und ihr Vermögen. Wie Wirtschaftsführer in die Zockerei abrutschen.

Am südöstlichen Rand der Schwäbischen Alb ragt in einem tristen Industriegebiet ein dunkler Betonklotz mit grellen, orangefarbenen Zierstreifen in den Himmel. Auf dem Dach des Gebäudes kreist träge ein weißer Würfel mit einem markanten schwarzen M auf jeder Seite. Die riesigen Buchstaben sollen der Welt zeigen, wer hier das Sagen hat: Erwin Müller (80), Milliardär und König der Drogeriemärkte.

Seit Jahrzehnten wird der gelernte Friseur für sein Geschick gerühmt, Shampoo und Parfüm billig ein- und teuer weiterzuverkaufen. Damit kennt er sich aus, damit ist er reich geworden.

Im März jedoch offenbarte der Geschäftsbericht, auf welche Abwege der Patriarch mit Handelsgeschäften ganz anderer Art geraten war: Die Zentrale des Drogerieimperiums hatte zumindest zeitweise eine gefährliche Ähnlichkeit mit dem Tradingdesk eines Hedgefonds.

Müller schloss spektakuläre Wetten auf den Fall des Schweizer Franken und des japanischen Yen ab, die er genauso spektakulär verlor. Rund 241 Millionen Euro Verlust standen schließlich in den Büchern. Der mit Aktien und riskanten Optionspapieren geführte Übernahmekampf gegen den Konkurrenten Douglas  drohte zeitweise im Desaster zu enden. Und Ende Mai verklagte der streitbare Schwabe die Schweizer Privatbank Sarasin wegen missratener Aktiengeschäfte auf 50 Millionen Euro Schadenersatz.

Am Ende hatten Müllers Kreditgeber offenbar genug von der Zockerei. Auf Druck seiner Gläubiger musste der Unternehmer 290 Millionen Euro zurückstellen, um seine Währungsrisiken abzusichern, berichtete die "Lebensmittelzeitung". Den Konsortialkredit verlängerten die Banken erst, nachdem Müller seinen Finanzchef Hansjörg Plaggemars (42) in die Geschäftsführung befördert hatte. Dessen Aufgabe wird es sein, den Hobby-Hedgefondsmanager zu bremsen.

Millionen-Zocker Erwin Müller ist nur einer von vielen

Dass nun ausgerechnet Erwin Müller als Börsenzocker auffällig wurde, liegt wohl hauptsächlich an der Größenordnung seiner Geschäfte. Tatsächlich ist er nur einer von vielen Unternehmern und Managern, die an den Finanzmärkten den Nervenkitzel suchen: Das Privatbankkonto mit großzügigem Kreditrahmen und 24-Stunden-Telefondienst für Börsendeals ist mehr als nur ein Statussymbol. Es ist das heimliche Spielkasino der deutschen Wirtschaftselite.

"Börsendeals sind für Manager und Unternehmer, was vor 300 Jahren Würfel- und Kartentische an Königs- und Fürstenhöfen waren: die sozial akzeptierte Form des Glücksspiels", sagt Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Uni Hohenheim.

Wer über seinen Broker Wetten abgibt, gilt nicht als Hasardeur, sondern als smarter Investor. In manchen Fällen gleicht dieses Selbstbildnis allerdings einem gefährlichen Selbstbetrug. "Darauf zu setzen, ob der Dax  oder der Euro in der nächsten halben Stunde höher oder tiefer steht, ist nichts anderes als Glücksspiel", sagt Becker: "Solche Schwankungen sind nicht durch wirtschaftliche Faktoren zu erklären und damit auch nicht erfolgreich vorhersagbar."

Die Suche nach dem Kick

Nicht wenige Firmenlenker versuchen es dennoch, wollen das Gefühl auskosten, den Markt zu schlagen, den Triumph genießen, besser zu sein als der traurige Rest der Verlierer. "Gerade Manager und Unternehmer sind anfällig für derartige Kicks", sagt Christoph Middendorf, Chefarzt der Oberbergklinik Schwarzwald. Mehrere Dutzend Börsenzocker hat er in seinen 19 Jahren als Suchttherapeut in der Privatklinik schon behandelt.

"Das sind Erfolgsmenschen, die Unabhängigkeit ausstrahlen und ihre Autonomie betonen", sagt Middendorf. Vor allem sind sie besonders empfänglich für das trügerische Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Gerade die mächtigen Wirtschaftslenker neigen zu der Selbsttäuschung, dass sie die Börse ebenso dominieren können wie die eigene Firma.

"Jemand mit großer wirtschaftlicher Erfahrung kann sich über lange Zeiträume einreden, dass er eben doch den Durchblick am Finanzmarkt hat, anstatt spielsüchtig zu sein", sagt Middendorf.

Druck von außen

Alles unter Kontrolle: So sah sich auch Uli Hoeneß (61), Präsident des FC Bayern München und im Nebenberuf Wurstfabrikant. Dessen Abhängigkeit vom Auf und Ab an den Finanzmärkten flog nach einer öffentlich gewordenen Selbstanzeige bei den Steuerbehörden auf. Über eine Schweizer Privatbank hatte der einstige Fußballnationalspieler seit der Jahrtausendwende mit Millionenbeträgen am Devisenmarkt spekuliert.

"In den Jahren 2002 bis 2006 habe ich richtig gezockt. Das waren Summen, die für mich heute auch schwer zu begreifen sind, das war teilweise extrem", sagte Hoeneß der "Zeit".

Genau wie Erwin Müller reduzierte auch Hoeneß seine Devisenwetten erst auf Druck von außen. Das war 2006, als es finanziell eng wurde für den Bayern-Manager. "Ich habe zu viele Verluste gemacht. Ich konnte nicht mehr so viel zocken", räumt er ein. Aufgehört aber hat er nicht - auch auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Herbst 2008 verlor er hoch.

Im Sog der Märkte

Hoeneß selbst hält sich bis heute nicht für spielsüchtig, auch wenn er zugibt: "Ein paar Jahre lang war ich wohl nah dran." Inzwischen glaubt er kuriert zu sein - wobei ihm sein Sohn Florian im gleichen Interview offen widerspricht: "Die Familie sieht das anders."

Trotz ihrer massiven Probleme suchen Börsenspekulanten meist erst dann Hilfe, wenn sie am Boden angekommen sind. So wie der Berliner Familienunternehmer Julius Rohnke, Erbe eines florierenden Unternehmens aus dem Maschinenbau mit einstmals 80 Angestellten.

An einem Frühlingsmontag des Jahres 2009 steigt der damals 44-Jährige, der seinen wirklichen Namen nicht öffentlich machen möchte, am Berliner Hauptbahnhof aus der S-Bahn und geht durch den Nordausgang. Nach 300 Metern auf der Invalidenstraße biegt er rechts ab und erreicht bald darauf das Klinikgelände der Charité. Der Lärm der Großstadt ist hier nur noch ein dumpfes Rauschen. Am Bonhoefferweg 3 ist Rohnke am Ziel: ein rotes Backsteingebäude mit kupferbedeckten Türmchen, Baujahr 1905. Er geht durch den Eingang, über dem in großen Lettern "Psychiatrische und Nervenklinik" steht.

Beim Diagnosegespräch im zweiten Stock erzählt er der Psychologin in einem schmucklosen 15-Quadratmeter-Zimmer von seiner Depression und den Selbstmordgedanken. Seine Frau ist weg, der Familienbetrieb insolvent, Rohnke selbst ebenfalls pleite. Erst vor wenigen Tagen hat der Gerichtsvollzieher seinen Laptop gepfändet.

Ausgerechnet das Gerät, das er seit Jahren überall dabei hatte, auf dem er alle paar Minuten die Währungskurse prüfte und wie getrieben Kauf- und Verkaufsorders einhackte. Dollar, Schweizer Franken, japanische Yen, das war seine Welt.

Leben auf Laptop und ein Daytrading-Programm reduziert

Rohnke war dort, wo sich auch Uli Hoeneß und Erwin Müller bewegten. Sein Leben hatte sich auf einen Laptop und ein Daytrading-Programm reduziert. Nun gab es selbst diesen Fluchtpunkt nicht mehr. Rohnke hatte nichts mehr - außer einem Bett im ersten Stock der Nervenklinik. Dort würde er die nächsten Wochen verbringen.

Für Chantal Mörsen von der Arbeitsgemeinschaft Spielsucht der Charité sind Börsenspekulanten wie Julius Rohnke Alltag. "Meist handelt es sich dabei um Führungspersönlichkeiten, die von sich und ihren Fähigkeiten restlos überzeugt sind", sagt die Psychologin: "Das sind Machertypen ohne Hang zur Selbstkritik. Die diskutieren nicht lange herum, sondern gehen ihren Weg."

Es ist das Handlungsmuster erfolgreicher Unternehmer und Manager. Hoeneß formte den FC Bayern auf diese Weise zur Fußballsupermacht. Müller stieg zu einem der größten Einzelhändler der Republik auf. Weil sie auf ihrem Gebiet zu den Besten gehören, weil sie ihr Geschäft beherrschen und kontrollieren, glauben sie sich auch bestens für die Welt der Finanzmärkte gerüstet.

