Samstag, 20. April 2019

Sammler Die Kunstjäger

Sammler: Sie kaufen, was das Budget hergibt
DPA

5. Teil: Eine Art von Anmaßung

Als Erika und Rolf Hoffmann in den 60ern anfingen, sich zu interessieren, umschlang der Zeitgeist die Konzeptkunst, das Paar stürzte sich in die Diskussionen. "Die Konzepte faszinierten uns, gerade weil wir sie nicht verstanden." Im Zusammensein mit den Künstlern lernten sie, dass keiner böse wurde, wenn man kaufte. "Wir haben uns so gefreut, dass die uns nicht verachteten als den gierigen spießigen Bürger."

Die Hoffmanns hatten ein Modeunternehmen, produzierten das Label van Laack, das ständig neue Impulse verlangte. Die Kunst half weiter, und auch bei ihnen führte das erste Mal wie immer zum Verlust der Unschuld; es handelte sich um den Kauf eines Vassilakis-Takis-"Signals", dann sparten sie ein Jahr lang auf einen Uecker. Als zwei Jahrzehnte später die Abgesandten der Tate anreisten und um Leihgaben baten, genierten sie sich, baten um Anonymität.

Van Laack verkauften die Hoffmanns Mitte der 80er an Johanna Quandt und zogen nach einigen Irrungen und Wirrungen 1994 nach Berlin-Mitte, wo noch aus Dächern heruntergekommener Häuser Bäume wuchsen. "Wir haben uns von allem getrennt, um das hier möglich zu machen" - die einzigartigen Sophienhöfe.

Rolf Hoffmann starb 2001 an Krebs. Erika lebt seither allein mit den Stellas, Richters und Tillmans, Broodthaers und Gormleys. Jeden Samstag öffnet sie ihr privates Refugium, diverse Loftetagen, für angemeldete Besucher. "Dass ich das heute öffentlich zeige, ist eine Art von Anmaßung." Natürlich gibt es die Kehrseite, Freude an der geteilten Erfahrung: "Kunst kann das Leben verändern."

Kostbarkeiten in Boros Bunker

Kunst hat auch das Leben von Michael Werner verändert, der die Vorarbeit leistete, dass in den 80ern der Hype in Deutschland losging. Er hievte mit Baselitz, Lüpertz, Penck die Malerfürsten auf die Bühne, zog nach New York, machte mit cleverem Marketing alle zu Millionären und heiratete auch noch die damalige Stargaleristin Mary Boone.

Nun lebt er vor den Toren Berlins in Märkisch Wilmersdorf in einem Schlösschen mit Park drumherum und schimpft. "Das Kunstsystem rückt immer näher an die Mode." Dieses schillernde Ökonomisieren von Bildern, es nervt ihn. Genauso wie Werber mit fragwürdigen Sammlungen.

Der kleine Seitenhieb gilt natürlich Christian Boros, der mit dem Kunstbunker in internationaler Publicity badet. "Lob ist eine Nahrung, von der man nie genug bekommen kann", freut sich Boros, als wir ihn am Halleschen Ufer aufsuchen, dem Sitz seiner Agentur. Im Reigen der Sammler gibt er das Zirkuspferd.

Seine Rolex blitzt, und Boros nimmt sich alle Zeit dieser Welt, von der beuysschen "Intuition"-Kiste zu erzählen, seiner ersten Anschaffung, bis hin zu den jüngsten Errungenschaften, die er manchmal beim Galeristen abzuholen vergisst, ist erst einmal der Beuteakt besiegelt. Werner, der eine schlichte Swatch trägt, sieht in Boros einen, "der den Kunstbetrieb für sein Marketingsystem benutzt".

Natürlich könnte sich der Werbefachmann all die Aufmerksamkeit, die ihm der Bunker einbringt, mit keinem Geld dieser Welt verschaffen. Sucht das Bundeswirtschaftsministerium einen Redner, wird Boros gefragt. Der legt los, Kunst wertzuschätzen sei unabdinglich für einen guten Unternehmer. "Der Letzte, der das begriffen hat, war Alfred Herrhausen, aber heute haben die Herren Schmalspurvorstände einfach nicht mehr diesen Blick."

"In den großen Unternehmen werden alle zu Mutanten erzogen", klagt Boros, "und dann wundert man sich, dass die wegschlittern wie Autos mit profillosen Reifen."

Zurück in den Phoenix-Hallen in Hamburg-Harburg erläutert Harald Falckenberg: Wer Sammler verstehen will, darf Sigmund Freuds Fingerzeig nicht übersehen. So viel Sublimation!

Welcher Trieb leitet also Falckenberg?

"Das soll ich verraten?"

Aber ja.

"Ich bin doch nicht verrückt."

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