Donnerstag, 14. November 2019

Supermacht des Mittleren Ostens Wie ein junger Prinz Saudi-Arabiens Geschäftsmodell revolutioniert

Saudi-Arabien: Wüstensohn und CEO
REUTERS

2. Teil: Vier Minuten, ein Anliegen

Drei Monate lang arbeitete er im vergangenen Frühjahr mit Regierungsvertretern im Khozama Building mitten in Riad zusammen. Jedes Ministerium hatte dort ein bis zwei Apartments angemietet, in denen überwiegend junge, im Ausland ausgebildete Beamte Tag und Nacht mit den Consultants den Neustart konzipierten. Als Vorbild für das neue Geschäftsmodell dienten insbesondere die Vereinigten Arabischen Emirate und Malaysia.

Am Ende dieser Beratungen lieferten die Teams zwei dicke Papiere beim Prinzen ab: die "Vision 2030" und den kurzfristigen National Transformation Plan (NTP), der bis 2020 umgesetzt werden soll.

In der "Vision" werden 24 eher allgemeine soziale und wirtschaftliche Ziele formuliert, wie die Erhöhung des Privatanteils an der Wirtschaft von 40 auf 65 Prozent, die Versechsfachung der erdölfernen Einnahmen oder der Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung von 74 auf 80 Jahre. Im NTP wird es konkreter. 543 Initiativen sind dort aufgelistet, von der Gründung von 104.000 Firmen bis hin zu einer Frauenquote im öffentlichen Dienst von 42 Prozent.

Auch bei der Exekution der Programme sind die Berater dabei. Die Schaltzentrale für Phase zwei ist im Tamkeen Tower angesiedelt, einem 50-stöckigen, runden Büroturm im Norden Riads. 16 Uhr, in der Lobby und auf den Fluren mischen sich smarte Anzugträger mit Männern in weißem Gewand und Frauen in schwarzer Abaya. Vor ein paar Jahren noch hätte man um diese Zeit niemanden mehr angetroffen, gegen 14.30 Uhr war Büroschluss, die Mittagspause ging nahtlos in den Feierabend über.

Doch unter dem Kronprinzen, der selbst 16 Stunden am Tag arbeitet und an sich Züge von Steve Jobs und Mark Zuckerberg entdeckt hat, hat sich das geändert. Entlohnt wird neuerdings nach Leistung, wichtige Gespräche werden schon mal um 20 Uhr angesetzt oder, wenn der Boss dabei ist, mitten in der Nacht. Sein Arbeitsstil ist brutal und effizient. "Vier Minuten hatten wir Zeit, unser Anliegen vorzutragen", berichtet ein Manager.

Dieses Tempo konnten viele Bürokraten nicht mitgehen. Der Prinz hat sie ausgetauscht und durch Vertraute ersetzt, die ticken wie er. "Ich bin ein Bulldozer und werde jeden aus dem Weg räumen, der nicht mitmacht", soll er vor Fernsehchefs und Medienleuten angekündigt haben.

Drei seiner wichtigsten Gefolgsleute sind Finanzminister Mohammed Al-Jadaan, lange einer der erfolgreichsten Anwälte des Landes, Energieminister Khalid Al Fahli, früher Chef von Saudi Aramco, sowie Wirtschafts- und Planungsminister Adel Fakeih. Einer der fünf Stellvertreter von Fakeih ist Abdulaziz Alrasheed, ein in Harvard und Oxford ausgebildeter Ökonom.

Sein kleines Büro in der 47. Etage des Tamkeen Towers ist nahezu papierlos, auf dem Schreibtisch lediglich ein aufgeklappter Laptop. "Der Wechsel hier ist so schnell und so dramatisch", sagt Alrasheed stolz. Die Ministerien werden - man merkt die Handschrift der Berater - inzwischen per Key Performance Indicators (KPI) geführt. Ihnen wurden Zielvorgaben verordnet, die jedes Quartal vom gerade installierten Center for Reform Monitoring überprüft werden.

Beim alles entscheidenden nächsten Reformschritt, dem Börsengang von Saudi Aramco, sei man voll im Zeitplan, sagt Alrasheed. Von dem staatlichen Ölgiganten, mit einer Förderkapazität von täglich zwölf Millionen Barrel doppelt so groß wie die Nummer zwei der Welt, sollen 2018 zunächst nur 5 Prozent der Aktien platziert werden, wahrscheinlich in London.

Saudi Aramco (knapp 500 Milliarden Dollar Umsatz) gilt als modern und professionell gemanagt, die jungen Führungskräfte wechseln alle halbe Jahre die Abteilungen, um den gesamten Konzern verstehen zu lernen. Der Börsenwert des Konglomerats, das seine Wertschöpfungskette deutlich erweitern will, wird auf bis zu zwei Billionen Dollar geschätzt.

Schon der 5-Prozent-Anteil wäre mit bis zu 100 Milliarden Dollar ein solcher Brocken, dass er die Liquidität der London Stock Exchange auf die Probe stellen und den britischen Aktienmarkt dominieren würde. Investmentbanker und Investoren jedenfalls können den Startschuss kaum erwarten.

Als der Chef des saudischen Staatsfonds vor wenigen Wochen ein gutes Dutzend Chefs der großen Private-Equity-Häuser zum Abendessen unter Palmen zu sich nach Hause einlud, kamen sie alle: von Blackstone-Boss Stephen Schwarzman bis hin zu Softbank-Eigentümer Masayoshi Son. Denn die Milliarden aus dem Börsengang fließen komplett in den Public Investment Fund (PIF), der durch weitere Privatisierungen und mit den Währungsreserven zum größten Staatsfonds der Welt aufgepumpt werden soll. Und davon wird ein erklecklicher Teil bei den Heuschrecken angelegt.

Bisher haben die Saudis mit ihrem Staatsfonds - anders als die Katarer - im Ausland eher zurückhaltend investiert. Doch das ändert sich gerade. 2016 beteiligte sich der PIF bereits mit 3,5 Milliarden Dollar am US-Taxischreck Uber, zuletzt hat er angekündigt, 20 Milliarden Dollar in Blackstones neuen US-Infrastrukturfonds zu stecken sowie 45 Milliarden in Softbanks Vision Fund, den weltgrößten Tech-Pool. Auch deutsche Firmen stehen auf der Liste.

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