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Führung: App als Chef

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Alles wird messbar App als Chef - wie Software Mitarbeiter durchleuchtet

Mit intelligenter Software lassen sich Mitarbeiter schnell und genau durchleuchten. Persönlichkeit, Kompetenz, Befinden - alles wird messbar. Lassen sich so Fehlurteile künftig ausschließen?

Hamburg - Es ist nicht so, dass junge Leute bei Norbert Teschner in Herzogenrath Schlange stehen würden, um einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Saint-Gobain ist nicht Google und Norbert Teschners Produkt nicht flippig, sondern klassische industrielle Wertarbeit.

Der französische Konzern, dessen Tochter Sekurit Teschner in Deutschland führt, stellt Sicherheitsglas für die Autobranche her. Das Produkt ist komplexer, als es aussieht, die Sekurit-Ingenieure hüten spezifisches Wissen, Fachkräfte sind schwer zu bekommen. Deshalb will Teschner seine Leute bei Laune und Gesundheit halten.

Seit einigen Monaten finden Mitarbeiter Saint Gobain  im Intranet ein besonderes Vorsorgeangebot: Wer sich gestresst fühlt, kann sein Befinden messen lassen, indem er eine Sprachprobe abgibt. Interessenten erhalten einen Zugangscode und rufen eine Telefonnummer an. Eine Tonbandstimme stellt in sanft therapeutischem Ton Fragen, die zum Plaudern auffordern: Beschreiben Sie den Verlauf eines typischen Sonntags. Wie laufen bei Ihnen Familienfeiern ab? Was macht für Sie einen guten Kollegen aus? Wie haben Sie sich in letzter Zeit gefühlt? Im Hintergrund lauscht und analysiert die Software.

Genug Sprachdaten nach 15 Minuten - und dann folgt die Auswertung

Nach 10 bis 15 Minuten hat der Rechner genug verwertbare Sprachdaten gesammelt, vorausgesetzt, der Antwortende hat nicht gerappt, gesungen oder vorgelesen. Rund 48 Stunden später steht im Intranet die Auswertung bereit. Die Webseite zeigt eine horizontale Reihe von Bäumen: links blühend, rechts ohne Blätter. Bei wem die Maschine einen Verdacht auf Depression ermittelt hat, der findet sich im rechten Bereich wieder. Ihm wird empfohlen, sich an seine Krankenkasse zu wenden, oder in schweren Fällen, einen Therapeuten aufzusuchen.

Die Sprachanalysesoftware Precire hat ein kleines Aachener Start-up mit ambitionierten Plänen entwickelt: Psyware will das Belastungsniveau, aber auch die Persönlichkeit und Kompetenzen von Menschen digital lesbar machen. Das Verfahren sei objektiver als jeder herkömmliche Eignungstest oder die Intuition des Vorgesetzten, sagt Gründer Dirk Gratzel: "Die Software analysiert Stimme und Sprache, ohne dass das Ergebnis von der Testperson bewusst und zielgerichtet beeinflusst werden kann."

Der Algorithmus misst eine Fülle von Parametern, wie Satzlänge und Komplexität, positive und negative Wortwahl, und setzt die Sprachprobe ins Verhältnis zu den Annahmen validierter Psychotests. Saint-Gobain lässt sich über die Testergebnisse nicht informieren, versichert Teschner.

Blick aufs Personal durch die Datenbrille - die Entschlüsselung des Mitarbeiters

Mittlerweile verhandelt Psyware mit Interessenten aus der Hotel- und Zeitarbeitsbranche, die die Software für das Recruiting und Schulungszwecke nutzen wollen. Zeig dem Rechner, wie du sprichst und er sagt dir, wie du tickst.

Digitale Technologien wie Precire können schon bald die Personalführung ganzer Konzerne revolutionieren. Weg mit langen Onlinefragebogen und Postkorbübungen, die Aufschluss über die besten Bewerber geben sollen. Vorbei die Zeiten, in denen die Tuchfühlung mit dem Mitarbeiter sich auf ein Zielvereinbarungsgespräch pro Jahr beschränkte. Und Frustrierte erst erkannt wurden, wenn sie kündigten.

