Fotostrecke

Start-Ups: Deutschlands Gründerszene

Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Start-ups Samwers Kinder - eine Reise durch die deutsche Gründerszene

Alle beklagen, Deutschland sei kein Ort für Gründer. Dabei ist die digitale Nation gerade erst aufgewacht. Eine Reise voller Blütenträume - durch Berlin, Hamburg und München.
Von Jonas Leppin und Astrid Maier

Wenn Anthony Hsiao nachts im Bett liegt, denkt er manchmal an Philipp Lahm. Wie es der Münchener Fußballprofi vom Amateur bis zum Weltmeister geschafft hat. Lahm und Hsiao, beide Jahrgang 1983. Der eine wurde Symbolfigur für die goldene Ära des deutschen Fußballs, der andere möchte dasselbe für den Tech-Standort Deutschland werden. "Man darf ja träumen", sagt Hsiao.

Er steht am Fenster im 14. Stock eines Hochhauses und schaut auf den diesigen Alexanderplatz in Berlin. Hsiao hat bereits vier Start-ups gegründet. Er hat in London und Indien gearbeitet. Vor einem Jahr ist er mit einer neuen Geschäftsidee wieder heimgekehrt. Productive Mobile soll die Firmen-IT von Konzernen fit für das Mobiltelefon machen. Microsoft hat das überzeugt. Der Softwarekonzern fördert das Start-up.

Sie hätten es als einer von vielen auch im Silicon Valley probieren können. Aber sie entschieden sich für Berlin. "Wir wollen lieber hier vorn dabei sein als einer von Tausend im Valley", sagt Hsiao. Außerdem sind die Mieten in Berlin billiger.

"Lieber in Berlin vorn dabei sein als einer von Tausend im Valley"

Inzwischen haben sie genug Startkapital eingesammelt. Das Problem war nur: "Viele Investoren wussten nicht, ob unsere Idee mal wichtig werden wird." Wenn es sich um vermeintlich komplizierte Softwareanwendungen handelt, fehlt deutschen Geldgebern oft die Fantasie. Ihre ersten Investoren seien ein Spanier und ein Franzose, sagt Hsiao. "Die haben wir auf einer Veranstaltung in Neapel kennengelernt."

Die Gegenwart, hat Anthony Hsiao gelernt, ist für Start-ups in Deutschland nicht einfach: wenig Wagniskapital, viele Bedenken. Doch er hat einen großen Hoffnungswert mit sechs Buchstaben: Samwer. Die drei Brüder, die ihre Holding Rocket Internet und den Onlinehändler Zalando erfolgreich an die Börse gebracht haben, machen Lust auf mehr. "Es gibt jetzt viele, die ihre Erfahrung weitergeben können", sagt Hsiao.

Kommt nun der nächste Schub von aussichtsreichen Internetunternehmen? Erhebt sich Deutschland aus den Webruinen? Oder bleibt die digitale Wirtschaft hierzulande das, was sie ist: ein Start-up?

manager magazin hat viele der aussichtsreichen Kandidaten besucht. War in Hamburg, in München und natürlich immer wieder in Berlin. Eine Reise durch Internetland, im Gepäck ein paar einfache Fragen und Antworten.

Die Start-up-Zentrale: Big in Berlin

Berlin ist die Start-up-Zentrale: 2500 digitale Jungfirmen von bundesweit schätzungsweise 5000 sind in Berlin zu Hause, gut die Hälfte der dortigen Gründer (52,2 Prozent) hat schon mehr als ein Unternehmen gestartet. Durchschnittliche Mitarbeiterzahl: 25,6.

Sieht man sich in der Hauptstadt um, von vielen längst zu Europas neuem Tech-Zentrum erkoren, landet man fast automatisch bei Ijad Madisch auf dem Sofa. Sein Unternehmen Researchgate ist das Vorzeige-Start-up schlechthin und residiert in einem großzügigen Berlin-Mitte-Altbau mit goldfarbenem Firmenschild am Eingang. In der Lobby hängen Bilder vom Besuch der Kanzlerin. Madisch, Mitte dreißig, Typ Hornbrille mit Schlumpfmütze und Dauerjetlag, referiert gern über den Standort. Über die Kraft und Arroganz dieser Stadt. Madisch trägt beides in sich.

Spätzünder Berlin

Spätzünder Berlin

Foto: manager magazin

Die Idee von Researchgate ist simpel und Erfolg versprechend: Auf seiner Wissenschaftsplattform können sich Forscher untereinander austauschen. Fünf Millionen Nutzer haben sich seit 2008 registriert, 67 Millionen Publikationen wurden hochgeladen, sachkundige Institutionen wie die Max-Planck-Gesellschaft nutzen die Plattform. Die "New York Times" erklärte das Netzwerk bereits zum digitalen Heilsbringer für die Forschung, sogar Bill Gates und Facebook-Entdecker Peter Thiel investierten.

Madisch lechzt danach, etwas Gewaltiges zu schaffen. Dazu sagt er wohlkalkulierte Angebersätze wie "Researchgate ist eine Idee, die worldchanging ist." Oder: "De facto sind wir das coolste Start-up in Deutschland." Sein Ziel sei der Nobelpreis, sagt Madisch. Im Prinzip beschreiben diese Sätze Berlin ganz gut.

An solchen Ansprüchen berauscht sich die Hauptstadt. Immer wieder werden dieselben Namen genannt: Die Musikplattform Soundcloud, fast von Twitter gekauft. Die Wahrheit ist: Soundcloud kommt zwar seit Kurzem auf eine Milliardenbewertung, hat aber sieben Jahre nach Gründung gerade mal den ersten Vertrag mit einem großen Musiklabel unterschrieben.

"Eines der jüngsten europäischen Tech-Zentren"

6Wunderkinder, Erfinder eines digitalen Aufgabenbuchs, dürfen in keiner Geschichte fehlen, weil der berühmte US-Investor Sequoia Geld investiert hat. Die Wahrheit ist: Organizer haben nicht das Potenzial, IT-Größen wie SAP zu stören.

Und natürlich Researchgate. Investoren mit Einblick haben die Frage, wie Madisch jemals richtig Geld verdienen will, noch nicht abschließend für sich geklärt. Madisch selbst will sich mit einer Jobbörse und Wissenschaftskonferenzen finanzieren. In der ewigen Frage, wann die jungen Firmen endlich Gewinn machen, sieht er einen Teil des Dilemmas. Stichwort: Kritikreflex, fehlende Offenheit, Neidkultur - goodbye Deutschland! "Das war doch geil", sagt Madischs Assistentin am Ende des Gesprächs.

Mag sein, aber wie es weitergeht, weiß man trotzdem nicht. Weder bei Researchgate noch anderswo. Was auch daran liegt, dass die vielversprechenden Berliner Start-ups ein Durchschnittsalter von gerade mal vier Jahren haben (siehe auch Grafik "Spätzünder Berlin") .

"Berlin ist eines der jüngsten europäischen Tech-Zentren", schrieb in einem Blogbeitrag Ciarán O'Leary vom europäischen Wagnisgeldgeber Earlybird und fragte, ob die Start-ups nicht lieber einen frühzeitigen Exit vermeiden und sich auf Wachstum fokussieren sollten.

Man darf also noch hoffen. Oder man fährt 290 Kilometer weiter Richtung Nordwesten und schaut, was aus einer großen Hoffnung von einst geworden ist.

Stadt der Spieler: Verschlafen in Hamburg

Hamburg ist die Stadt der Spieler: Gaming-Firmen wie Goodgame Studios und Bigpoint sind Hamburgs Start-up-Spezialität. Und auch die großen Vorbilder Facebook und Google haben hier ihre Deutschland-Dependancen eröffnet. 37 Prozent der Hamburger Gründer sind zudem ausschließlich im Business mit Geschäftskunden tätig - Rekord.

In einem Gebäude aus viel Glas, direkt an der Elbe, residieren die Mytaxi-Gründer Niclaus Mewes und Sven Külper. Touristen sehen das markante Firmenlogo mit dem überdimensionierten X, wenn sie bei einer Hafentour vorbeischippern. Lange galt das Start-up als das Symbol für den digitalen Aufbruch im Land.

Mewes und Külper brachten schließlich die erste App überhaupt auf den Markt, mit der man sich per Handy ein Taxi bestellen konnte. Von Hamburg aus sollte sie auf jedes Smartphone. 2012 kündigten sie an, kräftig ins Ausland zu expandieren. Es kam anders.

Denn die Anteilseigner Daimler  und Deutsche Telekom  hätten Mytaxi fast aushungern lassen. Statt für den weltweiten Erfolg große US-Geldgeber mit an Bord zu holen, wollten die Konzerne lieber unter sich bleiben, die Kontrolle und die Kosten im Griff halten. Diesen Sommer verlor man bei der Telekom aufgrund eines Personalwechsels an der Spitze des hauseigenen Wagnisfonds ganz das Interesse an Mytaxi. Daimler, lange schon an einer Übernahme interessiert, konnte sich das Start-up einverleiben.

Statt des Innovationsführers Mytaxi greift jetzt Uber auf dem Weltmarkt an

So die kurze Geschichte des einst hoffnungsvollsten Start-ups im Norden. Und die Zukunft? Gerade erst am Morgen ist Mytaxi-CEO Mewes aus Austin in Texas zurückgekehrt, er war dort, um die Integrationsstrategie mit Daimler zu besprechen. Man ist jetzt Teil von deren Mobilitätsplattform Moovel. Külper scheidet zum Jahresende aus. "Wir sind mit der Finanzkraft von Daimler im Rücken auf dem richtigen Weg und über den Verkauf sehr glücklich. Wir stellen neue Leute ein", sagt der Angestellte Mewes trotz Jetlag in munterem Tonfall.

