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Mobile Payment: Wer im Milliardenmarkt das Sagen hat

Foto: Justin Sullivan/ Getty Images

Mobile Payment Wie Apple und Google das Bargeld abschaffen

Apple, Google, Amazon und Co. wollen das Bargeld abschaffen und bedrohen damit das Kerngeschäft der Banken. Wer gewinnt den Kampf um den Milliardenmarkt Mobile Payment?
Von Eva Müller

Hamburg - Rohe Backsteinwände, Lampen im Industriechic - die Kaffeebar "Patolli" in München orientiert sich an ihren Vorbildern in San Francisco oder Berlin. Vor allem was das Bezahlen von Latte macchiato oder Cappuccino angeht: Der Gast checkt via Paypal-App in die Kasse ein, und schon werden die 3,40 Euro für das Glas aufgeschäumte Milch mit Espresso abgebucht.

Ein erster Vorbote der Einkaufswelt von morgen: Geht es nach Paypal oder Apple , gilt beim Shopping schon in wenigen Jahren Bares nicht mehr als Wahres. Statt mit Münzen, Scheinen oder Plastikkarten sollen die Verbraucher die Rechnung für Pizza, Parkschein oder Polohemd aus einer digitalen Geldbörse begleichen, in der Konto- oder Kreditkartendaten verschlüsselt hinterlegt sind.

Bezahlen mit Piep: Einfach Handy oder Smartwatch an das Kassenterminal halten, ein Signal ertönt, erledigt - der gesamte Check-out-Vorgang dauert eine Sekunde. Der Bon wird von der smarten Wallet-Software in ein virtuelles Haushaltsbuch einsortiert. In Pappschachteln nach Quittungen wühlen, Geschenkgutscheine vergessen, Garantiezettel verlieren - die digitale Brieftasche eliminiert viele Unannehmlichkeiten des herkömmlichen Zahlungsverkehrs.

Tempo, Kontrolle, Sicherheit

Tempo, Kontrolle, Sicherheit - mit diesen Versprechen versuchen die Propheten des Mobile Payment, die Konsumenten schon länger zu überzeugen, Cash und Karten abzuschwören. Doch seit Apple-Chef Tim Cook im September die jüngsten iPhone-Modelle vorgestellt hat, wird es ernst.

Die Bezahlfunktion Apple Pay könnte jene Marktmacht entwickeln, die Konsumenten zur Aufgabe alter Gewohnheiten bewegt. Auch Google , Facebook , Amazon , Twitter  sowie fast alle großen Mobilfunkanbieter haben Bezahlsysteme entwickelt oder werden sie in Kürze anbieten.

Ein Milliardengeschäft lockt. Derzeit erwirtschaften die Banken mit der Zahlungsabwicklung weltweit mehr als 1000 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Rund ein Drittel ihres gesamten Geschäfts generieren sie mit Provisionen, Überziehungszinsen oder Darlehen auf Kreditkarten. Daran wollen Internetgiganten und Telekomkonzerne partizipieren.

Vor allem aber geht es für Apple, Google und Co. um eines: Die Datensammler wollen den Kunden in der Realwirtschaft genauso durchleuchten, wie sie es in der Onlinesphäre tun. Der Offlinehandel ist ihr nächstes großes Ziel.

Wer gewinnt diesen Kampf ums Portemonnaie? Und wer verliert, wenn niemand mehr Bargeld bei sich trägt?

Kontaktlos mit Karte

Noch zahlt der Kunde gern cash oder mit Karte, im "Patolli" genauso wie im Rest der Welt. Knapp 70 Prozent aller Einkäufe werden hierzulande bar bezahlt. Kaum einer nutzt das Smartphone als Zahlungsmittel. Gerade einmal 50.000 Kassen ermöglichen zwischen Flensburg und Konstanz das mobile Bezahlen, obwohl sich Handyhersteller und Netzbetreiber in Europa schon seit mehr als zehn Jahren darum bemühen.

