Dienstag, 12. November 2019

Silicon Valley Wie die Geldmaschine funktioniert

Silicon Valley: Außenseiter haben keine Chance
Corbis

Reihenweise suchen deutsche Vorstände die Zukunft ihres Geschäfts in Kalifornien. Doch sind sie dabei nicht ein wenig naiv? Ein Inside-Report über eine eiskalt funktionierende Geldmaschine.

Es ist ein heißer Tag in Palo Alto, an dem Paul Graham (48) auf dem Fahrrad die Ramona Street entlangfährt, vorbei am "Coupa Café" mit all den Stanford-Studenten und Graham-Bewunderern darin und schließlich vor der Hausnummer 522 anhält. Graham klemmt sich ein altmodisch eingebundenes Buch unter den Arm (irgendetwas über Philosophie im 13. Jahrhundert) und kommt näher, ein stämmiger Mann, der kakifarbene Shorts und ein T-Shirt in demselben Farbton trägt. Gegen das Sonnenlicht betrachtet, sieht es aus, als komme er von einer Asphalt-Safari, aber eigentlich ist es ihm auch ziemlich schnurz, was man von ihm denkt. "Sie sind gar nicht aus Frankreich", sagt er zur Begrüßung. Nein? Egal.

Graham ist Graham, und um ihn dreht sich die Welt. Graham hat Überflieger-Jungfirmen wie Airbnb und Dropbox zum Leben verholfen. Jetzt will er Erfolgsunternehmen in Serie produzieren lassen. "Das Silicon Valley ist wie Hollywood", sagt er, als er drinnen, in dem Außenbüro seiner Firma, Platz genommen hat. "Man kann es nicht kopieren."

Aber vielleicht verstehen? "Gehen Sie wie ein Computerwissenschaftler vor", sagt Graham und schnurrt auf einmal geschmeidig wie ein PC, der endlich hochgefahren ist, "machen Sie den Diff." Meint: Lassen Sie wie Programmierer riesige Dateien gegeneinander laufen, gleichen Sie ab. "Es ist eine große, allumfassende Subtraktion. Es kommt darauf an, jeden noch so abwegigen Unterschied zu finden und zu analysieren", sagt Graham. Aha!

Der Geheimformel des Silicon Valleys jagt die halbe deutsche Wirtschaftswelt nach. Erst kam die Springer-Truppe, dann Bertelsmann-Chef Thomas Rabe und Timotheus Höttges, der neue CEO der Deutschen Telekom Börsen-Chart zeigen. Auch Bosch-Vorstände und Topmanager von VW Börsen-Chart zeigen aus Wolfsburg waren schon hier, die Otto-Truppe reist gar jedes Jahr an: Sie alle pilgern ins Silicon Valley, als ließe sich nur hier verstehen, wie das Geschäft morgen weitergeht.

Springer, Bertelsmann, Telekom, Otto: Alle pilgern ins Valley

Wer mit dem großen Abgleich beginnt, stellt ziemlich schnell fest: Es lebt ein anderer Menschenschlag hier. Die Macher des Valleys sind exzentrisch, eigenwillig, exaltiert. Sie sind immer Millionäre, oft Milliardäre und gar nicht selten Visionäre. Wer den Abgleich weiter betreibt, entdeckt bei aller kalifornischen Lässigkeit und Esoterik eine eiskalt funktionierende Geldmaschine, so programmiert, dass nur Insider und Entdeckungen von Insidern mit ihr reich werden.

manager magazin zeigt den Algorithmus der Macht des Silicon-Valleys, der sich in Zahlen so liest: 5,4 Milliarden Dollar Risikokapital auf Stand-by; zuletzt 514 Deals; 2,7 Billionen Dollar Jahresumsatz, die inzwischen alle Firmen machen, die je auf dem Stanford-Campus, dem intellektuellen Hirn des Valleys, gegründet wurden. Macht 92 Milliardäre, die in Kalifornien leben, so viele wie in keinem anderen US-Bundesstaat.

Klar ist bei all den Zahlen: Wer etwas aus sich machen will zwischen San Francisco und San José, kommt derzeit an Paul Graham nicht vorbei.

Y Combinator heißt seine höhere Start-up-Schule, jeder junge Gründer von Berlin bis São Paulo träumt derzeit davon, hier einmal teilzunehmen. Zweimal im Jahr kann man sich für Grahams dreimonatiges Ausbildungscamp in Mountain View bewerben; wer aufgenommen wird, erhält 80.000 Dollar Starthilfe, gibt dafür bis zu 10 Prozent am Unternehmen ab - und kommt auf einen Schlag mit den einflussreichsten Geldgebern der Welt in Kontakt.

© manager magazin 9/2013
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