Tatsache ist: Statt des Innovationsführers Mytaxi erobert den Weltmarkt jetzt der aggressive Konkurrent Uber aus San Francisco. Die Firma hat zuletzt Milliarden eingesammelt und kommt selbst auf Milliardenbewertungen, die Investoren heißen Google  oder Goldman Sachs.

Die übermächtigen Amerikaner flößen manchen so viel Respekt ein, dass diese schon aufgeben noch bevor sie richtig losgelegt haben.

Solide Start-ups: Bescheiden in München

Der zweite Platz geht an München: Knapp 9 Prozent aller Start-ups deutschlandweit werden hier gegründet, nur in Berlin sind es mehr. Und München ist, wie auch im analogen Leben, etwas solider aufgestellt: Über 58 Prozent aller Jungfirmen erlösen einen Jahresumsatz von 250000 Euro und mehr. In Berlin sind es 53 Prozent, in Hamburg 39 Prozent.

Ralf Rieken empfängt im Anzug und mit rotem Einstecktuch in der Brusttasche, ganz Konzernmanager, der er einmal war. Rieken arbeitete als Landeschef von Fujitsu Siemens in Kalifornien, jetzt ist er Gründer mit einer sehr deutschen Idee: Uniscon hat eine Cloud-Anwendung mit ausgetüftelt, mit der Unternehmen besonders sicher Dokumente austauschen können, eine Art abgeschlossener, virtueller Raum, in den selbst die eigenen Ingenieure nicht eindringen können.

Bei Uniscon ist alles sicherer als anderswo; wer in die Firma im Münchener Start-up-Tempel im Stadtteil Moosach hineinwill, muss sich per Handscanner am Eingang Zugang verschaffen. Die deutsche Technikverliebtheit hat private Investoren wie den ehemaligen Blackberry-Chef Thorsten Heins überzeugt. Das Geschäft läuft gut an, Rieken ist zufrieden, es gibt große Kunden und Partner wie Vodafone.

Wenn Rieken von seinem Mitgründer spricht, nennt er ihn "Doktor Jäger". Im Aufsichtsrat sitzen Haudegen der deutschen Industrie wie der einstige Daimler-Chefcontroller und Adidas-Aufseher Herbert Kauffmann.

Uniscon ist technisch allemal so gut wie die Rivalen Dropbox oder Box, die Daten sind bei den Deutschen besser geschützt. Doch die US-Firmen machen viel mehr Wirbel. Dropbox hat 2014 Ex-Außenministerin Condoleezza Rice in den Board berufen und damit weltweit auf sich aufmerksam gemacht. Und genauso laut und global expandiert man auch.

"US-Start-ups werden mit viel mehr Geld hochgepumpt"

Rieken hingegen bescheidet sich, Uniscon wolle sich auf Deutschland und Europa konzentrieren. "Die US-Start-ups werden mit viel mehr Geld hochgepumpt", sagt er. "Wir müssen vorrangig profitabel arbeiten", fügt er hinzu.

Rieken klingt vernünftig, aber vielleicht macht er gerade einen großen Fehler. Denn im digitalen Geschäft gewinnt meist derjenige, der am schnellsten alle Märkte besetzt. So etwas wie einen Mittelstand gibt es in der Netzwelt nicht.

Unsere Reise ist zu Ende. Wir trafen auf überdrehte Gründer, verzagte Investoren und falsche Bescheidenheit. Die gute Nachricht ist: Die Reise hat für das digitale Deutschland gerade erst begonnen. Die meisten Unternehmen sind noch jung, da kann noch viel kommen.

Vergleiche mit dem Silicon Valley, wie sie gern mahnend gezogen werden, sind albern, in jeder Hinsicht. Die kalifornische Digitalszene hat sich seit den 40er Jahren entwickelt - aus Unternehmen wie Hewlett-Packard heraus, selbst das Militär investiert bis heute kräftig mit. Wir hatten Grundig und Telefunken, haben VW und Daimler. Das hat die deutsche Mentalität geprägt.

Gründer wie Anthony Hsiao, Ijad Madisch, Ralf Rieken oder Niclaus Mewes verändern den Standort jetzt. Immer mehr Absolventen, immer mehr Berater und Techniker wollen sein wie sie. Und immer mehr reiche Deutsche investieren in das Geschäft. Leute wie Karl-Erivan Haub (Tengelmann) oder Ralph Dommermuth (United Internet). Das ist gut.

Peter Thiel, der Milliardär und Wagniskapitalgeber des Silicon Valley, hat lange beklagt, Deutschland fehle "der Exit". Der Satz ist seit den <> Geschichte. Aber wie das so ist mit Ausgängen - man weiß nie genau, wohin sie führen.

Anthony Hsiao darf also weiter träumen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.