Dienstag, 15. Oktober 2019

Supermacht des Mittleren Ostens Wie ein junger Prinz Saudi-Arabiens Geschäftsmodell revolutioniert

Saudi-Arabien: Wüstensohn und CEO
REUTERS

3. Teil: Der Staatsdienst ist out

Die Saudis erhoffen sich durch diese Investments nicht nur auskömmliche Renditen, sondern auch einen Know-how-Transfer, ohne den der Aufbau einer gesunden Industrie jenseits von Öl, Petrochemie und Bau nicht funktioniert. Gerade erst war der König mit sieben Flugzeugen voll Delegierter auf Tour in Asien, um für sein Land zu werben.

Khaled Juffali handelt von Riad aus seit Jahrzehnten mit Industrieware aus Deutschland - von Daimler bis Siemens verkauft er alles. Bei einem Glas Bourbon, Whisky ist neben Gin das beliebteste Privatgetränk der Wirtschaftselite, schwärmt er vom deutschen Mittelstand. "So etwas Ähnliches brauchen wir hier auch." Der unternehmerische Geist sei jedenfalls vorhanden.

Ein Gefühl für diesen Gründerspirit bekommt man im Park vor der Nationalbibliothek in Riad. Auf der großen Rasenfläche sitzen Familien, essen, trinken und schwatzen. Im Hintergrund dröhnen Generatoren. Sie versorgen die rund 20 Foodtrucks, die Speisen und Getränke aus aller Welt anbieten, von "La Vie Coffee" über "Sushi Mia" bis hin zum "Va Uno" (mexikanische Sandwiches).

Die Foodtrucks sind inzwischen allgegenwärtig im Land. Betrieben werden sie von jungen Leuten, die fast alle ziemlich perfekt Englisch sprechen. Wie der 24-jährige Ahmed, der an seinem Stand "shrimpsonfire" gegrillte Garnelen verkauft. "Wir haben studiert, wollen aber nicht in den Staatsdienst", sagt er.

Eine völlig neue Denke. Von den 200.000 jungen Saudis, die im Ausland ihren Uniabschluss machen, kam die große Mehrheit bisher in den Behörden unter. Jetzt wollen sie die neue Freiheit, die sich bietet, auch nutzen. Viele probierten sich im Internet aus, sagt Maan Eshgi, Partner bei Venturesouq, einem Zusammenschluss von Business-Angels. Die Saudis sind internetaffin, sie chatten, posten, tindern sogar.

Das wohl bekannteste Start-up ist Uturn, ein Online-Entertainment- Network, das Youtube-Videos für den arabischen Raum produziert, darunter viele Comedyshows. Über 100 Millionen Zuschauer locken die Filmchen jeden Monat an. Eine andere Digitalgründung ist Morni, eine App für Autofahrer, die im Wüstenstaat liegen bleiben und Hilfe brauchen. Gegründet von Salman Al-Suhaibaney, einem Ex-Lazard-Banker.

Wagniskapitalfinanzier Eshgi kommt ebenfalls aus dem Banking, arbeitete bei ersten Adressen in London und Dubai, zuletzt für die Citigroup in Genf. Nun ist er heimgekehrt. In Dschidda, der umtriebigen Businessmetropole am Roten Meer, hat Eshgi ein modisches, ganz in Schwarz-Weiß gehaltenes Büro in einer Coworking-Station. Er sieht unter der neuen Regierung große Chancen, "weil sie auf die Jugend und die Frauen setzt". Zwei Gruppen, die die alten Herrscher sträflich vernachlässigt haben.

Seit Neuestem tauchen saudische Designerinnen auf Modemessen in Dubai und London auf, bei Microsoft Arabia stieg gerade eine Frau zur Chefin auf: Deemah Alyahya. Die vielleicht prominenteste weibliche Personalie: Im Februar rückte die 37-jährige Sarah Al Suhaimi an die Spitze der Börse in Riad.

Frauen als Unternehmerinnen - das ist schon länger keine Selten-heit mehr. Dina Hasan Al Nahdy, selbstbewusst, dunkelblaue, mit Ornamenten bestickte Abaya, lila lackierte Fingernägel, führt die Umweltberatung Entec und ist äußerst kampferprobt. "Früher durfte ich als Frau in keine Behörde, heute gehe ich überallhin." Sie hat 50 Beschäftigte, Männer wie Frauen, die Tür an Tür arbeiten. "Wir bezahlen beide Geschlechter gleich", sagt sie, "da sind wir fortschrittlicher als ihr im Westen."

Der Westen mit seinen abgegriffenen Klischees nervt sie sowieso. Ja, sie dürfe nicht Auto fahren, aber das beschränke sie in ihrem Emanzipationsstreben am wenigsten.

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