Fotostrecke

Uhren: Investment aus Leidenschaft

Foto: Basile Bornand für manager magazin

Uhren-Investment Der Hang zu guten Werken

Branchenfremde Manager und Unternehmer steigen ins Zeitmessergewerbe ein und eröffnen noble Manufakturen. Von Junghans über Parmigiani bis zu Lehmann produzieren sie noble Uhren mit Gewinn. Gänzlich risikofrei ist das Investment dennoch nicht.

Hamburg - Es gibt Zeiten, da ist Lokalpatriotismus erste Unternehmerpflicht. So wie damals, im Herbst 2008, als sich die Wirtschaft im freien Fall befand und so manches traditionsreiche Unternehmen mitzureißen schien. Hannes Steim (35) erinnert sich gut, wie der Bürgermeister von Schramberg seinen Vater Hans-Jochem (70) und ihn am Telefon bekniete, doch etwas für ihren Nachbarn, den Uhrenhersteller Junghans, zu tun, der still und traurig in der Insolvenz unterzugehen drohte. Und mit ihm ein Stück Industriegeschichte ihrer Schwarzwälder Heimatstadt.

Also griffen sie ein. Sie investierten, sanierten und beginnen nun wieder zu expandieren. Geld war vorhanden; die Steims sind Inhaber von Kern-Liebers (6000 Mitarbeiter, 525 Millionen Euro Umsatz), Weltmarktführer für Industriefedern und, wie Junghans, ansässig in Schramberg.

Heute, vier Jahre später, hat Hannes Steim einigen Grund, guter Dinge zu sein: Der schmale, kahlköpfige MBA hat Junghans gerettet. Eine Investition aus Heimatverbundenheit. Und aus Kalkül. Steim ist zugleich Geschäftsführer der Spiralfedernfabrik Carl Haas, und die verfügt über das seltene Know-how für die industrielle Herstellung der winzigen Unruhspirale, das Herzstück jeder mechanischen Uhr.

Aufnahme bei Wempe

Die Übernahme von Junghans, so die Überlegung, würde neue geschäftliche Chancen eröffnen, etwa die Verlängerung der Wertschöpfungskette. Tatsächlich entsteht hier inzwischen das Kaliber 330, das bereits über eine blaue Breguet-Spirale, gefertigt von der Firma Carl Haas, verfügt. Eine Nobelmarke gibt es auch, sie trägt den Namen Erhard Junghans, eines der Firmengründer.

Vorerst jedoch, betonen Steim und sein Chefuhrmacher Matthias Stotz, stütze man sich auf traditionsreiche Linien wie Max Bill und Meister. Mit inzwischen wieder 120 Mitarbeitern produzieren sie 50.000 Uhren im Jahr. Und sie sind stolz, dass diese beiden Label auch beim Edeljuwelier Wempe Aufnahme gefunden haben. Eine Art Ritterschlag für Uhrenhersteller.

Wie die Steims aus dem Schwarzwald, so zieht es inzwischen reichlich Unternehmer und Manager ins Geschäft mit Spitzenzeitmessern. Zumeist ist es die Begeisterung für die filigrane Feinmechanik, für den Zauber, der vom präzise arbeitenden Räder- und Federwerk einer mechanischen Uhr ausgeht, der Investoren tief in die Tasche greifen lässt. Manchmal ist es aber auch der sportliche Versuch, einfach etwas Neues jenseits erprobter Bahnen zu unternehmen.

Die Beispiele reichen vom Sandoz-Erben Pierre Landolt (Parmigiani) über das Unternehmergespann Willy und Serge Michel (Armin Strom) bis zum Medienmann Rolf Schmidt-Holtz, der in der Hamburger Hafencity ein Start-up dreier junger Männer (Fischer & Cie.) unterstützt, die mit Werken der schweizerischen ETA, einer Tochter der Swatch Group , individuell angepasste Modelle zusammenbasteln, "Maßuhren".

