Dienstag, 20. August 2019

Mehr Trial-and-Error in Unternehmen Perfekt will jeder - agil trauen sich wenige

Eine falsche Entscheidung ist besser als keine Entscheidung - weil so Informationen gewonnen werden können
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Eine falsche Entscheidung ist besser als keine Entscheidung - weil so Informationen gewonnen werden können

Erlauben Sie mir zu stereotypisieren: Will man Veränderungen im deutschsprachigem Raum durchführen, wird man zunächst mit einer unendlichen Liste an Fragen, nach dem Warum, Wofür, Wie, Wie im Detail, Wann, ... bombardiert. Ist der Informationsdurst gestillt, kann man getrost darauf vertrauen, dass das Vorgenommene auch passiert.

Will man in Amerika etwas verändern, gibt es zunächst sofort ein "Yeah, let's do it". Danach allerdings wird bei jedem Schritt diskutiert und man muss dran bleiben, damit Veränderungen auch umgesetzt werden. Beide Wege führen schlussendlich zum Ziel und wahrscheinlich auch in einem vergleichbaren Zeitraum.

Keiner der beiden Ansätze ist dabei besser oder schlechter als der Andere - sie sind eben anders. Allerdings: Im deutschsprachigen Raum lieben wir Strukturen, formale Hierachien, Planung und Ordnung in den Abläufen. Eine Tatsache, die weltweit zu einer unbestreitbaren Vorherrschaft im Ingenieurwesen geführt hat. Eine Tatsache aber, die uns auch hemmt und in Sachen Veränderungen weniger schnell macht als heute notwendig.

Denn die "neue Wirtschaft" - von digitaler Natur - benötigt neben dem Wissen eine gewisse Agilität. Agilität, die aus permanentem Lernen und Feinjustierung besteht. "Trial and error", ein amerikanisches gern gelebtes Lebensprinzip, sorgt dafür, dass man neue Erkenntnisse direkt umsetzt. In einem solchen Umfeld kann nicht alles im Voraus geplant, vorhergesehen oder sogar einem Business Case unterzogen werden. Es geht ums Ausprobieren und darum, dabei ein gewisses Risiko zu tragen. Wie viele Fehlschläge erlauben wir? Darf man dreimal scheitern und bekommt trotzdem ein viertes Mal Geld von Investoren oder Banken? Wie viel Risikobereitschaft haben wir, einmal etwas zu versuchen und davon zu lernen? Akzeptieren wir tatsächlich Veränderungen und lebenslanges Lernen?

Die Sehnsucht nach Kontrolle

Ich möchte gern eine Lanze dafür brechen, uns ein wenig mehr Risikofreude, mehr Agilität zu gönnen. Der deutschsprachige Raum, mit seinem hohen Bildungsniveau und Ingenieurwissen, hat eine unglaubliche Chance, wenn wir mutiger und wagnisbereiter wären.

Natürlich ist Planung auch wichtig. Ein Kraftwerk entsteht nicht einfach so. Auch Kontrolle und überlegtes Herangehen ist wichtig. Und doch plädiere ich für eine neue Flexibilität. Die Sehnsucht nach Kontrolle kann, soll und darf einer permanenten Ungewissheit und dem Fluss des Lebens nicht entgegenstehen. Wie weit schaffen wir es, diese Chance zu ergreifen und mit unserer Bildung und dem Wissensstand nun auch die nächste Barriere der "neuen Wirtschaft" erfolgreich zu meistern?

Eine Planung für die nächsten Monate und Jahre muss verändert werden können, wenn andere Dynamiken auftreten. Ein sehr aktuelles Beispiel ist die Veränderung des Schweizer Franken zum Euro. Darauf muss reagiert werden und auch perfekt ausgearbeitete Pläne müssen über den Haufen geworfen werden dürfen. Wäre es da nicht besser, eine agilere "Trial and Error"- Kultur aufzubauen, in der diese Anpassungen Teil der Arbeitsweise sind? Damit wäre eine falsche Entscheidung besser als keine Entscheidung, weil der Lernprozess, der dadurch stattfindet, wertvolle Information darüber bringt, wie man es nicht tun soll. Diese lernende Kultur wird besonders wichtig angesichts weltweit immer anspruchsvoller werdenden Kunden. Ein Kunde, der im Mittelpunkt stehen will und immer weniger bereit ist, Kompromisse einzugehen. Etwas, was sich auch mit dem Zeitgeist rasch immer wieder verändert. Darauf zu reagieren, bedeutet schnell zu sein. Mit Planung bis zur Perfektion ist man dabei oft nicht schnell, agil und flexibel genug.

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