"Aber dort zählen Geduld, Disziplin und permanente Fehleranalyse mehr als die Fähigkeiten der Abteilung Attacke", sagt der Frankfurter Börsenpsychologe Joachim Goldberg: "Hohe Selbstsicherheit verführt zum Irrglauben, die Kurse so im Griff haben zu können wie die eigene Firma. Und das ist der erste Schritt ins Verhängnis."

Bevor er im Sog der Finanzmärkte unterging, war der Berliner Unternehmer Rohnke in seinem Familienbetrieb die unbestrittene Nummer eins. Seine ersten Börsengeschäfte verlaufen vielversprechend. Mit 32 Jahren steckt er erstmals Gewinne der florierenden Firma in Aktien und Optionsscheine. Es ist 1997, die Zeit der Internetmillionäre und New-Economy-Partys hat gerade begonnen.

Rohnke feiert mit, wo es nur geht. Wenn er geschäftlich in den USA unterwegs ist, fliegt er mit seinen Geschäftspartnern nach Las Vegas weiter, dem Glamour und Nervenkitzel der großen Kasinos auf der Spur.

Wenn er nachts im Hotelzimmer den Laptop aufklappt und einen Blick auf sein Depot wirft, sieht er nichts als steigende Kurse. Die erste Phase der Sucht hat begonnen, sie wird ihn nicht mehr loslassen.

Jäger des verlorenen Schatzes

Fünf Jahre später ist die Internetblase geplatzt. Rohnke hat hohe Summen verloren. Geld, das er sich von der Börse zurückholen will. Es ist die Zeit, die auch Uli Hoeneß "schwere Verluste" beschert: "Ich war da richtig klamm", gibt er heute zu. Aber statt einen Schlussstrich zu ziehen, nimmt er das Angebot seines Freundes, des damaligen Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus an. Der Franzose leiht ihm 20 Millionen D-Mark - und die privaten Finanzwetten des Bayern-Managers erreichen eine völlig neue Dimension.

Verlorenem Geld hinterherzujagen ist typisch für die zweite Phase einer Spielsucht. Sie hat den Berliner Unternehmenschef Rohnke inzwischen fest im Griff. Wenn er an der Börse gewinnt, prahlt er vor Freunden und Bekannten mit seinen Erfolgen, lädt sie in edle Restaurants ein, macht teure Geschenke. Noch immer ist Rohnke jemand, zu dem die anderen aufschauen, auf dessen Rat sie hören. Seine schwindelerregenden Verluste verschweigt er.

So wie der Börsenpager, den Hoeneß auf der Stadiontribüne, bei Interviews und Vertragsverhandlungen nie aus den Augen verliert, wird der Laptop für Rohnke zum ständigen Begleiter. Im Minutentakt schaut er auf die Kurse. Über Stunden hat er nichts anderes im Sinn als seine schnellen Trades: Ausgestattet mit einer superschnellen Internetleitung, setzt er auf den Yen, wettet gegen den Dollar. Anschließend starrt er auf den Chart, der sich sekündlich bewegt. Weil er mit großen Summen auf Kredit handelt, bringen schon kleine Kursbewegungen große Gewinne oder schmerzhafte Verluste. Und Rohnke verliert viel.

Um Geld geht es in dieser letzten Phase schon lange nicht mehr: Rohnke zockt vor allem, weil es ihn vom Druck befreit, unter den ihn die Folgen seiner Sucht setzen. Wenn er den Kurs-Chart fixieren kann, muss er nicht an seine Zukunft denken. Nicht an die Last der Schulden, nicht an das aus der Firma abgezweigte Geld oder seine zerbrechende Ehe. Er schiebt seine Probleme auf die Seite. Anstatt sich zu stellen, zockt er.

Wie Dirk Rossmann den Absprung vom Zocken schaffte

Auch Drogeriemarktunternehmer Dirk Rossmann (66) ließ in den 90er Jahren seinen Konzern schleifen und spekulierte stattdessen. "Mein größter Fehler war es, jahrelang das Wichtigste aus den Augen verloren zu haben: unser Kerngeschäft, die Drogeriemärkte", sagt er später: "Von Jugend an empfand ich große Lust am Spielen, teilweise spekulierte ich mit bis zu 200 Millionen Mark an der Börse, ohne viel Eigenkapital."

Irgendwann waren die Folgen nicht mehr zu verheimlichen. "1997 signalisierten die Banken: Da machen wir nicht mehr mit. Das war der Wendepunkt", erinnert er sich. Von diesem Zeitpunkt an gab es nur noch die Firma.

