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Karriere: Manager suchen den Pillenkick

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Leistung um jeden Preis Der Pillenkick

Morgens Upper, abends Downer, mehr Leistung um jeden Preis: Zu Tabletten und harten Drogen greifen zunehmend auch Manager.

Medizinisch betrachtet dürfte es Michael Kramer(*) gar nicht mehr geben. Das haben ihm die Ärzte gesagt, kopfschüttelnd, und sein Körper sagte es ihm auch, manchmal mehrfach am Tag. Kramer (51) nimmt Heroin, regelmäßig, seit fast 30 Jahren. Es saugte eine ansehnliche Erbschaft auf, brockte ihm eine Hepatitis C ein, manchmal katapultierte es Kramer in ein herzrasendes Delirium. Nur: Ohne den Stoff hätte er keine Karriere gemacht. Kramer ist IT-Leiter bei einem Versicherungsunternehmen, zwölf Mitarbeiter, bundesweite Verantwortung.

Die Beziehung zwischen Kramer und dem "H" begann 1985. Der begeisterte Sportler laborierte an den Folgen eines schweren Skiunfalls, eine Niere wurde entfernt, er musste damals reanimiert werden. Als ihn noch seine langjährige Freundin verließ, fiel er "in ein tiefes Loch". Im Sportverein bot ihm jemand Heroin an. "Ich wusste sofort: Das isses!", sagt Kramer. "Plötzlich waren meine Probleme einfach weg."

Kramer liebt den Kick, Ski, Motorrad, Fallschirmspringen. Er ist ein "sensation seeker", wie es im Jargon heißt, aber er ist kein Dummkopf. Er hat Heroin nie gespritzt, nur geraucht. Nachschub kam über alte Schulkumpels, kommuniziert wurde mit Codes: "Hast du noch was von der Marzipantorte?"

Das "H" setzte er sehr gezielt ein: In der Ausbildung bei Siemens  entspannte es ihn während der Klausuren, später nahm er es vor stressigen Situationen: wichtige Präsentationen, schwierige Mitarbeitergespräche, Großprojekte im Verzug. "Mit dem Heroin konnte ich die Dinge ruhig und nüchtern betrachten, es schaffte Abstand, und ich konnte bessere Entscheidungen treffen." Niemand in der Firma weiß, dass der alerte Teamleiter drogensüchtig ist.

"Dass jemand über einen so langen Zeitraum und vergleichsweise kontrolliert Heroin nimmt, ist extrem ungewöhnlich", sagt Kramers Arzt Konrad Cimander, der in Hannover ein Kompetenzzentrum Suchtmedizin betreibt. Trotzdem zog auch Kramer irgendwann die Reißleine. Ein Gramm, seine Tagesration, kostet 50 bis 60 Euro. Er verdient zwar gut, aber nicht unbegrenzt.

Nicht nur Aussteiger greifen zur Droge - sondern auch die Aufsteiger

Und die Ausfälle mehrten sich: Herzprobleme, Konzentrationsschwächen, "ich wollte einfach weg von dem Zeug". Seit Jahren schon besucht Kramer eine Therapeutin, sie verschaffte ihm einen Platz in Cimanders Substitutionsprogramm, seit 2010 kriegt er Methadon. Acht Milliliter täglich, eine Ration, die einen Nichtsüchtigen töten würde. Und noch einen Zweiten dazu.

Der Ersatz bringt Kramer stabil über den Tag, aber vier- bis fünfmal im Monat, wenn der Druck zu groß wird, muss es noch Heroin sein. "Nahezu alle Drogen bewirken eine verstärkte Dopaminausschüttung im Gehirn und greifen damit tief in unser Belohnungssystem ein: Gelassenheit, Freude, Selbstbewusstsein quasi auf Knopfdruck", sagt Cimander. "Das stellen Sie nicht mal so eben ab."

Heroin, die Schmuddeldroge der 80er Jahre, kommt in Managerkreisen eher selten zum Einsatz. Doch der Griff zu Suchtmitteln aller Art - Alkohol, Psychopharmaka, harte Drogen - ist unter Führungskräften beinahe salonfähig geworden. Nicht mehr nur Aussteiger werfen sich heute Medikamente ein. Sondern auch die Aufsteiger.

