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Silicon Valley: Scheinheilige Elite

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Gier, Sex und Geld Die Heuchler aus dem Silicon Valley

Enthüllungen über Sexpartys und Diskriminierung erschüttern das Silicon Valley. Dabei sind sie nur ein weiterer Beleg dafür, dass hippe Gründer und Wall-Street-Banker sich kaum unterscheiden. Ein Abgesang.

Die folgende Geschichte stammt aus der März-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Februar erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Wäre "Playboy"-Verleger Hugh Hefner noch am Leben, er hätte wohl seine Freude gehabt an den Szenen, die sich vergangenen Sommer in der Villa von Steve Jurvetson (50) abgespielt haben sollen. Der Mann war einmal eine bewunderte Größe im Silicon Valley, seine Firma DFJ - Draper Fisher Jurvetson - hat dabei geholfen, Start-ups wie Twitter, Skype, Tesla und Tumblr groß zu machen. Doch im Moment reden alle nur noch über dieses "Sex-Ding", das man vielleicht in Hefners Playboy Mansion erwartet hätte, aber nicht im Haus eines Wagniskapitaltycoons.

Die im Juni 2017 verschickten Einladungen versprechen eine "Party am Rande der Welt", als Ausklang des offiziellen DFJ-Jahrestreffens. Ein Shuttle bringt Mitarbeiter (darunter hochrangige Partner) sowie Topshots anderer Techfirmen zu Jurvetsons Haus. Das Wohnzimmer hat er mit weißen Kunstpelzen und Kissen auslegen lassen, auf denen sich die Gäste im Laufe des Abends rekeln: Sie fangen an, einander zu streicheln und miteinander zu kuscheln.

Ein Venture Capitalist, als Häschen verkleidet, soll einer der geladenen Frauen Ecstasy offeriert haben. "Damit wirst du dich entspannen und lieber berührt werden", lockt er. Tesla-Ikone Elon Musk ist gekommen, auch Jason Calacanis wird gesehen, einer der ersten Uber-Investoren. Was auffällt, ist die große Zahl junger Frauen. In den Einladungen sind die Erwartungen an die Gäste präzise umschrieben worden: Gewünscht waren "glamouröse (wörtlich "glamazon") Abenteurer, Safari-Chic und Dschungelvolk-Bekleidung".

Techmillionäre treffen sich zum Swingerfestival, ganz analog

Die Party endet dann als großes "cuddle puddle", so beschreibt es die Bloomberg-Journalistin Emily Chang in ihrem neuen Buch "Brotopia" (Kurzform von Brother und Utopia). Chang hat monatelang recherchiert, sie sprach mit jungen Frauen, die zu solchen Partys eingeladen waren, und mit Männern, die dabei waren. Die Schauplätze: großzügige Wohnanlagen in San Franciscos Pacific Heights; ein Château im Napa Valley; ein Anwesen am Strand von Malibu, ein Boot vor Ibiza. Die Gäste: Techmilliardäre, mächtige Wagniskapitalfinanziers, Topmanager der Internetkonzerne. Viele mit Ehefrauen. Je später der Abend, desto unumwundener steuerten die Feste wohl auf ihr Ziel zu: Sex. Zu zweit, zu dritt, mit Unbekannten. Swingerfestival, ganz analog.

Die von Chang interviewten Männer seien stolz auf ihren unkonventionellen Lebensstil, so die Autorin: "Sie halten sich für progressiv und offen." Selbst ernannte Draufgänger, die mit der gleichen Verwegenheit auch ihre Konzerne aufgebaut haben. Getreu dem alten Facebook-Motto "Move fast and break things".

Und die Frauen? "Wenn sie attraktiv, willig und jung sind, kommen sie den Mächtigen nahe und brauchen sich über ihren Lebenslauf und ihr Konto keine Sorgen mehr zu machen." Ansonsten haben sie in der Valley-Hierarchie kaum etwas zu melden. Changs Fazit: "Das ist erniedrigend."

Seit dem Vorabdruck einiger "Brotopia"-Passagen im US-Magazin "Vanity Fair" Anfang Januar bebt es rund um Palo Alto. Techcrunch, eine wichtige publizistische Stimme des Valleys, sah sich veranlasst, seine Klientel zu exkulpieren. Mary Lou Jepsen, CEO von Openwater und eine der wenigen hochrangigen Techfrauen, tweetete, sie habe keine Drogen und kein cuddle puddle gesehen, nur eine "großartige Party." Elon Musk ließ verbreiten, er habe das Ganze für eine "Firmenfeier mit einem Kostümthema" gehalten - und weiter nichts bemerkt.

