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Silicon Valley: Außenseiter haben keine Chance

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Silicon Valley Wie die Geldmaschine funktioniert

Reihenweise suchen deutsche Vorstände die Zukunft ihres Geschäfts in Kalifornien. Doch sind sie dabei nicht ein wenig naiv? Ein Inside-Report über eine eiskalt funktionierende Geldmaschine.
Von Astrid Maier

Es ist ein heißer Tag in Palo Alto, an dem Paul Graham (48) auf dem Fahrrad die Ramona Street entlangfährt, vorbei am "Coupa Café" mit all den Stanford-Studenten und Graham-Bewunderern darin und schließlich vor der Hausnummer 522 anhält. Graham klemmt sich ein altmodisch eingebundenes Buch unter den Arm (irgendetwas über Philosophie im 13. Jahrhundert) und kommt näher, ein stämmiger Mann, der kakifarbene Shorts und ein T-Shirt in demselben Farbton trägt. Gegen das Sonnenlicht betrachtet, sieht es aus, als komme er von einer Asphalt-Safari, aber eigentlich ist es ihm auch ziemlich schnurz, was man von ihm denkt. "Sie sind gar nicht aus Frankreich", sagt er zur Begrüßung. Nein? Egal.

Graham ist Graham, und um ihn dreht sich die Welt. Graham hat Überflieger-Jungfirmen wie Airbnb und Dropbox zum Leben verholfen. Jetzt will er Erfolgsunternehmen in Serie produzieren lassen. "Das Silicon Valley ist wie Hollywood", sagt er, als er drinnen, in dem Außenbüro seiner Firma, Platz genommen hat. "Man kann es nicht kopieren."

Aber vielleicht verstehen? "Gehen Sie wie ein Computerwissenschaftler vor", sagt Graham und schnurrt auf einmal geschmeidig wie ein PC, der endlich hochgefahren ist, "machen Sie den Diff." Meint: Lassen Sie wie Programmierer riesige Dateien gegeneinander laufen, gleichen Sie ab. "Es ist eine große, allumfassende Subtraktion. Es kommt darauf an, jeden noch so abwegigen Unterschied zu finden und zu analysieren", sagt Graham. Aha!

Der Geheimformel des Silicon Valleys jagt die halbe deutsche Wirtschaftswelt nach. Erst kam die Springer-Truppe, dann Bertelsmann-Chef Thomas Rabe und Timotheus Höttges, der neue CEO der Deutschen Telekom . Auch Bosch-Vorstände und Topmanager von VW  aus Wolfsburg waren schon hier, die Otto-Truppe reist gar jedes Jahr an: Sie alle pilgern ins Silicon Valley, als ließe sich nur hier verstehen, wie das Geschäft morgen weitergeht.

Springer, Bertelsmann, Telekom, Otto: Alle pilgern ins Valley

Wer mit dem großen Abgleich beginnt, stellt ziemlich schnell fest: Es lebt ein anderer Menschenschlag hier. Die Macher des Valleys sind exzentrisch, eigenwillig, exaltiert. Sie sind immer Millionäre, oft Milliardäre und gar nicht selten Visionäre. Wer den Abgleich weiter betreibt, entdeckt bei aller kalifornischen Lässigkeit und Esoterik eine eiskalt funktionierende Geldmaschine, so programmiert, dass nur Insider und Entdeckungen von Insidern mit ihr reich werden.

manager magazin zeigt den Algorithmus der Macht des Silicon-Valleys, der sich in Zahlen so liest: 5,4 Milliarden Dollar Risikokapital auf Stand-by; zuletzt 514 Deals; 2,7 Billionen Dollar Jahresumsatz, die inzwischen alle Firmen machen, die je auf dem Stanford-Campus, dem intellektuellen Hirn des Valleys, gegründet wurden. Macht 92 Milliardäre, die in Kalifornien leben, so viele wie in keinem anderen US-Bundesstaat.

Klar ist bei all den Zahlen: Wer etwas aus sich machen will zwischen San Francisco und San José, kommt derzeit an Paul Graham nicht vorbei.

Y Combinator heißt seine höhere Start-up-Schule, jeder junge Gründer von Berlin bis São Paulo träumt derzeit davon, hier einmal teilzunehmen. Zweimal im Jahr kann man sich für Grahams dreimonatiges Ausbildungscamp in Mountain View bewerben; wer aufgenommen wird, erhält 80.000 Dollar Starthilfe, gibt dafür bis zu 10 Prozent am Unternehmen ab - und kommt auf einen Schlag mit den einflussreichsten Geldgebern der Welt in Kontakt.

Darum geht es: Erster sein

Ende August war es wieder so weit, da fuhren die Wagnisgeldgeber von der berühmten Sand Hill Road in Menlo Park in ihren Teslas und Lamborghinis vor, dazu die wichtigsten Privatinvestoren aus dem Millionärsörtchen Atherton und neuerdings auch Stars aus Hollywood wie Ashton Kutcher. Es war Demo Day.

Die Gründerteams, in diesem Sommer 46, boten im Museum für Computerwissenschaften vor 450 Investoren ihre Businesskonzepte feil, buhlten dabei wie auf dem Basar ums Geld. Nicht selten ist die Firmenkasse am Ende des Tages um einen Millionenbetrag erstarkt - die Geldgeber erhalten dafür Anteile.

"Wir haben Massenproduktionsmethoden für die Wagnisgeldbranche erfunden", erklärt Graham das Prinzip hinter Y Combinator. "Den Prozess automatisiert, wie man auf gute Ideen stößt. Das sei in etwa so, "wie in der industriellen Revolution", erklärt er mit ortsüblichem Enthusiasmus. Denn vor Y Combinator habe doch jeder Geldgeber allein in seinem Büro darauf warten müssen, dass sich ein findiges Start-up bei ihm zeige.

Für manche Investoren ist es nun noch einfacher geworden: Ein Konsortium, derzeit besteht es unter anderen aus dem russischen Facebook-Investor Juri Milner und dem Wagnisfonds General Catalyst, schießt gemeinsam mit Y Combinator die 80.000 Dollar Starthilfe vor und sichert sich so im Vorfeld Anteile an den Y-Combinator-Start-ups.

Natürlich haben frühe Investoren Vorteile, auch wenn Graham abwiegelt: Wer Interesse habe, der möge einfach am Demo Day vorbeischauen. Ganz so simpel ist es nicht: Teilnahme erfolgt nur auf Grahams Einladung.

Wie Ben Horowitz den Alteingesessenen die besten Deals wegschnappt

Ben Horowitz (47) ist längst Teil der erlesenen Y-Combinator-Investorentruppe. Und mehr noch: Seine Risikokapitalfirma Andreessen Horowitz schnappt den Alteingesessenen die Deals weg, hat Geld in die am schnellsten wachsenden Jungfirmen investiert, etwa in Facebook , Airbnb, Twitter oder Pinterest. Aufstrebenden Jungunternehmern gilt sie heute deshalb als allererste Adresse, sie wirkt wie ein Garant für unbegrenzte Wachstumsmöglichkeiten.

Der Weg zu Horowitz' Büro führt vorbei an großer Kunst, überall Gemälde, Fotografien und Skulpturen in museumsreifer Qualität: Ein Werk von John Baldessari im Treppenhaus, in Horowitz' Büro hängt eins von Roy Lichtenstein.

Horowitz, und das ist sehr selten im Valley, trägt bei der Arbeit einen Anzug. Er spricht mit ätherischer Stimme, sie klingt wie der Anfang eines leichten Sommersongs, ganz sanfter Rebell. "Dieses Bild hier gefällt mir besonders gut", sagt er und zeigt auf eine Wand in seinem Büro, an der Schwarz-Weiß-Fotografien von Boxerlegenden hängen. Auf der Aufnahme ist Jack Johnson zu sehen, jener Mann, der 1908 als erster Schwarzer Weltmeister im Schwergewicht wurde.

