Donnerstag, 19. September 2019

Social Trading #Ausgeschwärmt

Viktor Dellos, #Etoro: Riesengewinne, aber keine persönlichen Äußerungen. Viele halten "Dellos" für einen Computer. Die Wahrheit ist noch schräger.
Andy Ridder für manager magazin
Viktor Dellos, #Etoro: Riesengewinne, aber keine persönlichen Äußerungen. Viele halten "Dellos" für einen Computer. Die Wahrheit ist noch schräger.

3. Teil: Von Null auf Hundert

Dellos ist tatsächlich ein Mensch und kein Computerprogramm. Er ist ein 54 Jahre alter, in Kasachstan geborener Deutscher, war mal Versicherungsmakler, lebt seit Jahren in Rastatt, fährt einen kleinen Peugeot und isst beim Italiener am liebsten den Salat mit Meeresfrüchten.

Am 9. November 2011 eröffnete Dellos mit 50 Dollar ein eigenes Etoro-Konto. Er hatte sich vorher ein bisschen schlaugemacht und einen dort bereits aktiven Freund ausgefragt. "Ich hatte null Ahnung. Ich saß im Keller am Computer, diese Plattform vor mir, und ich musste kaufen oder verkaufen", erinnert sich Dellos. Er dachte, es sei Zeit zu kaufen. "Aber meine Hand machte etwas anderes, und ich verkaufte." Und das sei kein Zufall gewesen, sagt er.

"Gott hat meine Hand geführt - hierhin, dahin. Es lief einfach wie geschmiert", sagt Dellos und lächelt. Er hatte sich vorgenommen, auf Etoro Geld zu verdienen - für etwas Wohltätiges: Eine Begegnungsstätte für Ältere wollte er bauen. Dem lieben Gott schien der Plan zu gefallen. Aus dem Handgelenk heraus gelang Dellos ein Trade nach dem anderen. Er musste nicht einmal die ganze Zeit vor dem Schirm sitzen. Beim Renovieren seiner Wohnung ließ er damals einfach den eingeschalteten Laptop im Raum stehen und hörte "das 'kling kling kling', wenn eine Position im Plus geschlossen wurde". Er legt meist Stopppunkte fest, die einen Trade bei einer bestimmten Gewinnhöhe beenden.

"Mit den Briten habe ich viel Geld verdient"

Dann habe Gott Dellos in einer Vision offenbart, dass das britische Pfund von knapp 1,50 Dollar auf mehr als 1,57 Dollar steigen werde. Mit Visionen weiß er umzugehen, einen Erlebnisbericht über die Begegnungen mit Jesus und dem Gottvater hat er ins Web gestellt. Der Tipp mit dem Pfund wird darin nicht erwähnt, dabei war der wirklich gut. "Mit den Briten habe ich viel Geld verdient", sagt Dellos. Nach einem Jahr lagen 200.000 Euro auf seinem Hauptkonto und weitere 100.000 Euro auf einem zweiten Konto.

Follower und Kopierer wurden auf ihn aufmerksam. Viktor Dellos stieg mit Gottes Beistand zum erfolgreichsten deutschen Etoro-Trader auf, zeitweise setzten mehr als 8600 Anleger Geld auf ihn. Er erhielt Dankesbriefe von Menschen, die mit seinen Handelsgewinnen ihren Urlaub finanzierten. "Das Social Web killt den Kundenberater", schrieb der Schweizer "Tages-Anzeiger".

Dellos schien der Beweis, dass Laien Profis nicht nur schlagen, sondern deklassieren. Es folgte der Totalverlust. Den erklärt der freundliche Herr Dellos so: "Ich habe gesündigt. Ich habe 10.000 Euro rausgenommen, für private Zwecke." Dabei hatte er Gott doch versprochen, das Geld für wohltätige Zwecke zu nutzen. "Ich habe mein Wort nicht gehalten, und Gott hat in einem Monat genommen, was er zuvor in einem Jahr gegeben hatte."

Dellos ist kein leichtsinniger Mensch. Er ist geschieden und hält es als Katholik für eine Sünde, wieder zu heiraten. Seine Personalleasingfirma musste schließen, nachdem Ermittler 2009 Geschäftsunterlagen beschlagnahmten, wegen des Verdachts auf Schwarzarbeit. Später zogen sie die Anschuldigung zurück und warfen ihm nur noch Veruntreuung vor. Das Urteil in dritter Instanz erwartet er Endes des Jahres, er rechnet fest mit Freispruch. Aus seinem Haus muss er jetzt aber raus, es wird zwangsversteigert. Bei Etoro macht Dellos trotzdem weiter - sein Gottvertrauen ist unerschütterlich.

Dass er ein so hohes Risiko eingeht, liegt daran, dass er verlustbringende Trades nicht einfach schließt, um das Minus im Depot zu begrenzen. Im Gegenteil: Er schießt oft sogar Geld nach, weil er hofft, der Kurs dreht. Als er sich einmal mit dem japanischen Yen verspekulierte, es war schon spät am Abend, ließ er die Position offen, stieg aus dem Keller und legte sich aufs Sofa, um zu beten. "Herr, lass mich ohne Verlust rauskommen." Am nächsten Morgen war die Handelsposition wieder auf null geklettert, er kam noch mal ohne Einbußen davon.

Sascha Neumann von der Ruhr-Universität Bochum hält dieses Verhalten für extrem gefährlich - weil es oft zum Totalverlust führt. Die Neigung, Gewinne schnell mitzunehmen und an Verlustbringern festzuhalten, ist auf Plattformen wie Etoro und Ayondo weitverbreitet. Dort stehen viele kleine Gewinne wenigen großen Verlusten gegenüber, wie die Studie der Ruhr-Uni zeigt.

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