2016: Deutsche Post-Vorständin Melanie Kreis Herrin der Zahlen

Zum zweiten Mal kürt das manager magazin die einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft. Die Prima inter Pares des Jahrgangs 2016: Melanie Kreis, Finanz- und Personalvorstand der Deutschen Post.
Melanie Kreis wacht über die Finanzen der Deutschen Post

Melanie Kreis wacht über die Finanzen der Deutschen Post

Foto: Majid Moussavi / manager magazin

Dienstag, der 8. November 2016, die Deutsche Post hat zur Pressekonferenz für das dritte Quartal geladen. Auf dem Podium sitzt Frank Appel, der Vorstandsvorsitzende, daneben sein Pressechef - und eine Frau: Finanzvorstand Melanie Kreis (45).

Sie schiebt Unterlagen und Stifte von links nach rechts, lächelt knapp in die Runde. Im Saal wartet man gespannt: Wie tritt sie auf? Zurückhaltend, selbstbewusst oder gar triumphierend? Lässt sie erkennen, dass sie stolz ist auf diese Zeitenwende?

Erstmals thront eine Frau über dem Finanzressort des weltgrößten Logistikkonzerns mit 60 Milliarden Euro Umsatz und fast einer halben Million Mitarbeitern. Melanie Kreis ist Physikerin, M&A-Expertin und Mutter zweier Töchter. Ein Solitär in der durch und durch maskulinen Finanzerriege des Dax, zumal sie noch ein zweites Ressort verantwortet. Denn Kreis ist nebenbei auch noch Personalvorstand, ihre Vorgängerin warf 2014 vorzeitig hin.

Appel präsentiert ein paar Zahlen. Danach eilt seine Kollegin, klassischer roter Bleistiftrock, schwarzer Blazer, zum Mikrofon. Noch ein schnelles Lächeln, eine artige Begrüßung: "Ich freue mich sehr, Ihnen zum ersten Mal in dieser neuen Aufgabe Quartalszahlen präsentieren zu dürfen, und ich freue mich insbesondere, dass ich Ihnen gute und solide Zahlen präsentieren kann." Und ab geht's in die Tiefen der Gewinn-und-Verlust-Rechnung.

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Top 75: Spitzenfrauen der deutschen Wirtschaft

Foto: Majid Moussavi für manager magazin

Unaufgeregt, sachlich, ohne Showeinlagen - so hält man es bei der Deutschen Post. Dem CEO war die große Geste schon immer suspekt. Und Melanie Kreis ist da nicht anders, sie mag's ebenso nüchtern wie der Chef. Das Symbolhafte ihres ersten Auftritts sei ihr glatt entgangen, sagt sie: "Den Job hatte ich doch schon im Oktober angetreten." Und überhaupt: Sie erledige da eine Aufgabe, so gut wie möglich, kein Grund für Triumphgeheul.

Bei allen Deals mit am Verhandlungstisch

Ein wenig Stolz darf aber schon sein. Wegbegleiter und Unternehmenskenner sind durchaus beeindruckt von dem beharrlichen, stetigen Aufstieg, den Kreis bei der Post hingelegt hat. Und von den Brocken, die sie ihrer Mannschaft immer wieder aus dem Weg räumt. Bei allen wichtigen Deals der vergangenen zehn Jahre saß sie mit am Verhandlungstisch. Den völlig verhärteten Arbeitskampf mit Verdi 2015 beendete sie souverän.

Melanie Kreis ist die Prima inter Pares in der Liste der "75 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft", die das manager magazin in Kooperation mit der Boston Consulting Group (BCG) nun zum zweiten Mal in Folge kürt. Eine hochkarätige Jury (siehe unten) hat die Finalistinnen ausgewählt. Die Liste ist in diesem Jahr von 50 auf 75 Frauen erweitert worden, auch weil die Zahl der bedeutenden Akteurinnen angesichts des Quotendrucks beständig wächst. Sie ist kein Ranking, dafür sind die einzelnen Funktionen und Einsatzfelder der Businessladys zu wenig vergleichbar. Nur Melanie Kreis strahlt dank ihrer Erfolge ein wenig heller als die anderen, sie ist unsere Frau des Jahres.

Die Topmanagerin mit den zwei Vorstandsressorts steht auch für einen neuen Trend bei der Rekrutierung von weiblichem Spitzenpersonal. Zu oft haben sich Aufsichtsräte und CEOs in der Vergangenheit blamiert, weil sie unter öffentlichem Druck hektisch eine Lösung präsentierten, die sich wenig später als Fehlgriff erwies.

Das hat sich geändert. Zuletzt schienen die meisten Topbesetzungen wohlüberlegt zu sein: sorgfältig ausgesuchte Wunschkandidatinnen von CEO und Chefkontrolleur, nicht selten aus dem eigenen Haus.

