Samstag, 21. September 2019

Spielsucht bei Managern Das Hoeneß-Syndrom

Im Sog der Märkte: Manager, die den Kick suchen
REUTERS

7. Teil: "Menschen fangen an zu spielen, weil sie Schwierigkeiten verdrängen wollen."

Für solche Patienten sucht der Chefarzt der Oberbergklinik Middendorf nach neuen Aufgaben, um ihnen wieder ein Selbstwertgefühl zu vermitteln. "In intensiven Gesprächen versuchen wir herauszufinden, was ihnen wichtig ist", sagt der Mediziner. "Häufig müssen unsere Patienten auch die Beziehung zu Familie und Freunden neu beleben."

Vor dieser Aufgabe stand auch der pensionierte Anwalt Gerhard Traubach, der mit seinen Börsenwetten nach dem Verkauf seiner Kanzlei begonnen hatte. Schon immer hatte der Jurist sein Selbstwertgefühl aus den beruflichen Erfolgen gezogen. Die Pensionierung glich dem Fall in ein tiefes schwarzes Loch. Eine Zeit lang verschaffte ihm die Börse den vermissten Kick - bis die Verluste auszuufern begannen.

In der Klinik brachte ihn sein Therapeut dazu, sich mit seinen Träumen und Zielen zu beschäftigen, für die ihm seine Kanzlei irgendwann keine Zeit mehr gelassen hatte. Traubach, der in Wirklichkeit anders heißt, suchte sich in seiner Gemeinde ein Ehrenamt, brachte seine Ehe wieder in Ordnung und kam so über seine Spielsucht hinweg.

"Es ist eine ganz typische Situation", sagt Werner Gross, der als Psychologe im nahe der Finanzmetropole Frankfurt gelegenen Offenbach schon viele Börsenzocker therapiert hat. "Menschen fangen an zu spielen, weil sie Schwierigkeiten verdrängen wollen. Die Sucht legt sich über das Problem und verdeckt es."

Dax und Dow lauern sogar in der Tagesschau

Doch selbst wenn das Leben wieder auf einer festen Basis steht, die Gefahr des Rückschlags bleibt. Das Suchtmittel ist allgegenwärtig - Dax und Dollar-Kurs lauern sogar in der "Tagesschau". "Deshalb müssen Süchtige wieder den vernünftigen Umgang mit Geldgeschäften lernen", sagt Therapeut Gross. "Es ist wie bei Essstörungen. Die Aufgabe ist, den vernünftigen Umgang mit dem Suchtmittel zu erreichen."

Nichts ist offenbar schwieriger. Uli Hoeneß beispielsweise beschreibt sein Börsenverhalten heute mit den Worten: "Ich spiele, nur viel weniger." Und der nach eigener Einschätzung auf seine Drogeriekette fokussierte Dirk Rossmann prahlte noch im vergangenen Sommer, dass er einen größeren Betrag mit hochspekulativen Termingeschäften gewonnen habe: "Das mache ich manchmal, das bringt mir Spaß."

Viele Unternehmer, so scheint es, können einfach nicht von dem Kick lassen, den ihnen das Zocken an der Börse verschafft.

© manager magazin 7/2013
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