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Teurer Rückruf: Die Brandspuren im Samsung-Reich

Foto: KIRILL KUDRYAVTSEV/ AFP

Samsung droht die Zerschlagung Samsung - ein Imperium in Flammen

Brennende Smartphones, falsche Führung: Von dem Galaxy-Note-Desaster hat sich der Aktienkurs von Samsung Electronics rasch erholt. Das viel größere Firmen-Konglomerat muss von Gründerenkel Lee Jae Yong jedoch grundüberholt werden - sonst droht der Zerfall.
Von Ursula Schwarzer, Andrea Rungg und Felix Lill

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 11/2016 des manager magazins, die Ende Oktober erschien. Wir veröffentlichen Sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Explodierende Handys und milliardenschwere Rückrufe. Schrumpfende Umsätze und einbrechende Gewinne. Rebellierende Aktionäre und demotivierte Mitarbeiter. Lee Jae Yong (48) hätte sich keinen schlechteren Zeitpunkt für seinen Ende Oktober anstehenden Amtsantritt als Samsung-Oberhaupt aussuchen können. Aber es hilft nichts, der Enkel des Firmengründers muss ran. Seit zweieinhalb Jahren fehlt dem aus rund 60 Konzernen bestehenden Konglomerat eine Führungspersönlichkeit an der Spitze - und mit jedem Monat schlittert die Gruppe tiefer in die Krise.

Mit rund 300 Milliarden Euro Umsatz und etwa 500.000 Mitarbeitern ist Samsung der wohl größte Familienbetrieb der Welt. Zu ihm gehören unter anderem Freizeitparks, Hotels, Modeketten, Chemiefabriken und Lebensversicherer.

Die Misere in dem Riesenreich begann im Mai 2014, als Lees Vater Kun Hee (74) mit einem Herzinfarkt ins Samsung Medical Center in Seoul eingeliefert wurde. Seither schirmen Sicherheitsleute den Patriarchen, der Samsung ein Vierteljahrhundert lang geleitet hat und offiziell bis heute der Gruppe vorsteht, systematisch vor der Öffentlichkeit ab. Als sich kürzlich ein Journalist im Krankenhaus nach dem Gesundheitszustand des Alten erkundigen wollte, griff die Security den Eindringling auf und verwies ihn rüde des Hauses.

Um sein Imperium kann sich der schwer kranke Senior schon lange nicht mehr kümmern. Gleichwohl durfte der Sohn bislang nicht einspringen und das Vakuum füllen, das verbot die Achtung vor dem Alter. Er wirkte lediglich im Hintergrund.

Jetzt setzt sich der designierte Nachfolger doch über die konfuzianische Tradition hinweg - der schieren Not gehorchend. Er zieht in den Board von Samsung Electronics (SEC) ein, der mit einem Umsatz von 160 Milliarden Euro größten Gesellschaft im Verbund. Der Schritt demonstriert, dass Lee fest entschlossen ist, die Verantwortung für das Konglomerat zu übernehmen - und damit für das Wohlergehen des ganzen Landes. Denn Samsung trägt rund ein Fünftel zum Sozialprodukt Südkoreas bei.

Auf Lee warten gigantische Aufgaben. Kunden verlangen, dass er die Qualitätsmängel behebt. Beschäftigte dringen auf die Abkehr von der fast militärisch anmutenden Unternehmenskultur. Und Investoren wie der Hedgefonds Elliott pochen auf eine endlich transparentere Corporate Governance und die Zweiteilung der SEC, des wirtschaftlichen Zentrums von Samsung.

Rein formal besitzen die Lees meist nur geringe Anteile an den einzelnen Firmen, von denen viele an der Börse notiert sind. Die Macht übt die Sippe durch Überkreuzverflechtungen und die Ergebenheit ihrer Manager aus. Doch darauf kann der Clan um Lee Jae Yong nicht länger bauen: Samsung steht ein Epochenwechsel bevor.

Ohne eine moderne Führung wird das Konglomerat seine Innovations- und Schlagkraft verlieren. Die jüngsten Pannen und Pleiten sind auch die Folge innerer Schwächen - und der Defizite des Juniors.

Als Sanierer hat sich Lee noch nie hervorgetan - doch das Werftengeschäft leidet

Beeindruckende unternehmerische Qualitäten hat der Firmenerbe in seinem Berufsleben nicht vorzuweisen. Als junger Mann versuchte er sich am Aufbau einer Internetplattform. "Ein schlecht entwickeltes Produkt", urteilt der Autor und Samsung-Kenner Lee Wan (37). Als die Dotcom-Blase platzte, ging auch E-Samsung pleite. "Dieses Stigma haftet dem Junior bis heute an", sagt Lee.

In der Öffentlichkeit taucht der zurückhaltende Miteigentümer selten auf. Er studierte in Tokio und Harvard Betriebswirtschaft, wurde ab 1991 in der SEC-Hierarchie nach oben gereicht. Im Gegensatz zum Vater, den die Menschen bewunderten und zugleich fürchteten, fehlt dem Sohn jegliches Charisma.

Als Sanierer hat er sich nie hervorgetan. Genau diese Fähigkeit brauchte Lee im Augenblick, denn mehrere seiner Konzerne erwirtschaften Verluste. Am schlimmsten dran ist Samsung Heavy Industries, eine der größten Werften der Welt. Die Koreaner leiden unter rückläufigen Aufträgen und Überkapazitäten.

Eine Insolvenz der Werft würde auch Samsung Electronics hart treffen

Die Kassen sind mittlerweile fast leer. Die Nettoschulden von 2,2 Milliarden Euro sind so hoch wie die Marktkapitalisierung. Bis 2018 sollen - sofern die Schiffsbauer dann noch am Leben sind - 40 Prozent der 14.000 Arbeitsplätze wegfallen.

Eine Insolvenz der Werft würde auch SEC hart treffen, immerhin hält der Elektronikspezialist 17,6 Prozent an Heavy Industries. Genau dies ist der Fluch der südkoreanischen Chaebols: In schlechten Zeiten beschädigen sich die verwobenen Gesellschaften der familiendominierten Mischkonzerne gegenseitig.

Noch türmen sich bei SEC die Probleme nicht so hoch wie bei der Schiffbauschwester. Die Firma, die Handys, Speicherchips, Fernseher sowie Haushaltsgeräte herstellt, schreibt nach wie vor schwarze Zahlen. Aber seit 2013 kennen Umsatz und Gewinn nur eine Richtung: abwärts.

Steigende Erlöse hatten sich die Koreaner vom technisch anspruchsvollen Smartphone Galaxy Note 7 erhofft - und scheiterten auf ganzer Linie: Rund 100 Geräte gingen gleich nach der Auslieferung im September in Flammen auf, SEC rief 2,5 Millionen Handys zurück. Die Austauschaktion brachte nichts; mehrere Ersatzgeräte explodierten ebenfalls. Nun hat Samsung die Produktion des Galaxy Note 7 gestoppt. Analysten rechnen damit, dass Samsung das Desaster, inklusive Schadensersatzzahlungen, bis zu fünf Milliarden Euro kosten wird. Der Chef der Mobilfunksparte, Koh Dong Jin (55), spricht von einer Summe, "die so hoch ist, dass es einem das Herz zerreißt". Folge des Fiaskos: Der Jahresüberschuss 2016 wird einbrechen.

"Es zerreißt einem das Herz"

Noch dramatischer als die kurzfristigen finanziellen Belastungen könnten die negativen Auswirkungen auf das Image sein. Zumal dem Management in Seoul derzeit nicht nur Handys, sondern auch Waschmaschinen um die Ohren fliegen: In Australien verursachten Kurzschlüsse mehrfach Brände, in Nordamerika brachen Toplader beim Reinigen von schweren Wäschestücken in zahllose Einzelteile auseinander. "Die mangelnden Sicherheitsstandards haben nicht zuletzt mit dem Führungsstil bei SEC zu tun", kritisiert Konzerninsider Lee Wan. "Mitarbeitern steht es nicht zu, Vorgesetzte mit Schwierigkeiten zu konfrontieren, und schon gar nicht, ihnen zu widersprechen."

So war den Technikern durchaus bewusst, dass die Galaxy-Note-7-Akkus, geliefert von der Schwestergesellschaft SDI, zu sperrig für die Gehäuse waren und durch das Zusammendrücken beim Einbau die Gefahr der Überhitzung drohte. Doch die verantwortlichen Manager negierten das Risiko. Sie wollten das Smartphone unbedingt zweieinhalb Wochen vor der Markteinführung von Apples neuem iPhone 7 präsentieren.

Früher trugen die Handys rund 70 Prozent zum Gewinn von SEC bei, nun bereiten sie den Koreanern die größten Sorgen. Denn die Konkurrenz bedrängt sie gleich von zwei Seiten: Im Premiumsegment bietet neben Apple seit Anfang Oktober auch Google mit seinem Pixel-Modell ein höchst attraktives Gerät an. In der unteren Preisklasse preschen Chinesen und Inder mit unschlagbar billigen Geräten vor. Zudem sind die Märkte weitgehend gesättigt. Der globale Smartphoneabsatz wird 2016 nur noch um 7 Prozent zulegen.

Als der alte Lee in die Elektronikfertigung einstieg, wuchs die IT-Industrie noch zweistellig. Lee nutzte die Innovationen anderer und investierte enorme Summen in Werke - in manchen Jahren bis zu 20 Milliarden Euro. Dank der Skaleneffekte und einer effizienten Fabrikorganisation drückte er die Kosten. In Windeseile verdrängte Lee globale Wettbewerber wie Panasonic, Sony oder Nokia und katapultierte SEC bei Speicherbausteinen, Bildschirmen und Handys zum Technologie- und Weltmarktführer. Heute funktioniert das Fast-Follower-Modell immer weniger. Viele SEC-Produkte sind zur Massenware verkommen, die in Schwellenländern wesentlich günstiger gefertigt wird. Die Marktanteile sinken. Eine neue Geschäftsphilosophie muss her. Aber welche?

Suk Il Seok (31) arbeitete früher als Programmierer bei SEC, heute betreibt er das Start-up Moin. Er ist überzeugt, "dass SEC weg muss von der reinen Hardwareproduktion". Das Unternehmen braucht Software, IT-Dienstleistungen und eine eigene Cloud.

Einstieg ins Autogeschäft

Erste Schritte in diese Richtung wurden unternommen - erfolglos. So misslang der Versuch, ein Smartphonebetriebssystem zu entwickeln. "Wir kamen damit nicht weit", sagt Suk und nennt auch den Grund: "Die Ideen kreativer Mitarbeiter, die nicht ganz oben sitzen, werden oft nicht einmal angehört. Ich hatte das Problem selbst."

Unter der Ägide des jungen Lee soll nun alles anders werden. Gelockerte Kleidervorschriften, flexiblere Arbeitszeiten, flachere Hierarchien und eine Bezahlung, die sich an Leistung orientiert und nicht mehr an Seniorität - die Liste der geplanten Reformen ist lang. Lee wünscht sich, dass Samsung schneller wird, er will eine regelrechte Start-up-Atmosphäre erzeugen.

Zugleich hat er verkündet, in wachstumsstarke Branchen vorzustoßen. Schon sein Vater hatte 2011 den Einstieg in die Solarbranche, ins Geschäft mit LED-Beleuchtung, medizinischen Geräten, Pharmaprodukten und Batterien für Elektroautos als neue Marschrichtung vorgegeben.

Am weitesten vorangekommen sind die Koreaner mit den Akkus. Samsung SDI hält mit Lithium-Ionen-Batterien auf dem Weltmarkt eine gute Position, die Stromspeicher stecken unter anderem in BMWs Elektrofahrzeugen i3 und i8.

SDI, die IT-Schwester SDS und SEC erwägen sogar, auf lange Sicht gemeinsam elektrisch angetriebene Autos zu bauen. Sie investierten in ein Joint Venture für die Komponentenfertigung in China, übernahmen die Batteriesparte vom Zulieferer Magna Steyr und stiegen beim chinesischen Elektroautobauer BYD ein. Zudem laufen Gespräche mit Fiat Chrysler über den Kauf der Tochter Magneti Marelli.

Bei der Reform des Konglomerats lässt die Familie dem künftigen Patron viel Spielraum. Anteile halten außer Lee nur noch sein Vater, der sich nicht mehr artikulieren kann, und die zwei Schwestern. Seo Hyun (43) sitzt in den Gremien der Mode- und Werbefirmen, Boo Jin (46) führt die Hotelkette Shilla.

Das Dreigestirn spricht die strategische Ausrichtung im sogenannten Future Strategy Office miteinander ab. Nach Aussagen von Eingeweihten gibt es dort kaum Streitigkeiten.

Lee kann jede Unterstützung brauchen. Er muss den Kulturwandel anstoßen, ein neues Geschäftsmodell für SEC entwickeln, die schwer angeschlagene Werft Heavy Industries vor der Pleite retten - kurz gesagt: die gesamte Gruppe neu erfinden.

Gelingt ihm das nicht, könnten die aufmüpfigen Aktionäre die Oberhand gewinnen, die Familie entmachten und Samsung, den Stolz der südkoreanischen Wirtschaft, ohne viele Sentimentalitäten zerschlagen.

Rebellion der Aktionäre: Samsung Electronics soll zerschlagen werden

Samsung Electronics soll zerschlagen werden

Angriff Die südkoreanische Familie Lee dominiert das Samsung-Konglomerat, obwohl sie an den einzelnen Firmen meist nur geringe Anteile hält. Gegen die Allmacht des Clans lehnen sich Aktionäre schon seit einigen Jahren auf. Aber erst seit der US-Hedgefonds Elliott Management von Paul Singer (72) die Aufständischen anführt, kommt Bewegung in den Stellungskrieg. Elliott gilt als harter Gegner - der Hedgefonds sorgte mit dafür, dass Argentinien wieder seine Staatsanleihen bedient.

Harter Gegner: Elliot-Gründer Paul Singer fordert Bares

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Foto: STEVE MARCUS/ REUTERS

Niederlage Ein erster Vorstoß erfolgte im Sommer 2015, als die Lees den Modekonzern und Freizeitparkbetreiber Cheil Industries per Aktientausch mit Samsung C&T verschmelzen wollten. Der drittstärkste C&T-Anteilseigner Elliott versuchte, den Deal zu torpedieren. Aus Sicht von Singers Leuten war Cheil (Familienanteil: 42,2 Prozent) mit dem beinahe Fünffachen seines Nettoanlagevermögens viel zu hoch bewertet. Für die Baufirma C&T, die dem Clan nur zu minimalen Teilen gehörte, lag die Bewertung unter dem Buchwert. Die Lees gewannen die Abstimmung mit 69,5 Prozent, weil sie sich auf Umwegen zusätzliche Stimmen gesichert hatten. Das neu formierte Unternehmen heißt Samsung C&T und macht elf Milliarden Euro Umsatz. Dank der hohen Anteile, die C&T an Samsung Electronics (SEC) hält, dem größten Konzern der Samsung-Gruppe, hat der Clan seinen Einfluss auf SEC spürbar ausgeweitet.

Gegenschlag In den ersten Oktobertagen startete Elliott erneut eine Attacke. Zwei Tochterfirmen des Fondsbetreibers, die über C&T an SEC beteiligt sind, konfrontierten den SEC-Board in einem offenen Brief mit einem langen Forderungskatalog. Elliott will SEC in zwei Unternehmen aufteilen. Das operative Geschäft soll abgespalten und als Samsung Opco an die New Yorker Nasdaq gebracht werden. Die SEC-Beteiligung möchte Elliott in einer separaten Holding (Samsung Holdco) bündeln. Die Holdco wiederum soll sich mit C&T zusammenschließen, wo die meisten Konglomeratsanteile der Lees liegen. So wollen die Rebellen die unübersichtlichen Eigentumsverhältnisse klären - und Kasse machen. Die aktivistischen Aktionäre verlangen, dass aus den 62 Milliarden Euro, die SEC als Cashreserve hortet, einmalig 24 Milliarden Euro ausgeschüttet werden. Und die Dividenden sollen in den kommenden Jahren deutlich steigen.


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