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Fünf Männer und eine Deutsche: Das sechsköpfige Direktorium der EZB

Foto: Dan Himbrechts/ dpa

EZB-Chef Mario Draghi Europas letzter Alleinherrscher

Mario Draghi hat seinen eigenen Weg gefunden, die EZB zu führen: Er macht einfach, was er will. Der einflussreichste Mann des Kontinents hört nur auf wenige Vertraute. Auf die Deutschen muss er kaum Rücksicht nehmen.

Seit mehr als hundert Jahren beherbergt das Frankfurter Naturmuseum Senckenberg Dinosaurier, Mammuts und Messeler Pferdchen. Vor allem Kinder lieben die Urzeitviecher, die es so in Deutschland nur noch im Berliner Museum für Naturkunde zu sehen gibt. An einem nasskalten Donnerstagabend Ende Februar gesellte sich zu dem Ensemble eine weitere Rarität hinzu: Mario Draghi (66).

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) folgte einer Einladung von Bundesbank-Chef Jens Weidmann (45) zum Candle-Light-Dinner ins Senckenberg, eine Viertelstunde Fußweg von seiner Privatwohnung im noblen Westend entfernt. Der Italiener sollte als Stargast ein zweitägiges Symposium zur Zukunft der Finanzmärkte krönen.

Das roch nach harter Arbeit für einen, der kaum etwas lästiger findet als Empfänge, Small Talk und deutsche Geldpolitiker. Am gesellschaftlichen Leben der Mainmetropole nimmt der menschenscheue Währungshüter so selten wie nötig teil. Die Hochfinanz jedenfalls ließ sich die seltene Gelegenheit nicht entgehen, den EZB-Chef aus nächster Nähe zu erleben - bei Carpaccio von Roter Bete, bayerischem Rind in Senfkruste und Apfelküchlein an Nusskrokant.

An Draghis Tafelrunde nahmen neben Weidmann unter anderen Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen (65), die Präsidentin der deutschen Finanzaufsicht Bafin, Elke König (60), Mark Carney (49), der Gouverneur der Bank of England, sowie die neue EZB-Bankenaufseherin Sabine Lautenschläger (49) Platz - allesamt Hochkaräter mit Systemrelevanz. An den Katzentischen dinierten Landes- und Investmentbanker, Verbandsfürsten, Ministerialbeamte und Lobbyisten.

Die Inflationsangst der Deutschen hält Draghi für spinnert

Die überwiegend deutschen Zuhörer wurden von Draghi nicht enttäuscht. Ex-EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing (77) adelte er als "Gründervater" der Notenbank. Seine Ausführungen zur Preisentwicklung garnierte er mit Lob für die Bundesbank als Hüterin der geldpolitischen Stabilität.

Was man halt so sagt, wenn man dem Gastgeber schmeicheln will. Dass er die Inflationsangst der Deutschen und der von ihnen vergötterten Zentralbank für spinnert hält, verschwieg er elegant.

Stattdessen glänzte der EZB-Chef mit einer Eigenschaft, die Zentralbankern gemeinhin abgesprochen wird: Humor. Draghi erzählte vor der versammelten Geldelite seinen Lieblingswitz:

Ein Unfallopfer benötigt ein Spenderherz. Fragt der Arzt: "Wollen Sie das eines fünfjährigen Jungen?" Sagt das Opfer: "Zu jung". "Eines Investmentbankers?" "Die haben kein Herz." "Eines 75-jährigen Zentralbankers?" "Das nehme ich." "Wieso?" "Es wurde noch nie gebraucht."

Mit Bundesbankern in herzlicher Abneigung verbunden

Das Publikum im Senckenberg war von der unterhaltsamen wie staatsmännischen Performance ganz verzückt. Denn wenn es darauf ankommt, ist der gebürtige Römer Draghi durchaus in der Lage, bella figura zu machen. Selbst in Gesellschaft von Bundesbankern, die ihm sonst in herzlicher Abneigung verbunden sind.

Nach knapp zweieinhalb Jahren Amtszeit sowie diversen Euro-Rettungsaktionen hat sich Draghi fest etabliert: als Europas letzter Alleinherrscher.