Rohnke schafft diesen Schritt nicht. Anders als bei Dirk Rossmann gab es keine Banken, die ihm rechtzeitig Stoppsignale sendeten. So einfach wäre es bei ihm zum Schluss auch nicht mehr gegangen: Am Ende braucht er das Trading so sehr wie ein Junkie seinen Schuss.

Dopamin: Jenes mächtige High

Zu diesem Zeitpunkt ist der Berliner Unternehmer längst in einem Stadium, in dem die Abhängigkeit auch körperlich spürbar wird. Über die Phase, als er zu jeder Tages- und Nachtzeit mit den Banken telefonierte, erzählt Uli Hoeneß heute: "Das war der Kick, das pure Adrenalin."

Wie bei jeder anderen Sucht spielt dabei der Glücksbotenstoff Dopamin die Hauptrolle. Ganz gleich, ob Alkohol, Kokain oder Amphetamin - Drogen steigern die Ausschüttung des Dopamins. "Der Neurotransmitter löst auch die Euphorie aus, die Spielsüchtige und Börsenhändler erleben", sagt John Coates von der Universität Cambridge, "jenes mächtige High, das Trader spüren, wenn ein Geschäft aufgeht".

Der Neurowissenschaftler weiß, wovon er redet: Er selbst arbeitete jahrelang als Derivatehändler für Goldman Sachs . Jetzt erforscht er, was sich im Hirn der Trader abspielt.

Zehnmal stärker als Sex

Das Dopaminlevel ist die zentrale Maßeinheit dafür, wie stark die Sucht das Gehirn manipuliert. Nikotin kann den Dopaminspiegel um 200 Prozent erhöhen, Kokain um 400 Prozent und Amphetamin um 1000 Prozent. Zum Vergleich: Durchschnittlicher Sex bringt ein Plus von 100 Prozent auf der Dopaminskala. Psychologen und Ärzte sind überzeugt davon, dass Spielsucht eine ähnlich starke Abhängigkeit erzeugt wie der Großteil der klassischen Drogen.

Die erschreckendste Parallele zur Alkohol- oder Kokainsucht: Ab einem bestimmten Zeitpunkt setzt auch bei den Finanzzockern nur noch der Börsenkick das ersehnte Dopamin frei. Alles andere empfinden sie als fad und öde. Und wie Junkies brauchen auch Spieler immer stärkere Reize.

"So wie ein Alkoholiker, der die Dosis immer weiter steigern muss, gewöhnen sich wohl auch Trader an ein bestimmtes Risikolevel und werden von dem unwiderstehlichen Drang getrieben, ihre Finanzwetten über jedes vernünftiges Maß hinaus zu vergrößern", sagt Ex-Derivatehändler Coates.

Letztlich aber lässt sich die Dopamindosis nicht unendlich steigern - selbst durch unbegrenzte Mengen Spielgeld nicht. "Das Gehirn hat nur eine begrenzte Zahl von Dopaminrezeptoren", sagt Psychologin Mörsen von der Charité. "Ab einem bestimmten Niveau verschafft die Sucht deshalb kein Glücksgefühl mehr. Dann spielen Sie nur noch weiter, um zu funktionieren."

Obwohl sie atemberaubende Summen aufs Spiel setzen, fühlen sich schwerstabhängige Spieler am Ende nicht einmal mehr halbwegs gut. "Dann", sagt Mörsen, "gleiten sie in die Depression ab."

Viele ihrer Patienten haben bereits einen Selbstmordversuch hinter sich, wenn sie zu ihr in die psychiatrische Ambulanz kommen. Manche, die an der Börse viel Geld verloren haben, überleben diesen Schicksalsschlag nicht.

Leaving Las Vegas

Der wohl tragischste dieser Fälle ist der schwäbische Unternehmer Adolf Merckle, der mit riskanten Wetten auf Volkswagen-Papiere sein Industrieimperium aufs Spiel setzte. Merckle, der Konzerne wie HeidelbergerCement und Ratiopharm kontrollierte, starb am 5. Januar 2009, nachdem er sich auf der Strecke zwischen Neustadt und Ulm vor einen Zug geworfen hatte.

Auch der Berliner Unternehmer Rohnke ist tief in seiner Depression versunken, als er an jenem Frühlingsmontag im Sommer 2009 sein Krankenhauszimmer in der Nervenklinik der Charité betritt. Vor dem Fenster sieht er den Klinikgarten: drei Linden, ungemähter Rasen, Plastikstühle in unterschiedlichen Farben. Alles eingeschlossen von einer zweieinhalb Meter hohen Backsteinmauer. Acht Wochen wird er hier Tag und Nacht verbringen. Weitere sechs Wochen darf er die Klinik nur stundenweise verlassen.

