Dienstag, 21. Mai 2019

Montblanc-Chef Nicolas Baretzki "Schreiben ist wie ein Refugium"

 Nicolas Baretzki (48) ist seit April 2017 CEO von Montblanc, das zum Luxusgüterkonzern Richemont gehört.
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Nicolas Baretzki (48) ist seit April 2017 CEO von Montblanc, das zum Luxusgüterkonzern Richemont gehört.

Montblanc-Chef Nicolas Baretzki findet, dass Handschrift zum Denken zwingt.

Das folgende Interview stammt aus der April-Ausgabe 2019 des manager magazins.

Tee? Kaffee? Champagner?" Nicolas Baretzki ist ein sehr gut gelaunter Mann in einem sehr gut geschnittenen Anzug. Er sitzt in der Hamburger Zentrale von Montblanc in einem Konferenzraum, an dessen Wänden Fotos von US-Präsidenten, Sportstars, Adeligen hängen. Alle unterschreiben irgendwelche Verträge mit Montblanc-Stiften. Auch seinen eigenen Füller zeigt Baretzki bereitwillig her, lässt ihn dann aber rasch wieder im Lederetui verschwinden: "Den gibt es noch gar nicht."

Herr Baretzki, wir schreiben weniger von Hand als je zuvor. Zugleich gab es noch nie so teure Füller, einzelne kosten fast zwei Millionen Euro. Wie passt das zusammen?

Nicolas Baretzki: Das ist kein Widerspruch. Wenn ich wissen will, wie spät es ist, schaue ich meistens aufs Handy. Aber trotzdem trage ich eine Uhr, und ich habe große Freude daran. Die Welt mag immer digitaler werden, aber gerade deswegen finden immer mehr Leute zurück zum ursprünglichen Gefühl des Schreibens, das ist wie ein Refugium.

Die Jugendlichen schreiben nur noch Whatsapps. Machen Sie sich keine Sorgen, dass Ihnen bald die Kunden ausgehen?

Auch Millennials und die darauffolgenden Generationen kommen an einen Punkt im Leben, an dem sie sich mit etwas verbunden fühlen wollen, das sich echt anfühlt. Wenn ich meinem Sohn einen Brief schreibe, dann ist das etwas ganz anderes als eine Whatsapp. Er weiß gleich: Das hat mehr Gewicht. Ich habe einige Briefe aus meiner Jugend aufgehoben. Aber ich hebe keine Mails auf. Es stimmt nicht, dass das Digitale die Handschrift tötet. Die Leute schreiben vielleicht weniger, aber schreiben werden sie immer.

Der Füller ist eine Erfindung aus dem 17. Jahrhundert. Die Armbanduhr kam im frühen 19. Jahrhundert auf. Eigentlich längst veraltete Technik.

Es ist doch beruhigend, etwas in Gebrauch zu haben, das eine lange Tradition hat. Es verbindet uns mit der Vergangenheit. Die Erfindung des Buchdrucks liegt weit länger zurück, und immer noch lesen Leute Bücher und Zeitungen. Veraltet ist da gar nichts. Das Auto ist mehr als 100 Jahre alt. Aber es wird ständig neu erfunden.

Luxusstift: Das Unikat "Imperial Dragon" kostete 1,9 Millionen Euro.

Verändert das Schreibgerät die Sprache? Schreibt man mit einem Füller anders als mit der Tastatur?

Wenn Sie von Hand schreiben, denken Sie strukturierter. Es finden andere Prozesse statt: Sie müssen die Sätze, die Sie schreiben, vorher ausformulieren. Sie müssen Hand, Hirn und Auge koordinieren. Schreiben zwingt zum Denken. Die Skills, die Sie am Computer entwickeln, sind auch wichtig, aber es sind eben andere.

Was haben Sie denn zuletzt ausführlich von Hand geschrieben?

Gestern habe ich eine Vorstandssitzung vorbereitet. Ich mache das immer komplett von Hand. Ich brauche diesen Prozess, um meine Gedanken zu ordnen. Auch für Reden mache ich mir die Notizen handschriftlich. Ich halte mich dann meist nicht daran, aber Schreiben sorgt dafür, dass ich weiß, welche Punkte wichtig sind. Der rote Faden entsteht so. Erinnerung und Struktur entstehen erst durchs Schreiben.

Viele bekommen ja einen Füller zum Abitur oder zu einem anderen besonderen Anlass. Geschrieben wird dann aber meist mit dem, was gerade so rumliegt. Nicht schön für Sie.

Bevor ich vor sechs Jahren zu Montblanc kam, hatte ich es mir auch irgendwie abgewöhnt, mit dem Füller zu schreiben. Dann fiel mir ein, dass ich noch einen guten Füller in der Schublade hatte. Ich fing wieder an, damit zu schreiben. Ein Genuss. Eine Feder, die über das Papier gleitet - man muss das erleben und wieder üben. In diesem Jahr wollen wir Ink Bars einrichten, in denen Leute verschiedenste Tinten und Federn ausprobieren können. Ich bin mir sicher, das wird sehr gut ankommen - auch bei den Digitalos.

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