Im Juli 2011 gründeten die drei uhrenbegeisterten Jungunternehmer, ein Jurist, ein Betriebswirt, ein Designer, mit tat- und finanzkräftiger Hilfe des kampferprobten Schmidt-Holtz (30 Prozent Einlage) die eigene Firma. Inzwischen bauen sechs Mitarbeiter zwischen 300 und 500 Uhren im Jahr, zu Stückpreisen ab 2000 Euro, Unikate zwischen 3000 und 5000 Euro. Und folgen damit ihrem Business Angel. Der da riet: "Das ist super, das müsst ihr groß aufziehen."

Fasziniert von der Uhrentechnik

Freilich lebt solches Investment auch immer von der Hoffnung, an den schönen Gewinnen teilzuhaben, die derzeit die Zeitmesserbranche beflügeln. Das eingesetzte Geld, so lautet etwa die Devise des Pierre Landolt (65), soll sich sehr wohl auch rentieren. "Parmigiani Fleurier ist nicht einfach ein Hobby", sagt er. "Das Unternehmen muss sich selbst tragen. Das ist die einzige Garantie für das Überleben der Marke."

Nicht, dass Landolt es nötig hätte, mit der schweizerischen Edelmanufaktur Geld zu verdienen. Der Jurist stammt aus der Sandoz-Familie, sitzt im Novartis-Verwaltungsrat und engagiert sich intensiv als Biobauer in Brasilien. Schon lange ist er fasziniert von der Welt der komplexen Uhrentechnik. Sein Großonkel Maurice-Yves Sandoz baute eine Uhren- und Automatensammlung auf, deren Restaurator und Konservator Ephrem Jobin sich regelmäßig mit Landolt traf.

"Als der sich zur Ruhe setzte, stellte er mir den jungen Uhrmacher Michel Parmigiani vor", berichtet Landolt. Es war der Beginn einer langen, sehr fruchtbaren, wenngleich äußerst kostspieligen Freundschaft. Beeindruckt vom Können und Wissen des jungen Mannes, vertraute ihm die reiche Pharmafamilie ohne Zögern zunächst die Automatenkollektion des Onkels an.

Beim zweiten Treffen begannen sie, ihre Ambitionen und Träume auszutauschen, erinnert sich Landolt. "Er zeigte mir seine Pläne von Uhrwerken und Modellen, von denen er hoffte, sie eines Tages unter seinem Namen realisieren zu können." Also überzeugte der Schweizer Unternehmerspross seine Geschwister, "dass dieses Projekt Teil der Sandoz-Familienstiftung werden sollte. Das war die Geburtsstunde von Parmigiani Fleurier".

Zauberhaftes Geschäft mit Risiko

Heute, 17 Jahre und mehr als 220 Millionen Franken an Aufwendungen später, ist aus dem vagen Projekt eine blühende Uhrenmanufaktur im Schweizer Jura gediehen: 350 Mitarbeiter produzieren hochkomplexe Zeitmesser, von denen viele oberhalb der 100.000-Franken-Marke kosten.

Maître Michel Parmigiani, ein schmaler, scheuer, jungenhafter 62-Jähriger, zählt freilich zu den Topuhrmachern weltweit. Komplikationen aus seiner Hand arbeiten auch in Uhren von Audemars Piguet, Breguet, Chopard, Patek Philippe, Piaget, Vacheron Constantin.

Dass ein Uhreninvestment, falsch angepackt, auch schwer danebengehen kann, zeigten jüngst die Schlagzeilen um den Zahnimplantatehersteller Thomas Straumann (50) und sein Engagement bei Moser Schaffhausen. Rund 120 Millionen Schweizer Franken musste sich der Unternehmer "ans Bein streichen" ("Neue Züricher Zeitung").

Sofern jedoch Investitionen und Erlöse fein austariert sind, kann der Einstieg ins Uhrengewerbe ein zauberhaftes Geschäft sein.

Freundliche Übernahme

In einem frisch renovierten Altbau in der Schweizer Uhrenstadt Biel betreibt Serge Michel (35), dunkles Haar, hohe Stirn, Dreitagebart, die Manufaktur Armin Strom. Die hatte der Uhrmacher gleichen Namens über Jahrzehnte als Atelierbetrieb geführt. Spezialität: die Veredlung von Werken durch Skelettierung. Als Strom sich 2006 zur Ruhe setzen wollte und einen Investor suchte, sprangen die Uhrenliebhaber Serge und sein Vater Willy Michel ein, wie Strom aus dem nahen Burgdorf stammend.