Die Ordentlichen sind besonders gefährdet

Laut Krankenkassenumfragen haben rund 5 Prozent der Beschäftigten bereits Arzneien zum Hirndoping genommen. Das Münchener Institut für Therapieforschung schätzt, dass rund 600.000 Erwachsene in Deutschland abhängig sind von Kokain, Cannabis oder Amphetaminen oder diese Drogen konsumieren. "Bei Managern, die viel unterwegs sind, unter großem Druck stehen und wenig Möglichkeiten zum Ausgleich haben, dürfte der Anteil eher höher sein", sagt Hubert Buschmann, Chefarzt der Fachklinik Tönisstein.

Vorstände, die zugeben, Pillen geschluckt zu haben, um die Arbeitstage zu überstehen, so wie der ehemalige Bertelsmann-Boss Hartmut Ostrowski, sind rar. Das Thema ist tabu, verlässliche Daten fehlen. Doch die Indizien häufen sich: Die Fallzahlen in vielen Suchtkliniken steigen seit Jahren; die Fehltage, verursacht durch den Konsum stimulierender Medikamente, sind in der vergangenen Dekade explodiert. In einer "Handelsblatt"-Umfrage gaben 7 Prozent der befragten Führungskräfte an, Alkohol oder Medikamente zur Leistungssteigerung oder Beruhigung zu nehmen.

Morgens gern einen Upper wie Ritalin, um im Gewitter aus Meetings, Excel-Orgien und transkontinentalen Calls zu brillieren, abends einen Downer wie Diazepam, um überhaupt einschlafen zu können. Denn das ist der Kern der neuen Drogenwelt: Um Spaß, um Bewusstseinserweiterung gar, geht es höchstens noch am Rande. Wer heute einschlägige Substanzen konsumiert, will immer öfter vor allem eines: die eigene Performance pushen.

Die Ordentlichen sind besonders gefährdet

"Früher standen Drogenkonsumenten außerhalb der Gesellschaft", sagt Götz Mundle. Heute stehen sie mittendrin. Der Leiter der City-Ambulanz der Oberbergkliniken am Berliner Kurfürstendamm hat die Situation vor rund zehn Jahren noch gut in Erinnerung. Damals waren die fröhlichen "Happy Pills" angesagt, Prozac das Frohmacherchen der Stunde. Ritalin galt als exotischer Insidertipp, zur Leistungssteigerung spielten Drogen oder Medikamente kaum eine Rolle: "Das hat erst in den vergangenen fünf bis sieben Jahren Fahrt aufgenommen." Vor allem die Hochgeschwindigkeitsarbeiter in den Topetagen stellen Erwartungen an sich, die sie permanent überfordern.

Was läuft da schief im System, wenn ausgerechnet seine tragenden Säulen glauben, nur noch mithilfe von Koks & Co. mithalten zu können?

"Die Ordentlichen und Zuverlässigen in verantwortlichen Positionen sind besonders gefährdet", sagt Hans Neustädter, Chefarzt der Celenus Klinik in Bad Herrenalb. Männer rüsten ihre Performance auf, mit Alkohol (nach wie vor Führungskräftefreund Nummer eins) oder gleich mit harten Drogen; Frauen greifen häufiger zu Medikamenten, um Falten in der Stimmung zu glätten. Eine zunehmend verdichtete und in die einstige Freizeit ausfasernde Arbeit, Organisationen mit oft unklaren Hierarchien und widersprüchlichen Zielen - pflichtbewusste Führungskräfte stürzt diese Gemengelage rasch in Loyalitäts- und Gratifikationskrisen, die Gesunde krank machen können.

Obwohl oder gerade weil sie ihren Job so engagiert angehen wie Armin Huber(*). Zwölf Jahre arbeitete er in einem Versicherungsunternehmen, zuletzt als Abteilungsleiter für den Vertrieb von Altersvorsorgeprodukten. Als die Firma umstrukturiert wurde, bekam er einen neuen Vorgesetzten; von Anfang an stimmte die Chemie zwischen den beiden nicht. Huber (43) fühlte seine Erfahrung nicht ausreichend gewürdigt, sein neuer Chef sah in ihm eine Belastung für die geplanten Veränderungen.

