Montag, 23. September 2019

Social Trading #Ausgeschwärmt

Viktor Dellos, #Etoro: Riesengewinne, aber keine persönlichen Äußerungen. Viele halten "Dellos" für einen Computer. Die Wahrheit ist noch schräger.
Andy Ridder für manager magazin
Viktor Dellos, #Etoro: Riesengewinne, aber keine persönlichen Äußerungen. Viele halten "Dellos" für einen Computer. Die Wahrheit ist noch schräger.

5. Teil: "Wachstum mit nur einer Aktie"

Für die Plattform war sein Abschied ein schwerer Verlust. "Es hat sich gezeigt, dass sich die Investoren auf wenige erfolgreiche Händler konzentrieren", sagt Philipp Doering, Koautor der Bochumer Social-Trading-Studie. Das werde auch durch die Renditeranglisten gefördert.

Um überhaupt Beachtung zu finden, gehen "Nobodys" oft volles Risiko, zumal sie anfangs meist nur Spielgeld einsetzen. Bei Wikifolio stehen fast ausschließlich solche Trader ganz oben, die ihr Kapital in eine Handvoll Aktien stecken. Aus Sicht der Finanzwissenschaft ist eine derart hohe Konzentration des Portfolios nicht sinnvoll: Wer weniger als 20 oder 30 Aktien hält, geht ein Risiko ein, das nicht durch eine entsprechend höhere Rendite entschädigt wird ("Overconcentration").

Um bei Wikifolio Erfolg zu haben, ist ein solches Konzentrationsrisiko aber geradezu geboten, wie die Top Ten der Real-Money-Depots mit den höchsten investierten Vermögen zeigen: Der hauptberufliche Pharmaforscher Richard Dobetsberger aus Wien (33, "Ritschy") rangiert dort mit mehr als sieben Millionen Euro aktuell auf Platz eins. Er hat lediglich acht Aktien in seinem Depot "Umbrella". Noch enger zugeschnitten, nämlich auf nur fünf Aktien, hat der Chemnitzer Verwaltungsangestellte Ralf Werner sein Depot "Antizyklische Chancen", mit knapp drei Millionen Euro immerhin das drittgrößte.

Der Finanzjournalist und Wikifolio-Guru Christian Scheid hat die extremst mögliche Konzentration sogar zu seinem Markenzeichen gemacht: Sein "Wachstum mit nur einer Aktie" ist das sechstgrößte Real-Money-Depot, mit 1,8 Millionen Euro Anlegergeld. Die Variante "Wachstum mit 1 Aktie long/short", bei der Scheid auch auf fallende Kurse wettet, liegt mit 4,5 Millionen Euro Investorenkapital sogar auf Rang zwei.

Alles auf eine Karte zu setzen "widerspricht sämtlichen Grundsätzen der Portfoliotheorie", kritisiert Neumann. Seit November 2013 erzielte Scheid mit seinem Long-Short-Depot mehr als 400 Prozent Rendite. Wie hoch dabei aber die Verlustgefahr ist, erwies sich im Oktober, als er kurz vor Veröffentlichung des Quartalsergebnisses auf die Aktie des Onlinenetzwerks Twitter wettete. Die Zahlen enttäuschten, Scheid verkaufte mit mehr als 15 Prozent Verlust.

Den Ton bestimmen Hochrisikospekulanten

Für die meisten Social-Trading-Plattformen gilt also: Den Ton bestimmen Hochrisikospekulanten, die Weisheit der "Crowd" steht hinten an.

Ayondo und Wikifolio reagieren nun auf dieses Manko, indem sie vom Ursprungsmodell der Schwarmintelligenz abrücken und um professionelle Vermögensverwalter buhlen. Klasse statt Masse, Profis statt Amateure: Die Betreiber haben ausgeschwärmt, sie mutieren von Revolutionären zu Realisten.

Bei Wikifolio tummeln sich bereits mehrere solcher Geldmanager, bei Ayondo soll der Hamburger Vermögensverwalter Stefan Riße in den kommenden Monaten Kollegen für die Plattform werben. Am Ende könnten die Social-Trading-Portale sehr viel Ähnlichkeit mit altbackenen Onlinefondsvermittlern bekommen, wo neben wenigen Exoten die gleichen Namen vermarktet werden wie überall, ähnlich teuer wie Investmentfonds, nur anders verpackt.

Ayondo entfernt sich auch in einem weiteren Punkt von der Schwarmintelligenz. Das Frankfurter Unternehmen will sich nicht mehr darauf verlassen, dass es der "Crowd" von selbst gelingt, gute von schlechten Händlern zu unterscheiden. So hat Ayondo fünf Karrierestufen eingeführt. Um das Topniveau "Institutional" zu erreichen, benannt ausgerechnet nach den angeblich überflüssigen Großanlegern, muss ein Trader mindestens ein Jahr Handelserfahrung vorweisen und soll unter anderem 6 Prozent Gewinn und nicht mehr als 25 Prozent Verlust machen. Anfang November erfüllten von den mehr als 1000 Tradern nur elf die Bedingungen, darunter Ex-Banker Steinberger.

"Patternicus" ist skeptisch, dass es Ayondo gelingt, die erhofften ein oder zwei Dutzend Toptrader heranzuzüchten. "Es werden wenige sein, die den Anlegern langfristig Freude machen", sagt Steinberger. Das geht auch gar nicht anders: Wer dem Schwarm folgt, kann nicht auf eine bessere Rendite als die des gesamten Marktes und der Masse hoffen. Um besser abzuschneiden, müsste man einzelne, außerordentlich begabte Investoren finden. Dabei ist der Schwarm keine große Hilfe.

Günstige, einfache Vermögensaufteilung online
Anbieter Mindeskosten pro Jahr 1 Besonderheiten
Comdirekt 0,25%2 Depotempfehlung, große ETF-Auswahl, auch aktive Fonds
Easyfolio 0,99% Drei fixe ETF-Depots mit 30, 50 oder 70 Prozent Aktienanteil
Just ETF 0,37% Mehrere Musterportfolios für verschiedene Risikoneigungen
Vaamo 0,88-1,67%3 Drei Depots, darin nur Fonds des US-Anbieters Dimensional
1 Mindeskosten für reine ETF-Depot, hohe Risikoneigung, bei Sparplan mit 100 Euro monatlicher Einzahlung
2 Aktionspreis
3 Gebühr gestaffelt nach Depotgröße: 1,19% bei weniger als 10.000 Euro, 0,49% bei mehr als 250.000 Euro, plus Fondskosten von 0,39-0,48%.

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