Zumindest außerhalb Deutschlands gilt der EZB-Präsident als unangefochten, ja fast schon unfehlbar. Ein Renommee, von dem selbst die angesehensten und mächtigsten Spitzenpolitiker Europas nur träumen können.

Inflation? Nun droht Deflation

Bislang hat der Italiener so gut wie alles richtig gemacht: Seiner Niedrigstzinspolitik und seinem Versprechen, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen ("was immer es kostet"), ist es zu verdanken, dass die Währungsunion noch existiert und dass Europas Krisenperipherie aus dem Schlimmsten allmählich herauskommt.

Dabei ist es ihm 2013 sogar gelungen, den Gewinn der Notenbank zu steigern: um 45 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro.

Die inflationären Schreckensszenarien, die Bundesbank-Chef und Dauerkritiker Weidmann in regelmäßigen Abständen über ihm ergebene Tageszeitungen verbreiten lässt, sind nicht in Sicht. Tatsächlich sinkt die Teuerungsrate bedrohlich in Richtung Deflation.

Keine Rücksicht auf die Deutschen

Wirklich verantworten muss sich Draghi, der mit 378.240 Euro gut doppelt so viel verdient wie seine US-Kollegin Janet Yellen (67), niemandem gegenüber. Anders als all die Europa-Politiker, die ihm in der ablaufenden Legislaturperiode ein Scharmützel um Transparenz geliefert haben und nun um ihre Parlamentssitze in Straßburg bangen. Draghis Mandat endet 2019, dann ist er 72. Wiedergewählt werden kann er nicht.

Auf die Deutschen, die einst mit Issing und Jürgen Stark (65) die einflussreichen Chefvolkswirte der Zentralbank stellten, muss Draghi kaum noch Rücksicht nehmen, außer vielleicht an Abenden wie jenem im Senckenberg-Museum.

Jörg Asmussen (47), der letzte wirkmächtige Deutsche, hat das Führungsgremium der EZB, das sechsköpfige Direktorium, Ende 2013 verlassen. Und Asmussens Nachfolgerin Sabine Lautenschläger erhebt gar nicht erst den Anspruch, geldpolitisch groß Input zu liefern. Ihr Feld ist die neue Bankenaufsicht, die im Herbst die Arbeit aufnimmt.

So kann Draghi ungehindert durchregieren in der Riesenbehörde, die bald in die markant-schiefen Doppeltürme im neuen Trendviertel Ostend umzieht. Der Italiener, berichten Freunde wie Gegner, hat sich weitgehend abgekapselt vom laufenden EZB-Betrieb. In seine Entscheidungen bezieht er lediglich die Mitglieder seines kleinen, aber feinen Küchenkabinetts mit ein.

Ungehindert durchregieren - mit einem kleinen Küchenkabinett

Draghi praktiziert einen Managementstil, der sich drastisch von dem seiner Vorgänger unterscheidet.

Der verstorbene Niederländer Wim Duisenberg, EZB-Chef von 1998 bis 2003, galt noch als liebenswerter Chaot, der eher Arbeit machte, als sie zu erledigen. Sein Nachfolger Jean-Claude Trichet (71) pflegte einen Hang zum Mikromanagement, der im Eurotower alle in den Wahnsinn trieb. Permanent mischte er sich in Details ein, arbeitete 18 Stunden oder länger und war in Frankfurt allgegenwärtig, stets getrieben von der Angst, etwas zu verpassen. Zudem liebte er, ganz Franzose, den pompösen Auftritt.

Diesen Vorwurf muss Draghi nicht fürchten, im Gegenteil: Vieles, was an Arbeit anfällt, delegiert er, selten verbringt er mehr als zwei oder drei Tage am Main. Meist ist er auswärts unterwegs - längst nicht immer, um den Euro zu retten.

Herr Anderswo: So oft es geht, zieht es Draghi in die Heimat

So oft es geht, zieht es Draghi zurück in die Heimat. Am Tiber kickt sein Lieblingsklub AS Roma (die Ehrentribüne meidet er strikt, weil ihm die örtliche Politprominenz höchst suspekt ist); dort lebt auch Gattin Maria Serenella, eine Anglistin und Nachfahrin der Medici, mit der er seit vier Jahrzehnten verheiratet ist. Gern besuchen die beiden ihre Enkel in Mailand, wo Draghis Tochter Federica wohnt. Sie arbeitet bei Genextra, einer auf Biotech-Firmen spezialisierten Beteiligungsgesellschaft.

Wann immer es passt, spannt tutta la famiglia in ihrem Landhaus im 8000 Einwohner zählenden umbrischen Städtchen Pieve aus. Die Città ist, wie passend, Mitglied einer "Internationalen Vereinigung der lebenswerten Städte".

Schon bei der Banca d'Italia, die er von 2006 bis 2011 leitete, trug Draghi den Spitznahmen "Signor Altrove" - "Herr Anderswo", weil er häufig auf Reisen war. Seine Fans preisen ihn als Meister der Effizienz, der das Lean Management by Telephone perfektioniert hat. Seine Armbanduhr geht stets absichtlich fünf Minuten vor; so ist er niemals unpünktlich und vergeudet keine Zeit. Die Stunden, die er damit gewinnt, nutzt er lieber, um über strategische Fragen nachzudenken.

Meister der Effizienz - lean management by telephone

"Wenn sich jemand ständig wiederholt, dann geht er lieber telefonieren. Er ist halt sehr ökonomisch", sagt Thomas Wieser. Der Chefkoordinator der Euro-Gruppe ist einer der mächtigsten Beamten in Brüssel; Draghis Arbeitsstil hat der Österreicher bei der Zypern-Rettung aus allernächster Nähe erlebt.

Nicht jeder sieht Draghis ausgewogene Work-Life-Balance mit Wohlwollen. "Der verschwindet am Donnerstagabend ins Wochenende und kommt erst am Dienstagmorgen zurück", ätzt einer aus der Riege der Bundesbank. Dort können sie es einfach nicht fassen, dass Draghis Krisenpolitik trotz allen Müßiggangs derart erfolgreich ist.

Seine Mitarbeiter führt Draghi an der langen Leine - denn wirklich für sie interessieren tut er sich nicht. Einer, der gut mit ihm kann, formuliert es so: "Mario ist der ,Big Picture Guy'. Die Motivation der Mitarbeiter kümmert ihn wenig."

Drei Mitglieder des EZB-Direktoriums gelten weitgehend als Ausfälle

Das liegt auch daran, dass er sie sich nicht selbst aussuchen konnte. Das Direktorium ist nach politischem Proporz zusammengestellt, nicht nach Fähigkeit. Drei von sechs Mitgliedern der EZB-Herzkammer, Peter Praet (65), Yves Mersch (64) und Vítor Constâncio (70), gelten weitgehend als Ausfälle.

Von Chefvolkswirt Praet etwa heißt es, der Belgier sei zwar ein sehr guter Ökonom, Draghi allerdings der bessere. Praets größtes Problem ist freilich ein anderes: Er kann keinen Sachverhalt griffig, in wenigen Sätzen und ohne Parenthesen auf den Punkt bringen.

"Der kann wunderbar alle Argumente und Gegenargumente herleiten, aber wenn man ihn konkret um Rat fragt, guckt er einen nur mit großen Augen an", sagt ein Kollege genervt. Eine Zumutung für den "Straight Talker" Draghi.

Mit Mersch kommt er Insidern zufolge gar nicht aus. Er kann ihn schlichtweg nicht leiden und gibt sich keine Mühe, das zu verbergen. Nachdem der Luxemburger auch noch quälend lange auf seine Ernennung warten musste, weil das Europa-Parlament lieber eine Frau wollte, aber keine fand, habe sich Mersch innerlich bereits in den Vorruhestand verabschiedet, sagen böse Zungen. Dass Mersch vor allem für Nebensächliches wie Banknoten und Rechtsdienste zuständig ist, kommt seinem gebremsten Arbeitseifer entgegen.

Sabine Lautenschläger genießt noch Welpenschutz

Als besonders schwieriger Fall gilt Constâncio. Nominell Vizepräsident und zuständig für das Kernthema Finanzstabilität, nimmt ihn intern kaum jemand ernst. Der Portugiese, zuvor zweimal Zentralbankchef seines Landes, war lange felsenfest davon überzeugt, dass die Wirtschaft seiner Heimat im Prinzip rund läuft. Erst im Angesicht der nahen Staatspleite Lusitaniens dämmerte ihm, dass etwas dran sein könnte an den Kassandrarufen. Seine langen Monologe ohne tieferen Erkenntnisgewinn sind für die Kollegen nur schwer zu ertragen.