Nach wenigen Monaten war die Stimmung derart frostig, dass Huber sich nicht mehr traute, den Hörer abzuheben, wenn er im Display die Nummer seines Vorgesetzten sah. "Es wurde immer schlimmer, irgendwann konnte ich gar nicht mehr ans Telefon gehen, selbst wenn meine Frau anrief." Schlafstörungen folgten und Angst, morgens überhaupt das Haus zu verlassen.

A Pill a Day keeps the Boss away - Ritalin und Diazepam als Topseller

Kurzzeitige Erleichterung brachte Tavor. Das Beruhigungsmittel schenkte Huber Schlummer, doch um sich am nächsten Tag wieder ins Büro zu wagen, nahm er diverse Wachmacher wie Modafinil und Ritalin. A Pill a Day keeps the Boss away. "Das dämpfte die Angst, zumindest nach außen hin funktionierte ich wieder."

Jedoch nur einige Monate lang. Dann klappte der Manager eines Samstags plötzlich zusammen. "Nichts ging mehr, ich war am Nullpunkt." Eine Psychologin riet Huber wegen seiner Angstzustände zu stationärer Behandlung. Im Frühjahr vergangenen Jahres schloss er eine ambulante Behandlung in Bad Herrenalb an, wie bei vielen Managern als Urlaub getarnt. Entspannungsübungen, geistige Abwehrkräfte stärken. "Im Grunde müssen sich diese Patienten psychisch ganz neu zusammensetzen", sagt Neustädter.

Benzodiazepine ("Tranquilizer") wie Tavor oder auch Valium und Diazepam gehören bei Managern zu den Topsellern unter den halb legalen Psychopharmaka. Sie dämpfen punktgenau die Aufregung, machen aber schon in kleiner Dosierung süchtig.

Viagra für den Kopf

Das Gegenteil bewirken Substanzen wie Modafinil ("Viagra für den Kopf") und Ritalin, die Konzentration und Fokus erhöhen. Noch weiter oben auf der Hallo-wach-Skala rangieren die illegalen Substanzen wie Kokain, Ecstasy und Amphetamine ("Speed"): Sie putschen auf, machen euphorisch, steigern die Kommunikationsfreude und dämpfen Hunger und Müdigkeit. Verlockend für Manager, die ständig präsentieren und überzeugen müssen.

Aus diesem Baukasten des Rauschs können sich Leistungsträger je nach Bedarf bedienen. Bevorzugt wird dabei laut Suchtexperte Herbert Ziegler "eine Mischung aus synthetischer Droge, Kokain und Medikamenten". Heroin hingegen ist eher rückläufig, Crystal Meth werde wegen der verheerenden Nebenwirkungen von Führungskräften gemieden.

Wer fürchtet, am Druck zu zerbrechen, schluckt Tranquilizer; leistungsversessene Alleskönner setzen auf Hirndoping mit Ritalin & Co. oder Amphetaminen; selbstbegeisterte Luftikusse ziehen Kokain, die Droge mit dem Höher-schneller-weiter-Kick.

Auch wenn sie nicht mehr stilprägend sind wie zu der Zeit, in der Martin Scorsese seinen "Wolf of Wall Street" spielen lässt - die Wölfe, die pfundweise Lines für Zehntausende Euro schnupfen und nur dank bolivianischer Spezialmischung ihre All-Nighter durchstehen, gibt es noch.

Gerade erst wurde in einem Scheidungsprozess das Gebaren von Sage Kelly vor Gericht ausgebreitet. Der Abteilungsleiter der Bank Jefferies & Company wandte erstaunliche Mühe auf, das Klischee des Investmentbankers nachzuspielen, live und in Farbe. Kokain, Ecstasy, Gruppensex, "Mushroom Days" mit psychogenen Pilzen; mal allein, mal mit Prostituierten, mal mit Geschäftspartnern - Kelly verballerte einen erklecklichen Teil seines Sieben-Millionen-Dollar-Gehalts für Ausschweifungen spätrömischen Ausmaßes.

Die Droge der Alphatiere

Christoph Daum, Eckart Witzigmann, Kate Moss: Das euphorisierende Kokain macht eloquent, enthemmt und gilt noch immer als Droge der Alphatiere. In Europa ist es, nach Cannabis, das am häufigsten illegal konsumierte Stimulans.

Mit Wasserproben identifizierten Forscher die Kokshochburgen in Deutschland. Die höchste Konzentration wiesen sie im Rhein bei Mannheim nach, gefolgt von Köln und Düsseldorf. Für den Nobelskiort St. Moritz errechneten die Experten gar 22 Lines je 1000 Einwohner - pro Tag. "Kokain ist in einer bestimmten gehobenen Szene - Management, Ärzte, Kreative - weitverbreitet, zum Feiern und zur Leistungssteigerung", sagt Michael Soyka, Chefarzt der renommierten schweizerischen Privatklinik Meiringen, ein so bekannter wie diskreter Pilgerort für Angehörige besagter Kreise, die es ein klein wenig übertrieben haben.

Zu Soykas aktuellen Schützlingen gehört Marcel Dukat(*), Erbe und Miteigentümer eines Schweizer Handelsunternehmens, in dessen Verwaltungsrat er sitzt. Dukat, groß, gepflegte Kleidung, sportbegeistert, begann das Koksen mit 18; um Geld machte man sich in seiner Clique keine Sorgen, "wir haben gern und lang gefeiert". Ein paar Lines gehörten immer dazu, auf der Toilette, daheim bei den Eltern, im Separee der Nachtklubs. "Alle meine Freunde koksen", sagt Dukat.

Bloß: Die meisten von ihnen, Unternehmer, Bankiers, Ärzte, schafften es, ihren Konsum dem Partyrhythmus anzupassen - einmal im Monat oder einmal pro Woche. "Kokain macht abhängig, aber eine schwere, unkontrollierbare Sucht entwickelt nur rund ein Drittel der Konsumenten", schätzt Chefarzt Soyka, der die Szene auch als nebenberuflicher Krimiautor beschreibt.

Koks als Flucht

Suchtmittel im Trend

Sein Patient Dukat (37) rutschte ab. Der Job langweilte ihn, die Ehe kriselte, ein Kind kam und verstärkte den Stress. "Ich begann, Kokain als Flucht zu nehmen, nicht mehr aus Freude." Irgendwann war er bei zwei bis vier Gramm am Tag, zu rund 100 Euro das Gramm. Dukat zahlte etwas mehr; er hatte, ganz Jungunternehmer, "den Beschaffungsprozess optimiert". Vier statt ein Dealer und punktgenaue Lieferung statt stundenlangem Warten in zugigen Ecken.

Dukat verschlief jetzt öfter morgens, verpasste Konferenzen, konnte sich nicht mehr konzentrieren. Seine Familie drängte ihn zum Entzug, er ging zur Suchtberatung; jetzt bastelt er in der Klinik Meiringen mit Holz, macht viel Sport, erhält Psychotherapie und lernt, etwa in der Therapiegruppe "Easier Living", Genusstraining ("Was kann ich mir statt Koks Gutes tun?"). Das Ganze für 1000 Franken am Tag, inklusive Unterkunft, Verpflegung und größtmöglicher Diskretion. Anonymität ist garantiert, viele zahlen selbst statt über die Krankenkasse. Auch ein Aufenthalt unter falschem Namen ist kein Problem, wird jedoch eher selten beansprucht.

Funktionieren wie ein Kampfpilot

Der Wunsch, möglichst lange unauffällig zu bleiben und gut zu performen, hat bei Hirndopingpräparaten einen wahren Boom entfacht. Schwer nachgefragt sind Antidepressiva, Beruhigungsmittel und vor allem Ritalin, das Konzentration und Fokus erhöht (siehe Grafik Seite 81).

Modafinil, ersonnen für Schichtarbeiter mit gestörtem Schlafrhythmus, ist zum kleinen Vielfliegerhelfer avanciert und wurde in den USA bereits zur "Unternehmerdroge der Wahl" gekürt.

