Samstag, 21. September 2019

Spielsucht bei Managern Das Hoeneß-Syndrom

Im Sog der Märkte: Manager, die den Kick suchen
REUTERS

6. Teil: Leaving Las Vegas

Der wohl tragischste dieser Fälle ist der schwäbische Unternehmer Adolf Merckle, der mit riskanten Wetten auf Volkswagen-Papiere sein Industrieimperium aufs Spiel setzte. Merckle, der Konzerne wie HeidelbergerCement und Ratiopharm kontrollierte, starb am 5. Januar 2009, nachdem er sich auf der Strecke zwischen Neustadt und Ulm vor einen Zug geworfen hatte.

Auch der Berliner Unternehmer Rohnke ist tief in seiner Depression versunken, als er an jenem Frühlingsmontag im Sommer 2009 sein Krankenhauszimmer in der Nervenklinik der Charité betritt. Vor dem Fenster sieht er den Klinikgarten: drei Linden, ungemähter Rasen, Plastikstühle in unterschiedlichen Farben. Alles eingeschlossen von einer zweieinhalb Meter hohen Backsteinmauer. Acht Wochen wird er hier Tag und Nacht verbringen. Weitere sechs Wochen darf er die Klinik nur stundenweise verlassen.

Nach der ersten Behandlungsphase folgt bei den meisten Spielern eine dreimonatige Rehabilitation in einer Spezialeinrichtung (siehe Kasten links: Hier liegen Sie richtig) . Rohnke entscheidet sich für eine intensive ambulante Behandlung: Zweimal pro Woche geht er zur Therapie in die Charité.

Abhängigkeit bekämpfen, Leben neu aufbauen

Er muss ja nicht nur seine Abhängigkeit bekämpfen, sondern sein übriges Leben neu aufbauen. Die Finanzprobleme regeln und eine Lösung für die juristischen Kollateralschäden seiner Sucht finden. Zu zwei Jahren Haft wird der Berliner schließlich verurteilt. Es ist der Preis, den dafür zahlt, dass er Firmengelder veruntreut hat. Heute ist sein Schuldenproblem zumindest rechtlich geordnet, die Haftstrafe abgesessen. Eines aber hat Rohnke noch immer nicht geschafft: einen neuen Sinn für sein Leben zu finden. Sein gesamtes Selbstbild war auf seine Finanzgeschäfte aufgebaut.

Kein Erfolgsmensch mehr zu sein, der ein Unternehmen führt und mit seinen Börsendeals renommieren kann, das hat er bis heute nicht verwunden. Vor einiger Zeit ist er von Berlin nach Süddeutschland gezogen, in die Kleinstadt, in der seine Schwester lebt. Sie ist einer der wenigen Menschen, zu denen er noch gehen kann, jetzt wo er kein Geld mehr hat.

© manager magazin 7/2013
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