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Mondphasen, Wippen, Kalender: Was diese Luxusuhren so besonders macht

Die eigenen Kaliber der Luxusuhren-Manufakturen Die Mechanik des Erfolgs

Mit der kostspieligen Investition in eigene Kaliber streben immer mehr Topmarken nach Unabhängigkeit und zeigen, was sie wirklich können. Zur Freude der Uhrenfans.
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Mondphasen, Wippen, Kalender: Was diese Luxusuhren so besonders macht

Rolf Studer, Co-Chef der Schweizer Traditionsmarke Oris, legt eine ordentliche Portion trotzigen Stolz in die Präsentation seiner Uhren: hier ein federleichter Chronograf aus Carbonfaser und mit Countdown-Anzeige, da die weltweit erste Automatikuhr mit mechanischem Höhenmesser, dann natürlich die Uhren mit den ersten neuen hauseigenen Werken, den Kalibern 110, 111 und 112, Handaufzug, irren zehn Tagen Gangreserve, nicht linear angezeigt von einem patentierten Mechanismus und mit zweiter Zeitzone. Und, die Business-Watch, Kaliber 113, mit Kalenderwochenanzeige, auf der Uhrenmesse in Basel Anfang des Jahres ein Knaller.

Bis zur Quarzkrise in den 70er Jahren hatte Oris seine Werke stets selbst entwickelt, danach wurden sie eingekauft beim Branchenriesen Swatch Group. Bis der 2002 verkündete, die Zulieferung von preiswerten und erprobten Rohwerkbausätzen stark zurückzufahren und womöglich sogar ganz einzustellen. Eine industriepolitische Kriegserklärung. Die Schweizer Wettbewerbskommission sprang ein und erwirkte eine bis 2019 gestreckte Lieferverpflichtung.

Im Video - s o klingt eine Uhr für eine Million Euro:

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Mittlerweile - der Branchenkrise sei es gedankt - hat die Swatch Group ihre harte Linie revidiert. Die Tochterfirma Eta wird die Schweizer Uhrenindustrie selektiv weiter beliefern. Erst kürzlich wurde ein Vertrag mit Richemont bekannt, dem anderen Giganten (Cartier, IWC, Montblanc) - über unbegrenzten Werkenachschub.

Doch die Ankündigung von 2002 hat die feine Branche mächtig durchgeschüttelt und eine ganze Reihe renommierter, vom Lieferentzug bedrohter Marken dazu veranlasst, sich unabhängig von Swatch zu machen und eigene Werke zu entwickeln. Die filigranen Motoren mechanischer Uhren mit ihren Trieben und Hebeln, Federn und Brücken sind heute wieder die Joker im großen Spiel um die Gunst verwöhnter Uhrenfreunde. Wer mit hauseigenen Entwicklungen aufwarten kann, gar noch verfeinert durch technische Finessen, hat beste Chancen, sich selbst gegen große Konzerne behaupten zu können.

Neben Oris sind es vor allem Topmarken wie Breitling oder Chopard, Bucherer oder Nomos, die den mitunter steinigen Weg zu mehr Autonomie gewagt haben - und nun davon profitieren.

Acht eigene Werke habe er inzwischen im Angebot, rechnet Jean-Paul Girardin (58) vor, Vizechef und COO bei Breitling. Der drahtige Ingenieur mit dem blonden Stoppelhaar arbeitet seit 25 Jahren für die Fliegeruhrenmarke und hat diese Entwicklung entscheidend begleitet. Er ließ dafür eigens eine neue Chronométrie am Rande der jurassischen Uhrmacherhochburg La Chaux-de-Fonds erbauen. So konnte er bereits 2009, pünktlich zum 125. Firmenbestehen, das erste eigene, von der Fachwelt bestaunte Säulenrad-Chronografen-Werk B01 mit völlig neuartiger Architektur vorstellen.

Ungeahnte Verbindungen

Die dafür neu eingerichtete Fabrikationskette hat das überkommene Zusammensetzen der Uhren geradezu revolutioniert. Jedes Werk wird von hoch entwickelter Software überwacht und automatisch zur nächsten Fertigungsstation geleitet. Dabei wechseln sich voll automatisierte Werkplätze mit solchen für manuelle Arbeiten ab. Auf 50.000 Kaliber pro Jahr ist die neue Chronométrie ausgelegt. Höhenrekord.

Der wurde jüngst mit einer feinen Geschäftsverbindung belohnt. Danach liefert Breitling seine Chronografenwerke an Tudor, ein Tochterunternehmen von Rolex; und verbaut dafür Dreizeigerwerke von Tudor. Breitlings Geschäftsmodell hat etliche Interessenten angezogen. Inzwischen hat der Finanzinvestor CVC die Mehrheit der Anteile von der Familie übernommen.