Das eigene Ego? Unwichtig

Bei Boehringer Ingelheim holte sich Hubertus von Baumbach, der neue Mann an der Spitze, Simone Menne von der Lufthansa als oberste Finanzerin. Er hatte das Amt vorher selbst inne und suchte jemanden mit einschlägiger Expertise. Merck-Chef Stefan Oschmann machte die Spanierin Belén Garijo zum Pharmavorstand. Beide hatten zuvor eng zusammengearbeitet. Martin Lundstedt, seit 2015 CEO der Volvo Group, bot seiner Ex-Kollegin Andrea Fuder den globalen Einkauf bei dem Lastwagen- und Bushersteller Volvo Trucks an. Man kennt sich aus dem Scania-Vorstand.

Auch Melanie Kreis hat bereits diverse Schlachten gemeinsam mit CEO Frank Appel geschlagen, seit sie 2004 als Expertin für Unternehmenskäufe zur Post kam. Weltanschaulich harmoniert das Duo ohnehin wunderbar: Beide sind Naturwissenschaftler (Appel hat in Neurobiologie promoviert), die am liebsten erst dann entscheiden, wenn sie sich einen soliden Überblick über alle Fakten verschafft haben. Beide gingen bei der Beratung McKinsey in die Lehre.

Erstmals richtig sichtbar wurde Kreis 2006, als Appel-Vorgänger Klaus Zumwinkel sie zur Leiterin des Konzernbüros beförderte und auf die zweite Führungsebene hochzog. Sowohl Appel als auch Aufsichtsratschef Wulf von Schimmelmann sollen sie dann als Mentoren "systematisch auf einen Vorstandsposten hin entwickelt" haben, heißt es im gläsernen Post-Tower.

Eher zurückhaltend

Kreis selbst erweckt nicht den Eindruck, als habe sie um jeden Preis an die Macht gedrängt. Das Raumfüllende, das Alphamännern oft anhaftet, geht ihr ab. Zierlich ist sie, das kinnlange Haar trägt sie glatt gescheitelt und naturblond, dazu dezente Schminke, öfter Hosenanzug und Bluse als Rock oder Kleid. Sie ist kontrolliert, denkt nach, bevor sie etwas sagt. Dann kommen die Antworten präzise, sachlich und verbindlich.

Das eigene Ego stellt sie hintenan. Die Finanzfrau macht nicht viel Aufhebens um ihre Person. Sie lobt den "guten Geschmack" ihrer Vorgängerin, deren Büro sie so übernommen hat, wie sie es vorfand; frühlingsgrüne Stoffbahnen und weißes Papier verdecken den Beton. Am Fenster steht ein DHL-Flieger - was man eben so geschenkt kriegt in Unternehmen.

Ihr Naturell und ihr Antrieb drücken sich aus in einem Foto neben der Tür. Das zeigt den Astronauten Neil Armstrong bei der Mondlandung. Es fasziniere sie, "was Menschen alles möglich machen können, wenn sie es sich vornehmen", sagt Melanie Kreis und zitiert den alten Star-Trek-Spruch: "To boldly go where no man has gone before."

Sie musste nie an Türen rütteln, sie wurde immer gefragt

Sie will die Dinge durchdringen, je komplexer, desto interessanter für sie. Ihren Hang zum Perfektionismus indes versucht sie sich abzutrainieren, "sonst nähme der Arbeitstag kein Ende". Sie hat sich stets treiben lassen von ihrer Neugier, musste nie an Türen rütteln, wurde immer gefragt. So wurde aus der Physikerin, die während des Diploms an Cäsiumatomen forschte, erst eine Firmenhändlerin in der City von London und später eine Finanzvorständin.

Geboren ist Melanie Kreis dort, wo sie heute wieder arbeitet: in Bonn. Der Vater ist Beamter im Entwicklungshilfeministerium, die Mutter in Norbert Blüms Arbeitsbehörde. Man lebt bildungsbürgerlich, gibt Geld für Theater und Reisen aus. Abends liest der Vater aus der Odyssee vor.

Als erste Beamtin teilt sich die Mutter die Leitung ihres Referats mit einer Kollegin. Ohne dass daheim ständig über Frauenkarrieren geredet wird, lernt Melanie, dass Familie und Beruf zusammenpassen können.

Sie absolviert die Schulzeit mit links und stürzt sich ins Physikstudium. Das Fach hatte sie zugunsten von Mathe und Chemie in der Schule abgewählt; aber sie stellt fest: All die Jungs mit dem Leistungskurswissen sind nicht uneinholbar. Ins Wasser springen und schwimmen lernen - so hat sie es seither immer gehalten.

