Sonntag, 21. Juli 2019

Porträt des umstrittenen Karstadt-Eigentümers Die Bändigung des René Benko

René Benko: Der Selfmademann
DPA / Signa

2. Teil: Eine satirereife Affäre

Doch Metro-Chef Koch, der Anfang 2012 sein Amt antrat, mochte den forschen Aufsteiger nicht. Er misstraute dessen Finanzierung und fürchtete, sich bei einem Scheitern des Deals zu blamieren. Er brach die Verhandlungen ab.

Den Affront wollte der Tiroler nicht hinnehmen. Er fragte bei Berggruen an, ob der nicht verkaufen wolle. Aber der Karstadt-Eigentümer hatte aberwitzige Preisvorstellungen. Benko wechselte die Strategie. Er begann, die Gebäude aufzukaufen, in denen Karstadt seine Warenhäuser betrieb.

Als Geldgeber gewann er den Israeli Steinmetz. Doch der hatte Ärger mit dem FBI - wegen des Verdachts auf Korruption beim Erwerb von Schürfrechten in Afrika. Die Partnerschaft schadete Benkos Ruf, ebenso wie eine satirereife Schmiergeldaffäre um den früheren italienischen Premier Silvio Berlusconi, die Benko eine Bewährungsstrafe eintrug.

Bei Karstadt lief es derweil immer schlechter. Im Herbst 2013 stand der Konzern erneut vor der Insolvenz. Mit einer Geldspritze kaufte sich Benko bei Karstadt ein und setzte Fanderl als Aufsichtsratschef durch - den hatte ihm Berninghaus empfohlen.

Ein Jahr später übernahm Benko Karstadt dann komplett. Um seine Immobilien zu füttern, vermuteten viele. Benko beteuerte stets, seine Häuser wären - bei einem Ausfall von Karstadt - gut an Dritte weiterzuvermieten gewesen. Zudem hatte das Team um Fanderl Karstadt gründlich durchgecheckt und war überzeugt, den Konzern retten zu können. Benko trennte die Premiumhäuser sowie die Sportfilialen ab und machte Fanderl zum CEO des Sanierungsfalls Rest-Karstadt.

Der Ruf von Signa als Unternehmensretterin war mittlerweile bis zur Händlerfamilie Haub durchgedrungen. Als der Verkauf ihrer Supermarktkette Kaiser's Tengelmann an Edeka im Chaos zwischen Kartellamtsverbot, Ministererlaubnis und Gerichtsstreit zu scheitern drohte, boten die Mülheimer ihren Problemfall Benko an. Doch der lehnte ab.

Der Turnaround von Karstadt gilt indessen als so gefestigt, dass Benko sich wieder ins Rampenlicht traut. Im November trat er beim Führungskräftetreffen in Berlin vor 250 Managern auf und bekam viel Applaus für seine Schlussworte: "Sie können sich auf uns verlassen."

Das bezog sich auch auf die Zusage, kein Geld zu entnehmen, solange Karstadt nicht nachhaltig Erträge erwirtschaftet - anders als Berggruen, der sich die Rechte am Namen Karstadt teuer hatte bezahlen lassen. Die liegen nun bei Signa, werden aber nicht honoriert.

Einen herben Rückschlag erlitt Benko im Sommer 2015 , als er abermals versuchte, Galeria Kaufhof zu übernehmen. Metro-Chef Koch ließ Signa, die laut Benko das bessere Angebot abgegeben hatte, erneut abblitzen und verkaufte an den kanadischen Konzern HBC.

Da lief es bei den Onlineerwerbungen deutlich runder. Als Ergänzung zum Karstadt-Stammgeschäft erwarb Benko den Webdiscounter Dress for Less, für Karstadt Sports den Onlineshop Outfitter. In diesem November kaufte Signa Internetstores - von dessen Gründer und dem Private-Equity-Unternehmen EQT. Zu Internetstores gehören die Zweiradportale Fahrrad.de, Bikester und Brügelmann sowie die Outdoorspezialisten Addnature und Campz. Damit kommt die Karstadt Sports Group auf rund 600 Millionen Euro Umsatz und hat Sport-Scheck (Otto-Gruppe) als Marktführer abgelöst.

Selbst als Gastronom macht Benko eine gute Figur. Mit Karstadt waren ihm die Warenhausrestaurants ("Le Buffet") und die gemeinsam mit Rewe betriebenen Feinkostabteilungen (Perfetto) zugefallen. Also gründete er die Signa Food & Restaurants und hielt Ausschau nach Expansionsmöglichkeiten.

Das italienische Gastronomie- und Foodhandelsformat Eataly suchte einen Partner im deutschem Sprachraum. Man wurde sich einig, und seit November 2015 betreibt Signa die knapp 5000 Quadratmeter große Schrannenhalle am Münchener Viktualienmarkt als Restaurant und Einzelhandel. Nach der Testphase will Benko das Format in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz ausrollen.

Luxusbedarf, Warenhaus, Sporthandel, Foodanbieter - unter dem Dach der Signa Retail wächst ein Händler von Format heran. Das Geschäft ist intern völlig von den anderen Sparten getrennt: separates Management, eigene Governance, nicht einmal ein gemeinsamer Cashpool, auch wegen der außenstehenden Gesellschafter (siehe Grafik).

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Spektakuläre Vorhaben stecken bei Signa Real Estate in der Pipeline. In Wien entwickelt Benko derzeit vier große Projekte, in die er rund 1,5 Milliarden Euro investiert. In Berlin baut er das Karstadt-Haus am Kurfürstendamm zum größten innerstädtischen Einkaufszentrum Deutschlands um. 80.000 Quadratmeter Ladenfläche gibt es sonst nur außerorts. Die Hälfte davon wird Karstadt anmieten.

In der Münchener City hat Benko direkt neben dem Premiumwarenhaus Oberpollinger die Alte Akademie erworben. Das historische Gebäude wird zu Läden und Büros umgebaut. Im Untergrund entsteht eine Tiefgarage, die mittels einer Straßenunterführung mit dem Parkhaus des Oberpollinger verbunden wird. Außerdem will Signa die städtebauliche Einöde zwischen Stachus und Hauptbahnhof aufwerten. Die Rathauspolitiker stehen den gewaltigen Plänen wohlwollend gegenüber.

Doch Benko kann auch kleiner. Mit dem Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen baut die Tochter Signa Funds Kindertagesstätten. An die 40 Objekte hat das Unternehmen bereits hochgezogen - und hilft den Kommunen, ihrer gesetzlichen Pflicht nachzukommen, jedem Kind einen Platz zu garantieren. Betrieben werden die Einrichtungen von einem Partner; sie bleiben jedoch im Besitz von Signa, die damit größter privater Eigner von Kindertagesstätten in Deutschland ist. Nur ein paar Gebäude wurden an Family-Offices verkauft.

Das Festhalten an einmal erworbenen oder entwickelten Immobilien ist für Benko kein Dogma. Kronjuwelen wie die Gebäude der Premiumwarenhäuser oder die umgewidmeten Häuserblocks in Wien würde Signa zwar nur in höchster Not veräußern. In jüngerer Zeit sind jedoch etliche Objekte verkauft worden, mit "atemberaubenden Gewinnen", wie es bei Signa heißt. Die Einkaufspassage Sevens in Düsseldorf etwa, das einstige Karstadt-Haus in Stuttgart oder der Bürobau Centurion in Frankfurt. Benko mag nicht als Dealer wahrgenommen werden - aber Geschäftsmann ist er eben auch: "An realisierten Gewinnen", so sein Credo, "geht niemand pleite."

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