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Sammler: Sie kaufen, was das Budget hergibt

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Sammler Die Kunstjäger

Auf dem Marktplatz der Kunst hamstern sie, was das Budget hergibt. Aber was treibt sie an - Besitz, gesellschaftliches Upgrading oder der Rausch beim Kauf? Ein Reisebericht.

Hamburg-Harburg. Der Geruch nach Überhitztem. Wer auf der falschen Seite der Bahngleise aussteigt, sucht lange nach dem schönen Vogel Phoenix. Wer ihn findet, den trägt er durch immense Hallen, in denen ehedem der nach ihm benannte Reifenhersteller seine Pneus produzierte, nun umgewandelt in einen Kosmos aus Kunst, Kunst und noch mehr Kunst.

Der Sammler Harald Falckenberg, 69, der all das in Szene setzte, ist Unternehmer und Jurist; ein gedrungener, energiebewehrter Mann mit Schelm im Blick. Überdies Hanseat und Nachkomme einer eingesessenen Kaufmannsfamilie, geküsst vom Gott des Nordens, der die Seinen durch Hochwasser, Sturm und Selbstbewusstsein stählt. Keine schlechte Schule für alle, die auf dem Marktplatz der Kunst bestehen wollen.

"This is a private collection", erklärt er gerade, "very big", sehr groß, 2200 Werke umfassend, und führt durch sein Reich eine Gruppe britischer Museumsexperten, die angereist sind, um eine Antwort zu finden auf die Frage, ob denn Kunst auch - und wenn ja, wie - denen näherzubringen sei, die als "bildungsfern" gelten.

Während die Herren über Strategien per Internet räsonieren, bleibt Zeit, die Lage am Markt zu betrachten:

Im Gegensatz zum Sommerwetter 2013 kennt das Kunstpreisthermometer nur Siedepunkte. Im Juni fand die Art Basel statt, die letzte Messe vor den Ferien. In den drei Tagen vor der Öffnung fürs gemeine Publikum stutzten sich die Privatjets auf dem EuroAirport, eng an eng, gegenseitig fast die Flügel, stürmten die mit VIP-Pässen Ausgerüsteten die Messehallen, unter ihnen der unvermeidliche Roman Abramowitsch.

Durchgedreht auf der Art Basel

Und wie immer in den letzten Jahren schnappten sich die Very Importants gegenseitig die Beutestücke vor der Nase weg. Bereits in den ersten Minuten wurden für sechs miniformatige Frank Stellas um die fünf Millionen Euro hingeblättert, für einen Brice Marden sogar sieben; und von den Werken Anish Kapoors, den gleich zehn Galerien im Angebot hatten, war schon nach wenigen Stunden nichts mehr da. "Ich habe eine Messe wie diese noch nie erlebt", ließ sich die Galeristin Jane Kallir zitieren, "entweder sind alle betrunken oder sie haben was genommen, das sie durchdrehen lässt."

Scheppernd dringt bei den deutschen Kunden durch: "Diesen Kauf widme ich Frau Merkel!" Hö, hö, wer kann, packt sein Geld in Kunst.

Kurz zuvor hatte die alemannische Mutter mit der Art Basel Hongkong ihren asiatischen Zögling vorgestellt; auch hier glänzende Geschäfte. Obschon, so wurde geflüstert, die Asiaten müssten sich in Kunstverständnis noch üben. Die Prise Eurozentrismus ist womöglich das Letzte, was man sich noch gönnen kann im Westen angesichts der finanzstarken neuen Sammlerkaste aus China.

Spinnennetz im Kopf

Sowohl der Kunstmarkt als auch der für darstellende Künste sind in den letzten Jahren gewachsen. Die Kultur- und Kreativwirtschaft rankt in der gesamtwirtschaftlichen Bedeutung an vierter Stelle hinter Automobil-, Maschinenbau und Finanzindustrie, vor dem Chemie- und Energiesektor. Die Sammler sind eine Säule der Branche, aber die namhaftesten unter ihnen beteuern, es ginge ihnen gar nicht ums Geld. Worum dann?

"Künstler denken antisystemisch, die wollen ausbrechen aus gesellschaftlichen Zwängen. Ein Unternehmer, der erfolgreich sein will, muss genauso ticken", sagt Falckenberg. Sammeln sei "Traum und Trauma", schrieb er, "Bewusstseinserweiterung, am Ende Selbsterfahrung".

Der Schweizer Verleger Michael Ringier sieht's pragmatisch. "Sich mit Kunst zu beschäftigen ist eine Art Training für Business-Entscheidungen", sagt er.

Und der ehemalige Topmanager Klaus Mangold, jetzt Oberaufseher bei Tui und der Rothschild Bank, spricht einer Reihe von Wirtschaftsmenschen aus der Seele, wenn er die Neugier ins Feld führt, die der gute Geschäftsmann durch die Kunst schärfe und wachhalte. Mangold erläutert diese kreative Verquickung beim Essen in Münchens Edelkantine "Käfer". Ein Blick auf die umliegenden Tische offenbart schnell, dass sich die Frauen hier, von denen die meisten zur obsessiven Vernissagen-Elite zählen, als ihr eigenes Kunstwerk inszenieren; mit berüchtigtem "Münchner Mund", der anstelle des Malerpinsels mit der Hyaluronspritze gezeichnet ist.

In der Stuttgarter Büroetage von Mangolds Consultingfirma finden sich inmitten moderner westlicher Kunstwerke auch einige Ikonen, ein ganzer Kessel Buntes aus Russland. Kann doch der Businessmann aus dem Reich Putins, der sich hier seine Verbindungen einfädeln lässt, schneller Vertrauen fassen, wird er solcherart in Heimatgefühle gepackt.

Inspiration durch Kunst

Kunstwerke sind die Schuldscheine der Klassenzugehörigkeit. Auf einer größeren Ebene spiegelt sich das wider in Corporate-Sammlungen, von BMW, Daimler oder der Deutschen Bank etwa. Neben gezielter Investition veredeln sich Unternehmen so auch ihre Corporate Identity.

Auf unserer Reise durchs Sammlerland suchen wir Roland Berger auf. Im 31. Stock der Munich HighLight Towers sitzt er unter einem stürzenden Adler von Baselitz und strahlt, "Kunst inspiriert mich, sie bereichert mein Leben und meine Arbeit."

Von Berger, der seit den 60ern sammelt, bekommen wir Tipps, welches Werk Potenzial birgt. "Originär kreativ, handwerklich erstklassig und ausdrucksstark" müsse es sein und zudem "einen ästhetischen Wert besitzen - oder einen speziell unästhetischen, auch das kann attraktiv sein." An Letzterem besteht kein Mangel.

Frau Goetz gilt unter dem Stern des Südens als die Sammlerinstitution schlechthin; eine Reihe namhafter Museen bedient sich ihrer 5000 Werke umfassenden Kollektion von Zeitgenössischem, darunter Roni Horn, Thomas Schütte oder Rosemarie Trockel.

"Der erfolgreiche Künstler hat heute die Macht", sagt sie. "Der Galerist beugt sich dem Künstler, der Sammler dem Galeristen und dem Künstler." Geht Goetz auf Kunststreifzüge, webt sie "wie eine Spinne" Gedankenfäden, wie sich Werke, die sie zum Kauf reizen, mit ihrer Sammlung verbinden lassen, "wo gibt es Harmonie, wo eine krasse Auseinandersetzung". Stellt sich weder das eine noch das andere ein, verzichtet sie.

Vom No- zum Somebody

Da sehen sie, wie auf der Maximilianstraße jemand Großformatiges schleppt. "Wow", entfährt es Zachau, "tolles Bild". Der Künstler, Christian Stahler, wird direkt: "Wollen Sie es kaufen?"

Im Gegenzug leben die 100 Mitarbeiter mit der Kunst in ihren Büros, ob sie ihnen nun gefällt oder nicht. Einfluss darauf, wie gehängt wird, darf niemand nehmen. Das Verhältnis von Kunst und Business, sagt Zachau, sei geprägt von Blockaden und Reibungen; die Bereitschaft, etwas anzuschauen, es sich erklären zu lassen und darüber zu diskutieren, groß. Geistiger Mehrwert winkt: "Das ist gut für unseren Spirit und prägt unsere Kultur ein großes Stück mit."

Mittlerweile hat sich diese ungewöhnliche Kunst-Kommerz-Konstellation bei den Galeristen herumgesprochen, und selbst die Kuratoren von Allianz und Siemens sind neuerdings im Publikum. Natürlich schmeichelt Zachau die plötzliche Statuserhebung vom No- zum Somebody. Aber die Neugier auf Kunst war immer da. Baute doch der Großvater, Direktor der Bundesbank, auch deren Sammlung auf.

Nicht nur in diesen turbulenten, auch in wirtschaftlich guten Zeiten hüllt sich die Welt der Kunst in Nebelschwaden. Wer Transparenz verlangt, muss sich abwenden. Zwei Sammler großen Stils, Ethan Wagner und Thea Westreich Wagner, die dem Whitney Museum gerade 500 Werke namhafter Gegenwartskünstler vermachten und weitere 300 dem Centre Pompidou, beschreiben den schier undurchsichtigen Markt in ihrem gerade veröffentlichten Buch "Collecting Art for Love, Money and More". Ein Kompass für Insider, der zum Zocken rät.

Eine Klasse für sich

Eine formidable Kunstsammlung ist "das ultimative Statussymbol der Superreichen", heizt auch die "Financial Times" ihre wirtschaftlich potente Klientel an. Dass auch diese im Zeitalter der Globalisierung mit der Weltelle gemessen wird, versteht sich von selbst. François Pinaults Kunstpalast in Venedig ist ein Prunkstück des Alten Kontinents wie das Getty Museum des Neuen. Charles Saatchi hat in London seine Duftmarke gesetzt, Victor Pinchuk in Kiew, das Ehepaar Wang Wei und Liu Yiqian in China, die Al Thanis in Katar; um nur einige zu nennen.

Und dann ist da die Fondation Beyeler, Lebenswerk von Ernst Beyeler, dem Mitbegründer der Art Basel. Als "eine Klasse für sich, einziger Klub in der Champions League", bezeichnet sie Falckenberg. Wirtschaftsanwalt Hans Wyss ist dem "Klub" eng verbunden. Wir treffen den freundlichen Herrn im Trachtenjankerl und seine Frau Brigitte anlässlich einer Vernissage in John Schmids Skulpturenpark Kloster Schönthal, wo das Sammlerkonzept "Dreiklang von Geschichte, Natur und Kunst" heißt. Zwischen grünen Hügeln stößt man auf Skulpturen von David Nash, Nigel Hall, Ulrich Rückriem oder Ian Hamilton Finlay. In den ehemaligen Klosterzellen wird auch gern genächtigt, so trifft man sich am langen Holztisch beim Morgenkaffee wieder.

Wyss klopft gegen sein Frühstücksei und stöhnt: "Wenn man so viel sammelt wie meine Frau und ich, wird das Angesammelte irgendwann zum Problem. Dann muss verwaltet werden." Das Ei ist jetzt geköpft, und das Dampfablassen wird lauter: "Und all die Leihgaben! Die sehe ich meistens nur im Museum."

John Schmid nickt verständnisvoll. Seine Werbeagentur war einmal die kreativste der Schweiz. Aber das Laute und Schnelle seiner Branche hat ihn mit den Jahren immer mehr in den Rückzug, die Langsamkeit getrieben. Mit der Melancholie der Gereiften wirft er ein: "Es ist spannender, ein Konzept zu entwickeln, als ein fertiges Bild zu kaufen."

Der Kunstbetrieb ist hysterisch

Zurück in Deutschland, wollen wir Julia Stoschek aufsuchen, von der wir in Basel nur ein schnelles Vorbeihuschen wahrnahmen. "Der Kunstbetrieb ist grundsätzlich sehr hysterisch", entschuldigt die Assistentin ihre gehetzte Chefin.

Von dort hat sich Frieder Burda, ganz langsam erst, aber dann immer zielsicherer, wegbewegt, mitten unter die Menschen, wo endlich ein warmer Platz für ihn zu finden war. Er ist der mittlere Sohn eines stark polarisierten Brüdertrios. Gerierte sich der älteste, Franz, als Vaters Thronfolger, Hubert, der jüngste und Mutters Liebling, schnappte sich listreich den Verlag, und für den mittleren blieben nur Stottern und Spott.

Als Frieder Burda auf einem stattlichen Batzen ererbten Geldes saß, konnte er erleben, dass ein reicher Mann natürlich einen guten Tisch im Restaurant bekommt - und dann? Er füllte die große Leere mit Kunst, und mit ihr kam das gesellschaftliche Upgrading. Ich sammle, also bin ich! - Auch das ist ein Modell. Und en passant kam Baden-Baden so zu einem Richard-Meier-Museumsbau.

Nur knapp zwei Autostunden entfernt, in Schwäbisch-Hall, eröffnete im Juni Reinhold Würth, den die Presse schon vor langer Zeit zum Schraubenkönig krönte, inmitten einer unüberschaubaren Menschenmasse die Ausstellung "Menagerie". "Da ist kein Rankommen", sagt seine Kunstsprecherin. Wann immer sie seiner habhaft werden, umzingeln ihn Künstler, preisen ihm ihr Werk an. Nicht von ungefähr. Reinhold Würth schafft an wie ein Süchtiger.

Für seine Sammlung gibt es nur ein Etikett - Wahnsinn. 16.000 Exponate, überwiegend des 20. und 21. Jahrhunderts, nennt er sein Eigen, Beckmann, Münter, Nolde zum Niederknien, seit zwei Jahren auch das Renaissancejuwel "Darmstädter Madonna" von Hans Holbein dem Jüngeren; bald ein Dutzend Museumsdependancen über ganz Europa ließ er bauen, teilweise von den kühnsten Architekten. Das Fortleben des Reinhold Würth, der seine Leidenschaft gewichtet, "80 Prozent Kaufmann und 20 Prozent Sammler", ist also gesichert bis in alle Ewigkeit. Amen.

Berliner Ansichten

Zeit, in die Hauptstadt zu reisen. Die Kunst-, Künstler- und Galeriendichte ist dort so exorbitant, dass MoMa-Chefkurator Klaus Biesenbach warnt, "Man muss aufpassen, dass Berlin kein ,Themenpark Kunst' wird."

"Die Leute suchen permanent nach dem tollen jungen Künstler", ächzt die Galeristin Philomene Magers, die sich mit ihrer Partnerin Monika Sprüth müht, dem Ausverkaufswahn einen Riegel vorzuschieben. Künstler, die sich etwa der Verkaufslogik eines Larry Gagosian ausliefern, sind für den Augenblick wohl "bankable", stehen aber unter Dauerproduktionszwang. Die Gagosian-Supermärkte auf drei Kontinenten wollen schließlich bestückt sein.

Viele der potenziell zu Entdeckenden arbeiten in Berlin, wo im Hamburger Bahnhof die Sammlung Marx untergebracht ist, auch die Flick Collection. Als Publikumsrenner erweist sich die Sammlung Berggruen; und dann sind da noch die Sammlungen von Thomas Olbricht, dem Wella-Erben, der den ME Collectors Room eröffnete, oder von Barbara und Axel Haubrok, von Gaby und Wilhelm Schürmann. Und der Kunstbunker des Christian Boros. "Parvenü", zischeln sie in eingesessenen Kreisen, die sich für etwas Besseres halten als die aus allen Richtungen einfallenden Goldgräber.

Boros indes hat sich nichts weiter erlaubt, als ein unfassbar freches Wagnis einzugehen. Er renovierte einen Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, faschistische Architektur also und daher ein viel zu heißes Eisen für all die politisch Korrekten im Land. Weder die DDR noch die wiedervereinigte Metropole konnten einen Zweck ausmachen für das Relikt, der Bunker gammelte vor sich hin. Bis der Werber aus Wuppertal kam, ihn renovierte und darin seine eigenwillige Sammlung präsentiert. Auf Anhieb stand das Publikum Schlange, hatten die Medien ihre Sensation.

Wie sakral doch dagegen das ganze Environment bei Erika Hoffmann ist; sie empfängt im schlichten Wollkleid, geräuschlos auf flachen Ballerinas. Ihre ganze Erscheinung derart puristisch, dass man nur in ihr klares Gesicht blickt, die blauen Augen, auf Alabasterhaut. "Die deutschen Sammler haben eine starke emotionale Bindung an ihre Kunst." Die Bemerkung von Philomene Magers ist wie für sie geschnitzt.

Eine Art von Anmaßung

Als Erika und Rolf Hoffmann in den 60ern anfingen, sich zu interessieren, umschlang der Zeitgeist die Konzeptkunst, das Paar stürzte sich in die Diskussionen. "Die Konzepte faszinierten uns, gerade weil wir sie nicht verstanden." Im Zusammensein mit den Künstlern lernten sie, dass keiner böse wurde, wenn man kaufte. "Wir haben uns so gefreut, dass die uns nicht verachteten als den gierigen spießigen Bürger."

Die Hoffmanns hatten ein Modeunternehmen, produzierten das Label van Laack, das ständig neue Impulse verlangte. Die Kunst half weiter, und auch bei ihnen führte das erste Mal wie immer zum Verlust der Unschuld; es handelte sich um den Kauf eines Vassilakis-Takis-"Signals", dann sparten sie ein Jahr lang auf einen Uecker. Als zwei Jahrzehnte später die Abgesandten der Tate anreisten und um Leihgaben baten, genierten sie sich, baten um Anonymität.

Van Laack verkauften die Hoffmanns Mitte der 80er an Johanna Quandt und zogen nach einigen Irrungen und Wirrungen 1994 nach Berlin-Mitte, wo noch aus Dächern heruntergekommener Häuser Bäume wuchsen. "Wir haben uns von allem getrennt, um das hier möglich zu machen" - die einzigartigen Sophienhöfe.

Rolf Hoffmann starb 2001 an Krebs. Erika lebt seither allein mit den Stellas, Richters und Tillmans, Broodthaers und Gormleys. Jeden Samstag öffnet sie ihr privates Refugium, diverse Loftetagen, für angemeldete Besucher. "Dass ich das heute öffentlich zeige, ist eine Art von Anmaßung." Natürlich gibt es die Kehrseite, Freude an der geteilten Erfahrung: "Kunst kann das Leben verändern."

Kostbarkeiten in Boros Bunker

Kunst hat auch das Leben von Michael Werner verändert, der die Vorarbeit leistete, dass in den 80ern der Hype in Deutschland losging. Er hievte mit Baselitz, Lüpertz, Penck die Malerfürsten auf die Bühne, zog nach New York, machte mit cleverem Marketing alle zu Millionären und heiratete auch noch die damalige Stargaleristin Mary Boone.

Nun lebt er vor den Toren Berlins in Märkisch Wilmersdorf in einem Schlösschen mit Park drumherum und schimpft. "Das Kunstsystem rückt immer näher an die Mode." Dieses schillernde Ökonomisieren von Bildern, es nervt ihn. Genauso wie Werber mit fragwürdigen Sammlungen.

Der kleine Seitenhieb gilt natürlich Christian Boros, der mit dem Kunstbunker in internationaler Publicity badet. "Lob ist eine Nahrung, von der man nie genug bekommen kann", freut sich Boros, als wir ihn am Halleschen Ufer aufsuchen, dem Sitz seiner Agentur. Im Reigen der Sammler gibt er das Zirkuspferd.

Seine Rolex blitzt, und Boros nimmt sich alle Zeit dieser Welt, von der beuysschen "Intuition"-Kiste zu erzählen, seiner ersten Anschaffung, bis hin zu den jüngsten Errungenschaften, die er manchmal beim Galeristen abzuholen vergisst, ist erst einmal der Beuteakt besiegelt. Werner, der eine schlichte Swatch trägt, sieht in Boros einen, "der den Kunstbetrieb für sein Marketingsystem benutzt".

Natürlich könnte sich der Werbefachmann all die Aufmerksamkeit, die ihm der Bunker einbringt, mit keinem Geld dieser Welt verschaffen. Sucht das Bundeswirtschaftsministerium einen Redner, wird Boros gefragt. Der legt los, Kunst wertzuschätzen sei unabdinglich für einen guten Unternehmer. "Der Letzte, der das begriffen hat, war Alfred Herrhausen, aber heute haben die Herren Schmalspurvorstände einfach nicht mehr diesen Blick."

"In den großen Unternehmen werden alle zu Mutanten erzogen", klagt Boros, "und dann wundert man sich, dass die wegschlittern wie Autos mit profillosen Reifen."

Zurück in den Phoenix-Hallen in Hamburg-Harburg erläutert Harald Falckenberg: Wer Sammler verstehen will, darf Sigmund Freuds Fingerzeig nicht übersehen. So viel Sublimation!

Welcher Trieb leitet also Falckenberg?

"Das soll ich verraten?"

Aber ja.

"Ich bin doch nicht verrückt."

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