Paul Biggar, Gründer der Softwarefirma CircleCI, bestätigte hingegen Changs Version. Steve Jurvetson war zum Zeitpunkt der Enthüllungen schon nicht mehr bei seiner Company an Bord. DFJ hatte ihn im vergangenen November vor die Tür gesetzt, nachdem ihm eine Gründerin via Facebook sexuelle Belästigung vorgeworfen hatte.

Sex, Hybris, Machtmissbrauch - IT-Granden zeigen sich als dekadente Heuchler

Sex, Hybris, Machtmissbrauch - angetreten, um die Welt zu retten, entpuppen sich die Granden des Silicon Valley immer häufiger als abgehobene Bruderschaft nahezu spätrömischer Dekadenz.

"Brotopia" ist da nur der letzte Gischtspritzer eines Tsunamis an Kritik, der gerade das Tal flutet. Techlash lautet das neue Schlagwort. Viele der vermeintlichen IT-Götter gelten plötzlich als wahrhaft irdische Heuchler.

Diesen Reputationsverlust haben sie sich selbst zuzuschreiben. Es ist längst nicht mehr nur der protzige Lifestyle vieler junger Techies, die mit ihren großen Gehaltspaketen die Immobilienpreise hochtreiben auf der Suche nach großzügigen Lofts für ihre sprechenden Kühlschränke.

Die Sicht auf Big Tech hat sich grundsätzlich verändert: Das Valley ist für viele Beobachter zur dunklen Seite der Macht mutiert.

Vielversprechende Start-ups wie der Fahrtenvermittler Uber oder der Bluttestentwickler Theranos haben sich in Affären und Betrugsvorwürfe verstrickt. Dass Snapchat im vergangenen Jahr derart erfolgreich an die Börse gehen konnte, versteht heute fast niemand mehr. Facebook, Google und Twitter werden immer heftiger angegriffen für den fahrlässigen Umgang mit Fake News und Hasstiraden auf ihren Plattformen.

Fast noch gefährlicher ist, wie die Internetkonzerne ihr Herrschaftswissen aus den gesammelten Daten einsetzen: Konkurrenten werden plattgemacht, die Nutzer bis ins Intimste ausgeforscht, um die Vormachtstellung zu verteidigen. Da wachsen Kraken heran, die den Wettbewerb dauerhaft zerstören könnten. Hochrangige Demokraten fordern daher Antitrustgesetze, bevor es zu spät ist.

Vulgäres Geprotze

Zu Zeiten von US-Präsident Barack Obama sah das noch ganz anders aus. Viele der Tech-Gründer gingen im Weißen Haus ein und aus. Regierungsmitarbeiter wollten mithilfe der Internetszene die Bildungsarmut bekämpfen und weltweit die Demokratisierung befördern. Das Valley zu kritisieren galt als geistig arm, so billig wie der Vorwurf, das Smartphone mache dumm. Die Geschäftsmodelle schienen überlegen, der Auftritt im T-Shirt geradezu stilbildend.

Inzwischen fühlen sich viele durch die vulgäre Inszenierung des neuen Reichtums und das "Aus dem Weg, ich bin wichtig"-Gehabe an Gordon Gekko ("Gier ist gut!") erinnert. "Tech ist die neue Wall Street", sagt Fred Wilson, Managing Partner beim legendären Wagniskapitalgeber Union Square Ventures, "voller ultrareicher abgedrehter Leute, die zu viel Macht und zu wenig Einfühlungsvermögen besitzen". Vordenker Scott Galloway sieht bereits "den Anfang vom Ende der großen Techunternehmen". Der Professor der New York University hält Google und Co. für weitgehend entzaubert (siehe Interview).

"Don't be evil" - der Slogan, den die Google-Nerds 2001 als Firmenethos formulierten, hing lange wie ein Grundgesetz über dem Tal der Erfinder. Seither verkauft jeder Neuling auf Investorensuche seine Idee als Weltverbesserung, selbst wenn es nur eine App ist, die Selfies mit Hasenohren verziert.

