Freitag, 13. Dezember 2019

Pfeifer & Langen So organisiert die größte Zucker-Sippe Deutschlands ihre Geschäfte

Pfeifer & Langen: Streuverluste
Marina Rosa Weigl für manager magazin

2. Teil: Klatsche vom Kartellamt

Noch unerfreulicher sieht's im alten Kerngeschäft aus: dem Zucker. 2014 vergatterte das Bundeskartellamt die drei heimischen Zuckerkonzerne zu einem Bußgeld von 280 Millionen Euro wegen unbotmäßiger Absprachen. Nordzucker hatte gepetzt, kam also ungeschoren davon. Marktprimus Südzucker Börsen-Chart zeigen, gut sechsmal so groß wie P & L, musste 200 Millionen Euro zahlen, die Kölner den Rest.

Vorsicht, kalorienhaltig!
Das Markenreich von Pfeifer & Langen
Süßen
Als Eugen Langen und Emil Pfeifer 1870 begannen, Rüben auszukochen, wurde Zucker zur Massenware. Heute geht der größte Teil der Produktion an Großkunden. Der Rest landet unter der Marke Diamant in den Supermarktregalen.
Knabbern
Ins salzige Geschäft mit Kartoffelchips stieg die Zuckersippe Ende der 60er Jahre ein. Rasch ging P & L mit den Konkurrenten Chio und Pfanni zusammen. Später kaufte der Clan Marken wie Ültje, Goldfischli oder Pom-Bär hinzu.
Naschen
Anfang der 70er Jahre griff die Familie dem jungen Willibert Krüger finanziell unter die Arme. Sein Instant-Zitronentee wurde ein Hit. Heute gehören zu Krüger Schokomarken wie Edle Tropfen und Schogetten oder die Kaustreifen von Fritt.

Das ist wohl nur die erste Rate. Denn nun verlangen Großkunden wie Pepsi Börsen-Chart zeigen (Limo), Katjes (Süßkram), Ehrmann (Joghurt), Lambertz (Gebäck) oder Nestlé Börsen-Chart zeigen (alles Mögliche) Schadensersatz. Die Forderungen gegen die Kartellanten sollen sich auf rund eine halbe Milliarde Euro summieren.

Die Beklagten können keinen Nachteil für ihre Kunden erkennen, schließlich seien die Preise ja größtenteils von der EU reguliert worden. Derzeit liegen viele Verfahren auf Eis, weil die Gerichte Gutachten des Ökonomen Justus Haucap abwarten, Ex-Vorsitzender der Monopolkommission. Von ihm hängt wohl ab, wie viel die Zuckerkocher am Ende zahlen müssen.

Kunden wunderte die Klatsche aus dem Bonner Amt kaum. Jahrelang hatten sie immer wieder versucht, von den Zuckerkonzernen konkurrierende Angebote einzuholen. Aber wundersamerweise erhielten sie immer nur eines, und zwar zufällig stets vom regionalen De-facto-Monopolisten. Die anderen zwei verweigerten sich. Mal ging angeblich eine E-Mail verloren, mal war die angefragte Menge leider, leider gerade nicht vorrätig.

Die Kartellbuße kommt für P & L zur Unzeit. Auf Druck der Welthandelsorganisation ward zum 1. Oktober die Zuckermarktordnung der EU (ZMO) abgeschafft. Die hatte mit Preis- und Mengenvorgaben sowie Export- und Importbeschränkungen fast ein halbes Jahrhundert lang für recht kommode Zustände in der Rübenbranche gesorgt.

Künftig müssen sich Europas Zuckerriesen mit der Konkurrenz aus Thailand oder Brasilien messen. Die gewinnt ihren süßen Stoff aus Zuckerrohr, was viel günstiger ist als die Rübenkocherei, bei chemisch gleichem Ergebnis.