Selbst in Vorreiterländern wie Schweden, Polen oder Großbritannien zücken nur wenige Avantgardisten das Handy an der Kasse. Auch dort greift das Gros der Verbraucher lieber wie gewohnt zur Kredit- oder Girokarte mit integriertem NFC-Chip (Near Field Communication). Denn mit Plastikgeld klappt das Tap to pay ebenso schnell, wie Cook es in seiner Apple-Show demonstrierte: dranhalten, piep, fertig. Stockholms Bürger können sogar Obdachlosen die Straßenzeitung mit Karte abkaufen.

An rund zwei Millionen Verkaufsstellen funktioniert die NFC-Technik in Europa. Die Infrastruktur fürs kontaktlose Zahlen der Zukunft existiert also längst.

Das macht die Pläne von Apple auch so gefährlich. Denn auf dieser Basis kann der US-Multi jetzt aufbauen, samt seinen mehr als 500 Millionen iTunes-Nutzern, die ihm bereits als Zahlungsabwickler vertrauen. "Apple bringt den Durchbruch für das kontaktlose Zahlen", glaubt Christian von Hammel-Bonten, der Mobile-Payment-Verantwortliche von Wirecard .

Der Spezialist für Zahlungsabwicklung offeriert noch unterschiedlichste digitale Kassen und Portemonnaies - je nachdem welche Variante Händler, Banken oder Mobilfunker wünschen. Hammel-Bonten ist indes überzeugt, dass mit der Entscheidung des Handygiganten für NFC nun de facto der Standard für das bislang technisch fragmentierte Mobile Payment definiert sei: "Optionen wie Beacons oder QR-Codes können nützliche Zusatzdienste liefern. Aber fürs Bezahlen ist NFC gesetzt."

200 verschiedene Bezahllösungen allein in Europa

Schlechte Aussichten also für Start-ups wie die Otto-Tochter Yapital, die mit QR-Codes operiert. Oder die gut 200 verschiedenen weiteren Bezahllösungen, die derzeit allein in Europa kursieren.

Auch die Telekomkonzerne, sei es Vodafone , Orange oder die Telekom, werden wohl zu den Verlierern gehören. In Großbritannien hat O2 seinen Wallet-Dienst bereits nach 18 Monaten wieder eingestellt. Und von der Deutschen Telekom  ist zu hören, dass der Bereich Bezahlsysteme heftig in die Kritik geraten ist. Im August habe die Konzernführung der Einheit Investitionsmittel gestrichen. Eine zeitgemäße Wallet, die die neuartige Sicherheitstechnik à la Apple beinhaltet, wird wohl nicht mehr eingeführt. Hunderte von Millionen Euro an Investitionen wären damit perdu.

Die Mobilfunker scheiterten an zu hohen Mieten für das "sichere Element", das die Kreditkartendaten verschlüsselt speichert. Auch wollten sie die Kunden exklusiv an sich binden und beharrten darauf, die Bezahldaten auf ihrer SIM-Karte zu speichern. Keine Erfolg versprechenden Voraussetzungen für Kooperationsverhandlungen mit den Banken und Kreditkartenfirmen.

Mit ihrer Sturheit hätten sich die Mobilfunker selbst "aus dem Spiel katapultiert", resümiert Andrei Charniauski. Der Research-Manager beim Branchendienst IDC Financial Insights hält es für höchst unwahrscheinlich, dass die Kommunikationskonzerne bei Mobile Payment noch lange wettbewerbsfähig bleiben. Durch die Einführung neuartiger Cloud-basierter Technologien verschwänden die europäischen Anbieter.

Händler werden zur Digitalisierung verdonnert - Angriff auf König Cash

Im Spiel bleiben die Banken und die Kreditkartenfirmen. Fürs Erste sehen sie sich sogar von Apple gestärkt. Visa  etwa investiert in Europa in den kommenden Jahren zusätzlich 200 Millionen Euro in die neue Form des Zahlens.

Die Händler werden regelrecht zur Digitalisierung verdonnert. Mastercard verlangt ab nächstem Jahr, dass in Deutschland jedes neu installierte Terminal mit NFC ausgestattet ist. 2018 sollen dann hierzulande sämtliche Check-outs auf kontaktloses und mobiles Bezahlen vorbereitet sein.

