Montag, 27. Mai 2019

Schifffahrt Die unheilvolle Allianz von Politik und Großreedern

Schifffahrt: Schiffe versenken
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4. Teil: Kapitel III: Die Banken - Der Wahnsinn HSH und die Schmach der Kreditgeber

Auch Werner Marnette ist ein Grenzgänger der Macht. Als CEO von Aurubis Börsen-Chart zeigen, Europas größter Kupferhütte, fetzte er sich so lange mit seinen Aufsichtsräten, bis er 2007 gehen musste. Als Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister trat er 2009 aus Protest gegen die seiner Ansicht nach zu laxe Kontrolle der HSH zurück, in deren Aufsichts- beziehungsweise Beirat er von 2003 bis 2008 saß. Marnette, heute selbstständiger Firmenberater, ist ein Rumpelstilzchen aus Überzeugung.

"Schon 2007 war klar, dass die Bank in größten Schwierigkeiten war und sich durch Ausweitung des Schiffskreditgeschäfts retten wollte", sagt er. "Dass die Frachtraten einbrechen würden, ging selbst aus HSH-internen Berichten hervor. Aber dies wollte in Vorstand, Aufsichtsrat und Politik niemand hören. Nichts durfte den für 2008 geplanten Börsengang stören."

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2003 aus der Fusion der Landesbanken von Hamburg und Schleswig-Holstein entstanden, war die HSH für die Reeder stets kreditgebende Melkkuh und für Politiker und Banker Projektionsfläche ihres Größenwahns. 15 Prozent Eigenkapitalrendite, so dekretierte Hamburgs Finanzsenator Wolfgang Peiner, müsse das Institut erwirtschaften, um Investoren anzulocken und per Börsengang Milliarden in die öffentlichen Kassen zu spülen.

Dafür blähten nacheinander die CEOs Alexander Stuhlmann, Hans Berger, angetrieben von Vize und Schifffahrtsenthusiast Peter Rieck, und Dirk Jens Nonnenmacher binnen wenigen Jahren die Bilanz auf. Die HSH stieg zum weltgrößten Schiffsfinanzierer auf, in ihrem Schlepptau Institute wie Commerzbank Börsen-Chart zeigen und NordLB. Auch sie witterten das große Geschäft. Reedern wurde Kredit aufgedrängt, zu Margen von mitunter weniger als ein Prozent. Selbst Branchenneulinge fanden sich bisweilen auf exklusiven Kundentreffen wieder. Von der "Nacht der Ballone" im österreichischen Filzmoos auf NordLB-Einladung schwärmen sie noch heute.

Der mit Berufspolitikern gespickte HSH-Aufsichtsrat sah das ständig anschwellende Problem nicht: das gewaltige, schließlich mehr als 30 Milliarden Euro dicke Schiffskreditbuch. Als Wirtschaftsminister verzweifelte Marnette an Ministerpräsident Peter Harry Carstensen. "Er hat das nie wirklich verstanden."

Nach der Lehman-Pleite fingen die Nordländer die HSH auf - und begingen den nächsten kapitalen Fehler: Anstatt sie großzügig mit frischem Eigenkapital auszustatten, um verlorene Kredite abschreiben und die Bank kontrolliert herunterfahren zu können, spannten die Länder einen Garantieschirm für Darlehensausfälle auf. Er ermöglichte es der HSH, neue Kredite zu vergeben und alte zu prolongieren.

Doch die Frachtraten blieben niedrig, die Schifffahrtskrise wurde zum Dauerzustand. Banken und Großreeder mussten sich mit kreativen Zwischenlösungen über Wasser halten. Häufig wurden nun auf Zwangsversteigerungen insolvente Schiffe von Einschiffgesellschaften ersteigert, hinter denen Reeder und deren Hausbanken standen, die ihre Kähne zu Mond- statt Marktpreisen zurückkauften. Dank der Scheinauktionen konnten Banken überfällige Abschreibungen auf die Schiffe vermeiden. Die Reeder, ausgestattet mit frischem Geld ihrer Banken, erweiterten ihre Flotte und galten wieder als Schuldner guter Bonität. Ein Insichgeschäft.

Die persönlichen Drähte in die Banken reichten bis tief in die Arbeitsebene hinein. In Boomzeiten hatte man auf ausgedehnten Reisen zu Schiffstaufen ordentlich geprasst, das schweißte zusammen. Nicht selten beließ es die HSH beim vertrauten Berater, selbst wenn der Reeder zum Problemkunden geworden war und längst eine unbelastete Betreuung gebraucht hätte.

Kaum jemand nutzte die Naivität der HSH-Banker so aus wie Bernd Kortüm, als Gesellschafter der Norddeutschen Vermögen Holding einer der ganz Großen im Geschäft. 2004 bekam er einen Sitz im Beirat der HSH, seines Kreditgebers, und weilte dort bis 2015.

Anfangs lief alles nach Plan: Mitte 2007 verdoppelte die HSH Kortüms Kreditpaket mal eben auf 2,7 Milliarden Dollar. 2009 mussten die Fachleute dann in einer Vorlage für Nonnenmacher einräumen, dass ihr Herzenskunde zum "Sanierungsfall" mit "offener Sanierungsfähigkeit und -würdigkeit" mutiert sei.

Besonders schmerzhaft: Die Banker hatten schludrig gearbeitet. Kortüm, der sein Geld aus den goldenen Schifffahrtsjahren durch Private-Equity- und Immobilieninvestitionen reichlich gemehrt hatte, war nicht beizukommen. Die "Vertragsdokumentation", so heißt es in dem Papier, sei "für die Bank ungünstig (...), insbesondere wenn es um die Haftung der NV Holding oder Kortüm persönlich für unsere Kredite geht".

Der stinkreiche Beirat spielte sein Blatt gnadenlos aus: Lediglich 50 Millionen Euro und später noch einmal eine geringere Summe schoss er aus seinem Privatvermögen zu - allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die HSH schön stillhält.

Inzwischen hat die Europäische Zentralbank (EZB) den faustischen Pakt zerschlagen, fragt bei den Banken viel härter Daten über Schiffsdarlehen und Kreditrücklagen ab und erzwingt Abschreibungen. Erstes Opfer ist die Bremer Landesbank. Von der behauptete die überforderte Finanzsenatorin der Hansestadt, Karoline Linnert, bis zuletzt, sie sei hochprofitabel. Tatsächlich musste NordLB-Chef Thomas Bürkle per Übernahme das Kapitalloch von 700 Millionen Euro stopfen; nun kämpft sein Haus selbst ums Überleben. Auch die DZ Bank sucht verzweifelt einen Käufer für ihre Schiffstochter DVB, die ihre Risikovorsorge verfünffachen musste.

Die HSH schreibt - dem Rettungsschirm der Steuerzahler sei Dank - nach Jahren der Realitätsverweigerung in großem Stil ab und erlässt sogar Schulden: Kortüm beispielsweise gleich 547 Millionen Euro. Andernfalls wäre die "Fortführungsprognose" für seine Reederei wohl negativ ausgefallen. Demut zeigte der deshalb nicht: Für geschätzte neun Millionen Euro legte er sich die 40-Meter-Jacht "Alithia" (fünf Kabinen, Luxuslounge, 600 PS starker Motor) zu. "Ein Schnäppchen", frohlockt er.

Auch bei seinem finanziell eigentlich gescheiterten Firmenkonstrukt beweist der Westfale weiterhin Chuzpe. Als Großreeder Claus-Peter Offen, dem er einst als Trauzeuge zur Seite stand, jüngst wegen einer Übernahme freundschaftlich anklopfte, ließ sich Kortüm auf ein paar Gespräche ein, um dann den Preis in für Offen unfreundliche Höhen zu drücken. Auch Offens Mittel scheinen inzwischen begrenzt: Er soll mit der HSH Nordbank ebenfalls ein Standstill vereinbart haben, dementiert dies aber.

Vielleicht schlägt stattdessen ein Bieter zu, der neu ist im Shipping.

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