Lust auf Käsefondue

Ein Praktikum bei McKinsey hinterlässt das Gefühl, "in acht Wochen mehr zu lernen als in acht Monaten im Physiklabor". Sie unterschreibt bei den Beratern, die schicken sie im dritten Lehrjahr zum MBA ans Insead nach Fontainebleau. Dort wird das Ende ihrer McKinsey-Laufbahn durch ein Käsefondue der Private-Equity-Gesellschaft Apax besiegelt.

Deren Rekrutierungsdinner hat Melanie Kreis eigentlich ignorieren wollen, Firmenjäger hält sie für ruchlose Gesellen. Andererseits hat sie mal wieder Lust auf Käsefondue. Also geht sie hin, unterhält sich bestens, führt am nächsten Morgen noch ein paar offizielle Interviews - und bekommt einen Vertrag für London.

Die Welt der Dealmaker fordert ihren Intellekt heraus. Strategisch denken, die Dinge noch mal neu wenden, durchrechnen, nachverhandeln, notfalls nachts um drei, bis die Transaktion so steht, wie sie es haben will: Das liebt sie.

Ein Headhunter vermittelt sie dann 2003 zur Deutschen Post, die sucht einen M&A-Experten. Wieder einmal passt alles: Den Job traut sie sich zu, nach Deutschland will sie der Liebe wegen zurück. Die McKinsey-Vergangenheit mag geholfen haben, auch der damalige Vorstandschef Klaus Zumwinkel ist ein Meckie. Doch direkten Kontakt zur Topebene, sagt Kreis, habe es nicht gegeben, als sie zur Konzernentwicklung stieß. Der Vorstand, das war für sie "irgendwo viel weiter oben".

Schwangere Dealmakerin

Von den ersten Zukäufen, die ihr neuer Arbeitgeber damals durchspielte, soll sie abgeraten haben. 2005 saß sie erstmals neben Vorstand Appel bei einem wichtigen Deal im Driver's Seat: Die Post übernahm den britischen Logistiker Exel, Kreis leitete das Projektteam, hochschwanger.

2008 dann der nächste große Coup: der Verkauf der Postbank an die Deutsche Bank. Kreis (zum zweiten Mal kurz vor dem Mutterschutz) arbeitete mit Bernd Boecken zusammen, dem Bereichsleiter Finanzen, zu der Zeit in seinem letzten Dienstjahr. Ein denkwürdiges Dream-Team seien sie gewesen, "der Pensionär und die Schwangere". Am Freitag besiegelte dieses Team den Deal, am Montag darauf brach Lehman Brothers zusammen. Punktlandung.

Die Jury

ist Mitgründer der internationalen Personalberatung Heads!.

Danach steigt Kreis zackig auf: 2010 Leiterin Konzerncontrolling, 2013 Finanzvorstand der Express-Sparte, 2014 Arbeitsdirektorin. Der Personalerjob wird mehr oder weniger überfallartig an sie herangetragen, weil das Ressort nach dem abrupten Ausscheiden von Angela Titzrath verwaist ist.

Ihre Bewährungsprobe hat sie im Sommer 2015, als die Gewerkschaft Verdi sich mit der Post einen gnadenlosen Arbeitskampf liefert. Brief-Vorstand Jürgen Gerdes und Appel wollen neue Mitarbeiter zukünftig nur noch in Billigtöchtern anstellen. Verdi läuft Sturm, vier Wochen lang wird gestreikt, Kreis soll den Konflikt lösen.

Das gelingt ihr tatsächlich, mit viel Fingerspitzengefühl. "Wenn Dinge schwierig werden, muss man ruhig bleiben und sie auf menschlich korrekte Weise rüberbringen", sagt sie. Das Verhandlungsziel, den Bruch der Tarifeinheit, nimmt sie keinen Fingerbreit zurück. Die "FAZ" schreibt später: "Die Post bereitet Verdi ein Waterloo an der Ahr."

Hart verhandeln kann Melanie Kreis. Doch hält sie auch stand, wenn ihr Gegenüber mit unfairen Mitteln kämpft? Würde sie es wollen? Noch hat sie das nicht erlebt: "Wir gehen vorstandsintern sehr unpolitisch miteinander um, mit großem Respekt für die Expertise des anderen." Bisher ist sie nirgends unterlegen.

Oder doch, einmal vielleicht. Vergangenes Jahr traf sich der Vorstand für ein paar Stunden auf der Kartbahn, zwecks Teambuilding. Kreis lag vorne, doch dann, ein einziger dummer Fahrfehler, und Express-Vorstand Ken Allen zog an ihr vorbei. Einen Pokal hat sie trotzdem bekommen, für Platz zwei. Eine echt "traurige Geschichte", sagt Kreis. Und muss lachen.