Fotostrecke

Scharping, Seitz, Knower: Das sind die Bierbuben

Foto: Günter Stömmer

Neuschwansteiner Das 39-Euro-Luxusbier des Rudolf Scharping

Eine illustre Investorengruppe will aus einem bayerischen Regionalbier eine globale Luxusmarke machen.
Von Heinz-Roger Dohms und Meike Schreiber

Hamburg - Vor ein paar Wochen hat Christian Seitz (47) in einer Berliner Nobelbar ein Gespräch am Nebentisch belauscht. Dort saß ein junges Paar, wollte was trinken, er ein Bier, sie einen Wein. Der Kellner empfahl eine neue Marke: Neuschwansteiner, ein Edelmärzen, besonderes Brauverfahren, 6 Prozent Alkohol, schmecke toll, rauchig-malzig, und sehe auch noch schön aus, bernsteinfarben.

Aber: Das Gebräu koste 39 Euro. Pro Flasche à 0,75 Liter. "Spinnst du?", fährt sie dazwischen, "das ist doch viel zu teuer." Ihr Freund bestellt enttäuscht etwas anderes. Christian Seitz ist trotzdem glücklich: "Die Begierde ist geschaffen. Die haben sich unterhalten - über Bier!" Sein Bier.

Für Seitz ist das erst mal Bestätigung genug: Er wähnt sich auf dem richtigen Weg. Der Mann ist eigentlich Immobilienunternehmer aus dem Allgäu, aber so richtig groß rauskommen will er mit Bier. Fünf Jahre hat er an seiner Geschäftsidee gearbeitet, seit vergangenem Herbst (dem 20. Oktober, um genau zu sein) gibt es Neuschwansteiner nun endlich zu kaufen, geliefert in einer edlen schwarzen Schachtel, dekoriert mit Schlossmotiv. Die Flasche erinnert an Champagner, bernsteinfarben, versehen mit goldener Münzprägung.

Der Clou: Das Brauwasser wird durch Alpengestein gefiltert, nach dem Brauen durch einen Bernsteinfilter gepresst, schließlich schockgefroren und dann erst abgefüllt. "Méthode Royale" nennt Seitz das Verfahren. Drunter macht er es nicht.

Bier ist der neue Wein - wohl keiner treibt dieses Motto derart auf die Spitze wie Seitz. Okay, es gibt Craft-Biere für 6,80 Euro die Flasche, wenn es hoch kommt auch mal für 14,90 Euro. Aber 39 Euro?

Und das ist nur der Geizpreis für den deutschen Markt. Da, wo Seitz mit seinem Neuschwansteiner eigentlich Siege feiern will, in Hongkong, Dubai, Moskau (auch wenn Russland gerade schwächelt), da, wo es den Reichen egal ist, ob irgendjemand es obszön findet, für eine einzige Flasche Bier so viel Geld auszugeben wie für ein ganzes Gericht in einem gehobenen Restaurant, da soll die Flasche umgerechnet 85 Euro kosten (Dubai) oder 60 (Hongkong).

Die Marke ist auf diese Märkte ausgelegt. In Asien und Russland, sagt Seitz, könne mit dem Namen Neuschwanstein jeder etwas anfangen. "Im Chinesischen gibt es sogar ein Schriftzeichen dafür."

Seitz glaubt fest an seine Idee - er hat, erzählt er, einen hohen einstelligen Millionenbetrag investiert - und nicht nur er. Es gelang ihm, ein paar illustre Mitinvestoren zu finden. Bei der Frage nach ihnen wird er zwar einsilbig, gibt nur preis, was man sowieso weiß, nämlich wer sein Markenbotschafter ist: Prinz Leopold "Poldi" von Bayern (71), bestens bekannt als früherer Autorennfahrer und, was natürlich noch wichtiger ist, leibhaftiger Nachfahre von Neuschwanstein-Erbauer Ludwig II.

Namen? Streng geheim!

Daneben ist aber auch Frankfurter Finanzprominenz bei dem Luxusgebräu engagiert. Einer der Geldgeber soll David Knower sein. Den Deutschland-Chef des mächtigen US-Finanzinvestors Cerberus kennt Seitz von gemeinsamen Immobiliengeschäften. Beide haben vor Jahren in Deutschland große Pakete gekauft und wieder verkauft. Das schweißt zusammen. Ebenfalls mit dabei sind ein hochrangiger Airline-Manager sowie der Chef eines bekannten M-Dax-Unternehmens. Namen? Streng geheim.

