Samstag, 7. Dezember 2019

Die besten Reisen zu Filmsets Die Set-Jetter - wo Serienjunkies glücklich werden

2. Teil: Der Suchtfaktor Serie ist ein Milliardenmarkt

Suchtfaktor Serie, Teilhabe auf Zeit, eintauchen in das Leben der anderen - ein Milliardenmarkt. 2016 setzen Videodienste weltweit 302 Milliarden Dollar um. 2020 sollen es rund 360 Milliarden sein. Größter Markt in Europa ist Deutschland. Wenn 2020 das Turbomobilfunknetz 5G kommt, wird Streamen per Smartphone noch leichter. Parallelwelt to go.

Auf den Spuren der Wildlinge

Großes Kino
Das Serien-ABC
Hauptrolle
Mit 104 Millionen Abonnenten und einem Umsatz von 11 Milliarden Dollar (Prognose 2017) ist Netflix der größte Streamingdienst. Die Firma produziert mittlerweile eigene Serien und ist bis auf Nordkorea und Syrien überall vertreten. Selbst in China, dem lukrativsten Markt, in dem alle anderen scheitern - wie die Nummer zwei, Amazon Prime Video (60 bis 80 Millionen Abonnenten).
Gegenspieler
Gegen Netflix und Amazon haben sich die Bezahlsender Sky (22 Millionen Kunden, kurz vor der Übernahme durch 21st Century Fox) und HBO (127 Millionen) zusammengetan. HBO steigt mit HBO Now ins Streaminggeschäft ein.
Was läuft?
500 Serien kommen 2017 raus, fast doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Allein Amazon und Netflix haben 2016 rund 7,5 Milliarden Dollar in Eigenproduktionen gesteckt. Hochglanzserien kosten mittlerweile bis zu 10 Millionen Dollar pro Folge. Die Branche überbietet sich mit immer absurderen Figuren, zuletzt Technogötter ("American Gods"). Nicht alles funktioniert weltweit. Alkohol, Drogen, Homosexualität, da wird es in China, Indonesien und im arabischen Raum eng. In Japan müssen Genitalien gepixelt werden. In China sah man am liebsten "House of Cards", bis die Zensur das verbot, obwohl sogar Mitglieder der Kommunistischen Partei Fans waren.
Die Macher
Heimliche Helden der Szene sind die Drehbuchautoren: Vince Gilligan ("Breaking Bad"), Chris Chibnall ("Broadchurch") oder Adam Price ("Borgen"). Selbst Altmeister wie Woody Allen ("Crisis in Six Scenes") oder die Coen-Brüder ("The Ballad of Buster Scruggs") machen jetzt Serien.

Das Wachstum von Netflix Börsen-Chart zeigen, größter Streamingdienst der Welt (siehe Kasten), übertrifft alle Erwartungen: fünf statt drei Millionen neue Abonnenten allein im zweiten Quartal dieses Jahres. Mitgründer Reed Hastings verkündet, das lineare Fernsehen sei tot.

Früher waren Serien die schäbige Schwester der Filme, heute ist es fast umgekehrt. Serien gelten als das schlauere Fernsehen. Wer die richtigen sieht, zählt zum Kreis der Wissenden. Der Emmy, der wichtigste Preis für Fernsehproduktionen, der am 17. September verliehen wird, ist mittlerweile vielleicht sogar einflussreicher als der Oscar.

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Zusehen reicht vielen nicht mehr. Reisen zu den Drehorten ist der neue Trend: Utah ("Westworld"), Carrie Mathisons Brooklyn ("Homeland"), Islands Eiswüste ("Game of Thrones"), L.A. ("Ray Donovan"), Dorsets Steilküste ("Broadchurch"), Floridas Keys ("Bloodline"), Berlin ("Babylon Berlin") oder Frank Underwoods Washington ("House of Cards"). Je vertrauter Straßenzüge, Wüsten, Orte werden, umso eher steigt die Zahl derer, die ihren Urlaub danach planen. "Seeing is believing": Pilgern 2.0.

"Auf dem internationalen Reisemarkt stellt der Filmtourismus mit ca. 4 Prozent aller Ankünfte gegenwärtig (noch) ein Nischensegment dar", schreibt Tourismusforscher Albrecht Steinecke in seinem Buch "Filmtourismus" (utb, 2016). Aber das ändert sich gerade: Screentourism boomt.

Ein eigener Mix aus Kultur-, Städte- und Naturtourismus - so hat die Tourismusbranche Spanien, Island, Irland, Kroatien, New Mexico noch nie verkauft. Strand und Berge sind nur zur Saison buchbar, Drehortziele gehen das ganze Jahr. Da kann man mit dem SUV für 515 Dollar durch Washington cruisen wie Kevin Spacey in "House of Cards", die Schattenwölfe Odin und Thor aus "Game of Thrones" in Nordirland streicheln (heulen auf Kommando).

Kleine Agenturen wie Black Tomato mischen in dem Geschäft schon mit, aber Fans und Blogger sind häufig schneller und helfen sich selbst. Kaum angelaufen, werden die Drehorte gepostet - auf Seiten wie filming.90210locations.info, filmtourismus.de oder roadtrippers.com. Man muss nur wissen, wo. Hotels und Routen suchen sich viele selbst zusammen.

Früher wäre man nicht im Traum darauf gekommen, wegen "Dallas" nach Texas zu reisen oder wegen "Winnetou" nach Kroatien. Da musste erst "Game of Thrones" kommen. Gerade ist die siebte Staffel angelaufen, und schon wieder wird Dubrovnik, Filmkulisse für die Hauptstadt Königsmund, überlaufen von Touristen, vor allem von jüngeren.

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