Eine weitere hoch angesehene Fabrikation findet sich südwestlich in den Jura-Bergen, im weltabgeschiedenen Fleurier. Dort hat Karl-Friedrich Scheufele (59), Mitinhaber und Uhrenchef von Chopard, die Tochterfirma Fleurier Ebauches eingerichtet, für die industrielle Fertigung von Werken in größerer Stückzahl. Chopard produziert etwa 5000 hochwertige Uhren und 10.000 Werke im Jahr für das mittlere Preissegment. Insgesamt hat das Unternehmen fast 40 Millionen Franken in die Unabhängigkeit investiert, 35 Prozent der mechanischen Werke stammen aus Eigenproduktion. Das dabei gewonnene Wissen habe enorm geholfen, sagt der stets akkurat gekleidete Deutsche. "Ein strategisch wichtiger Schritt, aber kein einfaches Unterfangen."

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Den Anfang machte das automatische Basiskaliber 01.01-C mit 28.800 Halbschwingungen pro Stunde, 60 Stunden Gangreserve. Damit habe es die erste Kaliberserie aus den Werkshallen von Fleurier Ebauches mit Rolex und Omega aufgenommen, notierte die "Neue Zürcher Zeitung". Mittlerweile stellt Scheufele neun eigene Werke her, ein Aufwand, der sich gelohnt hat.

Auch für Sascha Moeri sind solche Eigenentwicklungen ein zentraler Kompetenzausweis. Moeri, ein smarter 44-Jähriger, ist seit 2010 Chef der Premiummarke Carl F. Bucherer des gleichnamigen Luzerner Juweliers. In Lengnau bei Biel, einer der Hochburgen des schweizerischen Uhrenbaus, werden 25.000 Uhren pro Jahr hergestellt. Hauptsächlich im Preissegment zwischen 5000 und 20.000 Franken. Gern auch darüber.

Im vergangenen Jahr hat Moeri das Werk CFB A2000 auf den Markt gebracht, einen revolutionären Automatikmotor, den ersten industriell gefertigten Uhrenantrieb mit peripherem Rotor, der als Ring den Werkskorpus rückseitig umläuft, um bei jeder Bewegung neue Energie zu liefern. Neben dem ästhetischen habe die Konstruktion auch einen funktionellen Grund, so Moeri. "Mit diesem Rotor benötigt man weniger Gewicht, um das Uhrwerk aufzuziehen."

Auch sonst hat er reichlich Manufakturkaliber im Sortiment: Tourbillon, Flyback-Chronograf, Ewiger Kalender, entwickelt von renommierten Konstruktionsbüros wie Renaud & Papi, Vaucher, La Joux-Perret. Die eigenen Werke gehören für Moeri zur DNA des Hauses, "damit wollen wir identifiziert werden", sagt er. Seit seinem Start vor acht Jahren hat er die Produktion bei Bucherer mehr als vervierfacht.

Der Preis der Freiheit

Die deutsche Vorzeigemarke Nomos ist mit der Fertigung eigener Werke besonders gut gefahren. Firmenchef Uwe Ahrendt (48) kann seit drei Jahren zweistelliges Umsatzwachstum vorweisen - trotz Uhrenflaute.

2005 brachte Nomos ein eigenes Automatikwerk auf den Weg, 2014 folgte das eigene Schwingsystem, eine kleine Sensation, die 2015 noch getoppt wurde vom ultraflachen Automatikwerk DUW 3001, hymnisch begrüßt von der Fachwelt. Die neue Freiheit hatte natürlich ihren Preis. Allein die Entwicklung des Schwingsystems hat gut elf Millionen Euro verschlungen.

Für Ahrendt hat sich die Investition ausgezahlt: "Wir stellen heute dreimal so viele Uhren her wie 2012, das ganze Wachstum der letzten Jahre wäre nicht möglich gewesen, weil wir vom Zulieferer auf die Mengen von 2010 limitiert sind."

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Ähnlich sieht man das bei Oris. In den goldenen 60er Jahren haben in der dreistöckigen Fabrik in Hölstein, einem 2500-Seelen-Flecken 25 Autominuten südöstlich von Basel, 800 Leute 1,2 Millionen Armbanduhren und Wecker gebaut. Heute wird das Gros der Arbeiten von Partnerfirmen erledigt. Einzig Endmontage, Vertrieb und Kundenservice sind noch in den hauseigenen Werkräumen untergebracht. Man hält sich schlank.

Ulrich W. Herzog, der Verwaltungsratsvorsitzende, bis vor einem Jahr CEO und ein Apostel der Mechanikauferstehung, lässt sich gern mit dem Satz zitieren: "Während die Genfer Uhren für Adelige herstellten, bauten wir Wecker für Menschen, die morgens rechtzeitig aufstehen müssen." 2017 klingt das so: "Real watches for real people".

Der stämmige Patron mit dem kahlen Rundschädel hat Oris 33 Jahre lang geführt. Zuvor war er bei Chevron Oil für 150 Tankstellen zuständig. Er hat der Uhrenmarke nach der Quarzkrise wieder Respekt verschafft. Mit Mechanik zu maßvollen Preisen. Pünktlich zum 110. Jubiläum 2014 brachte er das erste eigene Kaliber heraus, limitiert auf 220 Exemplare. Oris hatte bis zur Quarzkrise rund 280 Werke selbst entwickelt, war also im besten Sinne vorbelastet. Herkunft verpflichtet!

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