Sabine Lautenschläger, die mit der Bankenaufsicht ein Schlüsselressort betreut, genießt noch Welpenschutz. Ob Draghi mit der ehemaligen Bundesbankerin ähnlich gut zurechtkommt wie mit dem Ex- und Jetzt-wieder-Politiker Asmussen wird sich zeigen.

Draghis einziger Vertrauter im Direktorium nach Asmussens Abgang ist Benoît Cœuré (45). Er nimmt eine zentrale Position im Küchenkabinett des Italieners ein. Gerade erst hat Draghi den Franzosen beim Neuzuschnitt der Ressorts großzügig bedacht: Vom Deutschen übernahm der neue "Außenminister" der EZB den Bereich internationale und europäische Beziehungen. Die Zuständigkeit für Marktoperationen, ebenfalls ein Kernressort, durfte er behalten.

Cœuré gilt als Draghis Schlüssel zum Elysée-Palast. Um den Japanologen an Bord zu holen, opferte er Ende 2011 seinen Landsmann Lorenzo Bini Smaghi (57). Offiziell hieß es, das sei nötig, um nicht zwei Italiener im Direktorium zu haben und die fein austarierte Machtbalance der Euro-Zonen-Schwergewichte Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien nicht zu gefährden.

Das stimmt zwar. Aber mindestens ebenso wichtig war, dass sich Draghi durch den Personalwechsel die Unterstützung des damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy sicherte, als Gegenpol zu den Dauernörglern aus Berlin und Frankfurt. Daran hat sich auch unter dem neuen Palastherrn François Hollande (59) nichts geändert.

Ignazio Angeloni: Draghis zweiter starker Mann verbreitet Eiseskälte im Eurotower

Der zweite starke Mann in Draghis engerem Zirkel ist Ignazio Angeloni (60). In der Generaldirektion - der Ebene unterhalb des EZB-Direktoriums - ist der Italiener zuständig für makroprudenzielle Politik und Finanzstabilität. Da kann er ausbügeln, was Constâncio verbockt hat.

Zugleich leitet er seit Monaten ein rund 80-köpfiges Projektteam, das ab November die neue Superaufsicht für Europas größte Geldhäuser arbeitsfähig machen soll. Bis dahin muss auch der Banken-Stresstest halbwegs unfallfrei über die Bühne gehen - ein Megaprojekt, das Aufsehern und Vorständen in diesem Jahr alles abverlangen wird.

Vor allem diese Scharnierfunktion zwischen Geldpolitik und Bankenaufsicht, für die rund 1000 Mitarbeiter angeheuert werden müssen, ist es, die Angeloni für seinen Chef so wertvoll macht. Entsprechend selbstbewusst und nassforsch tritt er auf: Anweisungen werden von ihm nicht höflich erteilt, sondern gebellt. Er soll bisweilen eine Eiseskälte im Eurotower verbreiten.

Wer wie Angeloni (und Draghi) lange bei der Banca d'Italia war, bringt eben ein elitäres Selbstverständnis mit, wo immer es ihn später hinzieht.

Frank Smets Aufstieg zum Strategiechef

Weniger einflussreich als Cœuré und Angeloni, aber hochanerkannt bei seinem Präsidenten ist Frank Smets (50), seit Dezember 2013 Draghis Chefberater. Sein Vorgänger Christian Thimann, ein Deutscher, hatte sich im Herbst vergangenen Jahres abgesetzt und ist heute Strategiechef des französischen Großversicherers Axa  .

Consigliere Smets, ehedem Leiter der volkswirtschaftlichen Forschungsabteilung, gilt als brillanter Ökonom, auf Augenhöhe mit Draghi. Dass der baumlange Belgier ideologisch flexibel ist, macht ihn für den Chef noch wertvoller.

Smets könne, wie manch Draghi-Kritiker in Frankfurt vermutet, Analysen seiner früheren Abteilung notfalls so umdeuten, dass sie Draghi in den Kram passen - eine Art Zensur auf höchstem akademischem Niveau.

