Donnerstag, 19. September 2019

Spielsucht bei Managern Das Hoeneß-Syndrom

Im Sog der Märkte: Manager, die den Kick suchen
REUTERS

3. Teil: Im Sog der Märkte

Hoeneß selbst hält sich bis heute nicht für spielsüchtig, auch wenn er zugibt: "Ein paar Jahre lang war ich wohl nah dran." Inzwischen glaubt er kuriert zu sein - wobei ihm sein Sohn Florian im gleichen Interview offen widerspricht: "Die Familie sieht das anders."

Trotz ihrer massiven Probleme suchen Börsenspekulanten meist erst dann Hilfe, wenn sie am Boden angekommen sind. So wie der Berliner Familienunternehmer Julius Rohnke, Erbe eines florierenden Unternehmens aus dem Maschinenbau mit einstmals 80 Angestellten.

An einem Frühlingsmontag des Jahres 2009 steigt der damals 44-Jährige, der seinen wirklichen Namen nicht öffentlich machen möchte, am Berliner Hauptbahnhof aus der S-Bahn und geht durch den Nordausgang. Nach 300 Metern auf der Invalidenstraße biegt er rechts ab und erreicht bald darauf das Klinikgelände der Charité. Der Lärm der Großstadt ist hier nur noch ein dumpfes Rauschen. Am Bonhoefferweg 3 ist Rohnke am Ziel: ein rotes Backsteingebäude mit kupferbedeckten Türmchen, Baujahr 1905. Er geht durch den Eingang, über dem in großen Lettern "Psychiatrische und Nervenklinik" steht.

Beim Diagnosegespräch im zweiten Stock erzählt er der Psychologin in einem schmucklosen 15-Quadratmeter-Zimmer von seiner Depression und den Selbstmordgedanken. Seine Frau ist weg, der Familienbetrieb insolvent, Rohnke selbst ebenfalls pleite. Erst vor wenigen Tagen hat der Gerichtsvollzieher seinen Laptop gepfändet.

Ausgerechnet das Gerät, das er seit Jahren überall dabei hatte, auf dem er alle paar Minuten die Währungskurse prüfte und wie getrieben Kauf- und Verkaufsorders einhackte. Dollar, Schweizer Franken, japanische Yen, das war seine Welt.

Leben auf Laptop und ein Daytrading-Programm reduziert

Rohnke war dort, wo sich auch Uli Hoeneß und Erwin Müller bewegten. Sein Leben hatte sich auf einen Laptop und ein Daytrading-Programm reduziert. Nun gab es selbst diesen Fluchtpunkt nicht mehr. Rohnke hatte nichts mehr - außer einem Bett im ersten Stock der Nervenklinik. Dort würde er die nächsten Wochen verbringen.

Für Chantal Mörsen von der Arbeitsgemeinschaft Spielsucht der Charité sind Börsenspekulanten wie Julius Rohnke Alltag. "Meist handelt es sich dabei um Führungspersönlichkeiten, die von sich und ihren Fähigkeiten restlos überzeugt sind", sagt die Psychologin: "Das sind Machertypen ohne Hang zur Selbstkritik. Die diskutieren nicht lange herum, sondern gehen ihren Weg."

Es ist das Handlungsmuster erfolgreicher Unternehmer und Manager. Hoeneß formte den FC Bayern auf diese Weise zur Fußballsupermacht. Müller stieg zu einem der größten Einzelhändler der Republik auf. Weil sie auf ihrem Gebiet zu den Besten gehören, weil sie ihr Geschäft beherrschen und kontrollieren, glauben sie sich auch bestens für die Welt der Finanzmärkte gerüstet.

"Aber dort zählen Geduld, Disziplin und permanente Fehleranalyse mehr als die Fähigkeiten der Abteilung Attacke", sagt der Frankfurter Börsenpsychologe Joachim Goldberg: "Hohe Selbstsicherheit verführt zum Irrglauben, die Kurse so im Griff haben zu können wie die eigene Firma. Und das ist der erste Schritt ins Verhängnis."

Bevor er im Sog der Finanzmärkte unterging, war der Berliner Unternehmer Rohnke in seinem Familienbetrieb die unbestrittene Nummer eins. Seine ersten Börsengeschäfte verlaufen vielversprechend. Mit 32 Jahren steckt er erstmals Gewinne der florierenden Firma in Aktien und Optionsscheine. Es ist 1997, die Zeit der Internetmillionäre und New-Economy-Partys hat gerade begonnen.

Rohnke feiert mit, wo es nur geht. Wenn er geschäftlich in den USA unterwegs ist, fliegt er mit seinen Geschäftspartnern nach Las Vegas weiter, dem Glamour und Nervenkitzel der großen Kasinos auf der Spur.

Wenn er nachts im Hotelzimmer den Laptop aufklappt und einen Blick auf sein Depot wirft, sieht er nichts als steigende Kurse. Die erste Phase der Sucht hat begonnen, sie wird ihn nicht mehr loslassen.

© manager magazin 7/2013
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