Darum geht es: Erster sein. Horowitz' Partner Marc Andreessen hat den ersten massentauglichen Webbrowser erfunden. Später hat Andreessen seine Firma Netscape für 4,2 Milliarden Dollar an AOL verkauft. Um die Jahrtausendwende gründeten Andreessen und Horowitz zusammen die IT-Firma Loudcloud, einen Vorreiter im Cloud-Computing. Horowitz war dort CEO, als die Firma erst in Opsware umbenannt wurde und an die Börse ging und 2007 für 1,6 Milliarden von Hewlett-Packard  aufgekauft wurde.

Eine Idee in viel Geld umwandeln

Das ist das Muster. Ein junger, unbekannter Programmierkünstler erschafft eine wegweisende Erfindung. Sie muss sich am Ende in möglichst viel Geld umwandeln lassen, sei es bei einem Börsengang oder Verkauf. So baut der Gründer an seinem Ruf, um später auch als Topinvestor reüssieren zu können. Vor Kurzem erst stieß der ehemalige SAP-Vorstand Lars Dalgaard, der seine IT-Firma für 3,4 Milliarden Dollar an SAP  verkauft hat, als Partner zu Andreessen Horowitz: "Lars ist eine Legende. So voller Energie", sagt Horowitz, "und er hat den ersten Mega-Deal im Cloud-Computing hingelegt."

Es gibt immer nur eine Handvoll Firmen, die das Potenzial auf einen späteren Milliarden-Exit haben. Und in die kauft sich Andreessen Horowitz ein, um fast jeden Preis.

Den Geldgebern gefällt die Chuzpe: 2009 gegründet, ist Andreessen Horowitz zu einem der am schnellsten wachsenden Risikofonds aufgestiegen - und zu einem der erfolgreichsten. Mit dem ersten Fonds konnten die Anleger ihr Kapital in drei Jahren verdoppeln. Die Firma ist aber auch die umstrittenste. Die Neuen trieben die Preise in die Höhe, beförderten abenteuerliche Firmenbewertungen, lautet ein Vorwurf. Horowitz kontert hart: "Das ist ein Argument für Verlierer."

Das Silicon Valley justiert sein Machtgefüge neu. Einst dominierende Wagnisfirmen wie Google-Förderer Kleiner Perkins Caufield Byers haben an Ansehen und Geld verloren, seit sie sich etwa mit Green-Tech verspekuliert haben. Neue, schrillere Herausforderer wie Graham und Horowitz nehmen ihren Platz ein.

Geblieben ist der brachial geführte Wettlauf um die neuen Unternehmen mit den besten Perspektiven. "Pro Jahr gibt es statistisch gesehen nur zwei Firmen, die später Milliardenumsätze machen werden. Und an denen will sich jeder hier beteiligen. Das Silicon Valley ist ein darwinistisches System", warnt Andreas von Bechtolsheim, Gründerlegende und Google-Mitentdecker, alle Gutgläubigen. Horowitz erläutert die Spielregeln knapper: "Die Topdeals bekommen überhaupt nur wenige Topinvestoren zu Gesicht."

Play the game - alle wollen am Valley-Rausch mitverdienen

Und doch wollen am Valley-Rausch immer mehr Außenstehende mitverdienen. Vom deutschen Ex-Vorstandsvorsitzenden bis hin zum neureichen Chinesen reisen sie derzeit alle an. "Play the game" heißt das hier. Es gibt schließlich Vorbilder wie Milner, den Facebook-Investor aus Russland, oder den Schauspieler Kutcher. Beide wurden jeweils von einem der wichtigsten Superinvestoren eingeführt: Ron Conway.