Mehrheiten per Blackberry

Vierte im Bunde ist Christine Graeff (40), seit Januar 2013 Draghis PR-Chefin. Draghi eiste die Deutsch-Französin von der Kommunikationsberatung Brunswick los, wo sie als Partnerin so heikle Mandanten betreute wie den Versicherer Ergo, der mit Sexpartys in Budapester Dampfbädern und an Jamaikas Stränden viel Spott auf sich zog. Inzwischen hat sie es einigermaßen geschafft, Draghi mit den deutschen Medien zu versöhnen.

Sich auf einige wenige Vertraute zu verlassen und Entscheidungen nicht in quälend langen Debatten zu zerkochen hat Draghi spätestens im italienischen Finanzministerium gelernt. Dort sorgte er in den 90er Jahren als Generaldirektor fast im Alleingang dafür, dass große Staatsfirmen in private Hände übergingen.

Das Gesetz, das Übernahmen börsennotierter Unternehmen regelt, wird gern als "Legge Draghi" bezeichnet.

Im EZB-Rat selbst wird meistens nur noch abgenickt

Seit damals hat Draghi auch den Spitznamen "Super Mario" weg. "Seine männlichen Kollegen nannten ihn so, weil ihm alles gelang, die weiblichen wegen seiner eleganten Erscheinung", erinnert sich ein Ex-Kollege. Sein Schulfreund, Ferrari-Chef Luca di Montezemolo, schwärmt noch heute öffentlich von Draghis marineblauen Anzügen und seinem "wunderschön gekämmten Haar".

Lange Konferenzen sind ihm ein Gräuel, genauso wie Auftritte auf gesellschaftlichem Parkett. Braucht er eine Mehrheit im EZB-Rat, dem neben den Direktoren die Notenbankchefs der Mitgliedstaaten angehören, besorgt er sie sich vorab über bilaterale Telefonate mit einem seiner drei Blackberrys.

Im Rat selbst wird kaum noch diskutiert, meistens nur noch abgenickt. Deutlich mehr Einfluss schreiben Kritiker der Londoner Bankenszene und ihrem Sprachrohr, der "Financial Times", zu.

Deren Drängen nach Liquiditätsspritzen habe den früheren Goldman-Sachs-Angestellten Draghi Ende 2011 dazu bewogen, die "Dicke Bertha" aus dem Arsenal zu holen und frisches Geld in den Markt zu schießen. Er hat sogar familiäre Kontakte in die City: Sein Sohn Giacomo arbeitet in London als Zinshändler bei der US-Investmentbank Morgan Stanley.

Über allen Autoritäten

Dass durch Draghis Rolle als Hegemon ein demokratisches Vakuum entsteht, ruft erstaunlicherweise kaum Kritik hervor. Einerseits, weil die Unabhängigkeit der EZB ein hehres Gut ist, das zu verteidigen ist. Andererseits, weil der Italiener liefert, was er verspricht. Sein Hang zum Diktatorischen wird schnell verziehen. "Dass er Entscheidungen trifft, ohne sich groß abzustimmen, ist typisch für Spitzenleute", sagt EU-Mann Wieser lapidar.

Wie kaltschnäuzig Draghi zuweilen vorgeht, belegt seine inzwischen legendäre Aussage vom Sommer 2012 in London, den Euro mit allen Mitteln, sprich unbegrenzten Staatsanleihekäufen, zu verteidigen - "was immer es kostet".

Niemand im EZB-Rat, schon gar nicht Weidmann, wusste vom Blankoscheck namens Outright Monetary Transactions (OMT), über dessen Rechtmäßigkeit der Europäische Gerichtshof befinden muss.

Draghi schwebt über allen Autoritäten

Eingeweiht waren nur Wolfgang Schäuble und Pierre Moscovici, die Finanzminister Deutschlands und Frankreichs. So kabelten Berlin und Paris auffällig rasch Jubeldepeschen nach dem Coup, der fast schlagartig die Märkte beruhigte und die Anleiherenditen drückte.

Wie weit der EZB-Präsident mittlerweile über allen Autoritäten schwebt, beweist eine Frotzelei, mit der er im Senckenberg-Museum seinen Lieblingswitz ergänzte. Die Pointe mit dem Zentralbanker-Herz, das noch niemals gebraucht wurde, sei austauschbar, so Draghi: "Das Gleiche gilt für die Gehirne von Finanzministern."

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