Auch Amphetamine (oft verwendet von Kampfpiloten im Zweiten Weltkrieg) werden in Managerkreisen gern genommen, denn sie machen wach und frisch. Die Präparate sind meist illegal, unter Auflagen jedoch auch unter dem Namen "Elvanse" erhältlich. "Der Konsum dieser Substanzen ist gerade unter Managern in den vergangenen Jahren stark angestiegen", sagt der Verhaltenstherapeut und Neurowissenschaftler Thorsten Kienast.

Die Logistik der Drogenbeschaffung lässt sich angenehm diskret gestalten. Gern über wechselnde Ärzte; beim zur ADHS-Behandlung von Kindern entwickelten Ritalin auch per Umweg über den Nachwuchs oder ganz schlicht per Internet. "Eine ,Drogenszene' im herkömmlichen Sinn existiert bei Medikamenten nicht, Amphetamine aber gibt es auch illegal auf der Straße. Schon jetzt wird ein Großteil der Medikamente übers Netz verkauft", sagt der Hamburger Drogenfahnder Niels Hennig.

Es ist eine stille Sucht, bei der es ums Funktionieren geht, nicht um den Exzess. Keine ausgemergelten Gestalten auf der Straße wie bei Heroin, kein orgienhaftes Kichern wie beim Koks. "Nutzer von Amphetaminen sind gesellschaftlich oft erstaunlich gut einreguliert", sagt Dirk Schippel, früher selbst Führungskraft und heute Coach, auch für Manager mit Suchtproblemen. Heimlich, verbissen und generalstabsmäßig tunen die Führungskräfte ihr Hirn.

Dabei ist mehr Brainpower gar nicht garantiert. Ja, die Turbolader fürs Gehirn verbessern Aufmerksamkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und Vigilanz, vor allem bei Schlafmangel. "Doch bei den meisten Neuro-Enhancern fehlt ein Nachweis langfristiger Wirkung. Kein Medikament macht klüger oder kreativer", sagt Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Mainz.

Der Begeisterung der Konsumenten tut das keinen Abbruch. Sie fühlen sich einfach besser oder gleich grandios. In Jobs, wo es auf den Auftritt, auf Charisma und gute Kommunikation ankommt, ist das viel wert. Buchautor Lieb ("Hirndoping") ist trotzdem entschiedener Gegner der Psychostimulanzien: "Sie senken die Resilienz, machen potenziell abhängig, können psychische Erkrankungen auslösen und haben multiple Nebenwirkungen wie etwa Schlafstörungen."

Sonntags hilft Amphetamin

Nicht jeder, der sein Hirn dopt, werde abhängig, kontert Isabella Heuser von der Berliner Charité. Die Ärztin plädiert für mehr Nüchternheit in der "pietistisch und hysterisch" geführten Debatte (siehe Interview links). Selbstverständlich sei Hirndoping keine Lösung, sagt Heuser, die selbst höchstens mal ein Glas Wein trinkt, "aber sich aufzuregen, wenn jemand das nimmt, ist unfair: Er versucht nur, dem Druck standzuhalten."

Als Ausfluss des Zeitgeistes sind die Psychopillen so eher Symptom als Problem. Die immer schnellere Taktung, die Tendenz zur Selbstausbeutung in Hochstressjobs, die unzähligen Optionen, der kompetitive Zwang, das Beste daraus zu machen. Und die Zweifel, die Erschöpfung, der drohende Zusammenbruch.

Eine gewisse Veranlagung zur Sucht muss indes schon da sein, die Arbeitswelt allein macht selten süchtig. Nach gängiger Psychologenmeinung sind vor allem solche gefährdet, die zur Selbstüberschätzung neigen, andere gern dominieren und sich stark mit ihrem Job identifizieren - also der typische Bewohner einer Chefetage. "Auslöser ist dann oft die Kombination aus beruflichem Stress, der nicht mehr kompensiert werden kann, weil auch das private Umfeld kippt", sagt Thorsten Kienast, der bis 2014 die Max-Grundig-Klinik in Bühl leitete und heute Führungskräfte mit Suchtproblemen therapeutisch berät.

