Mittwoch, 24. Juli 2019

Online-Bezahldienst Paydirekt Zahlungsverzug - den deutschen Banken droht eine Blamage

Bei der Deutschen Bank für die IT zuständig und damit auch mit großem Interesse an Paydirekt: Kim Hammonds

Die deutschen Banken drohen sich mit ihrem neuen Onlinebezahldienst zu blamieren. Die Geschichte von Paydirekt zeigt, wie schlecht es um die Reformfähigkeit der Finanzwelt bestellt ist.

Hört man sich über Niklas Bartelt (47) in der Finanzszene um, gewinnt man den Eindruck, er sei im diplomatischen Dienst. Ein Vermittler sei er, ein netter Kerl, gesegnet mit ausgleichendem Wesen. Und ja, er habe wirklich einen "heiklen Job".

Bartelt arbeitet nicht als Botschafter in Afghanistan und auch nicht in Somalia. Aber seine Aufgabe ist ähnlich heikel: Der ehemalige Volksbanker ist Geschäftsführer von Paydirekt, dem neuen Onlinebezahlsystem der hiesigen Banken, genauer gesagt: der Privat-, Volks- und Genossenschaftsbanken sowie Sparkassen.

Der Weg zur Einigung war lang wie eine IBAN-Nummer und kräftezehrend wie eine M&A-Transaktion. Immerhin, mit dem Beitritt der Sparkassen, die sich besonders lange zierten, werden ab Ende April endlich alle wichtigen deutschen Finanzinstitute dabei sein, um den gemeinsamen Angriff auf den US-Giganten Paypal zu starten. "Das war schon ein Kraftakt", sagt selbst der vorsichtige Herr Bartelt. Einer, der sich am Ende wohl nicht mal lohnt.

Denn Paypal zählt in Deutschland mittlerweile 17,2 Millionen aktive Kunden, der Dienst ist hierzulande populärer als die Kreditkarte. Online, versteht sich.

Bartelt sitzt in einem grauen, alten Hochhaus im Frankfurter Stadtteil Bockenheim, hinter ihm ragen die Türme seiner Chefs in den Himmel. Die Banken wollen die meisten Dinge (Preise, Marketing und so weiter) individuell regeln, also kann Bartelt darüber nicht sprechen. Überhaupt darf er wenig selbst entscheiden und äußert sich entsprechend vorsichtig. Ein großer Teil seiner Arbeitszeit scheint aus Politik zu bestehen, er muss seine Gesellschafter mühsam auf Linie halten, überzeugen, Kompromisse aushandeln. Er ist nicht zu beneiden.

Eine Mischung aus Konzern- und Start-up-Spirit

Bartelt versucht Paydirekt als Erfolg zu verkaufen, beschwört eine Mischung aus Konzern- und Start-up-Spirit. Kürzlich wurde der neue Konferenzraum Dagobah eingeweiht. An die Wand hat ein Künstler ein Graffito gesprayt, auf dem ein "Star Wars"-Raumschiff um die Banken fliegt und Meister Yoda in ein ominöses Licht blickt.

Das Projekt ist bedeutend, zumindest aus Sicht der Initiatoren. Wöchentlich telefonierten die zuständigen Bankenvorstände während der heißen Gründungsphase dazu. Die Ambitionen sind groß. Der künftige Commerzbank-Vorstandschef Martin Zielke traut sich die Prognose zu, dass bald 250.000 seiner Kunden Paydirekt nutzen werden. Er rechnet gar mit einem Umsatzplus im deutschen Onlinehandel durch Paydirekt.

Dazu müsste aber noch ein kleines Wunder geschehen. Denn das Bankenbaby hat nicht die richtigen Gene, um die deutsche Finanzbranche ins digitale Zeitalter zu führen. Wie so oft bei Digitalprojekten deutscher Konzerne stehen sich die Verantwortlichen bei Paydirekt selbst im Wege.

Der Dienst, der im November ans Netz ging, will vor allem mit Datensicherheit und dem Label "Made in Germany" punkten. Rund 100 Millionen Euro sollen bislang in die Entwicklung und entsprechende Schnittstellen zur Banken-IT geflossen sein. Ob und wann die Summe je wieder hereinkommt, bleibt fraglich, zumal der große Marketingaufschlag noch aussteht.

Die meisten Experten werten das Vorhaben als mutig - aber nahezu chancenlos. "Bei Paydirekt haben die Banken fast alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte", sagt etwa Maik Klotz, ein in der Szene bekannter Berater, der sich aufs digitale Bezahlen spezialisiert hat.

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