Donnerstag, 19. September 2019

Spielsucht bei Managern Das Hoeneß-Syndrom

Im Sog der Märkte: Manager, die den Kick suchen
REUTERS

4. Teil: Jäger des verlorenen Schatzes

Fünf Jahre später ist die Internetblase geplatzt. Rohnke hat hohe Summen verloren. Geld, das er sich von der Börse zurückholen will. Es ist die Zeit, die auch Uli Hoeneß "schwere Verluste" beschert: "Ich war da richtig klamm", gibt er heute zu. Aber statt einen Schlussstrich zu ziehen, nimmt er das Angebot seines Freundes, des damaligen Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus an. Der Franzose leiht ihm 20 Millionen D-Mark - und die privaten Finanzwetten des Bayern-Managers erreichen eine völlig neue Dimension.

Verlorenem Geld hinterherzujagen ist typisch für die zweite Phase einer Spielsucht. Sie hat den Berliner Unternehmenschef Rohnke inzwischen fest im Griff. Wenn er an der Börse gewinnt, prahlt er vor Freunden und Bekannten mit seinen Erfolgen, lädt sie in edle Restaurants ein, macht teure Geschenke. Noch immer ist Rohnke jemand, zu dem die anderen aufschauen, auf dessen Rat sie hören. Seine schwindelerregenden Verluste verschweigt er.

So wie der Börsenpager, den Hoeneß auf der Stadiontribüne, bei Interviews und Vertragsverhandlungen nie aus den Augen verliert, wird der Laptop für Rohnke zum ständigen Begleiter. Im Minutentakt schaut er auf die Kurse. Über Stunden hat er nichts anderes im Sinn als seine schnellen Trades: Ausgestattet mit einer superschnellen Internetleitung, setzt er auf den Yen, wettet gegen den Dollar. Anschließend starrt er auf den Chart, der sich sekündlich bewegt. Weil er mit großen Summen auf Kredit handelt, bringen schon kleine Kursbewegungen große Gewinne oder schmerzhafte Verluste. Und Rohnke verliert viel.

Um Geld geht es in dieser letzten Phase schon lange nicht mehr: Rohnke zockt vor allem, weil es ihn vom Druck befreit, unter den ihn die Folgen seiner Sucht setzen. Wenn er den Kurs-Chart fixieren kann, muss er nicht an seine Zukunft denken. Nicht an die Last der Schulden, nicht an das aus der Firma abgezweigte Geld oder seine zerbrechende Ehe. Er schiebt seine Probleme auf die Seite. Anstatt sich zu stellen, zockt er.

Wie Dirk Rossmann den Absprung vom Zocken schaffte

Auch Drogeriemarktunternehmer Dirk Rossmann (66) ließ in den 90er Jahren seinen Konzern schleifen und spekulierte stattdessen. "Mein größter Fehler war es, jahrelang das Wichtigste aus den Augen verloren zu haben: unser Kerngeschäft, die Drogeriemärkte", sagt er später: "Von Jugend an empfand ich große Lust am Spielen, teilweise spekulierte ich mit bis zu 200 Millionen Mark an der Börse, ohne viel Eigenkapital."

Irgendwann waren die Folgen nicht mehr zu verheimlichen. "1997 signalisierten die Banken: Da machen wir nicht mehr mit. Das war der Wendepunkt", erinnert er sich. Von diesem Zeitpunkt an gab es nur noch die Firma.

Rohnke schafft diesen Schritt nicht. Anders als bei Dirk Rossmann gab es keine Banken, die ihm rechtzeitig Stoppsignale sendeten. So einfach wäre es bei ihm zum Schluss auch nicht mehr gegangen: Am Ende braucht er das Trading so sehr wie ein Junkie seinen Schuss.

Dopamin: Jenes mächtige High

Zu diesem Zeitpunkt ist der Berliner Unternehmer längst in einem Stadium, in dem die Abhängigkeit auch körperlich spürbar wird. Über die Phase, als er zu jeder Tages- und Nachtzeit mit den Banken telefonierte, erzählt Uli Hoeneß heute: "Das war der Kick, das pure Adrenalin."

Wie bei jeder anderen Sucht spielt dabei der Glücksbotenstoff Dopamin die Hauptrolle. Ganz gleich, ob Alkohol, Kokain oder Amphetamin - Drogen steigern die Ausschüttung des Dopamins. "Der Neurotransmitter löst auch die Euphorie aus, die Spielsüchtige und Börsenhändler erleben", sagt John Coates von der Universität Cambridge, "jenes mächtige High, das Trader spüren, wenn ein Geschäft aufgeht".

Der Neurowissenschaftler weiß, wovon er redet: Er selbst arbeitete jahrelang als Derivatehändler für Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen. Jetzt erforscht er, was sich im Hirn der Trader abspielt.

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