Besonders weit klaffen Wunsch und Wirklichkeit bei Mark Zuckerberg auseinander. Der Milliardär steht wie kein anderer für die junge, unverbrauchte, progressive Techelite, im Büro die Gemüsesticks auf dem Schreibtisch, daheim die Solarzellen auf dem Dach, in der Garage den Tesla, der Business-Case stets im Dienste der Menschheit und des Weltfriedens (schließlich sendeten die Protestler im Arabischen Frühling ihre Botschaften über Facebook und Twitter in die Welt). Sein Vermögen von 75 Milliarden Dollar hat der Facebook-Gründer allerdings damit angehäuft, dass sich Menschen auf seiner Plattform oft bis zur Schmerzgrenze entblößen, indem sie auch ihr Intimstes dauerdokumentieren.

Vollmundig verkündete Zuck, dass Privatheit als soziale Norm überholt sei - und kaufte derweil reihenweise Grundstücke rund um sein Haus in Palo Alto auf, damit ihm und seiner Familie bloß keiner zu nahe kommt. Er lässt sogar Handwerker Geheimhaltungsverträge unterschreiben, wie ein Prozess ans Licht brachte. Von seiner Hochzeit mit Priscilla Chan im Mai 2012 existieren kaum öffentliche Fotos.

Viele Techgurus achten bei der Kindererziehung streng darauf, dass ihre Brut nicht abhängig wird von den Smartphones und Tablets, mit denen sie die Welt überschütten. Bill Gates und Steve Jobs hielten ihren Nachwuchs von der eigenen Technik genauso fern wie Twitter-Mitgründer Evan Williams. Ex-Google- und Facebook-Mitarbeiter sammeln Millionen für eine Antitechkampagne in ihrem neu gegründeten "Center for Humane Technology".

Eine Facebook-Produktmanagerin, die den Gefällt-mir-Button entwickelt hat, berichtet offen, dass sie ein Browser-Plug-in installiert hat, das ihren Facebook-Newsfeed unsichtbar macht, und einen Social-Media-Manager bezahlt, der ihre digitale Präsenz überwacht. Seither fühlt sie sich glücklicher.

Sexismus als Firmenkultur

Und nun auch noch die Swingerpartys. Die reichen Jungs verkaufen sie als Spielplätze für eine gebildete, aufgeklärte Kaste, die sich sexuell verwirklichen will. Autorin Chang hält sie für eine klassische Altherrenfantasie: "Frauen werden in Gruppensex verwickelt, Schwule bleiben außen vor." Es dominiert der weiße, mächtige Mann. "Alles der ewig gleiche alte Bullshit", zitiert sie Elisabeth Sheff aus Chattanooga, die jahrzehntelang offene Beziehungen erforscht hat: "Männer können Sex mit Frauen haben, weil sie reich sind."

Das Valley entlarvt sich zunehmend als Manifest der "Bro-Culture", in dem Investoren es ganz normal finden, bei Gründerinnen auch mal übergriffig zu werden. Du willst mein Geld, dann verdien' es dir gefälligst. Einflussreiche Finanziers wie Justin Caldbeck (Binary Capital) oder Dave McClure (Accelerator mit 500 Start-ups) wurden unlängst von etlichen Frauen der sexuellen Belästigung bezichtigt. Und auch bei Uber war Sexismus unter Führung von Travis Kalanick offenbar Teil der Firmenkultur. Bis eine ehemalige Mitarbeiterin via Blogeintrag von ihrem "sehr, sehr merkwürdigen Jahr bei Uber" berichtete. Sexuelle Belästigungen seien vom Personalbüro gedeckt worden, wenn es sich um wichtige Manager handelte.

Verlegerin Arianna Huffington, bei Uber im Board und als Beraterin aktiv, spielte die Vorwürfe als "ein paar faule Äpfel im Korb" herunter. Hauptsache, der Taxidienstvermittler verteilte ihre Meditationsarmbänder weiter brav an seine Fahrer.

Als später auch noch Vorwürfe aufkamen, Uber habe Firmengeheimnisse von Google geklaut und missliebige Nutzer ausgespäht, begannen die Mitarbeiter sich ihres Arbeitgebers zu schämen. Firmen-T-Shirts verschwanden über Nacht aus den Büros, mächtige Investoren zwangen Kalanick zum Rücktritt. Er sitzt jetzt daheim und spielt "2048", ein Smartphone-Puzzle.