Sein Kontaktbuch reicht weit über die Grenzen des Valleys hinaus bis ins Film- und Musikbusiness. "Wenn Conway Geld organisieren will, dann macht er das mit ein paar Anrufen", sagt einer, der ihn gut kennt. Nur Paypal-Gründer Peter Thiel und von Bechtolsheim verfügen über ähnliche Strahlkraft als Privatinvestoren.

Die meisten Neuankömmlinge, die keine gewichtigen Fürsprecher im Hintergrund haben, werden als "dumb money" weitergereicht. Reiche, aber ahnungslose Investoren. "Es bleiben nur zweitklassige Deals übrig, wenn man keinen Ruf und damit keinen Nutzen vorzuweisen hat", sagt ein Vertreter der Wagniskapitalfonds aus Europa, die hier nahezu sämtlich Geld verloren haben.

Wer seine Schecks wahllos Jungfirmen ausstellt, die sich ganz im Frühstadium befinden, und hofft, doch einen Volltreffer zu landen, könnte sein Geld ebenso gut verbrennen. Hunderte der zuletzt zum Leben erweckten Start-ups bekommen derzeit kein Geld von den großen Venture-Firmen - und sterben einen frühen Tod. Schon macht das Wort von der "Finanzierungskrise" die Runde. Horowitz sieht es gelassener. "You can plan a pretty picnic, but you can't predict the weather", zitiert er die Rapper von Outkast in seinem Firmenblog.

Lucas Duplan ist einer, für den noch ziemlich lange die Sonne scheinen dürfte. Duplan ist 22 Jahre alt, hat 20 Minuten Zeit und 25 Millionen Dollar auf dem Firmenkonto. Das ist die höchste Summe, die ein Start-up bei der Frühfinanzierung je bekommen hat.

Und geht es nach Valley-Drehbuch weiter, hat er die besten Aussichten, zum nächsten Mark Zuckerberg aufzusteigen.

Die richtigen Leute kennen

Zum Treffen in der Lobby des "Marriott"-Hotels in Downtown San Francisco erscheint Duplan in einer schwarzen Bikerjacke, die seine Mutter für ihn ausgesucht hat. Clinkle heißt seine Firma, die man - Firmengeheimnisse! - nicht besuchen darf. Was man weiß: Sie arbeitet daran, eine der wichtigsten Branchen überhaupt zu digitalisieren: das Geschäft mit dem Bezahlen. "Wir wollen Bargeld und Kreditkarten ersetzen", sagt Duplan.

Vor Kurzem erst gegründet, hat Clinkle schon 50 Mitarbeiter, bis Ende des Jahres sollen es mindestens doppelt so viele sein. Eine erste Version war auf dem Stanford-Campus nur für Studenten im Test erhältlich, bald soll sie für alle US-Universitäten freigeschaltet werden.

Duplan hatte eine gute Idee - aber er kannte auch die richtigen Leute. Sein Professor in Stanford war Mendel Rosenblum, der Ehemann von Diane Green, einst Gründerin und CEO des IT-Unternehmens VMware und heute eine der einflussreichsten Investorinnen im Valley. Green stellte Duplan bei Jim Breyer vor, Partner beim mächtigen Wagnisfonds Accel (ein früher Facebook-Förderer) sowie bei Ben Horowitz.

Neben Green und Rosenblum, Accel und Andreessen Horowitz gehört auch Thiel (Facebook-Entdecker) zu den ersten Clinkle-Geldgebern.

"Die Lizenz zum Jagen"

Duplan findet, dass 25 Millionen Dollar Startfinanzierung angemessen sind: "Wir arbeiten nicht an dem nächsten iPhone-Spiel. Wir wollen einen milliardenschweren Markt auseinandersprengen", sagt er. "Jetzt haben wir die Lizenz zum Jagen."

Zum Abschied fragt Duplan freundlich, ob man nicht noch für ein gemeinsames Foto posieren wolle, dann schiebt ihn seine Pressesprecherin schon wieder auf und davon. So werden Stars gemacht. Längst ist das kalifornische Tal zu einem Paralleluniversum geworden, das nicht einmal mehr auf die Wall Street angewiesen ist, seit die Firmen hier erst sehr spät an die Börse gehen.