Doch wer ein bisschen googelt, findet heraus, dass die Domain Neuschwansteiner.net von einer Firma namens Rudolf Scharping Consulting (Beijing) Co. Ltd angemeldet wurde. Der Ex-SPD-Chef ist bekannt für seine guten Kontakte in China. "Was ich mache, geht nur mit einem sehr guten Netzwerk, und zwar weltweit", sagt Seitz. Mann für Mann hat er die hochkarätige Truppe zusammengebracht, man kannte sich, ließ sich überzeugen. Zur Gründung der Gesellschaft trafen sich die Investoren dann 2010 bei einem Frankfurter Notar.

Neuschwansteiner ist eigentlich keine neue Biermarke - sondern eine uralte. Seitz, ein bayerisches Mannsbild mit bayerischem Idiom, ist im Schatten des Schlosses aufgewachsen, er kannte das lokale Bier, das dort unter der Marke gebraut und für drei bis vier Euro die Flasche verkauft wurde. Daraus müsse sich doch was machen lassen, dachte er.

Zunächst hat er sein Vorhaben mit einem befreundeten Marketingexperten durchgesprochen, der in der Marke ein enormes Potenzial sah. 2010 dann kaufte er der Brauerei nach langen Verhandlungen die Markenrechte ab, holte den Brauereibesitzer aber mit ins Boot, indem er ihn an der neuen Firma beteiligte.Nach dem Deal reiste er monatelang durch Asien, wollte herausfinden, was die Menschen denken, wenn sie Neuschwansteiner hören, besprach mit Gastronomen, welchen Preis man für ein Champagnerbier nehmen könnte.

Bei der Frankfurter Operngala Ende 2014 wurde sein Bier dann erstmals ausgeschenkt, in Hongkong wurde die neu positionierte Marke Anfang Januar offiziell gelauncht. Anschließend jettete Seitz nach Macau, wo Neuschwansteiner nun im "The Venetian", dem weltgrößten Kasino, angeboten wird. Weiter ging's zur Charity-Feier von Formel-1-Boss Bernie Ecclestone in London - wo die Gäste das Luxusbier als Welcome-Drink serviert bekamen. Schließlich bewarb Seitz sein Bier in Dubai und flog nach Lappland, wo es nun im "Iglootel" vertrieben wird. Das alles war schon allein logistisch ein Abenteuer, wie Seitz findet.

Die nächsten Stationen auf der Vermarktungstour heißen Dublin, Kitzbühel und Malediven. Es gehe darum, dass "die Marke weltweit gleichzeitig an den verschiedensten Stätten aufpoppt", sagt Seitz. Als Zielgruppe hat er kosmopolitische Genießer definiert, die für eine Restaurantrechnung schon mal 1000 Euro hinlegen, immer das Teuerste haben wollen, bei denen 40 Euro für ein Bier nicht weiter ins Gewicht fallen.Seitz will mit dem Neuschwansteiner Frauen erreichen, die sich von der Feminität der Marke angesprochen fühlen, und Männer, die in der Opernpause lieber ein Bier als einen Champagner trinken möchten, ohne gleich "plebejisch" zu erscheinen. "

Uns soll es in den besten Hotels, den besten Klubs, den besten Bars der Welt geben", verkündet Seitz kühn. Über Umsatzziele redet er hingegen nicht. Lieber über seine nächsten großen Pläne - mit Schloss Neuschwanstein selbst. "Wir nennen uns nicht umsonst 'The World of Neuschwansteiner'", sagt er. Warum also aus der Bier- nicht eine ganze Lifestylemarke machen? Geplant ist zunächst eine VIP-Lounge, die reichen Touristen exklusiven Zugang zu Schloss und Bier gewährt. Aus Seitz' Sicht sollte das Konzept aufgehen, auch seine Geschäftspartner wollen alle das Schloss sehen, er komme sich schon vor wie ein Fremdenführer.

Jetzt muss er nur noch erreichen, dass die Gäste in der Lounge über sein Bier reden - ob sie es trinken oder nicht.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.