Intelligente Software gibt Managern Instrumente an die Hand, ihre Mitarbeiter schneller und intensiver kennenzulernen als je zuvor - und deren Befinden jederzeit abzurufen. Weltkonzerne wie IBM  , Oracle  und SAP  , aber auch Start-ups in London und Palo Alto arbeiten unter Hochdruck an der Entschlüsselung des Mitarbeiters. Profil, Performance, Potenzial: Mittels Datenauswertung soll künftig alles sichtbar gemacht werden, wenn nötig tagesaktuell auf dem Smartphone.

Die Anbieter locken mit dem Hinweis auf den Kundennutzen und Fachkräftemangel. Im Kampf um die Loyalität der Kunden werde die Fähigkeit, Mitarbeiter zu gewinnen, zu entwickeln und deren Potenzial zu erkennen, überlebenswichtig, heißt es in einer IBM-Präsentation über den Wert digitaler Analysetools. "Kein Unternehmen kann es sich mehr leisten, Talentmanagement aus dem Bauch heraus zu betreiben."

Big Data als Führungsinstrument

Der Blick aufs Personal durch die Datenbrille - für viele Manager ist das ein Traum. Thomas Sattelberger, ehemals Personalvorstand der Deutschen Telekom und als selbst ernannter Vordenker seiner Zunft permanent im Visionärsmodus unterwegs, wird der Führung in der digitalen Ära demnächst einen eigenen Kongress widmen und innovative Entwickler um sich scharen: "Sollten Algorithmen in der Lage sein, die entscheidenden Parameter menschlicher Leistung sichtbar zu machen, wäre das eine hochinteressante Disruption."

Doch kann Big Data als Führungsinstrument wirklich funktionieren, insbesondere im datenschutzsensiblen Deutschland? Bewerbertest per App-Game Psyware hat inzwischen einen Kooperationspartner an Bord: die Unternehmensberatung Kienbaum, die einen Großteil ihres Umsatzes bislang mit herkömmlichen Eignungstests und Management-Audits macht. Solche Testsitzungen will Geschäftsführer Hans Ochmann in Zukunft zwar noch verkaufen, aber er hat erkannt: "Der Markt wandelt sich."

Seine Kunden wünschen sich Lösungen, die effizienter, billiger und schneller sind als die aufwendigen Audits. Jetzt will er sich an die Spitze der Bewegung setzen. Kürzlich erst hat Ochmann die Vorstandsriege einer großen Versicherung für einen Testlauf gewinnen können. Die Herren wollten wissen, wie ihre Art zu kommunizieren in der Truppe ankommt.

Digitale Verfahren, die menschliches Verhalten ungefiltert erfassen und mithilfe hinterlegter Vergleichsprofile Wahrscheinlichkeiten errechnen, versprechen ein Grundproblem der Eignungsdiagnostik zu lösen: Sie kommen ohne die fragwürdige Selbsteinschätzung des Getesteten aus, und günstiger als die herkömmlichen Tests sind sie auch.

Wasabi Waiter: Wie sich der Mitarbeiter beim Spielen offenbart

Wer nicht mit einer Telefonstimme reden mag, für den hat die US-Firma Knack eine subtilere Methode parat. Sie holt die Testkandidaten dort ab, wo sie sich garantiert selbst vergessen: beim Spielen.

Das Start-up von Guy Halfteck, Harvard-Absolvent und Ex-Vizekapitän der israelischen Marine, sitzt in Palo Alto und versammelt Berühmtheiten in seinem Board of Directors: Alvin Roth, Nobelpreisträger auf dem Gebiet der Spieltheorie, berät den CEO ebenso wie MIT-Professor und Bestsellerautor Erik Brynjolfsson ("The Second Machine Age"). Eine Handvoll Neurologen, Kognitionsforscher und Statistiker mit Ivy-League-Abschlüssen zeichnen für die Entwicklung der Spiele verantwortlich.

Halfteck wurde zum Unternehmer, nachdem ihn ein Bewerbungserlebnis schwer genervt hatte. Eine Private-Equity-Gesellschaft schleuste ihn fünf Monate lang durch unzählige Interviews. "In der Zeit konnte ich keinen anderen Job annehmen - eine Zumutung." Nach der finalen Absage gründete er Knack - englisch für "die Gabe" oder "der Kniff".