Dann kann eine Rechnung mit einem Stück Plastik beglichen werden oder über eine digitale Brieftasche, in der die Kreditkarte nur virtuell auftaucht. "Der Formfaktor spielt keine Rolle", sagt Deutschland-Chef Pawel Rychlinski. Entscheidend sei, dass der Vorgang immer über das Mastercard-Netzwerk abgewickelt wird.

Diese Abläufe interessieren Apple und Google einstweilen nur am Rande. In der Branche heißt es, Apple habe sich in den Verträgen mit den Finanzdienstleistern mit nur 0,15 Prozent von jeder Transaktion zufriedengegeben. Viel wichtiger ist den IT-Kolossen, dass Mastercard und Co. helfen, das Bargeld abzuschaffen. Erst wenn dieser Schritt vollzogen ist, streben sie nach der Alleinherrschaft.

Angriff auf König Cash

Bleibt die Frage, welcher der Tech-Giganten die meisten Kunden für sein digitales Portemonnaie begeistern kann.

Google agierte bislang eher glücklos. Rund eine halbe Milliarde Dollar hat der Suchmaschinenriese laut Industriekennern bereits im Mobile Payment versenkt. Die 2011 mit Getöse angekündigte elektronische Brieftasche werde zwar "für viele Zahlungen" genutzt, wie der verantwortliche Android-Chef Sundar Pichai diplomatisch formuliert. Doch die Transaktionen finden fast ausschließlich online an der Kasse des Google Play Store statt. Als Smartphone-App im stationären Handel kommt die Google Wallet fast nie zum Einsatz.

Nun, da Apple seine Payment-Offensive angekündigt hat, will Google nachlegen. In den nächsten Monaten soll ein Update die ebenfalls auf der NFC-Technik beruhenden Offlineoptionen nach vorn bringen. Dann endlich sollen mehr Konsumenten die Google-eigene Tap-to-pay-Funktion nutzen oder mit der physischen Google-Debitkarte vor dem POS-Terminal wedeln. Auch über den in Deutschland populären Lastschrifteinzug oder die Einbeziehung virtueller Währungen denkt der Webriese nach.

Erbittertes Rennen um die Dominanz - Amazon und Facebook wollen aufholen

Der Wettlauf um die Dominanz im Mobile Payment nimmt zusehends an Tempo und Härte zu. Mitte Oktober hängte Twitter den Erzkonkurrenten Facebook im Rennen um ein eigenes Zahlungssystem ab. Bei der Entwicklung einer Payment-Lösung kooperieren die Zwitscherer mit dem Payment-Start-up Stripe. In Frankreich offerieren sie bereits offiziell die Möglichkeit, Geld per Microblog zu versenden.

So weit ist Facebook  noch nicht. Das soziale Netzwerk bemühte sich zwar schon im April bei der irischen Zentralbank um eine sogenannte E-Money-Lizenz, die Payment-Dienste in Form von Onlinetransaktionen ermöglicht. Ende Juni warb Gründer Mark Zuckerberg dann Paypal-Chef David Marcus ab und übertrug ihm die Führung des Kurznachrichtendienstes Facebook Messenger mit rund 200 Millionen Nutzern. Und Anfang Oktober entdeckten Tech-Fans genau dort eine Art Zahlungsfunktion - mehr aber noch nicht.

"Bewegt euch schneller"

Auch Amazon  will aufholen. Das weltgrößte Internetkaufhaus offeriert zwar noch kein eigenes Zahlungssystem für die Realwirtschaft. Doch mit den rund 244 Millionen Kunden, die bereits ihre Kreditkartendaten bei dem Onlinehändler hinterlegt haben, will Amazon-Gründer Jeff Bezos jetzt groß ins Rennen einsteigen.