Kartell und Konkurrenz: Der doppelte Zuckerschock entblößt die Schwächen von P & L. Die Familie muss reagieren, um die Streuverluste einzudämmen. Mit den bisherigen Anführern war das nicht mehr zu machen. Die beiden Altvorderen Botho von Schwarzkopf (68; Holdinganteil: 1,07 Prozent) und Bernhard Greubel (67; 0,67 Prozent), die über Jahrzehnte die Geschicke von P & L und der Holding geleitet hatten, traten vor zwei Jahren ab.

Als neuer starker Mann gilt seither Guido Colsman, Vordenker der Familienholding. Der zeigt sich in seinem Nebenjob als Kassenwart des Kaffeespezialisten Krüger ab und zu auf Branchenterminen und hält lächelnd eine Espressotasse in die Kamera. Ansonsten überlässt er die Bühne nur zu gern Patriarch Willibert Krüger. Das wirkt dann so, als sei Colsman nur irgendein leitender Angestellter.

Tatsächlich sind die Colsmans selbst eine Unternehmerdynastie mit 250 Jahren Historie. In gleich zwei Linien der vielköpfigen Langen-Familie heirateten die Colsmans ein. Guidos Onkel Albrecht (87) leitete früher als persönlich haftender Gesellschafter die Geschicke von P & L

Anders als seine Vorgänger setzt Colsman als Holdingchef verstärkt auf externes Know-how. Für P & L verpflichtete er Frank Walser (52), der zuvor den Werhahns im Mühlengeschäft gedient hatte. Der ließ die Consultants von Roland Berger in jede Ecke gucken, um die trübe Lage maximal auszuleuchten. Seither, heißt es, führe Walser die Geschäfte de facto gemeinsam mit Roland-Berger-Partner Wilhelm Uffelmann.

Die neuen Herren geben sich tatkräftig, das Familienerbe soll nicht dahinschmelzen wie der Zuckerhut in der Feuerzangenbowle. Der Vertrieb soll endlich ranklotzen, statt wie früher nur Ware zuzuteilen. Und neue SAP-Software gibt's nun auch, um den Betriebsablauf endlich besser zu überblicken. Selbst ein modernes Supply-Chain-Management leistet sich P & L nun.

Für den Aufbau einer ernst zu nehmenden Rechtsabteilung, die sich der Kartellkläger erwehrt, wurde zu Jahresbeginn Ramon Sieveking (51) verpflichtet. Der hatte zuvor 13 Jahre lang für den Handelskonzern Metro Schneisen durch die Paragrafenwälder geschlagen - und bekam gleich gut zu tun: Als P & L vor einem Jahr recht rüde die Schließung des Stammwerks in Elsdorf verkündete, führte das zu einem monatelangen Kleinkrieg mit dem Betriebsrat.

Immerhin: Wie es sich für ein modernes Unternehmen schickt, gibt es seit Kurzem einen strategischen Mehrjahresplan. 2016 von Walser intern per Videoschalte verkündet, soll er das Geschäft bis 2020 ausrichten. Kernpunkte: P & L will künftig mehr Zucker produzieren, mehr davon ins Ausland verkaufen und das Geschäft in Osteuropa stärken - in Polen, der Ukraine und Rumänien wird bereits produziert.

200 Millionen Euro wollen die Gesellschafter investieren. Damit das finanziell hinhaut, haben sie kürzlich das Eigenkapital auf 600 Millionen Euro verdreifacht.

Das wirkt entschlossen, schade nur, dass die Rivalen ähnliche Pläne verfolgen. Die Produktion wird allerorten hochgefahren, jeder will nach dem Fall der Gebietsmonopole expandieren. Gleichzeitig sind die Weltmarktpreise innerhalb eines Jahres um mehr als ein Drittel eingebrochen, auf rund 300 Euro pro Tonne. Bis vor Kurzem garantierte die ZMO noch gut 400 Euro; vor zehn Jahren gar 630.

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