Das Valley ist sich selbst genug, um neues Geld aufzutreiben, damit aufstrebende junge Firmen wie Clinkle auf ihrem Weg zur Welteroberung ungestört wachsen. Auf welchen Firmenwert Clinkle wohl taxiert werden wird, wenn Duplan die erste Anschubfinanzierung einsammelt? Die Geldgeber hoffen: auf mehr als damals Facebook .

Das sind die Geschichten, die Wirtschaftsleute aus aller Welt ins Valley ziehen. Und wenn sie kommen, versuchen sie mit Horowitz zu sprechen oder Graham oder - ganz wichtig - mit einem aus der sagenumwobenen "Paypal-Mafia".

Das Paypal-Geflecht und seine wichtigsten Akteure

Als "Bild"-Chef Kai Diekmann sich einen Bart wachsen ließ und einen Kapuzenpulli überwarf, führte ihn seine erste Erkundungstour ins Viertel South of Market in San Francisco, wo sich die angesagten Jungfirmen derzeit alle ansiedeln: Hier traf er Kevin Hartz (43), Chef der Firma Eventbrite.

Hartz ist ein stiller Valley-Repräsentant, ein Mann im blauen Strickpullover, der sagt, er führe heute eine Entgiftungskur durch. Auf den Besprechungstisch vor sich stellt er ein Glas mit hellgrünem Gemüsesaft ab und daneben eines, in dem ein gelb leuchtender Tee schwappt. "Es ist wichtig, als Unternehmer auch auf seine Gesundheit zu achten", sagt Hartz.

Mit seiner jüngsten Firma Eventbrite hat er in wenigen Jahren die größte Plattform aufgebaut, über die sich Veranstaltungen jeder Art organisieren und zugleich Eintrittskarten dafür vertreiben lassen. "Wir werden dieses Jahr eine Milliarde Tickets verkaufen", sagt Hartz, der Eventbrite mit seiner Frau Julia führt.

Hartz war Student der Computerwissenschaft in Stanford, als er Peter Thiel kennenlernte, der eine Firma namens Fieldlink gründete, ein Bezahlsystem für die ersten mobilen Geräte. Hartz investierte 1997, noch bevor das Unternehmen zu Paypal wurde. "Peter erschien mir unsagbar talentiert", sagt Hartz. Fünf Jahre später gelang der Firma, die heute Ebay  gehört, der erste große Börsengang einer Internetfirma nach dem Platzen der Dotcom-Blase.

Kevin Hartz hat noch viel vor

Das Paypal-Geflecht erstarkte und mit ihm Hartz. Er investierte in LinkedIn , das Businessnetzwerk, das vom frühen Paypal-Mitarbeiter Reid Hoffman mit gegründet wurde. LinkedIn reüssierte 2011 an der Börse, Anstieg der Aktie seither: 150 Prozent.

Er war auch an Yammer beteiligt, dem sozialen Netzwerk für Firmen, das Microsoft  2012 für über eine Milliarde Dollar aufkaufte. Yammer-Gründer David Sacks war in den frühen Paypal Jahren Chief Operating Officer.

An Hartz' neuer Firma Eventbrite wiederum sind ehemalige Paypal-Topmanager beteiligt, so der CFO Roelof Botha, der im Eventbrite-Aufsichtsrat sitzt und Partner beim gewichtigen Wagnisfonds Sequoia Capital ist.

Erst Anfang des Jahres hat Hartz selbst wieder eine Firma an die Börse gebracht, Xoom heißt sie, eine Mikro-Payment-Plattform, die Hartz gründete. Auch hier weist die Aktienkurve deutlich nach oben. Hartz selbst sitzt nun im Xoom-Verwaltungsrat - zusammen mit Keith Rabois, einst Executive Vice President bei Paypal.