"Bewegt euch schneller", wies er seinen Payment-Beauftragten Tom Taylor im April an. Noch in diesem Jahr will Amazon ein Check-out-System für stationäre Händler an den Markt bringen. Bereits im Juli startete die Betaversion einer Amazon-Wallet. Mit der können die Testkunden zwar bislang nur Rabattkarten und Coupons verwalten oder Geld an andere Amazon-Nutzer versenden. Bald aber soll eine echte Payment-Funktion folgen, die dann natürlich auf dem hauseigenen Handy Fire-Phone vorinstalliert ist.

Apple, Google, Amazon, Facebook und Twitter - die fünf großen Internetkonzerne starten einen Angriff auf Paypal, derzeit noch die unangefochtene Nummer eins in dem Geschäft.

Banken verlieren wichtigsten Draht zum Kunden

Der Zahlungsdienst hat aber selbst große Pläne. Die Ebay-Tochter wird abgespalten, an die Börse gebracht und kann damit frisches Geld einsammeln, um noch aggressiver zu wachsen.

Im vergangenen Jahr wickelte Paypal mit seinen 152 Millionen Nutzern bereits Zahlungen in Höhe von 27 Milliarden Dollar mobil ab. Ob Lieferanten wie Telepizza.de, Bettenvermittler wie Airbnb, Ticketverkäufer wie die Bahn oder die Lufthansa - sie alle bieten das Bezahlen mit Paypal in ihren Apps an.

Jetzt will das Unternehmen sein online so erfolgreiches Check-out-System auch offline ausrollen. Für den Transfer in die reale Welt heuerten die Kalifornier als neuen CEO Dan Schulman an, der schon für American Express  arbeitete und den Mobilfunkanbieter Virgin Mobile hochzog.

In Deutschland bemüht sich Arnulf Keese um Restaurantbesitzer und Ladenbetreiber. Der Paypal-Statthalter versucht sie zu überzeugen, dass "die nächste Generation einfach alles im Web machen will". Also auch dort mit dem Handy bezahlen, wo keine NFC-fähigen Terminals stehen. Am Kiosk, auf dem Flohmarkt oder im Taxi.

Die Verlierer stehen fest

So unklar es ist, wer von den US-Konzernen sich am Ende durchsetzen wird - einige Verlierer stehen bereits fest: die Banken und voraussichtlich auch die Kreditkartenanbieter. Um das für sie lästige Bargeld loszuwerden, verbünden sie sich mit den Konkurrenten von morgen.

Zwar werden die Webgiganten angesichts der vergleichsweise mageren Margen der Geldhäuser wohl nicht selbst zu Kreditinstituten mutieren. Aber sie nehmen den Finanzdienstleistern langfristig deren wichtigstes Gut ab: den direkten Draht zu den Kunden. Denn gefühlsmäßig werden die Verbraucher künftig nicht mehr mit der in einem digitalen Geldbeutel verborgenen Karte von Sparkasse oder Commerzbank  zahlen, sondern mit Apple, Google oder Facebook. Genau dort landen dann auch deren Transaktionsdaten. Und auf diese Beute haben es die Internetriesen letztlich abgesehen.

Ihr Kalkül: Wer die Zahlungsinformationen der Käufer im stationären Handel besitzt, kann deren Einkaufsverhalten prognostizieren. Kombiniert er dies Wissen mit den Spuren, die Konsumenten überall im Netz hinterlassen, verfügt er über die absolute "Customer Ownership", folgert Key Pousttchi. Nach Einschätzung des Leiters der Forschungsgruppe Wi-mobile der Universität Augsburg werden die Dateninhaber diese "universelle Empfehlungsmacht" meistbietend unter den Händlern versteigern.

Dieser "Heilige Gral des Marketings" könnte den Handel am Ende den größten Teil seiner ohnehin nicht üppigen Gewinne kosten. Wenig verwunderlich also, wenn Ercan Kilic von GS1, dem Standardisierungsdienstleister des deutschen Handels, sagt: "Unsere Kunden wollen für Mobile Payment keine zusätzlichen Transaktionsgebühren zahlen."

Sie ahnen wohl, dass sie die neue Technik am Ende sehr viel teurer zu stehen kommen könnte.

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