Montag, 27. Mai 2019

Endstation Bogenhausen Wie Martin Winterkorn aus dem Autohimmel fiel

Martin Winterkorns VW-Karriere: Szenen einer Ehe - "Wikos" Aufstieg im Volkswagen-Konzernreich
Getty Images

4. Teil: Entzauberte Wunderformel

Etwa als der damalige China-Chef Karl-Thomas Neumann (heute Opel-Boss) im April 2011 den Vorstand zu einer Krisensitzung nach Wolfsburg bittet. Es gibt Ärger mit der Staatsführung. Ausländische Autobauer sollen mit ihren Joint-Venture-Partnern chinesische Marken gründen. Neumann ist dafür, er schlägt ein Elektrolabel vor. Winterkorn lehnt ab. Er will keine VW-Patente in China anmelden, fürchtet Kopien.

Die Chinesen spielen Hardball, verweigern eine fest zugesagte Lizenz für ein VW-Werk in Foshan. In Wolfsburg herrscht Aufregung. Nirgends bei VW produzieren die Werke so am Anschlag, wachsen die Verkaufszahlen so schnell und sind die Gewinnmargen so hoch wie in China. In Foshan muss gebaut werden, und zwar zügig.

Neumann wirbt weiter für eine Kooperation. Er will die Kollegen über die Besonderheiten des chinesischen Marktes informieren, darüber, wie andere Hersteller sich vor Ort aufstellen. Er lässt einen Experten der US-Botschaft in Peking nach Wolfsburg einfliegen; der soll über die Erfahrungen und Strategien von General Motors Börsen-Chart zeigen und Ford Börsen-Chart zeigen berichten.

Wer denn der Typ sei, will Winterkorn wissen, als er übel gelaunt und mit einer Stunde Verspätung den Raum betritt und das Gesicht des Amerikaners entdeckt. Neumann erklärt, wer der Mann ist. Und der Gast aus den USA muss gehen. Winterkorn, der Schwäbisch, aber schlechtes Englisch spricht, braucht keine Lehrstunde von einem Amerikaner.

Entzauberte Wunderformel

Zu der Zeit war er auf dem Höhepunkt seiner Macht. Umsatz, Absatz und sogar der Gewinn erreichten Rekordwerte. Toyota Börsen-Chart zeigen, bei Winterkorns Amtsantritt weit weg, war eingeholt, Winterkorns Vertrag verlängert worden bis Ende 2016. In den Medien wurden er und seine Autos gefeiert, manager magazin kürte ihn 2012 zum "Manager des Jahres".

Der Aufstieg zur Nummer eins der Autobranche schien nur mehr eine Frage der Zeit. Denn in Wolfsburg glaubten sie, die Wunderformel entdeckt zu haben: "MQB", den "Modularen Querbaukasten". Die Autoarchitektur sollte das Gerüst für Dutzende Modelle sein, eine Plattform für mehrere Millionen Fahrzeuge jährlich und Millionen Gleichteile. Die Kosten, Winterkorn und seine Leute versprachen es immer wieder, würden so um 20 Prozent sinken, der Gewinn also steigen.

Doch die Wunderformel erwies sich als Schimäre, sie kostete sogar Rendite. "Volkswagen ist der erste Konzern, der so gewaltige Größenvorteile in einen Kostennachteil verwandelt", ätzt ein US-Investor.

Winterkorns Hang zum Overengineering zerstört alle Kostenpläne - eine Verbohrtheit, die 2002 bereits der damalige Volkswagen-CEO Bernd Pischetsrieder erkannte. Der hatte von einem Lenkungskreis analysieren lassen, dass der von Winterkorn als Entwicklungsvorstand verantwortete VW Polo alle Zeit- und Kostenpläne sprengte. Dutzende Änderungen in der Schlussphase hatten den Aufwand massiv vergrößert.

© manager magazin 9/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung