Donnerstag, 19. September 2019

Social Trading #Ausgeschwärmt

Viktor Dellos, #Etoro: Riesengewinne, aber keine persönlichen Äußerungen. Viele halten "Dellos" für einen Computer. Die Wahrheit ist noch schräger.
Andy Ridder für manager magazin
Viktor Dellos, #Etoro: Riesengewinne, aber keine persönlichen Äußerungen. Viele halten "Dellos" für einen Computer. Die Wahrheit ist noch schräger.

4. Teil: "Papa ist Zickzacker"

Wie viel Können und wie viel Glück sich hinter einer guten Performance verbergen, lässt sich als Außenstehender nicht nachvollziehen. Aller Transparenz und Kommentare zum Trotz. Wer hätte schon vermutet, dass bei Star-Trader Dellos der liebe Gott die Hand führt?

Die mangelnde Planbarkeit des Erfolgs gilt auch für den Starhändler des Social-Trading-Portals Ayondo, Christian Steinberger, besser bekannt unter seinem Pseudonym "Patternicus". Der gebürtige Münchener hatte zehn Jahre lang als Aktienhändler für die heutige DZ Bank gearbeitet, bis er drei große Monitore in den Keller seines Hauses am Rande des Taunus schleppte und sich selbstständig machte.

Steinberger ist kein religiöser Schwärmer wie Dellos, sondern ein Vernunftmensch. Seine Handelsstrategie zu erklären fällt aber auch ihm schwer. An einem typischen Tag macht Steinberger bei Ayondo rund 20 Trades. Sobald er die Kinder in der Schule abgeliefert hat, kehrt er heim in sein Haus in einer Kleinstadt nördlich von Frankfurt und beobachtet Aktienindizes, vor allem den deutschen Leitindex. Es gehe darum, "den Chart zu lesen", sagt er. Dazu gehört viel Intuition und 16 Jahre Markterfahrung. "So lange schaue ich mir täglich den Dax an."

Computer, die besseren Anlageberater
Anleger
grübeln allzu oft über eher unwichtigen Fragen: Facebook-oder Twitter-Aktie, dieser Fondsmanager oder jener. Dabei ist die Entscheidung über den Anteil der Anlageklassen (Aktien, Anleihen, Cash) in einem Depot sehr viel wichtiger. "Die Asset Allocation, nicht die Fondsmanagerauswahl, macht rund 90 Prozent des Renditeunterschieds bei gut diversifizierten Portfolios aus", sagte schon die 2012 verstorbene Investmentlegende Barton Biggs. Die Finanzwissenschaft gibt ihm recht. Nur bei den Onlinebanken war diese Erkenntnis lange nicht angekommen.
Innovatoren
Wer bislang die Internetseite einer Direktbank aufrief, musste meist als Erstes auswählen, ob er Aktien, Anleihen, Investmentfonds oder Indexfonds (ETF) kaufen möchte, und auf die entsprechenden Untermenüs klicken - dabei können viele Anleger mit dieser Auswahl gar nicht viel anfangen. Internet-Start-ups ändern dies nun: Die Anbieter Wealthfront (USA), Nutmeg (Großbritannien) oder die deutschen Vaamo und Easyfolio fragen stattdessen zuerst, was der Kunde möchte: Kurzfristig eine bestimmte Summe anlegen, etwa 120.000 Euro aus einer Erbschaft? Monatlich 500 Euro sparen, für die Altersvorsorge? In 30 Jahren eine Million Euro beisammenhaben? Danach folgen einige Fragen, mit denen die Risikotoleranz des Kunden ausgelotet wird: Wie reagieren Sie auf 10 Prozent Kapitalverlust, durch Kaufen, Halten oder Verkaufen? Danach kommt ein Vorschlag mit der passenden Asset Allocation.
Bankenkiller
Weil die meisten Geldverwalter ohnehin nicht besser sind als der Aktienmarkt, ist es für die Mehrheit der Anleger attraktiv, gleich in den Marktindex zu investieren. Das hält die Kosten gering, weil kein Fondsmanager mehr bezahlt werden muss. Konsequent setzen die neuen FinTech-Anbieter auf günstige, börsengehandelte Indexfonds (ETF).
Killerbanken
Nun schlagen die Finanzkonzerne zurück: Die Commerzbank-Tochter Comdirect bietet seit Mai das Tool "Bessere Geldanlage" an, das so leicht verständlich ist wie die Start-up-Portale. Und die Auswahl an ETF ist deutlich größer als bei vielen Konkurrenten: Für Investments in Aktien ist ein fundamentaler Indexfonds erhältlich, der die Indexunternehmen nach Kennzahlen wie Umsatz und Cashflow gewichtet. Zudem können Anleger auch teurere, aktiv verwaltete Fonds wählen, was bei Anleihen sinnvoll sein kann. Die Vermögensverwaltung der Deutschen Bank (DeAWM) feilt ebenfalls an einem FinTech-Killer. "Wir arbeiten an einem neuen Internetvermögensverwalter, der noch 2015 starten könnte", sagt der für das Digitalgeschäft zuständige Manager Baki Irmak. Wenn Banken die Start-ups gut kopieren und ihre Marktmacht ausspielen, könnte es für die Pioniere aus der IT-Branche eng werden.
Was genau er da jetzt besser macht als andere? Schwer zu erklären. Seine Kinder hätten früher immer gesagt: "Papa ist Zickzacker."

Anders als die meisten seiner Social-Trader-Kollegen versteht der Ex-Banker immerhin etwas von Risikomanagement. Er schließt Positionen schnell, wenn er falschliegt. Studien zufolge sind erfahrene Händler wie Steinberger besser darin, sich Fehler einzugestehen und Verluste zu begrenzen. Deshalb sind sie in der Regel auch als Chartanalytiker erfolgreicher.

Das Dilemma für Portale wie Ayondo, Etoro und Wikifolio: Wer dort das Zeug zum Profi hat, träumt zumeist (anders als Steinberger, der eher die Ausnahme ist) von einem hoch bezahlten Job in der Finanzindustrie. Dieser Versuchung könnte schon bald der aktuell zweitpopulärste Trader auf Etoro erliegen: Christian Fahrner (25) wird im März mit seinem Studium an der Universität Hohenheim fertig und wird bereits hoch gehandelt.

Bislang dealte er meist vom Zimmer in seiner Vierer-WG aus. Bis zu 2500 Euro verdient der Student im Monat mit dem Social Trading. "Aber wenn ich im März mit dem Bachelor fertig bin, ist das zu wenig", sagt Fahrner. Er hat den Wunsch, Trader zu bleiben. "Ich möchte meine Strategie umsetzen." Warum nicht künftig als Hedgefondsmanager?

Zu einem Hedgefonds hat sich bereits der lange Zeit populärste Wikifolio-Trader verabschiedet: der Düsseldorfer Markus Strauch (29). Ihn konnten auch mehr als zehn Millionen Euro Anlegergeld nicht davon abhalten, ins Profilager zu wechseln und bei einem Schweizer Vermögensverwalter anzuheuern. "Wikifolio ist ein gutes Sprungbrett", sagt Strauch.

© manager magazin 12/2014
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