Sonntag, 16. Juni 2019

Endstation Bogenhausen Wie Martin Winterkorn aus dem Autohimmel fiel

Martin Winterkorns VW-Karriere: Szenen einer Ehe - "Wikos" Aufstieg im Volkswagen-Konzernreich
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2. Teil: Telefon und Terrasse

Lange war Ferdinand Piëch der Innovator und ich der Mann, der seine Ideen in die Serie gebracht hat. Später bin ich dann selbst der Innovator geworden."

Martin Winterkorn, 2011

Kaum war mit Piëch der alte Autogott weg, folgte jedoch der Skandal um elf Millionen manipulierte Dieselautos in den USA - und der Sturz seines eifrigsten Jüngers aus dem Autohimmel.

"Das Leben ist bei uns das Auto", hat CEO Winterkorn 2011 über Piëch und sich selbst gesagt. Das alte Leben ist jetzt weg. Hat Winterkorn ein neues gefunden, hinter den Mauern seiner Villa in Bogenhausen? Fühlt er Schuld? Oder nur Ungerechtigkeit?

Wie es ihm geht, mag er nicht erzählen, verweist auf die laufenden Ermittlungen. "Sie müssen verstehen ..."

Münchener Nachbarn und Bekannte berichten von einem Mann, der ein paar Kilo zugenommen hat, bei gutem Wetter den halben Tag lang auf der Terrasse und im Garten telefoniert, sich aber kaum noch vor die Tür traut, selbst den Gang zum nahen Bäcker seiner Frau überlässt.

Ständig werde der Ex-Chef angerufen, heißt es in Winterkorns Umfeld. Alte Bekannte fragten um Rat. Wie sollen wir weitermachen mit der Fahrwerksaufhängung des neuen Golf? Wie lösen wir dieses, wie jenes Problem?

In der Konzernzentrale erzählen sie eine andere Geschichte. Winterkorn selbst rufe an, wolle alles wissen, erkundige sich bei Vertrauten, sobald er in den Medien von technischen Neuerungen höre. VW-Chef Matthias Müller habe einige Male mit seinem Vorgänger telefoniert; Audi-Lenker Rupert Stadler treffe ihn bisweilen bei Fußballspielen; und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch, unter Winterkorn noch Finanzvorstand, spreche im Schnitt zweimal pro Woche mit seinem Ex-Chef über dienstliche Belange: Gehalt, Ermittlungen der Justiz, den lang erwarteten Dieselgate-Bericht der US-Kanzlei Jones Day. Themen gebe es genug.

Winterkorn nehme alles, was sich in der Branche und insbesondere bei VW tue, gierig auf, erzählte ein BMW-Vorstand Kollegen. Er wirke, als sei er "am Anschlag", geradezu "fix und fertig". Die beiden Automanager hatten sich zufällig beim Friseur getroffen.

34 Jahre lang war Volkswagen Martin Winterkorns Ein und Alles - da fällt es schwer loszulassen. Wer über Jahrzehnte behandelt werde wie der Größte, nehme das irgendwann wie selbstverständlich hin, sagt ein langjähriger Vorstand eines deutschen Autokonzerns. Aus der Rolle werde Realität. "Man kann dann nicht mehr anders." Und wenn es vorbei ist? "Von hundert auf null, das geht nicht. Sie müssen langsam abtrainieren, wie ein Sportler."

Für Winterkorn kam das Aus wie der ungebremste Lauf gegen eine Glasscheibe: unerwartet, schmerzhaft, mit erheblichen Nachblutungen.

Der Weg vom Helden zum Versager ist oft sehr kurz in der Wirtschaft. Wer ihn gehen musste, erlebt ihn als Schockmoment. Die alte Welt verschließt sich. Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer brauchte Jahre, um sich vom Korruptionsskandal zu erholen. Sein damaliger Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger nahm sich das Leben. Thomas Middelhoff (Arcandor Börsen-Chart zeigen): krank und in Haft. Wendelin Wiedeking (Porsche): macht jetzt in Schuhen und Pizza. Nur Uli Hoeneß ist beim FC Bayern wieder da, wo er einmal war.

Der Rücktritt des VW-Chefs war Topmeldung in der "Tagesschau", im Fernsehen liefen diverse Dokumentationen über den Dieselskandal, ein Spielfilm ist geplant. Der Staatsanwalt ermittelt.

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