Mittwoch, 29. Januar 2020

Social Freezing Karriere und Kind - auf Eis gelegt

Job oder Familie? Immer mehr Frauen umgehen diese Entscheidung, indem sie ihre Fruchtbarkeit diskret in den Tiefkühler schicken

Das Tiefkühlen weiblicher Eizellen entschärft den Konflikt zwischen Karriere und Kind. Apple und Facebook wollen das "Social Freezing" jetzt für ihre Mitarbeiterinnen bezahlen und senden damit eine klare Botschaft: Erst Karriere, dann Kind - beides geht, zeitversetzt.

Es war an einem Herbsttag vor knapp zwei Jahren, als Birte Wendlers (31) fein modellierte Lebensplanung ins Wanken geriet. Die Unternehmensberaterin (Business-School-Examen, akquisestark, den Partnerstatus fest im Blick) stand gerade vor dem Abschluss eines arbeitsintensiven Prestigeprojekts, als ihr Frauenarzt sie mit einer Frage völlig aus dem Konzept brachte: Ob sie schon mal überlegt hätte, ein Kind zu bekommen?

Um ihre Eierstöcke stehe es nicht allzu gut, eröffnete der Arzt seiner Patientin. Eine seltene Erbanlage lasse ihre Eizellen vorzeitig altern. Wenn sie Mutter werden wolle, dann möglichst rasch.

"Kinder zu bekommen war so ziemlich das Letzte, was mir damals in den Sinn gekommen wäre", sagt Wendler, die ihren richtigen Namen lieber für sich behält. Eine Schwangerschaft hätte ihre Aufstiegschancen auf einen Schlag zerstört: "Ich kenne keine Kollegin, die nach der Geburt ihrer Kinder noch Partnerin wurde." Die harte Ausbildung, die 14-Stunden-Tage, das mühsam geknüpfte Netzwerk - alles wäre umsonst gewesen. Mal abgesehen davon, dass kein Vater zur Verfügung stand. Ihre letzte Beziehung war nach sechs Jahren zerbrochen. "Ich hätte den Erstbesten daten müssen."

Also entschied sich Wendler für eine Kryokonservierung, auch bekannt als Social Freezing. In einer Hamburger Kinderwunschklinik ließ sich die Beraterin in zwei Behandlungszyklen 26 Eizellen entnehmen und bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff einfrieren. Für 10¿000 Euro gaben die Ärzte ihr das gute Gefühl, nach einer künstlichen Befruchtung ein eigenes Kind austragen zu können - irgendwann, wenn es besser in ihr Leben passt. Wendler hat ihre biologische Uhr einfach gestoppt. Und sich so "zutiefst beruhigt".

Job oder Familie? Frauen schicken Fruchtbarkeit in den Tiefkühler

Job oder Familie? Oder beides zugleich, aber nichts so ganz? Immer mehr Frauen umgehen diese leidigen Alternativen, indem sie ihre Fruchtbarkeit diskret in den Tiefkühler schicken. Noch ist die Gruppe der Social Freezer klein; lediglich 500 Frauen haben sich hierzulande im vergangenen Jahr dazu entschieden, schätzt der Gynäkologe Michael von Wolff, Koordinator von Fertiprotekt, ein Zusammenschluss von Fortpflanzungsmedizinern. Doch das Interesse wächst rasant, die Kundinnen sind fast ausschließlich Akademikerinnen.

Hervorragend ausgebildete, ambitionierte Frauen, die beides wollen: Selbstverwirklichung im Job und Kinder. Und die fürchten, dass dies in der Rushhour des Lebens, also im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, zusammen nicht zu haben ist.

Ursprünglich für Krebskranke entwickelt, die im Rahmen einer Strahlentherapie ihre Fruchtbarkeit hätten verlieren können, könnte Social Freezing die Biografien von Frauen erneut revolutionieren, so wie es vor gut 50 Jahren schon die Antibabypille geschafft hat. Die damit verbundene Hoffnung: Werden Zellen in jungen Jahren entnommen, sind sie beim Auftauen jünger als die Spenderin, was die Chancen einer späten Schwangerschaft erhöht.

Spezialisierte Kliniken wie das Münchener Kinderwunsch Zentrum An der Oper werben euphorisch für das neue Verfahren. "Time to chill - put your fertility on ice!", betitelte Chefarzt Jörg Puchta seine Präsentation auf der Jahrestagung des Deutschen Ethikrates kürzlich in Berlin - ganz so, als handele es sich um einen Wellnesstrip. Es gehe um den "Lifestyle einer neuen Generation von Frauen", führte er schwärmerisch aus.

Ein verlockendes Versprechen. Doch kann Social Freezing den ewigen Konflikt zwischen Kind und Karriere wirklich beenden und die Frau aus ihrem letzten großen Dilemma befreien?

© manager magazin 9/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung