Freitag, 22. November 2019

Sammler Die Kunstjäger

Sammler: Sie kaufen, was das Budget hergibt
DPA

Auf dem Marktplatz der Kunst hamstern sie, was das Budget hergibt. Aber was treibt sie an - Besitz, gesellschaftliches Upgrading oder der Rausch beim Kauf? Ein Reisebericht.

Hamburg-Harburg. Der Geruch nach Überhitztem. Wer auf der falschen Seite der Bahngleise aussteigt, sucht lange nach dem schönen Vogel Phoenix. Wer ihn findet, den trägt er durch immense Hallen, in denen ehedem der nach ihm benannte Reifenhersteller seine Pneus produzierte, nun umgewandelt in einen Kosmos aus Kunst, Kunst und noch mehr Kunst.

Der Sammler Harald Falckenberg, 69, der all das in Szene setzte, ist Unternehmer und Jurist; ein gedrungener, energiebewehrter Mann mit Schelm im Blick. Überdies Hanseat und Nachkomme einer eingesessenen Kaufmannsfamilie, geküsst vom Gott des Nordens, der die Seinen durch Hochwasser, Sturm und Selbstbewusstsein stählt. Keine schlechte Schule für alle, die auf dem Marktplatz der Kunst bestehen wollen.

"This is a private collection", erklärt er gerade, "very big", sehr groß, 2200 Werke umfassend, und führt durch sein Reich eine Gruppe britischer Museumsexperten, die angereist sind, um eine Antwort zu finden auf die Frage, ob denn Kunst auch - und wenn ja, wie - denen näherzubringen sei, die als "bildungsfern" gelten.

Während die Herren über Strategien per Internet räsonieren, bleibt Zeit, die Lage am Markt zu betrachten:

Im Gegensatz zum Sommerwetter 2013 kennt das Kunstpreisthermometer nur Siedepunkte. Im Juni fand die Art Basel statt, die letzte Messe vor den Ferien. In den drei Tagen vor der Öffnung fürs gemeine Publikum stutzten sich die Privatjets auf dem EuroAirport, eng an eng, gegenseitig fast die Flügel, stürmten die mit VIP-Pässen Ausgerüsteten die Messehallen, unter ihnen der unvermeidliche Roman Abramowitsch.

Durchgedreht auf der Art Basel

Und wie immer in den letzten Jahren schnappten sich die Very Importants gegenseitig die Beutestücke vor der Nase weg. Bereits in den ersten Minuten wurden für sechs miniformatige Frank Stellas um die fünf Millionen Euro hingeblättert, für einen Brice Marden sogar sieben; und von den Werken Anish Kapoors, den gleich zehn Galerien im Angebot hatten, war schon nach wenigen Stunden nichts mehr da. "Ich habe eine Messe wie diese noch nie erlebt", ließ sich die Galeristin Jane Kallir zitieren, "entweder sind alle betrunken oder sie haben was genommen, das sie durchdrehen lässt."

Scheppernd dringt bei den deutschen Kunden durch: "Diesen Kauf widme ich Frau Merkel!" Hö, hö, wer kann, packt sein Geld in Kunst.

Kurz zuvor hatte die alemannische Mutter mit der Art Basel Hongkong ihren asiatischen Zögling vorgestellt; auch hier glänzende Geschäfte. Obschon, so wurde geflüstert, die Asiaten müssten sich in Kunstverständnis noch üben. Die Prise Eurozentrismus ist womöglich das Letzte, was man sich noch gönnen kann im Westen angesichts der finanzstarken neuen Sammlerkaste aus China.

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