Halftecks ganzer Stolz ist die Smartphone-App "Wasabi Waiter". Der Spieler muss als Kellner Gäste eines Sushi-Restaurants bedienen. Die sitzen an der Bar und sind unterschiedlich gut gelaunt, ablesbar an ihren Gesichtsausdrücken. Der Kellner soll die Gäste zufriedenstellen, sich auf neu hereindrängende Besucher einstellen, die Gerichte verteilen, abwaschen und seinen Tresen in Ordnung halten.

Risikobereitschaft, soziale Intelligenz: Wasabi Waiter braucht 20 Minuten

Mit der Art, wie er diese Aufgaben erfüllt, offenbart sich der Spieler unbewusst selbst: Risikobereitschaft, Auffassungsgabe, soziale Intelligenz, Verträglichkeitsgrad, Beharrlichkeit und mehr. Wasabi Waiter braucht höchstens 20 Minuten, um genug Daten zu sammeln.

Der Ölkonzern Shell  ließ sich bereits auf ein Experiment mit Knack ein. Die interne Innovationseinheit, das sogenannte Game-Changer-Team, ist ständig auf der Suche nach neuen Businesskonzepten, die die Ölbranche umwälzen könnten. Sowohl Mitarbeiter als auch Externe dürfen den Game Changern Vorschläge unterbreiten, das Team bewertet sie dann. Diese Prüfung zeitigt gute Ergebnisse, dauert aber bis zu zwei Jahre - eine Ewigkeit im Turbokapitalismus.

Halfteck überzeugte die Game Changer, Wasabi Waiter zu testen. Zunächst mussten alle ehemaligen Ideengeber - rund 1400 - das Spiel absolvieren. Bei drei Vierteln wurden die Testergebnisse in Beziehung gesetzt zum Grad des Erfolgs, mit dem sie sich in der Shell-Ideenpipeline durchgesetzt hatten. So entstanden Profile typischer Shell-Innovatoren.

Siegeszug der digitalen Spürnasen

Diese Profile gab Shell an Knack weiter. Die Software hinter Wasabi Waiter analysierte daraufhin das Spielverhalten des verbliebenen Viertels. Die Überraschung: Der Algorithmus konnte korrekt errechnen, wer zum Innovator taugte. Er war also genauso gut wie die Game Changer, nur deutlich fixer.

Sein Tool werde die Dominanz der Ivy-League-Unis brechen, ist Gründer Halfteck überzeugt: "Bislang bekommt niemand an der Wall Street eine Chance, der keine Topuni besucht hat." Mithilfe von Wasabi Waiter kann jeder seine analytischen, strategischen oder sozialen Fähigkeiten unter Beweis stellen und in der Knack-Datenbank hinterlegen lassen. Im neuen Jahr will Halfteck auch direkt mit den Profilen an den Markt gehen, wie eine Personalvermittlung.

Der Gedanke, die Kür eines CEOs könne von dessen Scores in einem schnellen App-Game bestimmt werden, mag gewöhnungsbedürftig sein. Noch.

Superconsultant Watson Denn allzu oft hängt der Erfolg von Menschen ab von Kriterien, die weder mit Intelligenz noch mit Leistungsfähigkeit einhergehen. So ist wissenschaftlich erforscht, dass große Männer erfolgreicher sind als kleine, schöne Frauen eher befördert werden als unattraktive, allerdings nur, solange ihre Brüste nicht zu groß sind. Auch der Umkehrschluss ist belegt: CEOs großer Unternehmen wurden von Probanden eines Versuchs der Fuqua School of Business an der Duke University als "besonders kompetent aussehend" bewertet.

Mitarbeiter per Mausklick finden

Datenschutzexperten wie Markus Morgenroth warnen trotzdem davor, Big Data als die perfekte, weil unbestechliche Lösung zu stilisieren. Morgenroth hat für die amerikanische Firma Cataphora gearbeitet, die inzwischen vor allem für Geheimdienste aktiv ist.

Wo Rechner die Spuren menschlichen Verhaltens auswerten und daraus Wahrscheinlichkeiten errechnen, könne eben auch der falsche Schluss gezogen werden, so Morgenroth: "Ist einer, der sich ständig vertippt, nervös, oder hat er einfach nie einen Schreibmaschinenkurs besucht? Ist ein Nachtarbeiter schlafgestört, oder hat er Kunden in Übersee?" Manchmal kann es sinnvoll sein, einen Posten gegen alle Vernunft der Algorithmen mit einem Querdenker zu besetzen. "Daten können das menschliche Urteil niemals ersetzen, nur ergänzen", sagt Markus Morgenroth.

Hinzu kommt, dass juristisch noch vieles ungeklärt ist. Der Getestete muss wissen, worauf er sich einlässt. Und die erhobenen Daten müssen für die Personalentscheidung "erforderlich" sein, wofür Gerichte die Latte gern sehr hoch legen.

Auf Dauer ist der Siegeszug der digitalen Spürnasen indes nicht aufzuhalten. Dafür sorgen schon Weltkonzerne, die daran tüfteln, Mitarbeiter per Mausklick auffindbar und analysierbar zu machen.

Kompetenzen, Soft Skills, Zielerreichung - die digitale Intelligenzbestie als Starconsultant

Der von Virginia Rometty geführte ehemalige Hardwaregigant IBM  zum Beispiel bringt dafür seinen Champion in künstlicher Intelligenz zum Einsatz. Der Superrechner Watson ist in der Lage, gesprochene Fragen zu verstehen und enorme Mengen an Informationen in Millisekunden zu verknüpfen und als Antwort wieder auszuspucken. Die digitale Intelligenzbestie als Starconsultant.

Hierzulande obliegt es Sven Semet, die Kenexa Talent Suite zu vermarkten, die auf der Watson-Technologie aufbaut. Bei einem großen deutschen Versicherer werde Watsons Leadership-Talent bereits in einer Mitarbeiterbefragung getestet, sagt der IBM-Mann. Es dauert nur einen Wimpernschlag, bis Watson die Antworten auf offen gestellte Fragen analysiert hat. "Wir haben schon mal 36000 Kommentare auf Knopfdruck ausgewertet", sagt Semet stolz.

Gibt es eine Häufung von Krankheitsfällen in bestimmten Abteilungen? Wie gut nutzen die regionalen Vertriebsteams die Promotionmaterialien für das neue Produkt? Wie kommt der neue CEO bei den weiblichen Beschäftigten an, was halten die Männer von ihm? Solche Daten erheben einige Unternehmen heute schon. Watson soll es einfacher machen, Zusammenhänge zu erkennen.

Persönliche Daten oft heute schon einsehbar

Besonderen Charme entfaltet die Big-Data-Technologie aus Sicht von Vorgesetzten, wenn sie die Aktivitäten einzelner Mitarbeiter wie etwa Chats sichtbar macht. Auch wenn hier der Betriebsrat noch ein gewichtiges Wort mitzureden hätte - was technisch geht, wird immer irgendwann ausprobiert, weiß der Stuttgarter Internetexperte und Rechtsanwalt Carsten Ulbricht: "Leistungskontrollen sind nur sicher auszuschließen, indem die Restriktionen von vornherein in die Technologie eingebaut werden."

Kompetenzen, Soft Skills, Zielerreichung - solche persönlichen Daten sind oft heute schon "für die komplette Hierarchielinie" der Vorgesetzten einsehbar, warnt ein Gutachten des Datenschutzjuristen Peter Wedde. Mit den richtigen Apps können Personaler künftig von überall aus in den Profildaten eines Mitarbeiters stöbern - im Zug, im Café oder im eigenen Wohnzimmer.

McKinsey-Berater prognostizieren, dass intelligente Software, die mit unstrukturierten Daten arbeitet und Urteile fällen kann, im Jahr 2025 allein in Deutschland Wertschöpfungsprozesse von umgerechnet 265 Milliarden US-Dollar beeinflussen wird. Die Zukunft werde zeigen, wie stark Unternehmen künstliche Intelligenz einsetzen, um ihr Management zu verbessern und Mitarbeiter optimaler zu führen, sagt Thomas Sattelberger. "Als neues, hochfeudales Steuerungsinstrument oder als Basis für echte demokratische Teilhabe in Unternehmen - beides ist denkbar."

Vorreiter Norbert Teschner vom Automobilzulieferer Saint-Gobain jedenfalls ist von der digitalen Gesundheitsvorsorge mittels Precire-Sprachcheck überzeugt. Er hat den Test selbst absolviert. Und was sein Stresslevel angeht, fühlt er sich voll getroffen.

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