Kalanicks Karriere verrät einiges über die Grundgesetze des Valleys, in dem bislang jeder bewundert wurde, solange er vorgab, Großes zu tun. Der Uber-Boss inszenierte sich als Business-Brachialo, der sich nicht um Gesetze scherte und seinen Mitarbeitern empfahl, sie sollten "anderen auf die Füße treten" und "immer drängeln".

"Ihr kranken Kapitalisten"

Seit Steve Jobs' Rauswurf bei Apple 1985 gilt es als Todsünde, einen Gründer zu feuern, egal wie narzisstisch er ist (ohne Jobs' Rückkehr hätte Apple nie den Ikonenstatus erlangt). Bis zuletzt hofften Beobachter, Kalanick lasse sich mit ein bisschen Coaching und Mediation schon auf den rechten Weg leiten. "Möglicherweise werden wir den Leuten weiter erlauben müssen, herabsetzende Dinge über Schwule zu sagen, wenn wir wollen, dass sie dazu fähig sind, Neuartiges über Physik zu sagen", erklärte Sam Altman, der einflussreiche Präsident des Start-up-Investors Y Combinator. Altman selbst ist schwul.

Das ganze Kampfgeschrei könne aber nur geduldet werden, wenn es auch zu Erfolg führe - und nicht wie von manchen Typen in Beschiss uminterpretiert werde, sagt Jakub Kostecki, Gründer der Investorenberatung StartupFactCheck. Und da lief es für so manchen selbst ernannten Highflyer eher schlecht. Ubers aggressive Preisstrategie hinterlässt bislang nichts als hohe Verluste, bei Twitter und Snapchat haben sich seit dem Börsengang die Kurse halbiert, trotz zwischenzeitlicher Erfolgsmeldungen.

Zahlreichen Geschäftsmodellen fehlt es an Substanz. Viele Wasch- und Pizzadienste entpuppen sich bei kritischer Betrachtung als Erleichterungen für genau jene Schicht frisch von zu Hause ausgezogener Programmierer, die sie sich ausgedacht hat. Als zwei Ex-Googler mit ihrem Start-up Bodega - Glasboxen voll edler Snacks - kleinen Eckläden Konkurrenz machen wollten, ernteten sie einen Shitstorm. "Lasst mal sehen, wie ihr mir eine Schinken-Eier-Käse-Rolle mit Jalapeños macht, ihr kranken Kapitalisten", textete der Rapper El-P. Die Gründer entschuldigten sich, ihre Idee sei "wohl zu progressiv gewesen." Sie werden jetzt als "Brodega" beschimpft.

Skedaddle, nach eigener Beschreibung ein "Uber für Busse", zog sich massiven Zorn zu, als es ankündigte, nebenbei eine Datenbank aufzubauen, die Kellner und Kassiererinnen bewerten wollte. Die Ratings sollten transparent gemacht werden - wie ein für jedermann einsehbares Arbeitszeugnis. "Ein Albtraum", klagte Bloggerin Lisa McIntire, "das Valley wird von kompletten Soziopathen beherrscht."

Es erinnere ihn zuweilen an die US-Autoindustrie der 70er, so Big-Tech-Kritiker Andrew Keen, der gerade sein neues Buch "How to fix the future" herausgebracht hat. In den 50ern dominierten die Car Guys die Welt, in den 70ern stellten die Käufer fest, dass die Autos nicht halb so sicher waren wie behauptet. Ein ähnliches Erwachen dräue jetzt, wenn die Nutzer merkten, dass das Geschäftsmodell - "Gratisangebote gegen persönliche Daten" - im "Überwachungskapitalismus" münde.

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Silicon Valley: Scheinheilige Elite

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Die Politik schwenkt bereits um. Lagerübergreifend denken Republikaner und Demokraten in den USA darüber nach, wie sich die manipulative Macht der Social-Media-Kanäle regulieren lässt. Seit Facebook und Twitter zugeben mussten, dass Kreml-nahe Kreise Falschmeldungen zulasten von Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton verbreitet hatten, steht für die Linke der Vorwurf des Landesverrats im Raum. Allein Twitter fand mehr als 50¿000 russische Accounts.

Auch Google und Amazon geraten in Washington stärker unter Rechtfertigungsdruck. Die Suchmaschine, weil sie in der Hauptstadt ganze Lobbybrigaden beschäftigt und Monopolkritiker mundtot macht (was der Konzern bestreitet); der Onlinehändler, weil er dem stationären Einzelhandel die Existenzgrundlage entzieht.

Unterstützung erhalten die Kritiker inzwischen sogar von der Techelite selbst. Dipayan Ghosh, ehemaliger Facebook-Manager und Demokrat, hat unlängst in einer Untersuchung nachgewiesen, dass sein ehemaliger Arbeitgeber Fake News und desinformierende Anzeigenkampagnen geradezu anzieht. Seine niederschmetternde Diagnose: "Das ganze Geschäft mit Digitalanzeigen hängt davon ab."

Amazon-Boss Jeff Bezos, der sich gern als ultrabescheidenen Milliardär inszeniert und in seinem Honda durch Seattle cruist, nutzt seinen Reichtum zum Aufbau einer Meinungsmacht. Er beschäftigt in Washington eine wachsende Zahl von Lobbyisten, hat die "Washington Post" übernommen und hält Anteile am Wirtschaftsportal Business Insider. "Bei all dem geht es ihm nur um Einfluss", glaubt Galloway.

Wie unverschämt Amazon seine Ambitionen mittlerweile zur Schau stellt, zeigt der Wettbewerb um eine zweite Firmenzentrale, bei dem sich US-Städte "bewerben" konnten. Eine Castingshow der besonderen Art: In mehreren Runden überboten sich Lokalpolitiker damit, sich bei der Jury in Seattle anzubiedern. Der Gewinner darf dann den bald wertvollsten Konzern der Welt mit Subventionen zuschütten.

Ubers neue Bescheidenheit

Selbst Mark Zuckerberg hat den Ernst der Lage erkannt. Vor wenigen Wochen kündigte er an, den Algorithmus seiner Newsfeeds zu ändern. Die Plattform werde künftig weniger kommerzielle Neuigkeiten in die persönlichen Kanäle einspielen, sondern Beiträge von Familie und Freunden nach oben rücken. Wie immer mit besten Absichten: "Wir wollen sicherstellen, dass unsere Produkte nicht nur Spaß machen, sondern gut für die Menschen sind." Die Charmeoffensive könnte zu spät kommen. "Zuckerberg ordnet seine Stühle auf dem Deck der 'Titanic' neu", höhnt Buchautor Keen. Für Hunderte Millionen Menschen sei Facebook Informationsmedium Nummer eins. Wenn die jetzt nur noch sähen, was ihre Freunde sehen - "was ist dann mit dem objektiven Blick auf die Welt"?


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Die massiven Imageprobleme im Kerngeschäft lassen sich so kaum in den Griff kriegen. Mit einer Tour zu den einfachen Amerikanern im Mittleren Westen wollte Zuck seinen schlechten Ruf aufpolieren. Der "Great American Roadtrip" lässt sich als Podcast nachverfolgen, unter anderem erzählt Mark seinen Fans "die unglaubliche Geschichte von Georgia". Auf Fotos sieht man ihn Kälbchen füttern, Katzenbabys herzen, auf einem Pferd im Grand Canyon posieren. Die Tour trage alle Zeichen "von Überkompensation", lästert Buzzfeed. Facebook-Kritiker wie Salesforce-Chef Marc Benioff lassen sich von derartiger PR nicht blenden. Er fordert, die Social-Media-Unternehmen zu regulieren - wie die Zigarettenindustrie mit ihren giftigen Suchtmitteln. Benioff hat seinen Facebook-Account gelöscht - und ist stolz darauf.

Einer, der nun radikal umsteuert, ist der neue Uber-CEO Dara Khosrowshahi. Wo immer er auftritt, gibt er sich bescheiden und selbstkritisch. Die Presse-Leaks hätten einen echten Kulturwandel bei Uber ausgelöst, sagt er, "der war schmerzhaft, aber auch sehr positiv".

Man wird sehen. Das nächste Enthüllungsbuch über das Valley ist schon in Vorbereitung: "New York Times"-Reporter Mike Isaac hat es für 2019 angekündigt. Worum es geht? Irre Ambitionen, Betrug, Sex, Täuschung und unverhüllte Machtspiele, so heißt es. Die Entzauberung geht weiter.

Mitarbeit: Philipp Alvares de Souza Soares, Jonas Rest, Christian Schütte
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.