Sonntag, 21. April 2019

Porträt des Deutsche-Bahn-Chefs Richard Lutz - Deutsche-Bahn-Chef vor der Reifeprüfung

Richard Lutz: Der Modellbahner
picture alliance / Bernd von Jut

2. Teil: Ein Fan seines Chefs

Als Controller gekommen, stieg er bald zur rechten Hand des Finanzchefs auf, des legendären Diethelm Sack. Das Paar blieb als gemischtes Doppel in Erinnerung. Bei Budgetgesprächen saßen sie immer nebeneinander: hier der gestrenge Diethelm Sack, dort der freundliche junge Mann, der wenig sagte, aber stets im Bilde schien.

Als Sack 2010 abtrat, war klar, dass Lutz übernehmen würde. Mit ihm wurden die Finanzen der Bahn transparenter, zumindest nach innen. "Ich fand manchmal", mosert ein alter Kollege, "dass er schon zu viele Kennziffern liefert."

Ungeteilt gut kam der Kulturwandel an. Gespräche mit dem Schatzmeister mutierten von der Abfrage zum Dialog. "Lutz hat sich da als Teil einer neuen Generation verstanden", erzählt der Ex-Chef einer DB-Tochter, "es sollte nicht mehr so von oben herab regiert werden."

Vermutlich wurde Lutz gerade deswegen zu einem Fan seines Vorgesetzten Rüdiger Grube. Denn der schlug nach den wüsten Mehdorn-Jahren einen ganz neuen Ton an. Wie nah sie einander standen, blitzte auf, als Lutz im März die Bilanz vorstellte und seinem Vorgänger mit belegter Stimme dankte. Es klang fast nach einer Grabrede, so viel Rührung schwang mit.

Besonders eine Neuerung der Ära Grube hat sein Leben verändert: der Servicetag. Jede Führungskraft muss einmal jährlich an die Basis - auf dem Gleis, im Werk oder in der Station. Was für Lutz 2012 zu einer prägenden Begegnung führte.

Dieter Puhl (60), Leiter der Bahnhofsmission am Berliner Bahnhof Zoo, erinnert sich noch genau an jenen Juni-Tag, als ihn ein vertrauter DB-Mann anrief. "Ich hab da zwei Leute aus dem Konzern", sagte der, "die machen hier einen Servicetag. Wir kommen mal vorbei."

Die Bahnhofsmission gehört zwar nicht zur DB, legt aber Wert auf gute Nachbarschaft. Puhl stimmte sofort zu. Wer genau kommen sollte, bekam er nicht ganz mit; wohl irgendein Personalmensch und einer aus der Buchhaltung. 20 Minuten, dachte der Gastgeber, würden sie bleiben. Nach zehn Minuten war man beim Du. Die beiden Bahner stellten Fragen über Fragen, vor allem zur Hilfe für die Obdachlosen, mit denen sie sich ebenfalls unterhielten, mehr als drei Stunden lang.

Am späten Abend gegen 23.30 Uhr erhielt Puhl dann eine Mail, die mit einem "Lieber Dieter!" anfing und einem "Du hörst von uns!" aufhörte. Signatur: Dr. Richard Lutz, Vorstand Finanzen.

Tatsächlich ließ die Bahn kurz darauf von sich hören, durch Rüdiger Grube. Sie fördert seither die von Spenden abhängige Einrichtung, beteiligte sich etwa an den Kosten für neue Sanitärräume. Lutz geht inzwischen noch viel weiter, stellt sich an jedem Servicetag hinter die Ausgabe der Mission (selbst als Bahn-Chef wieder) und hilft auch ganz privat, jenseits besonderer Anlässe. Mit Dieter Puhl verbindet ihn eine herzliche Freundschaft.

Die Nähe zwischen Lutz und seinem ehemaligen Chef Rüdiger Grube erstreckt sich freilich auf mehr als nur ein paar Impulse für die Firmenkultur. Als Vorstandsmitglied trug der Finanzmann viele Entscheidungen mit, die fragwürdig wirken, und das nicht erst heute.

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