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Vodafone: Die Baustellen im Konzern - und die Chancen durch einen Deal mit Liberty

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Mobilfunkmarkt Operation Kabel

Einst eilte der Mobilfunker der Branche davon. Nun droht Vodafone gar die Zerschlagung, wenn Konzernchef Vittorio Colao nicht bald die Neuerfindung gelingt. Anatomie eines Niedergangs.
Von Astrid Maier

Nach Monaten des Zögerns und Anschleichens kam das Freizeichen aus London: Okay, alles klar zur Übernahme. Vittorio Colao (51), Chef des britischen Mobilfunkers Vodafone, hatte sich dazu durchgerungen, den Rivalen Kabel Deutschland  zu kaufen. Ende Juni folgte das offizielle Angebot - die Briten bieten 87 Euro je Aktie und damit knapp 11 Milliarden Euro für den Kabel-Anbieter aus Bayern.

Schon 2008 hatte Colao Kabel Deutschland erstmals im Visier. Das Unternehmen war damals ein Bruchteil dessen wert, was es inzwischen an der Börse kostet. Doch Colao fürchtete, von seinen Investoren für den Deal abgestraft zu werden. Nun kommt sein Vorstoß sehr spät - und für Vodafone wird die Übernahme sehr, sehr teuer.

Schon hat Vodafone so viel Vertrauen verloren, dass Zerschlagungsszenarien die Runde machen. Und Großinvestoren fordern offen Colaos Rauswurf, auch angesichts des überteuerten Kabel-Deals in Germany.

Dabei galt Vodafone  noch vor einem Jahrzehnt als die Zukunft schlechthin. Die ehemaligen Staatskonzerne Deutsche Telekom  oder Telefonica  plagten sich mit ihrem angestaubten Festnetzimage und Altlasten herum. Vodafone setzte allein auf den boomenden Mobilfunk - und stieg auf zu einem der aggressivsten Angreifer, den die Geschäftswelt je hervorgebracht hat.

Vodafone: Die "Vereinten Nationen des Mobilfunks"

Der ehemalige Vorstandschef Chris Gent kaufte alle Mobilfunker rund um den Globus auf, die zu bekommen waren. Vodafone, das waren die "Vereinten Nationen des Mobilfunks". Die Übernahmeschlacht um den deutschen Mannesmann-Konzern 2000 geriet mit einem Preis von 190 Milliarden Euro zum teuersten Einkauf aller Zeiten. Gents Nachfolger Arun Sarin erkaufte sich noch 2007 mit rund 8 Milliarden Euro die große Eintrittskarte für Indien.

Doch spätestens mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 2008 kam die Ernüchterung. Die erhofften Synergien entpuppten sich angesichts der über die ganze Welt lose verstreuten Beteiligungen als Wunschdenken. Knapp 70 Milliarden Euro mussten die Briten seit der Jahrtausendwende abschreiben - so viel wie kein anderer in der Industrie.

2008 setzte der Board Colao an die Spitze, einen Italiener mit McKinsey-Vergangenheit. Der damalige Europa-Chef, der zuvor einen Zwischenstopp als CEO beim italienischen Medienkonzern RCS eingelegt hatte, sollte Vodafone die Bodenhaftung zurückgeben.

Vodafone spart an der eigenen Zukunft

Nun sieht es danach aus, als könne Vodafone unter Colao überhaupt nicht mehr abheben. In seinem Büro im Londoner Stadtteil Paddington hat Colao ein Bild aufgehängt, das ihn in Carabinieri-Uniform zeigt, bis heute ist er Reserveoffizier. Auch eine Art Collage hängt da, mit Colao als bewaffnetem Anführer des "A-Teams", einer Wilde-Jungs-TV-Serie aus den 80er Jahren. Colao, ein Hüne mit bravem Seitenscheitel, sagt über sich, er führe nach dem Prinzip "kommandiere und kontrolliere".

Mit militärischer Strenge brachte der neue CEO "endlich Ruhe in den unter Sarin zerstrittenen Konzern", attestiert heute einer, der Colao gut kennt. Der Topmanager stieß zudem Minderheitsbeteiligungen wie die am staatlich kontrollierten Konzern China Mobile  wieder ab.

Und Colao strafft die Kosten. Rund 2000 Arbeitsplätze streicht Vodafone derzeit in Europa, davon mindestens 500 in Deutschland. Investitionen in neue Netze aber vernachlässigte er - und sparte so an der eigenen Zukunft.

Denn seit das Geschäft mit den informationshungrigen Smartphones und Tablets boomt, droht die explodierende Datenmenge ausgerechnet beim Mobilfunker Vodafone die Netze zu verstopfen. Experten sind sich einig, dass auch der neueste Funkstandard LTE nicht ausreichen wird, um den Kunden stabile Verbindungen zu garantieren, wenn diese zu Hause hochauflösende Filme streamen, Videos hochladen oder digitale Musiksammlungen abrufen wollen.