Nach der ersten Behandlungsphase folgt bei den meisten Spielern eine dreimonatige Rehabilitation in einer Spezialeinrichtung (siehe Kasten links: Hier liegen Sie richtig) . Rohnke entscheidet sich für eine intensive ambulante Behandlung: Zweimal pro Woche geht er zur Therapie in die Charité.

Abhängigkeit bekämpfen, Leben neu aufbauen

Er muss ja nicht nur seine Abhängigkeit bekämpfen, sondern sein übriges Leben neu aufbauen. Die Finanzprobleme regeln und eine Lösung für die juristischen Kollateralschäden seiner Sucht finden. Zu zwei Jahren Haft wird der Berliner schließlich verurteilt. Es ist der Preis, den dafür zahlt, dass er Firmengelder veruntreut hat. Heute ist sein Schuldenproblem zumindest rechtlich geordnet, die Haftstrafe abgesessen. Eines aber hat Rohnke noch immer nicht geschafft: einen neuen Sinn für sein Leben zu finden. Sein gesamtes Selbstbild war auf seine Finanzgeschäfte aufgebaut.

Kein Erfolgsmensch mehr zu sein, der ein Unternehmen führt und mit seinen Börsendeals renommieren kann, das hat er bis heute nicht verwunden. Vor einiger Zeit ist er von Berlin nach Süddeutschland gezogen, in die Kleinstadt, in der seine Schwester lebt. Sie ist einer der wenigen Menschen, zu denen er noch gehen kann, jetzt wo er kein Geld mehr hat.

"Menschen fangen an zu spielen, weil sie Schwierigkeiten verdrängen wollen."

Für solche Patienten sucht der Chefarzt der Oberbergklinik Middendorf nach neuen Aufgaben, um ihnen wieder ein Selbstwertgefühl zu vermitteln. "In intensiven Gesprächen versuchen wir herauszufinden, was ihnen wichtig ist", sagt der Mediziner. "Häufig müssen unsere Patienten auch die Beziehung zu Familie und Freunden neu beleben."

Vor dieser Aufgabe stand auch der pensionierte Anwalt Gerhard Traubach, der mit seinen Börsenwetten nach dem Verkauf seiner Kanzlei begonnen hatte. Schon immer hatte der Jurist sein Selbstwertgefühl aus den beruflichen Erfolgen gezogen. Die Pensionierung glich dem Fall in ein tiefes schwarzes Loch. Eine Zeit lang verschaffte ihm die Börse den vermissten Kick - bis die Verluste auszuufern begannen.

In der Klinik brachte ihn sein Therapeut dazu, sich mit seinen Träumen und Zielen zu beschäftigen, für die ihm seine Kanzlei irgendwann keine Zeit mehr gelassen hatte. Traubach, der in Wirklichkeit anders heißt, suchte sich in seiner Gemeinde ein Ehrenamt, brachte seine Ehe wieder in Ordnung und kam so über seine Spielsucht hinweg.

"Es ist eine ganz typische Situation", sagt Werner Gross, der als Psychologe im nahe der Finanzmetropole Frankfurt gelegenen Offenbach schon viele Börsenzocker therapiert hat. "Menschen fangen an zu spielen, weil sie Schwierigkeiten verdrängen wollen. Die Sucht legt sich über das Problem und verdeckt es."

Dax und Dow lauern sogar in der Tagesschau

Doch selbst wenn das Leben wieder auf einer festen Basis steht, die Gefahr des Rückschlags bleibt. Das Suchtmittel ist allgegenwärtig - Dax und Dollar-Kurs lauern sogar in der "Tagesschau". "Deshalb müssen Süchtige wieder den vernünftigen Umgang mit Geldgeschäften lernen", sagt Therapeut Gross. "Es ist wie bei Essstörungen. Die Aufgabe ist, den vernünftigen Umgang mit dem Suchtmittel zu erreichen."

Nichts ist offenbar schwieriger. Uli Hoeneß beispielsweise beschreibt sein Börsenverhalten heute mit den Worten: "Ich spiele, nur viel weniger." Und der nach eigener Einschätzung auf seine Drogeriekette fokussierte Dirk Rossmann prahlte noch im vergangenen Sommer, dass er einen größeren Betrag mit hochspekulativen Termingeschäften gewonnen habe: "Das mache ich manchmal, das bringt mir Spaß."

Viele Unternehmer, so scheint es, können einfach nicht von dem Kick lassen, den ihnen das Zocken an der Börse verschafft.

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