Glamouröser, reicher, jünger

Netzwerke voller Geld und Ideen machen das Valley groß, und es kommen immer neue hinzu. 10 Prozent aller Facebook-Abtrünnigen gehen, um eine eigene Firma zu gründen, legte jüngst eine Studie offen. Die erfolgreiche Online-Pinnwand Pinterest sowie das exklusive Netzwerk Path sind so entstanden.

Google ist ein ebenso gewaltiger Nukleus des Neuen. Marissa Mayer etwa, die Yahoo-Chefin und einstige Google-Mitarbeiterin der ersten Stunde, ist dafür bekannt, vor allem Firmen zu fördern, die von Frauen gegründet wurden.

"In Gründer zu investieren, die man persönlich kennt, ist die beste Art der Geldanlage", konstatiert von Bechtolsheim, der selbst gerade sein viertes Unternehmen, Arista Networks, hochzüchtet. Mehr als die Hälfte seiner Engagements als Geldgeber habe er bei Firmen von ehemaligen Mitarbeitern oder Bekannten getätigt. "Das reduziert das Risiko auf beiden Seiten."

Stanford-Professor Steve Blank nennt die Valley-Entscheider "die kreative Klasse". In den letzten 40 Jahren haben sie hier in der Tat rund 25 neue Weltkonzerne wie Google  oder Facebook  aus dem Nichts erschaffen. Im selben Zeitraum kam in Deutschland nur SAP  als neuer Champion zustande.

25 IT-Weltkonzerne aus dem Valley - aus Deutschland kommt nur SAP

Aber die Tech-Elite mutiert auch zunehmend zu einer selbstverliebten Gattung, was auch viele Europäer merken. Die Chefs der wichtigsten Jungfirmen öffneten den angereisten deutschen Unternehmensführern die Türen. Bereitwillig tauschten sie sich darüber aus, wie schöpferische Kraft am ehesten gedeiht.

So machte Twitter-Chef Dick Costello Timotheus Höttges von der Telekom klar, warum es trägen Konzernen nicht weiterhilft, wenn sie sich wendige Start-ups einverleiben wollen: "Wir gehören nicht in den Zoo. Wir wollen lieber in der Wildnis aufwachsen." Doch viele der Deutschen werden als "Innovationstouristen" belächelt, sobald sie erst einmal wieder fort sind.

Man ist glamouröser und reicher und jünger sowieso. Bei den Start-ups wie Dropbox kommen Pfirsiche in diesem Sommer nur frisch gepflückt in die überall herumstehenden Obstkörbe. Andere fliegen ihre Bagels eigens aus New York ein, weil nur die von dort am besten schmecken sollen.

"All dieser Luxus ist ein sicheres Zeichen für eine Blase", konstatiert der ehemalige Telekom-Vorstand Edward Kozel. "Aber das macht überhaupt nichts", fügt der Tech-Entrepreneur hinzu, "das Valley wird sich anpassen und wieder aufrichten". Von Bechtolsheim glaubt gar: "Für gute Ideen findet man hier immer einen Geldgeber. Die besten Firmen entstehen sogar in Krisenzeiten, so wie Google während des Dotcom-Zusammenbruchs."

Was aber, wenn das nächste, das noch größere Wirtstier, nach dem im digitalen Dschungel hier alle jagen, sich doch nicht so rasch wieder zeigen will?Wenn Lucas Duplan, auf den das Valley seine bisher größte Wette abgeschlossen hat, doch nicht derjenige sein wird, für den ihn alle halten? Wenn Graham kein weiterer Volltreffer wie Airbnb und Dropbox gelingt, ihm das Geld ausgeht, um die Fließbänder seines Y Combinators am Laufen zu halten?

"Dann sind wir verdammt", sagt Graham. "Dann ist die ganze Welt verdammt", ruft er und sieht für einen Augenblick verwirrt aus.

Das wichtigste Netzwerk im Valley: Gestatten, Paypal-Mafia!

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