Willy Michel, der nebenher Hotelbetreiber, Schlossbesitzer und Stifter des Kunstmuseums Franz Gertsch ist, hat mit Ypsomed, einem Unternehmen für Medizintechnik, die nötigen Mittel verdient, um gut zehn Millionen Franken für die Manufaktur anlegen zu können. Inzwischen tritt die Firma mit fünf eigenen Kalibern an, darunter ein Tourbillon, das sich für 120.000 Franken verkaufte.

Rund 600 Uhren verlassen jährlich das Haus, die meisten zu Preisen um 20.000 Franken. 30 Prozent des Umsatzes werden mit Lieferungen an Fremdfirmen erwirtschaftet, die Fertigungstiefe, entscheidende Kennzahl für eine Manufaktur, liegt bei 95 Prozent. "Wir sind sehr zufrieden", sagt Serge Michel. "Wir sind im Plan und erreichen noch dieses Jahr den Break-even."

Lehmanns Präzisionsbetrieb

Hoch über dem Schwarzwaldtal von Schramberg hat Markus Lehmann (47) eine kleine Uhrenfertigung eingerichtet, in der stolzen ehemaligen Unternehmervilla, Baujahr 1911, von Arthur Junghans, heute im Besitz der Stadt.

Markus Lehmann, schmaler grauer Anzug, hagere Züge, randlose Brille, führt einen Betrieb für Feinmechanik und Maschinenbau (Lehmann Präzision), angesiedelt im nahen Hardt. Er stellt die Apparate her, die bei Patek, Rolex und Vacheron feinste Uhrenteile produzieren, daneben auch Maschinen für die Optikindustrie und die Luftfahrt.

Bevor Lehmann den Betrieb seines Vaters 1998 übernahm, arbeitete er in der Fertigung bei IWC in Schaffhausen, bei A. Lange & Söhne in Glashütte, beim Werkehersteller Ronda in der Geschäftsleitung. Er rühmt sich der Kompetenz, der einzige Hersteller weltweit zu sein, der für die komplette Hemmungsgruppe im Uhrwerk die Maschinen bauen kann. Und er fertigt auch die Maschinen, mit denen die heiß begehrten Spiralfedern hergestellt werden. Da lag es nahe, 2010 mit einer eigenen Uhrenfabrikation zu beginnen.

"Die Uhren sind mein Herzblut", bekennt Lehmann. Eine siebenstellige Summe hat er in seinen Betrieb gesteckt, baut 150 Stück im Jahr zu Preisen ab 6250 Euro. "Des isch mei Läbe", sagt er in breitem Schwäbisch. "Nicht bloß a bissle G'schäft mache."

Mangel an wertigen Werken

Emotion schwingt bei Uhreninvestoren immer mit. Und sei es, weil sie Kollegen und Konkurrenten noch einmal zeigen wollen, was sie draufhaben.

So auch ein altgedienter Unruhstifter der Branche, Heinz W. Pfeifer (65), der voller Selbstironie verkündet: "Ich bin ein Rentner, den das Fell juckt." Der Mann, der die Marke Glashütte Original groß gemacht hat und später in der Konzernleitung der Swatch Group zusammen mit der Eignerfamilie Hayek die Geschicke des Konzerns lenkte, lebt heute in der Schweiz. Er lässt im Erzgebirge seit 2010 eine alte Marke aufleben, deren Namensrechte er sich einst gesichert hat, beziehungsreicher Titel: "B. Junge und Söhne".

Die Idee: Uhren in Modulbauweise zu fertigen, deren Gehäuse der Käufer sich aus verschiedenen Varianten zusammensetzen kann. Und die nun auch ein echtes Glashütter Uhrwerk haben sollen, das BJ 010 Chrono Automat, ein schlichtes Grundwerk, das beliebig zu erweitern sein soll und das auch andere Hersteller, die unter dem Mangel an wertigen Werken leiden, erwerben dürfen.

"Sie glauben nicht", erzählt Pfeifer, "wie sich manche Firmen freuen werden, wenn sie ein echtes Glashütter Werk kaufen können."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.