Die Arbeitszeiten allein, obwohl meist bis tief in die Nacht, waren für Bernd Hohmann(*) kein Problem. Der Partner einer internationalen Wirtschaftskanzlei versteht sich als Topleister, fleißig, klug, großes Netzwerk dank einnehmendem Wesen. In der Garage seines Hauses stehen ein Porsche  911 und ein Cayenne, zu Hause warteten Frau und zwei Kinder. Im Herbst vor zwei Jahren wurde das Warten extrem. "Die Partnerstruktur wurde umgebaut, ich musste Zähne zeigen, meine Position verteidigen", sagt Hohmann (44).

Er arbeitete daher noch länger, meistens bis weit nach Mitternacht, bis seine Frau mit Scheidung drohte, wenn er sich nicht wenigstens am Wochenende mit den Kindern beschäftige. "Ich war aber von der Arbeitswoche so fertig, dass ich nur schlafen konnte." Also griff Hoh-mann zu Amphetaminen und Kokain: "Die Arbeit schaffte ich auch ohne, aber die Sonntage stand ich nur mit den Wachmachern durch."

Irgendwann im Sommer 2014 brach er zusammen, Schlafmangel und Amphetamine hatten den Körper ausgezehrt. Psychiater Kienast, bei dem ihn seine Frau anmeldete, ließ ihn erst mal 24 Stunden durchschlafen, dann redete er mit dem Ehepaar lange über Erwartungen und Enttäuschungen. Hohmann ist noch nicht über den Berg, ab und an schluckt er noch Amphetamin.

Aber immer häufiger greift er bei Stress und Müdigkeit jetzt zu einem traditionelleren Neuro-Enhancer: Kaffee. Das Koffein hat durchaus ebenbürtige Effekte. Ist nur weniger gefährlich. Und nicht verboten.

*Namen von der Redaktion geändert

"Die passenden Drogen zum Zeitgeist" - Psychiaterin Isabella Heuser über Hirndoping und Hysterie

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Frau Heuser, der Konsum von Psychopharmaka nimmt seit Jahren zu. Vor allem Menschen in Hochleistungsjobs greifen zu Mitteln wie Modafinil oder Ritalin, etwa um länger wach und konzentriert zu bleiben. Reicht es nicht mehr, im Job einfach sein Bestes zu geben?

Die beliebteste Droge für Manager und andere Menschen in herausfordernden Berufen ist nach wie vor Alkohol. Sogenannte Neuro-Enhancer wie beispielsweise Ritalin sind aber in der Tat auf dem Vormarsch. Unter anderem auch, weil die Arbeitsdichte und der Druck immer stärker werden. Wenn aber jemand versucht, diesem Druck mit Medikamenten standzuhalten, regen sich alle furchtbar auf.

Sie nicht?

Die Debatte wird viel zu pietistisch und hysterisch geführt. Die Wirkungen vieler Psychostimulanzien sind längst nicht hinreichend erforscht. Sicher ist nur: Es gibt kein einziges Medikament, das den Intelligenzquotienten steigert; bestimmte Medikamente erhöhen allenfalls die Konzentration und das Durchhaltevermögen. Ebenso klar ist: Diese Substanzen können abhängig machen. Die persönliche Veranlagung spielt dabei eine große Rolle. Nicht jeder, der Amphetamine nimmt, wird gleich zum erbarmungswürdigen Junkie.

Jeder soll also sein Hirn dopen, wie er mag?

Das sicher nicht, aber ich plädiere ganz energisch für eine deutlich entspanntere Diskussion. Anstatt Neuro-Enhancement pauschal zu verteufeln, sollten wir stärker über seine Wirkungen und Nebenwirkungen aufklären. Jeder sollte sich der Risiken bewusst sein und für sich selbst eine verantwortliche Entscheidung treffen. Hirndoping ist weniger ein Problem, sondern vielmehr ein Symptom unserer hochkompetitiven Gesellschaft.

Nach dem Motto: Wenn alle Ritalin nehmen, sollte ich das auch tun, sonst werde ich zum Verlierer.

Zumindest befürchten manche das. Unser Gehirn ist heute das mit Abstand wichtigste Arbeitsinstrument. Deshalb sind Drogen wie Heroin oder LSD auf dem Rückzug und Neuro-Enhancer, die verbesserte Hirnleistung versprechen, liegen im Trend. Die Psychostimulanzien sind die passenden Drogen zum Zeitgeist.