Mittwoch, 16. Oktober 2019

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Lufthansa: Wie Spohr die Airline auf Kurs bringen will
DPA

Der neue Lufthansachef Carsten Spohr hat die Gewinnprognose gekappt und Anleger geschockt. Der Chefpilot verordnet dem Konzern einen Kurswechsel in turbulenter Zeit: Noch nie war ein Lufthansa-Lenker derart gefordert.

So was nennt sich Familiensinn. Als Carsten Spohr (47), der designierte Lufthansa-Chef, Anfang April den dreitägigen Streik der Piloten durchstehen musste, half sein jüngerer Bruder im Cockpit aus. Matthias Spohr, Pilotenausbilder bei der Tochter Germanwings, setzte sich selbst ans Steuer und flog einige Spanien-Touren. Und das, obwohl er eigentlich freigehabt hätte.

Ein Zeichen der Brüderlichkeit in schwerer Zeit. Wobei Carsten Spohr während jener turbulenten Tage gar nicht so wirkte, als müsse man ihn aufmuntern. Die Mitarbeiter jedenfalls erlebten ihn aufgeräumt und zugänglich. Anstatt grimmig zu gucken - eine Miene, die ihm ohnehin schwerfällt -, zeigte er lieber sein Siegerlächeln.

Statt in ein Lamento übers Personal zu verfallen, tätschelte er die Seelen mit einer Bemerkung, die er inzwischen bei jeder Gelegenheit anbringt: Das wahre Vermögen der Lufthansa Börsen-Chart zeigen seien nicht die Flugzeuge, sondern "das Mitarbeiterpotenzial".

Die Streiktage lieferten den Beweis für einen Verdacht, den Beobachter dieses wendigen, schnell sprechenden, unverdrossenen Managers schon länger hegen: Sein Optimismus ist echt. Und mit einer nützlichen Portion Fatalismus angereichert.

Auf Spohr warten weitaus mehr Prüfungen als störrische Piloten

Warum sollte er sich echauffieren? Carsten Spohr weiß genau, dass im neuen Amt - seit 1. Mai ist er der Vorstandschef - weitaus mehr Prüfungen auf ihn warten als störrische Piloten. Seit den frühen Tagen von Konzernpatron Jürgen Weber (72), als es Anfang der 90er Jahre ums schiere Überleben ging, war kein Lufthansa-Lenker derart gefordert.

Nie hatte die Konkurrenz so viel Biss wie heute. Das höhnische "Auf Wiedersehen, Lufthansa!", das Ryanair-Zampano Michael O'Leary einst auf seine Flugzeuge lackierte, ist bittere Realität geworden. Im Europa-Verkehr herrschen die Billigflieger und drängen die Alt-Airlines beiseite: Der Konzern begründete die Senkung der Gewinnprognose in dieser Woche unter anderem mit dem schwierigen Geschäft in Europa und den USA.

Viel zu spät, viel zu zaghaft hielt die Lufthansa Börsen-Chart zeigen dagegen. Auf der Langstrecke machen sich die Golf-Carrier breit - Emirates, Qatar, Etihad, dazu noch die aufstrebende Turkish Airlines. Ihre Chefs kaufen Flugzeuge wie andere Leute Büroklammern. "Mir tut die Lufthansa schon leid", kondolierte unlängst Emirates-Verkaufsmann Thierry Antinori (52). Der muss es wissen - bis vor drei Jahren war er selbst bei der Lufthansa.

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