Um den Transport der Datenungetüme zu gewährleisten, müssen die Sendetürme an immer leistungsstärkere Festnetze angebunden und Glasfaseranschlüsse ausgebaut werden - bis in die Haushalte der Nutzer. Vodafone verfügt aber außer in Deutschland kaum über eigene Festnetze.

Sinkende Erlöse in Deutschland - und mit o2/E-Plus eine neue Nummer 1

Die zunehmend schlechte Netzqualität belastet inzwischen das Ansehen des Mobilfunkers von Düsseldorf bis Sydney. So fiel der Konzern in Deutschland in den gängigen Branchentests gegenüber Erzrivale Deutsche Telekom  ab (siehe Kasten "Eine Frage der Ehre") . In Australien sind wegen schlechter Verbindungen innerhalb von zwei Jahren eine Million Kunden davongelaufen. Der Konzern hat sich dort den Spitznamen "Vodafail" eingehandelt.

In Colaos Reich wird es zwar niemals Nacht, es reicht von Neuseeland über Ghana nach England und bis in die USA. Doch mit wenigen Ausnahmen scheint auch kaum irgendwo mehr die Sonne. Denn selbst beim bis vor Kurzem noch aufblühenden Geschäft in Südafrika schrumpfen die Erlöse, in Indien lässt das Wachstum merklich nach (siehe Grafik "Das schmerzt" ).

Die Vodafone-Welt wirkt wie ein überdehntes historisches Imperium kurz vor dem Niedergang. Während durch den geplanten Zusammenschluss der Konkurrenten o2 und E-Plus eine neue Nummer Eins auf dem deutschen Mobilfunkmarkt entsteht, schrumpften Vodafones Erlöse in Deutschland zuletzt um rund 5 Prozent.

Krieg an vielen Fronten

Colao führt einen Vielfrontenkrieg: In den von der Euro-Krise gebeutelten Ländern Südeuropas greifen Ex-Monopolisten wie Telefónica mit Paketen aus Mobilfunk, Festnetztelefonie, Internetanschluss und Online-TV zu Discountpreisen an. Solchen Multiangeboten kann Vodafone aber mangels eigener Festnetze nichts entgegensetzen.

Vodafones Schwächen schlugen in der jüngsten Jahresbilanz schon kräftig durch: Im Ende Mai abgeschlossenen vierten Quartal schrumpften die Umsätze so stark wie nie zuvor, der Jahresgewinn brach um über 90 Prozent ein. Mögen sich die Rivalen angesichts von Euro-Krise und Regulierung insgesamt auch schlecht geschlagen haben, Vodafone "entwickelt sich schlechter als vergleichbare Konkurrenten", urteilt Analystin Robin Bienenstock von Bernstein Research. "Nur eine Big-Bang-Lösung könnte das Problem noch richten", fügt sie hinzu.

Viele Investoren wetten darauf, dass Colao sich vom US-Geschäft trennt - und so Spielraum für Sonderausschüttungen und Zukäufe schafft.

45 Prozent hält Vodafone seit 1999 an Verizon Wireless, unternehmerische Kontrolle haben die Briten in den USA hingegen nicht. Und der US-Mutterkonzern Verizon Communications  will den Partner aus Europa möglichst loswerden, spätestens seit Ende vergangenen Jahres der Versuch einer Fusion am Machtanspruch Colaos scheiterte. Er konnte sich mit Verizon-CEO Lowell McAdam (59) nicht einigen, wer Chef des Mega-Unternehmens werden sollte.

Abschied aus den USA birgt Risiken für Vodafone

Dabei sind die Kräfteverhältnisse der beiden Partner eigentlich klar definiert: Verizon ist dank seiner üppigen Investitionen zum Branchenprimus im lukrativen US-Markt aufgestiegen, die Marge im Mobilfunkgeschäft der Amerikaner erreichte zuletzt den Rekordwert von über 50 Prozent.

Seit der vertanen Chance auf den Zusammenschluss macht McAdam Druck auf Vodafone, sich aus den USA ganz zurückziehen. Rund 100 Milliarden US-Dollar hat er Colao für den Minderheitsanteil in inoffiziellen Gesprächen offenbar in Aussicht gestellt.

Doch Colao will sich nicht so leicht verführen lassen. Er weiß: Das US-Engagement ist das wertvollste Geschäft in seinem sonst so maladen Imperium. Auf mindestens 60 Prozent des Unternehmenswertes taxieren Analysten die US-Beteiligung. Stößt Colao das Geschäft ab, schrumpft sein Konzern zum Börsen-Leichtgewicht - und wird damit zum Übernahmekandidaten.

Planspiele über Fusion mit Liberty Global

Im Glaspalast von Paddington wird deshalb an einer Absicherungsstrategie gefeilt. Strategen spielen durch, gleich den weltgrößten Kabelkonzern, Liberty Global , zu kaufen. Hochrangige Vodafone-Manager sind zu dem Schluss gekommen, die beiden Unternehmen passten "sinnvoll zusammen" (siehe Fotostrecke) .

Der vom US-Milliardär John Malone gesteuerte Konzern Liberty Global deckt in der Tat rund die Hälfte der Länder in Europa ab, in denen auch Vodafone vertreten ist. Die Festnetzlücke der Briten wäre damit zu einem großen Teil geschlossen. Topmanager von Liberty Global sind einem Zusammenschluss auch nicht abgeneigt: Dieser sei "logisch", heißt es dort. Denn dem Kabelmagnaten mangelt es wiederum an Mobilfunkangeboten.

Goodbye Amerika, avanti Europa - so könnte Vodafone wieder handlungsfähig werden. Colao gibt sich nach außen "offen für alles". Ein Angebot von Verizon, Vodafone herauszukaufen, habe es aber bisher nicht gegeben, lässt er ausrichten.

Tatsächlich tut sich Colao mit der Entscheidung über den Verkauf des Verizon-Anteils samt großer Strategiewende schwer. Der CEO fürchtet die damit verbundenen Unwägbarkeiten. Und so wird intern weiter geprüft und durchgespielt - aber bisher nicht gehandelt.

Scheu vor dem Risiko kostet Reputation und Marktmacht

Die Liste der Bedenken, die Colao noch abarbeiten will, ist lang: Hat der US-Markt seinen Höhepunkt schon erreicht? Oder lohnt es sich, noch ein paar Jahre dort zu bleiben - aber das Joint Venture neu zu justieren? Und wäre es nicht besser, einfach bei kleineren Deals zu bleiben - und in Deutschland nur Kabel Deutschland zu kaufen, in Spanien den Anbieter Ono oder doch lieber Fastnet in Italien? Solche Übernahmen kann Colao immerhin größtenteils aus der Kriegskasse bezahlen.

Colaos Scheu vor dem Risiko hat Vodafone schon einmal um Reputation und Marktmacht gebracht.

Es war im Jahr 2006, als Vodafone-Manager, unter anderen der heutige Deutschland-Chef Jens Schulte-Bockum, in Kalifornien vorstellig wurden, um einen Vertrag für ein neuartiges Handy aus dem Hause Apple  zu verhandeln. Vodafone brachte beste Startvoraussetzungen mit: Die Vereinbarung sollte für ganz Europa gelten und den Briten für zwei Jahre das alleinige Recht einräumen, das iPhone zu verkaufen.

Am Ende wollten die Gesandten aber nicht auf Steve Jobs' Forderung eingehen, Apple  an den Umsätzen zu beteiligen. Einer der entscheidenden Bedenkenträger bei dem Deal mit Apple: der damalige Europa-Chef Colao. Jobs wurde sich stattdessen 2007 mit der Deutschen Telekom einig, in Frankreich mit Orange  und mit O2 in Großbritannien - und Vodafones Rivalen schrieben mit Apple Mobilfunkgeschichte.

Nur Excel-Tabellen zählen

Die Risikoscheu scheint typisch für den Vodafone-Chef. Colao habe den einstigen Anspruch, der Branche vorwegzueilen, aufgegeben. Stattdessen gehe es ihm darum, die Kosten möglichst klein zu halten, attestieren langjährige Konzernkenner. Gefürchtet sind vor allem die "in country reviews", bei denen der um den Globus jettende CEO die lokalen Chefs ins Kreuzverhör nimmt, um zu überprüfen, ob diese ihre Zahlen auch wirklich im Griff haben.

Will sich ein Manager für ein neues Projekt stark machen, muss er stets damit rechnen, von Colao gnadenlos infrage gestellt zu werden. Was zählt, sind Geschäftspläne, die gut in Excel-Tabellen dargestellt werden können und keinen Raum für Unwägbarkeiten lassen.

Klar ist: Colao muss handeln. Wenn er die Hoffnung vieler Anleger auf den schnellen, gewinnträchtigen US-Abschied genauso enttäuscht wie die Sehnsucht nach einer neuen Strategie, wird der Aktienkurs zusammenfallen wie vielerorts die Vodafone-Verbindungen.

Investor John Hempton vom Hedgefonds Bronte Capital setzt keine Hoffnung mehr auf das Management von Vodafone und hat zu einer Revolte gegen Colao aufgerufen.

Die "absolut beste Lösung aber", sagt Hempton, wäre, "Vodafone zu einem guten Preis ganz zu verkaufen".