Mittwoch, 13. November 2019

German Design Award 2014 Stilleben

Ausgezeichnet: Zehnmal Gold beim German Design Award 2014
Oliviero Toscani

2. Teil: Grcic: "Ästhetik ist Gebrauchswert"

Der Gestalter, dessen Stücke im New Yorker MoMA ebenso vertreten sind wie im Londoner Design Museum und der von jungen Kollegen gern als Designphilosoph tituliert wird, erzählt, welchen Forschungsaufwand er treibt, bevor er an die Arbeit geht. In diesem Fall: Gespräche mit Schülern, Lehrern, Einkäufern von Schulmöbeln.

Der Markt wurde erkundet, eine Studie über die Auswirkungen von Schulmöbeln auf das Lernverhalten konsultiert, sodann wurden alle möglichen Materialen, alle möglichen Herstellungsverfahren geprüft, auch unter dem Blickwinkel der Ökologie. Bis dann diese einfache Spritzgussschale aus Polypropylen dabei herauskam, 100 Prozent Kunststoff ohne Additive, dadurch recycelbar und billig in der Herstellung. Design ist nämlich längst nicht mehr nur, wenn es schön aussieht.

"Die sehr ruhige Form, Temperatur, Klang, Haptik", sagt Grcic, "sind Teil der Funktion." Ästhetik und Gebrauchswert sind für ihn keine Gegensätze, die es miteinander ins Gleichgewicht zu bringen gilt. Sondern: "Ästhetik ist Gebrauchswert, wir wollen ja nicht mit Dingen leben, die nur praktisch sind."

So ist womöglich erklärbar, dass die Grcic-Entwürfe, so klar, nüchtern, schlicht sie sind, doch immer einen Kick seitwärts haben, einen formalen Schlenker, der sich jenseits der puren Funktionalität bewegt und ein Stück Ironie transportiert.

Grcic: "Gute Gestaltung macht das Leben besser und schöner"

Gefragt, was denn den Wert guter Gestaltung ausmache, versinkt Grcic in Schweigen, bald eine Minute überlegt er. Dann zählt er auf: "Gute Gestaltung hat den Wert, dass sie das Leben besser und schöner macht. Das klingt banal, aber dieses Besser und Schöner ist wichtig, weil unser Leben kompliziert ist. Gute Gestaltung der Dinge, mit denen wir unser Leben bestreiten, verhilft zur Identität. Gute Gestaltung ist Teil von Kultur und Bildung, sie trägt zur Weiterentwicklung unseres Lebens bei.

Gute Gestaltung macht sensibler, kann das Bewusstsein schärfen. Gute Gestaltung - schließlich - kann auch auf die Effizienz der Produktion gerichtet sein. Und das hat die Industrie verstanden. Niemand dort wird noch sagen: Gestaltung brauche ich nicht." Eine kleine Rede, ein handfestes Glaubensbekenntnis, so weit, so gut.

Dann aber gerät Grcic erneut ins Grübeln. Der Blick in die Zukunft sage ihm, dass wir sehr bald eine Gestaltung erleben werden, die einfach eine Rechenleistung ist, das Spiel der Algorithmen, die bestimmte Möglichkeiten an Formen - unter Einschluss der Ästhetik - durchkalkulieren und im Resultat auf optimierte Lösungen kommen.

"Das wird sich durchsetzen, da bin ich mir ganz sicher", sagt Grcic. "Und ich betrachte das mit Neugier."

Freilich mischen sich Skepsis und Zuversicht in seinem Ausblick auf künftige Designarbeit, die wohl auch das Berufsbild für die Gestalter umkrempeln wird, bestimmte Aufgaben obsolet werden lässt.

"Gute Gestaltung bedeutet nicht nur absolute Perfektion, sondern sie enthält auch das Menschliche, das Subjektive", sagt er. "Am Schluss gibt es diesen menschlichen Input, die menschliche Intelligenz, die nicht nur rational ist, sonder auch das Irrationale enthält. Und diese Verbindung ist etwas, das - Gott sei Dank - noch nicht kopierbar ist."

Aber ganz geheuer ist ihm die schöne neue Welt dennoch nicht. "Was wird sein, wenn wir alle ständig alles wissen und verarbeiten - pffft."

Seite 2 von 2

© manager magazin 11/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung