Montag, 24. Juni 2019

Endstation Bogenhausen Wie Martin Winterkorn aus dem Autohimmel fiel

Martin Winterkorns VW-Karriere: Szenen einer Ehe - "Wikos" Aufstieg im Volkswagen-Konzernreich
Getty Images

3. Teil: "Winterkorn war Leibeigener"

Winterkorn hinterlässt seinen Nachfolgern eine schwere Last. Die Dieselkosten sind immens, die Zahlen bei der Kernmarke VW schwach. Den Bezug zur Realität hat er - nach und nach - schon vor einigen Jahren verloren, dann sein Idol Ferdinand Piëch, schließlich fast alles. Es ist das Drama eines hochbegabten Technikers, der sich zu Europas vielleicht wichtigstem Manager emporschwingt und nun geächtet wird unter seinesgleichen. Und eine Geschichte über autokratische Macht und fehlende Kontrolle.

Geprägt, im Guten wie im Schlechten, begleitet beim Aufstieg genauso wie beim Abstieg hat ihn Ferdinand Piëch - eine schicksalshafte Verkettung.

Begonnen hat die gemeinsame Geschichte der beiden mit einem Auto, das im Konzern als "der cW-Weltmeister" bekannt ist. Kaum hat Piëch den Kühlschrankentwickler Winterkorn bei Bosch losgeeist, gibt er dem neuen Assistenten seines Qualitätschefs eine ganz spezielle Aufgabe: Piëch, damals noch Entwicklungsvorstand bei Audi, will die windschlüpfrigste Limousine aller Zeiten bauen. Der neue Audi 100 soll die Marke mit dem Wackeldackelimage näher an die Vorbilder Mercedes und BMW rücken lassen.

Problem: Nach Einschätzung der Ingenieure funktioniert Piëchs Konstruktion nicht. Der Motor bekomme zu wenig Luft. Keine Chance!

Piëch mag das nicht akzeptieren: "Herr Winterkorn, geht das oder geht das nicht?"

Es geht. Ein paar unkonventionelle Änderungen an den Ansaugstutzen, und der Audi 100 rollt als "der cW-Weltmeister" auf die Straße.

Ferdinand Piëch war ganz nach Winterkorns Geschmack. Da versuchte einer, Unmögliches möglich zu machen. Und Piëch hatte endlich einen gefunden, der ihm seine Visionen umsetzt.

Ein Team, das Volkswagen über Jahrzehnte dominierte, war geboren. 1988 übernahm Piëch den Chefposten bei Audi, 1993 stieg er zum Konzernboss auf und wechselte 2002 an die Spitze des Aufsichtsrats. Winterkorn folgte ihm wie ein Hinterrad dem Vorderrad. 1993 machte Piëch ihn zum Qualitätschef des Konzerns, dann zum Entwicklungsvorstand, erst der Marke VW und später des gesamten Unternehmens. 2002 wurde er zusätzlich Audi-Chef, Anfang 2007 löste er Bernd Pischetsrieder (68) als Vorstandsvorsitzenden der Volkswagen AG ab.

Piëch habe die Visionen, "und ich garantiere, dass die Autos dann auch funktionieren". So hat Winterkorn die Rollenverteilung im Gespräch mit manager magazin 2006 beschrieben. Seine Legitimation war Piëchs Wohlwollen.

Zweimal pro Monat erstattete der Vorstandschef seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Bericht, im Schnitt. Ein Anruf aus Salzburg, und Winterkorn flog ein. Da konnte der Kalender noch so voll sein.

"Winterkorn war nicht Angestellter, er war Leibeigener", lästert ein Vorstandsmitglied. Piëchs Wille geschah. Piëch wollte die Einliterflunder XL1 - sie wurde gebaut. In Miniserie, die Nummer eins für Gattin Ursula. Piëch wollte seine Lieblingsmotorräder im Konzern haben - Winterkorn kaufte Ducati. Piëch traute dem von Audi geplanten Wankelmotor für den Kleinwagen A1 nicht - er wurde gestrichen.

Wirkliche Anweisungen waren dazu oft nicht nötig. Die beiden verstanden sich auch so. Selbst in ihrem an Arroganz grenzenden Misstrauen gegenüber Konkurrenten und Zulieferern aus den USA, China, Indien und sogar Japan waren sie sich einig - was bisweilen absurde Blüten trieb.

© manager magazin 9/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung